Lars Eidinger & Stefan Marx & Alte Meister

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FĂŒr ihre Ausstellung Klasse Gesellschaft: Alltag im Blick niederlĂ€ndischer Meister in der Hamburger Kunsthalle hat die Kuratorin Sandra Pisot etwas Neues ausprobiert.

Zwischen GemĂ€lde aus dem 17. Jahrhundert hĂ€ngt sie Werke, die teils erst in diesem Jahr entstanden sind. Neben Fotografien von Lars Eidinger sind das Arbeiten von Stefan Marx, großformatige SĂ€tze aus E-Mails (»Pardon my late response«) oder Songtexten (»I’ll be your mirror«), deren nervöse Comicbuchstaben zu flirren und vibrieren scheinen.

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Hamburg, Stadt der Wissenschaft?

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»Wenn man heute an Wissenschaft denkt, dann denkt man nicht an Hamburg«, sagt Andreas Timm-Giel, der PrÀsident der TU Hamburg. »Das wÀre zwar schön, das wollen wir auch erreichen, aber da sind wir noch nicht.«

FĂŒr ein Stimmungsbild aus der Wissenschaftslandschaft habe ich mit Timm-Giel und anderen aktuellen und ehemaligen PrĂ€sidenten von Hochschulen in Hamburg gesprochen, mit Direktoren außeruniversitĂ€rer Forschungszentren und … ums kurz zu machen: Man spĂŒrt vielerorts einen vorsichtigen Optimismus.

Denn es ist ein Momentum entstanden. Durch die Auszeichnung der Uni Hamburg als »ExzellenzuniversitĂ€t«, durch den Nobelpreis fĂŒr den Klimaforscher Klaus Hasselmann, durch neue Projekte wie das Hamburg Institute for Advanced Study und The New Institute.

Die Fotos, die wir zum Text drucken durften, hat Janosch Boerckel aufgenommen. Sie zeigen die Infrastrukturen der Spitzenforschung: Neben dem 3,4 Kilometer langen Teilchenbeschleuniger HERA am DESY ist das auch das Deutsche Klimarechenzentrum, bei dem die Modelle der Klimaforscher vom Max-Planck-Institut fĂŒr Meteorologie entstehen (of Hasselmann fame). Das illustrierte Cover ist von Josephine Rais.

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SĂ€chsische Wertkunstarbeit

Großer Text des amerikanischen Journalisten Thomas Meaney ĂŒber den Maler Neo Rauch neulich im New Yorker. Darin diese kleine, hĂŒbsche Beobachtung:

One of the ironies of East German Communism is that it consecrated many of the bourgeois rituals and institutions of German culture—piano lessons, choir practice, drawing schools, classical prose—that suffered in West Germany during the upheavals of the sixties.

In der heutigen Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (offenbar nicht online) setzt Sara Tröster Klemm noch einen drauf und schreibt ĂŒber die Lehre an den Kunsthochschulen in Dresden und Leipzig:

Die Kunstprofessorinnen und -professoren pflegen alte malerische Traditionen. Penibles Naturstudium und Zeichnen, bis den jungen Kunststudierenden an den HÀnden HornhÀute wachsen und die Finger bluten, sind Pflicht.

Hyperbel, nehme ich an. Und grausam konnten auch die Lehrmethoden an Kunsthochschulen im dekadenten, abgeschlafften, anti-autoritÀren Westen sein.

Trotzdem interessant, dieser Verweis auf den Sozialismus als Refugium der bĂŒrgerlichen Kultur. Und auf den ostdeutschen Stolz auf der eigenen HĂ€nde Fleißarbeit. (Wobei es natĂŒrlich zwei – im weitesten Sinne – Wessis sind, die hier schreiben.)

Die TĂŒcken der Digitalkunst

lifeforms-kunstverein

Sie sehen hier Lifeforms (2021), eine kĂŒnstlerische Arbeit von Sarah Friend, die unter anderem aus einem Smartphone besteht, das mal wieder ein Update vertragen könnte.

Solche Aussetzer ziehen sich durch die Gruppen-Ausstellung Proof of Stake, die noch dieses Wochenende im Kunstverein in Hamburg zu sehen ist. Die Arbeit Air Rights von Agnieszka Kurant war heute bereits abgebaut, weil sie, wie ein Aushang informierte, »derzeit in technischer Wartung« sei.

Dann ist da noch eine zentrale Installation, die nur so halb funktioniert: Die Kurator*innen Bettina SteinbrĂŒgge und Simon Denny haben verschiedene GegenstĂ€nde gesammelt, deren Bedeutung sich durch beigefĂŒgte QR-Codes erschließen soll — die fĂŒhren allerdings alle bloß zu Fehlermeldungen.

Digitale Kunst ist offenbar besonders fehleranfÀllig und wartungsintensiv, auf einmal brÀuchten AusstellungsrÀume nicht nur Aufpasser (die gibt es hier, denn niemand soll die Smartphones klauen), sondern auch einen IT-Support, aber wer soll den bezahlen?

Sarah Friend hat das alles klugerweise schon antizipiert: »A system requires gentle support and maintenance«, heißt es auf ihrem Handyscreen.

(Womöglich ist es aber auch einfach das Konzept und die Kunstwerke reflektieren ihre MaterialitÀt und den institutionellen Kontext? Oder so.)

Abo-Werbung, aber in gut:

Missy

Beim BlĂ€ttern im neuen Missy Magazine purzelte diese Karte aus dem Heft: Ein »Liebesbrief« an die Abonnent*innen, der zugleich einen kleinen Blick hinter die Kulissen erlaubt (und damit deutlich macht, warum Abos fĂŒrs Überleben des Magazins entscheidend sind).

Vielen Printmedien liegen diese »Ihre Meinung ist uns wichtig«-Briefe bei. Die geben sich als persönliche Anschreiben des Chefredakteurs aus, was kein Kompliment fĂŒr die Intelligenz der Leser*innen ist: Jede*r sieht, dass es sich um billigen und massenhaft produzierten Postwurfsendungsmarktforschungsbullshit handelt.

Bei Missy dagegen: Offene Worte. Und rĂŒckseitig ein Motiv der Illustratorin Antimimosa, deren Arbeiten auch im Heft zu sehen sind, gedruckt auf festem Karton, fast eine kleine Kunstedition, die man sich rahmen und aufhĂ€ngen könnte.

Es ist das erste Mal, dass ich Werbepost aus einer Zeitschrift nicht gleich wegwerfe, sondern das GefĂŒhl habe: Hier will wirklich jemand jemandem danke sagen.

OK, ich kĂŒndige mein Abo doch nicht.

TschĂŒĂŸ, liebe CremonbrĂŒcke

Cremonbruecke-Abriss

Am Wochenende wurde die CremonbrĂŒcke in der Hamburger Innenstadt abgerissen. FrĂŒher machte sie mir gute Laune auf dem Weg zur Arbeit: Die FußgĂ€ngerbrĂŒcke mit den (meist defekten) Rolltreppen. Allein diese Idee! Jetzt rolle ich auf meinem Fahrrad mit einer gewissen Wehmut an den Überresten der BrĂŒcke vorbei. Und bald wird es sein, als wĂ€re sie nie dagewesen.

Zugegeben: Die CremonbrĂŒcke war nicht besonders schön. Selbst der Hamburger Denkmalverein, einer ihrer wenigen öffentlichen FĂŒrsprecher, bezeichnete sie auf seiner Website als eine nur »halbwegs attraktive Möglichkeit«, um als FußgĂ€nger die Willy-Brandt-Straße zu ĂŒberqueren. Damit fĂŒgte sich die BrĂŒcke allerdings gut in ihre Umgebung, die mit »halbwegs attraktiv« sehr diplomatisch beschrieben ist.

Vielleicht ist Schönheit bei historischen Bauwerken ohnehin ein nachrangiges Kriterium. Wir wollen wohl alle in einer schönen Stadt wohnen, ach was, in der schönsten Stadt der Welt, aber Schönheit ist flĂŒchtig, nicht nur bei Menschen. Was heute als Spitzenleistung von Architektur und Ingenieurskunst gilt, empfindet man oft schon 50 Jahre spĂ€ter als abbruchreife BausĂŒnde.

Die EssohĂ€user an der Reeperbahn sind ein Beispiel dafĂŒr. Das Frappant-GebĂ€ude in Altona. Oder der Alte Mariendom. (Okay, der Mariendom hat lĂ€nger gehalten als 50 Jahre. Abgerissen wurde er trotzdem.)

Jedes hĂ€ssliche alte GebĂ€ude, das erhalten wird, ist deshalb ein Memento Mori, eine Übung in Demut. Nach dem Motto: »Mensch, du magst dich fĂŒr den Höhepunkt der Evolutionsgeschichte halten und deine Taten fĂŒr die grĂ¶ĂŸten jemals vollbrachten. Doch bedenke: Schon deine Kinder werden ĂŒber dich lachen.«

(Textrecycling aus meinem vorgezogenen Nachruf auf die CremonbrĂŒcke, erschienen am 16. Juli 2021 in der Elbvertiefung, dem Newsletter der ZEIT:Hamburg.)

Warum zĂ€hlt Graf Zahl so gern?

Bisher dachte ich, Graf Zahl – Sie wissen schon, der Vampir aus der Sesamstraße – zĂ€hle deshalb so gerne, weil »Graf« im englischsprachigen Original »count« heißt. Er ist also ein Graf wie Dracula und – kleines Wortspiel! – er zĂ€hlt gerne.

Diese ErklÀrung gibt Graf Zahl auch selbst an: »You know that I am called the count, because I really love to count«. Siehe hier:

Aber – es gibt wohl noch einen zweiten Grund: ALLE Vampire haben einen zwanghaften Zahlentick. Das zumindest ist ein Volksglaube in RumĂ€nien.

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Podcast: Lösen Drohnen die Verkehrsprobleme der Großstadt?

Die Antwort in Kurzfassung: Nein. Etwas ausfĂŒhrlicher habe ich dazu mit meinem Kollegen Frank Drieschner im Podcast Hinter der Geschichte gesprochen.

Frank ist (wie ich) Redakteur der Hamburg-Seiten der ZEIT, wo er sich (anders als ich) schon seit vielen Jahren mit den Verkehrsproblemen der Großstadt auseinandersetzt.

In unserem Podcast rĂŒckt er die Verkehrsinnovationen des ITS Kongresses (Lastendrohnen, halbautonome S-Bahnen, ferngesteuerte Mietwagen, … ) in den Kontext und sagt: Das meiste davon brauchen wir nicht. Sondern eigentlich nur eines: Viel weniger Autos in der Stadt.

Woraufhin ich in meiner grenzenlosen NaivitÀt rufe: »Hey, cool, dann ist ja alles ganz einfach!« Franks Antwort in Kurzfassung: Nein.

Kostenlos anhören: Überall, wo es Pocasts gibt und hier.