Leute mit Handys (3)

„Könnte ich hier kurz mein Handy aufladen?“ ist das neue „Könnte ich hier kurz aufs Klo?“

Bald werden Cafés und Kneipen Zettel in ihre Eingangstüren hängen: „Strom nur für Kunden“, oder „Steckdosennutzung 50 Cent“.

Apps und Websites werden dann Listen „ladefreundlicher Einrichtungen“ veröffentlichen, mit Hilfe derer sich Bedürftige im öffentlichen Raum zurecht finden. Eine geniale Start-up-Idee, fast grenzenlos skalierbar.

Doch was hilft mir das jetzt, wo mein Akku schon tot ist?

Advertisements

Die neue ZEIT CAMPUS: Eltern 🙄

Die neue Ausgabe von ZEIT CAMPUS ist ab dieser Woche im Handel — und sie ist toll geworden! 💥 Sage ich als Chefredakteur natürlich jedes Mal, aber diesmal stimmt’s.

Weihnachten ist Heimreisezeit. Wir widmen unsere Titel-Trilogie deshalb den Eltern & Verwandten — und dem nicht immer einfachen Verhältnis zu ihnen:

1) Warum es zu Hause so oft Streit gibt, fragt sich Hannah Bley. Was dagegen hilft, verrät Marisa Uphoff.

2) Die Eltern der Bandmitglieder von Revolverheld waren Lehrer und Ökos. Das präge seine Band noch heute, erzählt Sänger Johannes Strate unserer Autorin Sarah Levy beim Interview in der Mensa der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, wo Strate studiert hat.

3) Sarah M. Obertreis schreibt über ihre Großtante. Die hat Sarah nie kennengelernt. Erst nach dem Tod der Tante beschloss sie, das nachzuholen. Und entdeckte das erstaunliche Geheimnis einer Frau, die zu Lebzeiten „Hexe“ genannt wurde.

Außerdem:

Die Schriftstellerin Marie Gamillscheg hat für uns vier Geflüchtete durch die ersten beiden Semester an deutschen Hochschulen begleitet. Eine O-Ton-Collage über Ehrgeiz, Einsamkeit und Erfolge.

#30unter30 — unsere Liste von Menschen, die dieses Land besser machen. Das Motto: #neueernsthaftigkeit. Mit Kevin Kühnert & Sophie Passmann & Orry Mittenmayer & 27 anderen.

Martina Kix hat drei junge Deutsche getroffen, die im Silicon Valley Fuß fassen wollen — und die dort erstmal in ein Spukschloss gezogen sind.

Und: Wieso werden im Medizinstudium keine Schwangerschaftsabbrüche gelehrt (oder nur sehr rudimentär)? Ist Milton Friedman überholt? Und wäre es ganz vielleicht okay, mit einem Rassisten zusammen zu wohnen, wenn der immer brav das Bad putzt?

Dies und mehr: Jetzt im Handel, bald in den Mensen und Cafeterien von mehr als hundert deutschen Hochschulstädten, online bestellen im ZEIT Shop oder halt die volle Gönnung unter www.zeit.de/abo (psst, bald ist Weihnachten!)

Ein Blättervideo gibt es hier. Shout-Out an all die entzückenden ReporterInnen, FotografInnen, IllustratorInnen & KollegInnen, die das Ding verwandelt haben. ✌️

Zivilisationspop vs. Kulturschlager 

In den vergangenen Wochen machte Christine and the Queens die Runde durch internationale Medien. Ein Superstar in Frankreich! Und die Welt sagt: Wow.

Jetzt macht (nach der Forbes-Enthüllung) Helene Fischer die Runde durch internationale Medien. Ein Superstar in Deutschland! Und die Welt sagt: WTF.

Sorry, Thomas: Das ist das eindeutige 1 zu 0 im Spiel Zivilisationspop gegen Kulturschlager.

Leute mit Handys (2)

Der Stream fließt nicht — er stockt. Wisch, Stop. Kuck, Nö. Wisch, Stop. Kuck, Nö. Wisch, Stop. Kuck, Ah!, Herz. Wisch, Stop. Kuck, Nö. Und so weiter.

Freunde performen für Fotos ein erfülltes Leben, andere Freunde bewerten das, Herz oder kein Herz. 

(Als Maßstab werden immer wieder Fotos eingefeeded, auf denen professionelle Models und Schauspieler dasselbe tun.)

Doch so wie die Herzchen-Richter da sitzen, zusammengekrümmt über ihren Bildschirmtelefonen, mit einer Mischung aus Blasiertheit und Langeweile abarbeitend, was der Feed ihnen anspült — Wisch, Stop. Kuck, Nö, Wisch — fragt man sich, was daran Spaß machen soll.

Lifestyle-Juror auf Instagram: Einer der shittiesten Bullshitjob des frühen 21. Jahrhunderts (man wird ja noch nicht mal dafür bezahlt).

Leute mit Handys

Noch vor wenigen Jahren hielten sich die Menschen ihre Mobiltelefone ausnahmslos ans Ohr, sie wollten hören. Heute halten sich viele die Handys vor den Mund, sie wollen gehört werden. Symptomatisch? Für was?

Es begründet auch niemand mehr seinen Handybesitz damit, er wolle erreichbar sein. Eher ist inzwischen Konsens, dass die ständige Erreichbarkeit einen Nachteil darstellt, den man aber gerne in Kauf nimmt. Für was?

Before it’s in fashion, it’s in history

Wie Levi’s und Boss neue It-Pieces in der eigenen Geschichte finden

Anfang des Jahres legte Levi’s eine alte, braune und auf den ersten Blick nicht besonders interessante Lederjacke neu auf. Das Original war vor mehr mehr als 80 Jahren mal Teil der Kollektion gewesen. Einer der Kunden, der die Jacke damals kaufte, war Albert Einstein. Er trug sie auf dem Time-Cover im April 1938.

Nun hatte Levi’s die alte Jacke bei einer Auktion ersteigert, nachgeschneidert und neu in den Handel gebracht. Aus dem Werbetext zur Jacke:

Das Levi’s® Vintage Clothing Menlo Cossack Jacket ist ein Replikat einer Jacke aus den 1930er Jahren, die ursprünglich Albert Einstein gehörte. Als Einstein um 1935 in die USA kam, beantragte er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Bekannt für seine minimalistische Kleidung, kaufte er sich diese Lederjacke und trug sie viele Jahre lang. Im Juli 2016 ersteigerte Levi Strauss & Co. diese Jacke beim Auktionshaus Christie’s in London. […] Wir haben diese Jacke vollständig originalgetreu kopiert und fertigen sie aus satt gefärbtem Leder, das im Laufe der Jahre wunderschön nachdunkelt.

Wer diese Jacke kauft, kann deshalb zwar noch lange nicht denken wie Albert Einstein, aber zumindest ein bisschen aussehen wie er. Und – sogar riechen wie das Genie. Denn, so heißt es in dem Werbetext weiter:

Wie von Christie’s angemerkt, wies diese Jacke neben ihren Abnutzungserscheinungen auch einen schwachen Geruch auf. Einstein war leidenschaftlicher Pfeifenraucher und seine Jacke verströmte noch 60 Jahre nach seinem Tod den süßlichen Duft von Pfeifentabak. […] Authentizität ist uns so wichtig, dass wir zusammen mit dem Parfumhaus D.S. & Durga aus Brooklyn auch diesen Duft rekonstruiert haben: eine warme Mischung aus Burley-Pfeifentabak, Papyrusmanuskripten und altem Leder. Jeder Jacke liegt ein Flakon dieses exklusiven Dufts sowie ein Replikat der Bieterkarte mit der Nummer 97 bei, mit der wir auf dieses historische Kleidungsstück geboten haben.

Dieses Halloween kamen leider keine kleinen Einsteins an meiner Haustür klingeln. Keine Kinder in schweren, speckigen Lederjacken, mit zerzausten Haaren und dem süßlichen Geruch von Pfeifentabak. Dafür war diese Jacke wohl einfach zu teuer: 1200 Euro. Trotzdem ist sie inzwischen offiziell ausverkauft.

Auch aus PR-Sicht dürfte es sich für das Unternehmen gerechnet haben: Ich weiß nicht, in wie vielen Magazinen und Blogs ich die Geschichte von der Einstein-Jacke gelesen habe. Waren es ein halbes Dutzend Veröffentlichungen? Mindestens.

Keine große Überraschung also, dass der Trick, der Levi’s mit der Einstein-Jacke gelungen ist, jetzt von Hugo Boss wiederholt wird.

WeiterlesenBefore it’s in fashion, it’s in history

Zornige einsame Männer

Warum ist die AfD im Osten so erfolgreich? Weil sie von Männern gewählt wird, die zornig sind, dass ihnen die Frauen abhanden gekommen sind.

Das ist die These der Journalistin Katrin Bennhold. Und die ist … zumindest originell. Aus der New York Times:

After the wall came down, the East lost more than 10 percent of its population. Two-thirds of those who left and did not come back were young women.

It was the most extreme case of female flight in Europe, said Reiner Klingholz, director of the Berlin Institute for Population and Development, who has studied the phenomenon. Only the Arctic Circle and a few islands off the coast of Turkey suffer comparable male-female imbalances.

In large swaths of rural eastern Germany, men today still outnumber women, and the regions where the women disappeared map almost exactly onto the regions that vote for the Alternative for Germany today.

Den ganzen Text gibt es hier zum Nachlesen.

Ich bin gespannt auf die Repliken.

[via Tobias Rapp / Facebook]