Leben und Tod im Pop und Museum

Ein Spex-Cover, diverse Ausstellungen & die Frage: Wie untot ist Pop?

Die Spex titelt zum Tod im Pop. Schon wieder. Mich würde ja mehr interessieren, mal wieder Leben im Pop zu entdecken.

Das war mein erster Gedanke. Mein zweiter: Ächz, immer dieser reflexhafte, destruktive Sarkasmus. Mein dritter: Doch, da ist schon was dran.

Die Frage nach dem Belebten und Unbelebten im Pop ist gerade aktuell: Es wird viel von der Musealisierung von Popkultur gesprochen (nicht erst seit den Ausstellungen zu Bowie und zu Björk). Zudem breitet sich in der Geschichtswissenschaft ein Interesse an Pop aus (mit einer Konferenz in Berlin, einer Vorlesungsreihe in Hamburg, mehrbändigen Readern, etc.).

Kritiker dieser Entwicklung stellten Fragen wie:

  1. Gehört der Pop, der in Gegenräumen (dem Club, der Kneipe, der Straße) entstanden ist, in die Institutionen der Offizialkultur (das Museum, die Universität)? Ist das eine Art Kolonisierung? Eine Kultur der Ränder (der Schwulen, Schwarzen, Armen, Jungen, Frauen, Nonkonformisten, … ) wird jetzt erklärt und eingerahmt und aufgeschrieben von denen, die im kulturellen Machtzentrum sitzen und alles erklären und einrahmen und aufschreiben – aber steht denen das überhaupt zu? Warum dürfen die entscheiden, was wichtig ist, was erinnert wird und was nicht?
  2. Kann man Pop überhaupt historisch erleben oder nur als Gegenwart? Ist Pop nicht der gelebte (subjektive, rauschhafte, intensive, … ) Moment, der sich nicht durch Dokumente und tote Artefakte nachträglich vermitteln lässt? Muss man nicht dabei gewesen sein? Bedeutet das Aufschreiben und Musealisieren von Pop nicht auch das Abtöten von Pop?

Pragmatisch klang gestern Abend bei einem Gespräch im Golem Thomas Meinecke, dessen – noch aktive – Band F.S.K. gerade ausgestellt wird in der Subkultur-Schau des Museums für Kunst und Gewerbe (ich habe hier darüber geschrieben). Meinecke sagte in Bezug auf Fragenkomplex 2 sinngemäß, er fühle sich dabei nicht wie ein Schmetterling, den man aufgespießt habe – im Museum seien ein paar Fotos und Videos zu sehen, da hinge ein Manifest seiner Band, das sei alles schon okay.

So ähnlich äußerte sich zuvor Wolfgang Müller von der Gruppe Die Tödliche Doris anlässlich derselben Ausstellung. Er sagte (ich zitiere wieder sinngemäß aus meiner Erinnerung): Ja, da liegen jetzt Instrumente in Vitrinen, aber man kann sie nach Ende der Ausstellung wieder rausnehmen und spielen, sie zerbeulen, sie vollschwitzen. Sie quasi wieder ins Leben rücküberführen.

Möglicher Einwand mit Blick auf Fragenkomplex 1: Sowohl Thomas Meinecke als auch Wolfgang Müller haben studiert, schreiben Bücher, prägen Begriffe und Diskurse, betreiben auf unterschiedliche Art selbst Geschichtsschreibung … für sie fühlt sich die Aneignung ihrer Arbeit durch ein Museum wohl anders an als für andere Pop-Akteure aus stärker marginalisierten Milieus. Aber bleiben wir bei der Frage nach Leben und Tod.

Vielleicht tut man dem Museum nämlich ganz grundsätzlich Unrecht, wenn man es nur als Ort des Aufspießens und Abtötens versteht. Heute verfolgen einige Museen ausdrücklich gegenwartsbezogene Projekte wie das Rapid Response Collecting (im Victoria and Albert Museum) oder befassen sich mit unüberschaubaren und wachsenden Zeitphänomenen wie der Selfie-Kultur (in der Kunsthalle Karlsruhe und dem Kunstforum NRW).

Auch in vergangenen Jahren waren Museen nicht zwangsläufig Grabplatten, die sich zwischen Gegenwart und Vergangenheit geschoben haben, sondern in guten Momenten osmotische Membrane (Gott, ich klinge wie Sloterdijk), vermittelnde Institutionen zwischen zwei Feldern. Es ist ja durchaus so, dass einzelne Ausstellungen oder akademische Abhandlungen nicht nur Geschichte geschrieben, sondern auch Gegenwart verändert haben, Impulse setzten etwa in der Fotografie oder Gegenwartskunst.

Warum sollte das im Pop, als einer (Meinecke folgend) immer schon reflexiven, die eigene Geschichte mitdenkenden, aufgreifenden, neu verwertenden Kulturpraxis anders sein?

Aber das Spex-Cover, mal ehrlich: Erst das »große Jenseits-Special« jetzt der »Blick nach drüben«, das ist ja alles auch ironisch, aber man kann solche Zeilen nicht titeln ohne ein gehöriges religiöses Rauschen zu produzieren, das ich in diesem Zusammenhang befremdlich finde.

Pop mag zwar als zwischen Geschichte und Gegenwart vermittelnde Praxis in gewisser Weise zwischen dem Toten und dem Lebendigen stehen. Pop mag auch gelegentlich Totes beleben und Tote zurückholen. Aber Pop ist dabei doch immer auch im besten Sinne materialistisch – und nicht metaphysisch. Wenn Weiterleben, dann bitte im Diesseits.

 

 

1 Kommentar zu „Leben und Tod im Pop und Museum“

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