Wie halten Sie’s mit der Zeitung?

In einem Buch aus den Nachkriegsjahren lese ich über eine Berliner Familie: »Eine Zeitung wird aus Mangel an Interesse und Geld nicht gehalten.«

Wann ist diese Formulierung aus dem Gebrauch gekommen: dass man sich eine Zeitung (oder ein Abonnement) hält?

Ich nehme an, dass man sich damals Zeitungen gehalten hat, wie man heute noch Fahrzeughalter ist, also relativ unromantisch.

Aber wieviel schöner ist die Vorstellung, eine Zeitung (oder zwei) wie ein Haustier zu halten! Man lebt zusammen, man sieht sich jeden Morgen, mit wedelndem Schwanz liegt die Zeitung vor der Tür, springt zur Begrüßung an einem hoch, was für eine Freude.

Man hegt und pflegt die Zeitung dann auch und ist für ihr Wohlergehen verantwortlich. Eine Zeitung, die man hält, bestellt man jedenfalls nicht einfach von heute auf morgen ab, das wäre, als setzte man sie vor dem Urlaub am Rastplatz der Autobahn aus.

Die Zukunft der Klassik

»Orchester sind extrem vielseitig«, sagt Alan Gilbert, Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters: »Sie können sehr gut Musik aus verschiedenen Kulturen abbilden. Es gibt keinen Grund, ausschließlich Musik von toten weißen Männern zu spielen.«

Jetzt auf ZEIT ONLINE: Ein Gespräch über das Wunder der Elbphilharmonie, anlässlich ihres fünften Jubiläums – und einige Gedanken zur Frage, wie Orchester im 21. Jahrhundert relevant bleiben. Bitte klicken Sie hier (frei lesbar).

Nachtrag, 13. Januar: Eine Videoaufnahme des Jubiläumskonzert, über das Alan Gilbert und ich gesprochen haben, gibt es hier (kostenlos).

Piqd: Ist das #vanlife die neoliberale Hölle?

Wenn man sich die mit #vanlife vertaggten Fotos auf Instagram ansieht, wirkt es so, als wären Besitzer von Kleinbussen und Kastenwagen eigentlich das ganze Jahr über im Urlaub. Immer unterwegs auf irgendeinem idyllischen Bergpass, immer am Campen auf irgendeinem menschenleeren Strand. Doch das ist wohl eine Täuschung.

Denn was der Journalist Werner van Bebber im Tagesspiegel über zwei Menschen schreibt (Aboschranke), die tatsächlich ihr »life« im »van« verbringen, die den festen Wohnsitz also dauerhaft gegen ein Leben im Kleinbus eintauschten, klingt ganz anders:

Zeitgewinn – das war für ihn ein Motiv, in den Wagen zu ziehen. Seine Arbeitstage können lang sein. Da wollte er nicht noch stundenlang fahren, um in irgendeine Wohnung zu gelangen, die er früh am nächsten Morgen verlassen würde, um abermals zur Arbeit zu fahren.

Und:

Mit dem Van wechselt man den Lebens- und Arbeitsort von einer auf die nächste Stunde, von der Stadt aufs Land und zurück. [Er] sagt, für seine Auftraggeber sei das ein Vorteil: Er sei immer vor Ort. Wenn er gebraucht werde, müsse man nur an die Tür klopfen.

Und:

Sie denkt daran, das Leben im Van fortzusetzen, bis sie ›nicht mehr Auto fahren kann‹. Ihre Zukunft sieht sie positiv, sie findet es gut, dass sie dort arbeiten kann, wo ihre Kunden sind.

Das alte Versprechen von »Digitaler Bohème«, Freiberuflichkeit und remote work (Hey, mit Deinem Laptop kannst Du arbeiten, wo Du willst! Im Café, cool! Oder sogar am Strand! Und kein Chef kann Dir was!) kehrt sich hier ins Gegenteil um.

Der »Er« im Artikel fährt als Freelancer den Jobs hinterher und ist immer ansprechbar, man braucht nur klopfen. Die »Sie« tut’s auch und will es fortsetzen, bis sie tot auf den Beifahrersitz kippt. Oder so ähnlich.

Die Protagonist*innen dieses Artikels erscheinen als der neoliberale Traum aller Arbeitgeber: Flexibel, belastbar und stolz drauf. Nomadland lässt grüßen.

Weiterlesen auf Piqd.de (wo dieser Text zuerst erschienen ist).

Piqd: Luxuswohnen im Armenhaus

Immobilien, die einst Schauplätze von Gewaltverbrechen waren, werden offenbar oft unter Marktwert verkauft.

Zumindest lese ich das immer mal wieder in Berichten aus den USA. Von dort heißt es, Preisnachlässe von bis zu 15 Prozent könnten nötig werden, um Käufer von historisch belasteten Häusern zu überzeugen, sogar von bis zu 50 Prozent, wenn es um Schauplätze von Mordfällen mit überregionaler Bekanntheit geht.

Möglicherweise sind Amerikaner*innen nicht nur gläubiger als die Bürger*innen anderer westlicher Staaten, sondern auch abergläubischer. Denn international ist das wohl nicht die Regel.

In Europa gibt es jedenfalls nicht wenige historisch belastete Gebäude, die mit großem Kostenaufwand aufgehübscht werden. Ein aktuelles Beispiel ist der Hamburger Stadthauskomplex, in dem einst die Gefangenen der Gestapo festgehalten und gefoltert wurden. Heute ist ein Investor bemüht, hier ein Luxus-Shopping-Areal zu schaffen, mit Boutique-Hotel und Designerläden.

Über eine Immobilie mit dunkler Vergangenheit in London berichtet David Segal in dem hier gepiqden Artikel aus der New York Times. Dort sollte ein altes Gemäuer, das in viktorianischen Zeiten als Armenhaus genutzt wurde, planiert werden, damit an seiner Stelle Luxuswohnungen entstehen können.

Weiterlesen auf Piqd.de (wo dieser Text zuerst erschienen ist).

Die Bedeutung des Studienabschluss

Aus einem Interview mit dem Kulturwissenschaftler Wolfgang Schivelbusch:

»1969 haben Sie Ihren ersten Studienabschluss gemacht, den Magister. Was hat das für Sie bedeutet? War das eine Zäsur?« – »Ich würde sagen: Not-Hochzeit, wenn die Schwangerschaft legitimiert werden muss.«

Erschienen im Buch Die andere Seite. Leben und Forschen zwischen New York und Berlin. Hamburg, Rowohlt 2021. Hier: S. 67.

Das verschwundene Bild

Von allen Ausstellungen dieses Jahres war Werner BĂĽttners Last Lecture Show in der Hamburger Kunsthalle mir eine der liebsten.

Jetzt wurde dort – fast unbemerkt – ein Gemälde abgehängt. Bei einem der Schlüsselbilder der Ausstellung handele es sich um ein Plagiat, behauptet ein früherer Schüler des Künstlers.

Ich berichte darĂĽber auf ZEIT ONLINE (frei lesbar).

Nachtrag, 15. Dezember: Das Kunstmagazin Monopol greift den Vorgang auf (14.12.), das Hamburger Abendblatt ebenfalls (Ausgabe vom 15.12., online mit Abo-Schranke).

Zweiter Nachtrag, 21. Dezember: Heute berichtet auch der NDR Rundfunk. Hier zum Anhören (etwa ab Minute 12:20) sowie hier zum Lesen.

Bagger im Bahnhof

Katjaaufleger

In einer schmuddeligen Bahnhofshalle schlüpfst Du durch eine Seitentür und gelangst in einen prächtigen Saal: Tageslicht fällt durch die hohen Fenster, Stuck hängt unter der Decke, kein anderer Besucher ist weit und breit zu sehen.

Und während Du noch da stehst, ganz bezaubert, und Dich fast für Harry Potter hältst, neigt sich dieser riesige Greifarm in der Mitte des Raumes zu Dir und spendet Dir spöttisch scheppernd Applaus.

Das, meine Damen und Herren, ist unheimlich.

(AuĂźerdem ist es eine neue Arbeit von Katja Aufleger, die gerade im Kunstverein Harburger Bahnhof gezeigt wird, in der Ausstellung I’m Angry, Just Not Sure About What. Noch bis 13. Februar, geöffnet mittwochs bis sonntags, 14 bis 18 Uhr, Eintritt frei, 2G.)

Schöner leben ohne Tageslicht

In den USA verteilt ein alternder Multimillionär größere Geldgeschenke an staatliche Hochschulen, unter der Auflage, dass sie damit Wohnheime für Studierende bauen, deren Zimmer keine Fenster haben.

What? Der New Yorker berichtet. (Offen bleibt die Frage, ob damit nicht der Hamburger Wiwi-Bunker mit seinen fensterlosen Seminarräumen zur architektonischen Avantgarde aufgewertet wird … )

Lars Eidinger & Stefan Marx & Alte Meister

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Für ihre Ausstellung Klasse Gesellschaft: Alltag im Blick niederländischer Meister in der Hamburger Kunsthalle hat die Kuratorin Sandra Pisot etwas Neues ausprobiert.

Zwischen Gemälde aus dem 17. Jahrhundert hängt sie Werke, die teils erst in diesem Jahr entstanden sind. Neben Fotografien von Lars Eidinger sind das Arbeiten von Stefan Marx, groĂźformatige Sätze aus E-Mails (»Pardon my late response«) oder Songtexten (»I’ll be your mirror«), deren nervöse Comicbuchstaben zu flirren und vibrieren scheinen.

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Hamburg, Stadt der Wissenschaft?

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»Wenn man heute an Wissenschaft denkt, dann denkt man nicht an Hamburg«, sagt Andreas Timm-Giel, der Präsident der TU Hamburg. »Das wäre zwar schön, das wollen wir auch erreichen, aber da sind wir noch nicht.«

FĂĽr ein Stimmungsbild aus der Wissenschaftslandschaft habe ich mit Timm-Giel und anderen aktuellen und ehemaligen Präsidenten von Hochschulen in Hamburg gesprochen, mit Direktoren auĂźeruniversitärer Forschungszentren und … ums kurz zu machen: Man spĂĽrt vielerorts einen vorsichtigen Optimismus.

Denn es ist ein Momentum entstanden. Durch die Auszeichnung der Uni Hamburg als »Exzellenzuniversität«, durch den Nobelpreis für den Klimaforscher Klaus Hasselmann, durch neue Projekte wie das Hamburg Institute for Advanced Study und The New Institute.

Die Fotos, die wir zum Text drucken durften, hat Janosch Boerckel aufgenommen. Sie zeigen die Infrastrukturen der Spitzenforschung: Neben dem 3,4 Kilometer langen Teilchenbeschleuniger HERA am DESY ist das auch das Deutsche Klimarechenzentrum, bei dem die Modelle der Klimaforscher vom Max-Planck-Institut fĂĽr Meteorologie entstehen (of Hasselmann fame). Das illustrierte Cover ist von Josephine Rais.

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