MĂ€nner, Frauen und Nudeln

Einstiegsszene eines Berichts ĂŒber die SchwĂ€che der FDP aus dem Cicero-Magazin (Septemberausgabe):

»Spaghetti mit Pfifferlingen bei einem Italiener in Potsdam, richtiger Appetit sieht anders aus, das kann auch an den 30 Grad im Schatten liegen. Die Luft steht, Linda Teuteberg dreht und dreht und dreht, gedankenverloren nach dem Wort suchend, bis die Nudelkugel an ihrer Gabel und auf dem Löffel eine beachtliche GrĂ¶ĂŸe angenommen hat. â€șDilemmaâ€č, sagt sie dann und schaut von der Gabel auf: â€șEin Dilemma.â€č Dann wickelt sie ein paar Nudeln wieder ab und fĂŒhrt die Gabel zum Mund. â€șEin bisschen was muss man ja essen.â€č Die 39-JĂ€hrige FDP-GeneralsekretĂ€rin hat sich eine Woche vor der entscheidenden PrĂ€sidiumssitzung zu einem ausfĂŒhrlichen GesprĂ€ch bereiterklĂ€rt, aus dem man aber nicht zitieren soll. Aber auch fast ohne Worte sagt die Szene viel. Über den absehbaren Ausgang eines Machtkampfes, in dem fĂŒr sie nur ein Achtungserfolg und der Erhalt der Selbstachtung blieben. Über Linda Teuteberg. Über ihren Zustand. Und ĂŒber den Zustand ihrer Partei.«

Auch mir scheint, die Szene sage viel, aber ausschließlich ĂŒber die zwanghafte Neigung einiger deutscher Journalist*innen (bzw. in diesem Fall: dreier Reporter des Cicero), jeden großen Text mit einer Szene zu beginnen, selbst dann, wenn sie gar nichts Szenisches beobachtet haben, geschweige denn etwas mit Aussagekraft.

Andererseits: Dass es nicht leicht ist, die richtigen Worte zu finden, wenn MĂ€nner, Frauen und Nudeln im Spiel sind, das wissen wir ja schon seit Loriot.

Magic Mushrooms

Vor bald vier Jahren schrieb ich eine WĂŒrdigung des Heizpilzes. Damals wirkte es, als wĂ€re diese WĂŒrdigung zugleich ein Nachruf.

Zumindest von den CafĂ©-Terrassen in Hamburg war der Heizpilz so gut wie verschwunden. Da viel Außengastronomie auf öffentlichem Grund steht, bedarf sie einer behördlichen Genehmigung und die wurde in der zweiten HĂ€lfte der 2010er zwar noch fĂŒr Tische und StĂŒhle erteilt, aber in fast keinem Hamburger Bezirk mehr fĂŒr die wĂ€rmenden Gasbrenner, die man inzwischen als Klimakiller ausgemacht hatte.

Der Heizpilz war — nach seiner geradezu viralen Ausbreitung in Folge des Rauchverbots 2008ff, das sĂŒchtelnde GĂ€ste erstmals auch bei schlechtem Wetter auf die Terrassen trieb — vom Aussterben bedroht. Grund genug, dieses seltsame, unpraktische, aber doch so viel von unseren kulturellen GebrĂ€uchen und kollektiven SehnsĂŒchten erzĂ€hlende Dings noch schnell in die journalistische Chronik einzuschreiben.

OK, und jetzt ist der Heizpilz baaaack. Ich habe ihn zwar noch nicht wieder auf Café-Terrassen gesehen, aber das ist wohl nur eine Frage der Zeit.

WĂ€hrend die Hamburger Politik und Verwaltung sich schwer getan haben, ParkplĂ€tze in FlĂ€chen fĂŒr Außengastronomie umzuwidmen, auf dass dies dem darbenden Gastgewerbe helfen möge, gibt es jetzt den politischen Willen zum Heizpilz aus gastro-konjunkturellen GrĂŒnden. Forciert wird das Vorhaben von der Zweiten BĂŒrgermeisterin Katharina Fegebank von den GrĂŒnen (huch!).

Mein Text, der sich an seiner SentimentalitÀt berauschte und im Heizpilz seine Madeleine erkannte (habe ich jemals Proust gelesen? SelbstverstÀndlich nicht), ist nun bald nix mehr wert, ach!

An alle Freunde (m/w/d) die Bitte: Gebt auf Euch acht, wenn bald die HeizpilzwĂ€lder wieder stehen! Bei unsachgemĂ€ĂŸer Verwendung können die Dinger explodieren.

Was wissen wir ĂŒber Olaf Scholz und Cum-Ex?

Der Hamburger Warburg-Bank wird vorgeworfen, viele Millionen Euro aus staatlichen Kassen gestohlen zu haben. Trotzdem verzichtete das zustĂ€ndige Finanzamt darauf, einen großen Teil dieses Geldes zurĂŒckzufordern. Wieso? Und was hat der damalige BĂŒrgermeister und heutige Bundesfinanzminister Olaf Scholz damit zu tun?

Im Podcast »Hinter der Geschichte« gibt der investigative Journalist Oliver Hollenstein von der ZEIT mir (und Ihnen, wenn Sie mögen) eine halbe Stunde lang Nachhilfe zum aktuellen Stand des Cum-Ex-Skandals: Was wir wissen. Was wir nicht wissen. Und welche Fragen jetzt im Raum stehen.

FĂŒr alle, die so langsam denken wie ich, fasse ich das, was Olli sagt, immer noch mal zusammen. Hilfreich! Und an einer Stelle habe ich mein Lieblingslied von Edith Piaf in die Aufnahme geschummelt, was vielleicht völlig panne ist oder ganz witzig.

Hören kann man das ĂŒberall, wo es Podcasts gibt: bei Apple, auf Spotify, oder hier auf der Seite der ZEIT.

Ajatollah Strauß

Der Vorabdruck einiger Aphorismen und Wehklagen des Schriftstellers Botho Strauß im Feuilleton der ZEIT. Ich bin irritiert, wie dĂŒnn das wortgewaltig Vorgetragene inhaltlich ist. Notiert habe ich mir: BĂŒcher gut, Internet doof, Feminismus lĂ€stig, Regierung faul, Coronaleugner leider auch doof, was hilft? George lesen.

Interessant ist aber die Stelle ĂŒber die islamische Theokratie. Bei Houellebecq konnte man ja schon den Eindruck bekommen, er fĂ€nde die Vorstellung der Unterwerfung Frankreichs unter eine islamische Theokratie gar nicht so schlimm, sondern erstens unvermeidlich und verdient als Folge des laschen Larifaris der westlichen Moderne und zweitens vielleicht sogar ein bisschen verlockend: minderjĂ€hrige Zweitfrauen in Hello-Kitty-Höschen! (Moment, verwechsle ich hier Autor und ErzĂ€hler? Na ja, so halb.)

Botho Strauß schreibt jetzt:

»In islamisch theokratischen LĂ€ndern wie dem Iran sind es wenige (Gelehrte), die den meisten, den Massen, Weisung geben. Bei uns bestimmt das PopulĂ€re das Niveau der politischen ReprĂ€sentation, nicht zuletzt, weil Parteizugehörigkeit zwangslĂ€ufig Wissen reguliert und im wesentlichen kein außerdemokratisches aus der Tiefe der Zeit zulĂ€ĂŸt.«

Parteimitgliedschaft macht dumm, das ist natĂŒrlich Stammtisch-Blabla (siehe oben), aber: Spricht aus diesen Zeilen die Sehnsucht nach einer Gelehrtenherrschaft, notfalls auch einer islamisch theokratischen?

Nicht, dass ich mich hier auf die Position »na, dann geh doch nach drĂŒben!« zurĂŒckziehen will, aber das scheint hier die Fantasie zu sein: Ajatollah Strauß.

Reichsflaggen vor dem Reichstag

Am Wochenende stĂŒrmten Demonstrierende mit Reichsflaggen (und ein, zwei anderen Fahnen) auf die Treppe vor dem ReichstagsgebĂ€ude, wo sie von der Polizei gestoppt wurden. Bilder, die BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier mit den Worten kommentierte:

»Reichsflaggen, sogar Reichskriegsflaggen auf den Stufen des frei gewĂ€hlten deutschen Parlaments, das Herz unserer Demokratie – das ist nicht nur verabscheuungswĂŒrdig, sondern angesichts der Geschichte dieses Ortes geradezu unertrĂ€glich.«

Wie kam es dazu? Das zeigt dieses erstaunliche Zeitdokument:

(Lesenwert sind in dem Video auch die Kommentare der Zuhausegebliebenen, die teilweise offenbar unter Verwendung des Klarnamens verfasst wurden. Upsi.)

Die Frau, die auf der BĂŒhne spricht, wurde inzwischen als Tamara K. identifiziert und Ă€ußert sich zu der Aktion (nicht aber zur Bedeutung der vielen Reichsflaggen) in einem wohl authentischen Video in einem YouTube-Kanal aus der Coronademo-Szene: Weiterlesen „Reichsflaggen vor dem Reichstag“

Ist das schon der Backlash?

Liebe Kulturdiagnostikerinnen (m/w/d)! Welche Bedeutung hat es, dass der einzige Laden in der Hamburger Innenstadt, vor dem scheinbar immer-immer-immer eine lĂ€ngere Schlange aus Teenager-MĂ€dchen steht, den Namen »Subdued« trĂ€gt (ĂŒbersetzt also ja wohl »unterworfen«)? Und, dass dieser Laden Pullis verkauft, auf denen im College-Style »Dolls Town Las Vegas« steht (womit nur ein Puff gemeint sein kann!?)?

Auf der Reeperbahn nachts im August 2020

Auf der Reeperbahn wird wieder gesoffen, gebettelt, gebaggert und gekobert, aber wer die Wodka-Bombe in der Bar trinken will, muss sich erst in die Liste eintragen.

Es wird flaniert und stolziert, gewippt und gewankt, es werden vor den Augen der Öffentlichkeit Burger und Dönerteller verzehrt auf eine Art, dass man sich die Nahrungsaufnahme fĂŒr immer abgewöhnen will.

Aber es gibt keinen Paartanz und keine Ansagen vom DJ im Hamborger Veermaster, keine kĂŒnstlich gebrĂ€unten Bikinifrauen auf dem Tresen im Dollhouse Beach Club und keine ungelenken white boy moves im Sommersalon. Ich habe nicht geprĂŒft, ob es in Olivias Show Bar schon wieder Pornokaraoke gibt, aber in der Thai Oase sind die Lichter aus.

Es riecht nicht nach Pisse in der Schmuckstraße (trotz der Temperaturen!). Das Glockenspiel von St. Joseph bimmelt wie gewohnt (»Gott im Himmel hat an allen / seine Lust, sein Wohlgefallen / kennt auch Dich und hat Dich lie-hieb«). Es gibt noch Frauen, die mit MĂ€nnerstimmen auf Spanisch in ihre Handys reden. Es gibt Maskenpflicht im Pornokino, in den FetischlĂ€den tragen jetzt auch die Schaufensterpuppen Mundschutz.

Es gibt keine Schlangen vor den Clubs, keine Schlangen vor den Klos, keine Schlangen vor den Geldautomaten. DafĂŒr gibt es jetzt viel mehr Außengastronomie.

Es gibt die neue Wandzeitung vor dem Docks, in der vom »Land der Dichter und Denker« die Rede ist, in dem man seine Meinung wieder frei sagen können mĂŒsse und dass Corona nicht schlimmer sei als ein Schnupfen. (Ich ahnte vor der Pandemie nicht, dass sich auch Clubs blamieren können.)

Einmal krĂ€ht mir unvermittelt eine Ă€ltere Frau ins Gesicht, als ich geistesabwesend die Talstraße hinunterlaufe. Normalerweise wĂ€re ich auf sowas vorbereitet, jetzt erschrecke ich mich, zucke zusammen, weiche aus. Sie scheint sich zu freuen.

Vor Burger King wartet niemand auf dem BĂŒrgersteig, in der Davidstraße auch nicht, oder am Hans-Albers-Platz. Das Laufhaus hat geöffnet (hĂ€, wieso hat das Laufhaus geöffnet?), aber es gibt keine Frauen, die sich erkundigen, ob ich nicht mitkommen will und keine Typen, die fragen, ob ich vielleicht auf die Fresse will.

Es ist viel entspannter als sonst. Voll, aber höchstens halb so voll wie ĂŒblich, halb so laut, halb so hell. Die Leute scheinen nur halb so betrunken zu sein. Ich finde das alles seltsam. Viel seltsamer als den neulich noch komplett geschlossenen Kiez.

Das Wrack von Norderney. Oder: Ironien der Geschichte

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Im Dezember 1967 lief am östlichen Ende der Nordsee-Insel Norderney ein Heringslogger auf, ein Schiff, mit dem damals Hochseefischerei betrieben wurde. FĂŒr die Bergung wurde historischen Schilderungen zufolge eine Belohnung ausgelobt und so beschloss der KapitĂ€n eines Muschelbaggers, den Logger freizuschaufeln. Er lief dabei selbst auf. (Ironie #1.)

WĂ€hrend der Heringslogger bei einem spĂ€teren Hochwasser befreit werden konnte, steckt das verhinderte Rettungsschiff bis heute fest. Inselkarten verzeichnen es, TouristenfĂŒhrer empfehlen es: DAS WRACK. Aus dem verunglĂŒckten Schiff wurde eine der wichtigsten SehenswĂŒrdigkeiten Norderneys. (Ironie #2.)

Wrack-Norderney-Oskar-Piegsa-2020

Happy End? Nee. Denn lĂ€ngst geht das Schiff ein zweites Mal unter, diesmal nicht im Wasser, sondern im Sand. Auf Fotos aus den frĂŒhen 1990er-Jahren ragt es noch meterhoch aus dem Inselboden, inzwischen ist deutlich weniger davon zu sehen und wenn es so weitergeht, ist es in noch mal 30 Jahren wohl ganz begraben. (Ironie #3.)

Es wĂŒrde wohl keine/r leugnen, dass sich eine Wanderung zum Wrack lohnt. Aber nicht unbedingt wegen des Wracks, sondern wegen der Wege dorthin, die durch die Landschaften der unbebauten OsthĂ€lfte der Insel fĂŒhren.  Und tatsĂ€chlich: Der gestrige Hinweg, sechs Kilometer auf unbefestigten Wegen durch die DĂŒnen, war schön.

Strand im Osten Norderneys

Der RĂŒckweg aber, sieben Kilometer ĂŒber den scheinbar endlosen Strand, wo uns der feine Sand um die Knöchel floss und kaum ein Mensch zu sehen war, nichts als Wind und Meer und Sand und Weite, war erhaben. (Ein dritter Weg, die SĂŒdroute durch die Salzwiesen, ist wegen der Brutzeit gerade gesperrt.)

»UnberĂŒhrte Natur«, schwĂ€rmen einige Online-Rezensionen. Was selbstverstĂ€ndlich Quatsch ist. Allein schon wegen der Wegmarken und Fußspuren sind diese Landschaften nicht unberĂŒhrt. Aber — wĂ€ren sie unberĂŒhrt, wĂ€ren wir und viele andere InselgĂ€ste wohl gar nicht auf die Idee gekommen, hierher zu kommen. Sie mussten schon einen alten Rosthaufen in die »unberĂŒhrte Natur« stecken, um sie fĂŒr uns ĂŒberhaupt sichtbar zu machen. (Ironie #4 und Schluss.)

Strandobjekt-Norderney-Oskar-Piegsa-2020

Sommer, Sonne, Gendertheorie đŸ–

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Ein Apartment auf dem Uranus? Danke, fĂŒrs erste reichen mir ein Strandkorb an der Nordsee und dieses Buch. Denn die Kolumnen, die der queere Theoretiker Paul B. Preciado zwischen 2013 und 2018 fĂŒr die Zeitung LibĂ©ration schrieb, sind đŸ€Ż. Dank Stefan Lorenzers Übersetzung und der vor einigen Wochen im Suhrkamp Verlag erschienen Ausgabe kann man sie jetzt auf Deutsch lesen.

Ein zentraler Gedanke:

»â€șGeschlechtsumwandlungâ€č ist nicht, wie die HĂŒter des Ancien RĂ©gime der SexualitĂ€t es wollen, der Sprung in die Psychose. Aber sie ist auch nicht, wie die neue neoliberale Verwaltung der Geschlechterdifferenz behauptet, eine schlichte medizinische und rechtliche Prozedur.«

Sondern:

»Der Übergang ist der Ort der Ungewissheit, des UnselbstverstĂ€ndlichen, der Befremdung. Er ist keine SchwĂ€che, sondern eine StĂ€rke.«

Paul B. Preciado — dessen frĂŒhere Texte unter dem Vornamen BĂ©atriz erschienen — nutzt zwar das mĂ€nnliche Pronomen, sieht sich aber als Aussteiger aus dem »heteropatriarchalen System«. Testosteron nimmt er nicht, um von der Frau zum Mann zu werden, sondern um seine IdentitĂ€t experimentell zu manipulieren und »von der Theorie der Geschlechterdissidenz zu ihrer Verkörperung« ĂŒberzugehen. Quasi: #biohackyourself

Ist das bedenklich? Preciado fragt zurĂŒck:

»Muss man die Ethik der Geschlechterdifferenz als ethische Grenze der VerÀnderung des menschlichen Körpers begreifen?«

Zumal die auf alle Menschen anwendbare Geschlechterdifferenz eine Fiktion sei, die nur um den Preis der GenitalverstĂŒmmelung Intersexueller medizintechnisch aufrecht erhalten werde.

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