Re: Was ist ein Selfie? Was ist digitale Fotografie?

Gestern schrieb ich hier über gängige Denkfehler bei der Kritik des Selfies. Heute entdeckte ich den in diesem Zusammenhang sehr aufschlussreichen Impulsvortrag des Kulturwissenschaftlers Wolfgang Ullrich neulich bei einer Podiumsdiskussion anlässlich der Ausstellung Ich bin hier! Von Rem­brandt zum Selfie in der Kunsthalle Karlsruhe:

Selfies, argumentiert Wolfgang Ullrich (wie auch Sasson/Villi), sind »Teil einer situativ-momentanen Kommunikation«, die – anders als künstlerische Selbstporträts – in der Regel nicht »den Zeitpunkt, zu dem sie entstanden sind, überdauern sollen«. Wer also ein beliebiges Selfie aus dem Internet fischt, um es neben Dürers Selbstbildnis im Pelzrock zu platzieren, der beweist damit … nichts. Oder zumindest nicht mehr, als wenn er ein x-beliebiges Zeitungsporträt, Passbild oder »Mitarbeiter des Monats«-Foto aus dem Supermarkt neben einem Dürer platziert.

Ullrich spricht ironisch von einem »negativen Readymade-Effekt«: Wenn man ein Pissoir ins Museum stellt, ist es auf einmal ein auratisiertes Kunstwerk. Das wäre der bekannte »positive« Readymade-Effekt. Genauso kann man einen Gegenstand aber auch mickriger wirken lassen, wenn man ihn seinem Kontext entreißt und eines der wichtigsten künstlerischen Werke des letzten halben Jahrtausends zum Maßstab erklärt.

Später im Gespräch stellt Ullrich sogar in Frage, ob es sich bei Selfies überhaupt im engeren Sinne um Selbstporträts handelt, schließlich könne es auch Ziel eines Selfies sein, Stimmungen ausdrücken, wofür der Urheber das eigene Gesicht (zur Grimasse verzogen) unter Umständen nur als Mittel verwende. Ich lerne: Statt von Selfies im Plural zu sprechen und eine Gattungsbestimmung zu versuchen ohne überhaupt den Gegenstand umrissen zu haben, lohnt es sich, erstmal einzelne Selfies einer genaueren Analyse zu unterziehen.

Der Vortrag von Wolfgang Ullrich dauert etwa eine halbe Stunde, das ist gut investierte Zeit – auch wegen der hübschen Pointe: Ullrich findet auch im Nachlass von Dürer ein Proto-Selfie.

(In der anschließenden Diskussion geht es leider kaum noch um Selfies, sondern eher um Museumspädagogik. Auch ein gutes Thema. Aber ein ganz anderes.)

3 Kommentare zu „Re: Was ist ein Selfie? Was ist digitale Fotografie?“

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