Über Selfies (Teil 3)

Ein Selfie, ein Pressefoto & die Lust an der Empörung

In der Silvesternacht brannte in Dubai das Hotel The Address. Mindestens zwanzig Stockwerke des Wolkenkratzers in der Innenstadt standen in Flammen, vierzehn Menschen sind verletzt worden. So berichtet es unter anderem Die Welt. Die Brandursache und Höhe des Sachschadens sind demnach noch unbekannt. Auch die Betreiber des Hotels halten sich dazu bisher bedeckt.

Fotos und Videoaufnahmen des Brandes gingen noch in der Silvesternacht um die Welt und wurden in den folgenden Tagen in vielen Zeitungen gedruckt. Doch kein Bild löste so heftige Reaktionen aus, wie ein Amateurfoto, dessen Urheber die Weltöffentlichkeit vermutlich kaum im Sinn hatten. Ich spreche von diesem Foto eines jungen Paares vor dem brennenden Hotel, das Schlagzeilen machte als »most inappropriate selfie ever«.

Die Rezeption dieses (an sich banalen) Fotos ist aus mindestens zwei Gründen interessant. Zunächst mal ist der Superlativ bemerkenswert – und bemerkenswert leichtfertig. Denn Selfies, die als »most inappropriate« kritisiert wurden, gab es in den vergangenen Jahren immer wieder:


Der Kunstkritiker Jerry Salz nennt in seiner kurzen Geschichte des Selfies im New York Magazine unter anderem das Foto einer Frau aus dem Jahr 2013, in dessen Bildhintergrund ein Mann von der Brooklyn Bridge in den Tod zu springen droht (damals als »world’s worst selfie« deklariert).

Im folgenden Jahr 2014 veröffentlichte eine Jugendliche ein Selfie im Internet, das sie grinsend zwischen den Baracken des Stammlagers von Auschwitz zeigt und das ebenfalls scharf kritisiert wurde (zusammen mit einem weiteren Selfie aus einer Gaskammer gilt es in diesem Pressebericht als »worst selfies ever taken«).

Außerdem ist da der Fall der Selfies at Funerals. Nicht zu vergessen: Das Selfie, das Barack Obama, David Cameron und Helle Thorning-Schmidt während einer Gedenkfeier für Nelson Mandela aufnahmen – die wohl prominentesten Selfie-Fotografen, die je mit dem Urteil »inappropriate« belegt wurden.

Diese Liste ließe sich noch fortsetzen.

Ob das Foto vor dem brennenden Hotel in Dubai in einem Ranking der geschmacklosesten Selfies aller Zeiten den ersten Platz belegen würde, ist also zweifelhaft. Zumindest ist in Dubai niemand gestorben.

Bemerkenswert ist aber auch, dass ausgerechnet einem Selfie so viel kritische Aufmerksamkeit zu Teil wurde. Schließlich waren in vielen Medien spektakuläre Aufnahmen des Großbrands in Dubai zu sehen. Etwa dieses Foto der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Es zeigt ein Panorama der nächtlichen Skyline in einer satten, fast kitschigen Farbigkeit. Im rechten Bilddrittel steht das Hotel The Address, aus dem die Flammen hell hervorschlagen und von dem aus der Rauch nach links über die anderen Hochhäusern aus dem Bildauschnitt weht.

Klar: Es steht kein grinsendes Pärchen im Vordergrund, das den Großbrand als Kulisse für ein Urlaubsfoto missbraucht. Doch auch dies ist das Foto einer Katastrophe, das paradoxerweise fast werberisch wirkt.

Man könnte darüber streiten, ob die Bildkomposition das Grauen ästhetisiert. Oder ob der Fotograf hier eine moralische Wertung durchscheinen lässt: das Foto als eine Art Ikarus-Erzählung über den architektonischen Protz. Edmund Burke hätte dem Bild vielleicht eine erhabene Qualität zugesprochen, wer weiß.

In Deutschland haben das Foto viele private und öffentlich-rechtliche Medien übernommen und veröffentlicht (etwa tagesschau.de), kleine Lokalzeitungen (Goslarsche Zeitung) und solche mit nationaler Reichweite (Die Welt). Es ist ein Foto, das die Wahrnehmung des Unglücks hierzulande wesentlich prägt, das zweifellos von Bedeutung ist. Eine öffentliche Auseinandersetzung damit hat meines Wissens bisher aber nicht stattgefunden.

Stattdessen also die Empörung über einen Schnappschuss, der technisch und handwerklich weit hinter dem Pressefoto zurückbleibt. Über eine Amateuraufnahme, entstanden ohne erkennbares kommerzielles Interesse und ohne professionelle Expertise. Ein Foto, nach dem noch vor einigen Jahren kein Hahn gekräht hätte. Das überhaupt erst durch den Akt seiner Skandalisierung so etwas wie Relevanz bekommen hat. (Denn, Pardon: Wie viel geschmackloses Zeug wird jeden Tag von irgendwelchen Leuten ins Netz geladen?)

Sagt dieses Foto etwas über Selfies aus oder über Menschen, die sie aufnehmen? Ich glaube nicht. Wenn es etwas verrät, dann wohl am Ehesten über Teile der Debattenkultur in Sozialen Medien – und über die Qualitätsstandards einiger kommerzieller Medien, die sich davon mitreißen lassen.

Offenbar haben wir große Lust daran, uns über Selfies aufzuregen. Selfies sind dankbarere Ziele als professionelle Medien. Empörung ist billiger zu haben als eine differenzierte, kritische Haltung. Sie ist schnell vergessen und fühlt sich deshalb womöglich immer wieder frisch an.

Doch welchem Zweck dient die Empörung? Und ist sie nicht ähnlich ignorant und selbstgefällig, wie die Fehltritte jener, gegen die sie sich richtet?

Dieses Posting ist der dritte Teil einer unregelmäßigen Serie, in der ich Gedanken zum Selfie notiere. Im ersten Teil wurde die These formuliert, dass Selfies nicht mit (analogen) fotografischen Selbstporträts gleichgesetzt werden sollten. Im zweite Teil wird diese These durch einen Vortrag des Kunstwissenschaftlers Wolfgang Ullrich vertieft. Geplant sind weitere Postings zur Kritik und Ethik des Selfies.

1 Kommentar zu „Über Selfies (Teil 3)“

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