Auf der Reeperbahn nachts im August 2020

Auf der Reeperbahn wird wieder gesoffen, gebettelt, gebaggert und gekobert, aber wer die Wodka-Bombe in der Bar trinken will, muss sich erst in die Liste eintragen.

Es wird flaniert und stolziert, gewippt und gewankt, es werden vor den Augen der Öffentlichkeit Burger und Dönerteller verzehrt auf eine Art, dass man sich die Nahrungsaufnahme fĂŒr immer abgewöhnen will.

Aber es gibt keinen Paartanz und keine Ansagen vom DJ im Hamborger Veermaster, keine kĂŒnstlich gebrĂ€unten Bikinifrauen auf dem Tresen im Dollhouse Beach Club und keine ungelenken white boy moves im Sommersalon. Ich habe nicht geprĂŒft, ob es in Olivias Show Bar schon wieder Pornokaraoke gibt, aber in der Thai Oase sind die Lichter aus.

Es riecht nicht nach Pisse in der Schmuckstraße (trotz der Temperaturen!). Das Glockenspiel von St. Joseph bimmelt wie gewohnt (»Gott im Himmel hat an allen / seine Lust, sein Wohlgefallen / kennt auch Dich und hat Dich lie-hieb«). Es gibt noch Frauen, die mit MĂ€nnerstimmen auf Spanisch in ihre Handys reden. Es gibt Maskenpflicht im Pornokino, in den FetischlĂ€den tragen jetzt auch die Schaufensterpuppen Mundschutz.

Es gibt keine Schlangen vor den Clubs, keine Schlangen vor den Klos, keine Schlangen vor den Geldautomaten. DafĂŒr gibt es jetzt viel mehr Außengastronomie.

Es gibt die neue Wandzeitung vor dem Docks, in der vom »Land der Dichter und Denker« die Rede ist, in dem man seine Meinung wieder frei sagen können mĂŒsse und dass Corona nicht schlimmer sei als ein Schnupfen. (Ich ahnte vor der Pandemie nicht, dass sich auch Clubs blamieren können.)

Einmal krĂ€ht mir unvermittelt eine Ă€ltere Frau ins Gesicht, als ich geistesabwesend die Talstraße hinunterlaufe. Normalerweise wĂ€re ich auf sowas vorbereitet, jetzt erschrecke ich mich, zucke zusammen, weiche aus. Sie scheint sich zu freuen.

Vor Burger King wartet niemand auf dem BĂŒrgersteig, in der Davidstraße auch nicht, oder am Hans-Albers-Platz. Das Laufhaus hat geöffnet (hĂ€, wieso hat das Laufhaus geöffnet?), aber es gibt keine Frauen, die sich erkundigen, ob ich nicht mitkommen will und keine Typen, die fragen, ob ich vielleicht auf die Fresse will.

Es ist viel entspannter als sonst. Voll, aber höchstens halb so voll wie ĂŒblich, halb so laut, halb so hell. Die Leute scheinen nur halb so betrunken zu sein. Ich finde das alles seltsam. Viel seltsamer als den neulich noch komplett geschlossenen Kiez.

Sommer, Sonne, Gendertheorie đŸ–

dav

Ein Apartment auf dem Uranus? Danke, fĂŒrs erste reichen mir ein Strandkorb an der Nordsee und dieses Buch. Denn die Kolumnen, die der queere Theoretiker Paul B. Preciado zwischen 2013 und 2018 fĂŒr die Zeitung LibĂ©ration schrieb, sind đŸ€Ż. Dank Stefan Lorenzers Übersetzung und der vor einigen Wochen im Suhrkamp Verlag erschienen Ausgabe kann man sie jetzt auf Deutsch lesen.

Ein zentraler Gedanke:

»â€șGeschlechtsumwandlungâ€č ist nicht, wie die HĂŒter des Ancien RĂ©gime der SexualitĂ€t es wollen, der Sprung in die Psychose. Aber sie ist auch nicht, wie die neue neoliberale Verwaltung der Geschlechterdifferenz behauptet, eine schlichte medizinische und rechtliche Prozedur.«

Sondern:

»Der Übergang ist der Ort der Ungewissheit, des UnselbstverstĂ€ndlichen, der Befremdung. Er ist keine SchwĂ€che, sondern eine StĂ€rke.«

Paul B. Preciado — dessen frĂŒhere Texte unter dem Vornamen BĂ©atriz erschienen — nutzt zwar das mĂ€nnliche Pronomen, sieht sich aber als Aussteiger aus dem »heteropatriarchalen System«. Testosteron nimmt er nicht, um von der Frau zum Mann zu werden, sondern um seine IdentitĂ€t experimentell zu manipulieren und »von der Theorie der Geschlechterdissidenz zu ihrer Verkörperung« ĂŒberzugehen. Quasi: #biohackyourself

Ist das bedenklich? Preciado fragt zurĂŒck:

»Muss man die Ethik der Geschlechterdifferenz als ethische Grenze der VerÀnderung des menschlichen Körpers begreifen?«

Zumal die auf alle Menschen anwendbare Geschlechterdifferenz eine Fiktion sei, die nur um den Preis der GenitalverstĂŒmmelung Intersexueller medizintechnisch aufrecht erhalten werde.

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Wo Hamburg wie im Urlaub ist (DIE ZEIT #27/2020)

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Das mit dem Reisen wird schwierig in diesem Sommer. Aber macht nix, wir wohnen ja in Hamburg. Wo man in dieser Stadt ganz gut sein Fernweh lindern kann, steht in der neuen Ausgabe der ZEIT auf den Hamburg-Seiten.

(Ich empfehle den Russenmarkt in Nettelnburg. Da gibt’s Wassermelonen, so groß, dass sie zwei Mann kaum heben können. 🍉 Und eingelegte Gurken, so weit das Auge reicht. Und liebliche georgische Rotweine aus ĂŒbertrieben verzierten Tonflaschen. Und diesen klebrigen Kirschlikör, den die polnische Verwandschaft immer auf den Tisch knallt. Toll!)

dav

Außerdem hatte ich das VergnĂŒgen, mit den Kindern von Bernhard Markwitz zu sprechen, der 1964 in Winterhude die SchwimmflĂŒgel erfand. Die ganze Geschichte nebst kleiner kulturhistorischer Einordnung dieses Design-Klassikers: Jetzt am Kiosk in Hamburg und Umland, als E-Paper ĂŒberall in der Welt, etc. etc. etc. 🐳

Nachtrag, 10. Juli 2020: Beide Texte gibt es jetzt auch online, die Urlaubs-Tipps hier, die Geschichte der SchwimmflĂŒgel hier (jeweils fĂŒr Abonnent*innen).

BRD-Nostalgie im Lutherpark

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Ich verstehe schon, dass der Staat, in dem wir leben, »Bundesrepublik Deutschland« heißt. Trotzdem denke ich beim KĂŒrzel »BRD« zuerst an ein anderes Land, das 1990 etwa zeitgleich mit der DDR (allerdings besser gelaunt als diese) untergegangen ist.

Dieses Empfinden mag intellektuell unredlich sein und ĂŒbermĂ€ĂŸig sentimental, aber ich bin womöglich nicht allein damit (vgl. Daniel Erk, Es war einmal ein kleines Land, Berlin: 2014; Philipp Felsch/Frank Witzel, BRD Noir, Berlin: 2016; u.a.).

Es handelt sich auch um eine eher Àsthetische als politische Haltung, jedenfalls ist sie nicht zu verwechseln mit der gÀnzlich unironischen Wohlfahrtsstaatsnostalgie einzelner linker bis sozialdemokratischer Sozialwissenschaftler.

(Ich schreibe bewusst nicht Sozialwissenschaftler*innen, denn dies scheint eher eine Position Ă€lterer blasshĂ€utiger Herren zu sein, die weitgehend unbeeindruckt bleiben von der Frage: »Nivellierte Mittelstandsgesellschaft, schön und gut, aber was war mit den Frauen und den ‚Gastarbeitern‘?« Die Singularisierung der Gesellschaft und der progressive Neoliberalismus — oder wie man beides nun nennen will — haben schließlich durchaus auch VorzĂŒge, wie sich nicht zuletzt an den Programmen jener zeigt, die beides rĂŒckabwickeln wollen. Kiesinger? Höcke? Da nehme ich lieber Merkel, thanks.)

Jedenfalls hat es mich amĂŒsiert, dass an dem Pavillon im Bahrenfelder Lutherpark ein altes Graffito durch ein neues ĂŒberschrieben wurde. Statt »CCP 4 Ever« (womit, glaube ich, tatsĂ€chlich »CCCP 4 Ever« gemeint war), steht dort nun »BRD 4 Ever«. Eine nach meinem VerstĂ€ndnis Ă€hnlich unrealistische, aber nicht unsympathischere Forderung.

P.S.: Auf den ersten Blick wirkt »BRD♄!« wie »BRO♄!«, das ist natĂŒrlich auch putzig und womöglich ein verrĂ€terischer Freud’scher Verschreiber.

Was ist »So-Cal-ism«?

Kalifornien ist nicht nur ein Staat. Kalifornien ist eine Idee. Ein LebensgefĂŒhl! Manche seiner Kritiker sagten sogar: eine Ideologie.

Wortspiele, die den (unterstellten) liberalen Geist und den (unterstellten) krassen Materialismus des Landes auf die Schippe nehmen, sind inzwischen ein bisschen abgenudelt: Californication, zum Beispiel, die kalifornische Hurerei oder kalifornische Unzucht (»fornication«), die es erst als Song gab, dann als TV-Serie.

Neu ist das hier:

so-cal-ism

(Gefunden als Kommentar unter diesem kuriosen YouTube-Video.)

»So-Cal-ism« = »SĂŒdkalifornianismus«, nehme ich an. Ein SchmĂ€hbegriff aus offenbar rechter / konservativer Sicht gegen den Staat, der ja bekanntermaßen verhasst ist unter den Konservativen der USA.

Warum verhasst? Weil in Kalifornien (zumal in SĂŒdkalifornien) zwar der Kapitalismus gedeiht, aber eben auch ein Libertarismus, der neben dem Unternehmertum auch die Sexualmoral, den Drogenkonsum, usw. umfasst. Und weil Hollywood-Leute im Ruf stehen, das amerikanische Äquivalent der Salonkommunisten zu sein: limousine liberals. Oder: latte liberals.

Silicion-Valley-Typen mit wenigen Ausnahmen auch. Außerdem ist Kalifornien einer der wenigen Staaten in den USA, in dem auch Republikaner Donald Trump kritisieren.

Aber »So-Cal-ism«: Ist das eine Begriffsschöpfung dieses ja offenbar ohnehin den Wortspielen zugeneigten YouTube-Kommentators? Oder ist das ein stehender Begriff, wie die kalifornische Ideologie, wie Californication?

Wer mehr weiß: Bitte melden.

Darf man heute noch Kinder wollen?

Wenn es um Klimaschutz geht, dann ist Fleischessen schlim, fliegen ist noch schlimmer, aber am schlimmsten ist es, eine Familie zu grĂŒnden. Das habe ich im vergangenen Jahr immer wieder gehört: In Talkshows und Zeitschriften meldeten sich Frauen zu Wort, die den Verzicht auf eigene Kinder als grĂ¶ĂŸtmöglichen Beitrag zum Klimaschutz bezeichnen.

Ich bin Vater von zwei Kindern und deshalb völlig befangen, aber ich halte diese Behauptung fĂŒr moralisch fragwĂŒrdig und taktisch unklug – um es mal diplomatisch zu formulieren.

Wenn wir ernsthaft anfangen, Menschenleben mit Konsumentscheidungen zu verrechnen, nĂŒtzt das nur kinderlosen SUV-Fahrern, die dreimal im Jahr nach Madeira jetten (»Alles halb so schlimm, ich hab’ keine Blagen in die Welt gesetzt!«). Die Keine-Kinder-aus-KlimagrĂŒnden-Fraktion sabotiert ihr Anliegen, indem sie ihre Gegner*innen stĂ€rker macht.

Und, indem sie potentielle VerbĂŒndete verprellt. Denn wĂ€re es nicht klĂŒger, davon auszugehen, Kinder seien beste KlimapĂ€dagogik?

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Was Amateurpornos ĂŒber SexualitĂ€t verraten

edf

Der Soziologe Sven Lewandowski will die Sexualwissenschaft revolutionieren. Deshalb guckt er stundenlang Privatpornos in Zeitlupe. 😳

Ich habe mit ihm ĂŒber seine Forschung gesprochen, die — wie Lewandowski mir glaubhaft versicherte — harte Arbeit sei. No pun intended.

Mehr dazu im Interview in Zeit Campus (Nr. 4/2020, Titelthema »Das neue Wir«) das es ab heute ĂŒberall im Handel oder hier online zu kaufen gibt.

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Wie Corona die Ungleichheit in den Schulen verstĂ€rkt

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SchĂŒlerinnen und SchĂŒler aus armen Familien werden in Hamburg doppelt benachteiligt, sagt die Schulbehörde. Das gilt aber nur in guten Zeiten. Jetzt, in der Coronakrise, ist die Benachteiligung wohl eher eine drei- bis fĂŒnffache.

Mehr dazu ab heute in den Hamburgseiten der neuen ZEIT, erzĂ€hlt am Beispiel der Grundschule FĂ€hrstraße in Wilhelmsburg.

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