Warum Tic Tac Toe ihrer Zeit voraus waren

Tic Tac Toe konnten nicht wahnsinnig gut rappen. Sie waren erfunden worden von einer Managerin. Und sie kamen in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre »auf den Markt«, als es in Deutschland sehr viele Bands gab, die nicht gut rappen konnten und von Plattenfirmen lanciert worden waren.

Nach allem, was man heute über diese Jahre hört und liest, schwammen die Labels im Geld (es war die goldene Zeit nach der Markteinführung der CD und vor der Erfindung von Napster, das MTVIVA-Zeitalter) und Deutschrap und HipHop-Klamotten waren das neue kommerzielle Ding.

Ein Umstand, der von der Szene reichlich beklagt wurde. Beispielhaft Max Herre damals: »A&Rs seh’n aus wie B-Boys, die Kultur zerschellt am Geld, die mediale Definition von HipHop ist ’ne Farce, wir tun was wir immer taten, nur der Kontext ist im Arsch.«

Dass Tic Tac Toe — keine riesengroßen Skills, noch dazu »fake« — damals von vielen nicht ernst genommen und seitdem weitgehend vergessen wurden, ist also vielleicht gar nicht so überraschend. Trotzdem handelte es sich um eine besondere Band, deren Bedeutung neu bewertet werden muss.

Das zumindest schreibt Valerie Schönian, ein Fan von Tic Tac Toe, in der neuen Ausgabe der ZEIT.

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Wie »Schöner Wohnen« die BRD prägte

Ich habe über die Zeitschrift Schöner Wohnen der 1960er- und 1970er-Jahre gesprochen. Mit zwei Leuten, die gerade an Doktorarbeiten zu diesem Thema schreiben.

Ja, das gibt’s! Und es ist sogar interessant. Klicken Sie hier fĂĽr das Gipfeltreffen der Schöner Wohnen-Forschung und erfahren Sie mehr ĂĽber das Einfamilienhaus als politisches Erziehungsinstrument im Kalten Krieg und darĂĽber, wie Geschlechterrollen die Architektur formten – und umgekehrt.

(Kostenlos lesbar fĂĽr Abonnentinnen und Abonnenten der ZEIT.)

Ist es anders, fĂĽr Kinder zu schreiben als fĂĽr Erwachsene?

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Der Schriftsteller Saša Stanišić hat nach drei umjubelten Romanen (zuletzt Herkunft, Deutscher Buchpreis 2019) sein erstes Vorlesebuch für Kinder veröffentlicht: Hey, hey, hey, Taxi!

Das ist ungewöhnlich. Denn während sich immer wieder Amateur-Autoren an Kinderbüchern versuchen, fehlt den meisten etablierten Schriftstellern dafür offenbar der Mut. Es gibt Kinderbücher von Jörg Pilawa und Bastian Schweinsteiger, aber kaum von Trägerinnen und Trägern des Deutschen Buchpreises.

Wieso ist das so?, habe ich Stanišić gefragt. Wusste er auch nicht. Im Interview, das heute in der ZEIT erscheint, erzählt er aber, dass das Schreiben von Kinderbüchern nicht leichter sei als das von Romanen für Erwachsene. Eher im Gegenteil.

Und er gesteht, dass er einen guten Co-Autoren oder literarischen Berater an seiner Seite hatte. Ein oder zwei der besten Ideen aus dem neuen Buch stammen nämlich von seinem kleinen Sohn Nikolai:

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Ein Dad ist ein Dad ist ein Dad

Was passiert, wenn männliche edgy Hipster-Filmemacher Kinder kriegen? Sie werden Dad. Es lässt sich einfach nicht vermeiden.

»Dad« ist, wie wir spätestens seit dem »Dad Bod«, »Dad Hat«, »Dad Shoe« und »Dad Joke« wissen, nicht nur ein Familienstand, sondern eine ästhetische Kategorie.

Lefty Korine, 12, die Tochter von Harmony Korine (Drehbuchautor von Larry Clarks Kids, Regisseur von Spring Breakers, etc. etc.) im Interview mit Finn Wolfhard:

Wolfhard: What is the best impression you can do of somebody?
Korine: I can do a pretty good impression of my dad, I think.
Wolfhard: What do you do in your impression of Harmony?
Korine: Just lay down and eat food and watch TV.
Wolfhard: [laughs]

Erschienen im amerikanischen Interview-Magazin, Nr. 535 (March 2021), S. 34—35, hier: S. 35.

Wie Yoga aus der Gegenkultur in den Mainstream kam

Es ist noch gar nicht so lange her, da war Yoga in den USA eine Betätigung eher randständiger Gestalten. Hippies, Sinnsucher*innen und Anhänger*innen der Gegenkultur entdeckten die Praxis für sich, die sie als eine dezidiert spirituelle verstanden, als Teil fernöstlicher Denktraditionen und Lebensformen und als eine Alternative zum westlichen Materialismus. Das war in den späten 1970er-, frühen 1980er-Jahren.

Heute ist Yoga ein Multimillionenmarkt, eine Sache der Konzerne, der von ihnen gekauften Fitness-Influencers und der eifrigen Angestellten, die ihnen folgen. Yoga ist ein Sport — fast niemand sagt heute noch entschuldigend, er mache Yoga, »aber ohne den Esokram«, wie man das vor 10, 15 Jahren noch gelegentlich hörte, denn der »Esokram« ist vom öffentlichen Image Yogas sauber abgeschliffen worden.

Pointiert gesagt ist aus einer Praxis der antikapitalistischen LebensfĂĽhrung eine LeibesertĂĽchtigung fĂĽr den Kapitalismus geworden.

Die Sozialwissenschaftler*innen Kamal Munir, Shazad Ansari und Deborah Brown haben diese Entwicklung nachgezeichnet.

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Eine Begegnung mit Hamburgs umstrittenstem Professor

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Als der Physiker Roland Wiesendanger auf eigene Faust ein Papier im Internet veröffentlichte, in dem er behauptete, das Coronavirus sei in einem chinesischen Labor hergestellt worden, war der Aufschrei groß.

Seine Faktultät distanzierte sich binnen 24 Stunden, Medien schrieben von »krudem Zeug«, andere Wissenschaftler*innen spotteten über ein Konvolut aus »copy and paste«, das als studentische Seminararbeit keinen Bestand haben würde.

(Wiesendanger hatte für sein Papier ganze Textblöcke aus anderen Veröffentlichungen übernommen und neben wissenschaftlichen Studien auch Artikel aus Onlinemedien, YouTube-Videos und einen Wikipedia-Artikel als Belege seiner Thesen angeführt.)

Roland Wiesendanger, der als junger Mann jede Prüfung mit Bestnoten bestand und dessen Verdienste im Feld der Nanophysik unbestritten sind, sagt: »Ich habe keine Fehler gemacht« Bald werde die Welt schon sehen.

Wer ist dieser Mann? Und wie kommt er als Physiker zu seiner virologischen Freizeitforschung?

FĂĽr die neue Ausgabe der Hamburg-Seiten der DIE ZEIT habe ich Roland Wiesendanger besucht und mir gemeinsam mit unserer Wissenschaftsautorin Nike Heinen seine Thesen genauer angesehen.

Unser Text ist der Versuch, sein Engagement zu wĂĽrdigen, ohne seinen dunkel schillernden Spekulationen (SARS-CoV-2 ist eine Biowaffe! Etc.) auf den Leim zu gehen.

Ab heute in der gedruckten ZEIT (in und um Hamburg), bundesweit in E-Paper und App sowie hier auf ZEIT ONLINE (Aboschranke). Das Porträtfoto von Roland Wiesendanger hat Jewgeni Roppel aufgenommen.

Tocotronic vs. Christian Kracht

Ich erwarte die groĂźe akademische Studie zu den Parallelen in Leben und Werk von Tocotronic und Christian Kracht (meinetwegen auch noch: im Kontext der deutschen Kulturgeschichte nach 1989).

Weil: Beide wurden 1995 bekannt, Tocotronic mit Digital ist besser, Kracht mit Faserland. Beide wirkten neu und schroff und ungestüm, mit einer Sprache dicht am Mündlichen. Beide schienen Identifikationsangebote zu machen, jedenfalls wurde das dankbar so angenommen. Beide hatten Style! (OK, einen sehr unterschiedlichen. Diese Parallele ist vielleicht die schwächste.)

Ein paar Jahre ging das gut so, sehr gut sogar. Dann: Kehrtwende. Flucht ins Gekünstelte, Verrätselte. »Eines ist doch sicher, eins zu eins ist jetzt vorbei.« (Tocotronic, »Weißes Album«, 2002, bei Kracht vielleicht ein schleichenderer Prozess, der sich rückblickend mit 1979, 2001, andeutete und unübersehbar wurde erst mit Imperium, 2012). Statt vermeintlicher Authentizität jetzt Manierismen. Oder Thomasmannierismen (Pardon!).

Verwirrte, sogar gekränkte Fans der ersten Stunde. Große Fragen: Ist der jetzt Nazi? Sind die jetzt eine Band, die man zum Brunchen hören muss?

Doch die meisten Anhänger*innen, inzwischen zu Geld gekommen (wars das Germanistikstudium? Oder eher das Erbe?), altern mit den Künstlern, rennen weiter zu den Konzerten, kaufen die Bücher, haben Meinungen und inzwischen auch einflussreiche Positionen im Feuilleton. Momente größten Erfolges für beide, Tocotronic wie Kracht.

Jetzt allerdings auch der Moment größter Gefahr. Denn die JĂĽngeren kapieren’s nicht mehr und die Ă„lteren kapierten’s noch nie. Ist das nicht völlig öder Kram, von Mittelschichtjungs fĂĽr Mittelschichtjungs, fĂĽr so dudes halt ohne Ahnung von der real world und von den realen struggles — und ist diese ewige Ironie wirklich eine Haltung, die man heute noch zur Welt einnehmen will oder kann?

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Eine Studie zeigt die Geschichte pädosexueller Gruppen seit 1970

Die Soziologin Eva Illouz sagte mal, statt von einer »sexuellen Revolution« in der Zeit um 1968 solle man lieber von einer »Deregulierung der Sexualität« sprechen. Diese habe viele moralische und religiöse Vorschriften durch eine einzige ersetzt, nämlich die der Zustimmung:

»Man darf alles tun, was man will, solange die Person, mit der man es tut, darin einwilligt.«

Das ist nicht nur eine Befreiung des Sexuellen, es kann auch eine Befreiung vom Sexuellen bedeuten. Die Schriftstellerin Virginie Despentes (*1969) schreibt in ihrem Buch King Kong Theorie:

»Die Frauen meines Alters sind die ersten, die ein Leben ohne Sex führen können, ohne über das Spielfeld ›Kloster‹ zu gehen. Die Zwangsehe ist heute schockierend. Die ›eheliche Pflicht‹ ist keine Selbstverständlichkeit mehr.«

Aber die Deregulierung der Sexualität brachte auch neue Konflikte mit sich. Etwa die Frage, was als Zustimmung gilt. Und auch, wer überhaupt zustimmungsfähig ist.

Vergangene Woche veröffentlichte die vom Bundestag gegründete Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs eine Studie über pädosexuelle Netzwerke. Ihre Autor*innen Iris Hax und Sven Reiß beleuchten das Selbstverständnis von pädosexuellen Gruppen in Westberlin (und zum Teil auch in der BRD), ihre Organisationsformen und ihre Geschichte. Grundlage dafür sind vor allem Dokumente, die diese Gruppen selbst veröffentlicht haben.

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Ein Bestiarium der Ratgeber-Literatur

dav

Vor neun Jahren, als ich Redakteur von ZEIT CAMPUS wurde, begann ich, eine Bibliothek des Bullshits anzulegen.

DafĂĽr klaubten eine Kollegin und ich Karriere- und Management-Ratgeber zusammen, aus den Programmvorschauen der Verlage und aus Online-Antiquariaten.

Es gab verschiedene Sammlungsgebiete. Eines lautete »Überlebenstipps von untergegangenen Zivilisationen«. Hier fanden sich unter anderem die Bücher Albert Stählis, die Titel trugen wie Maya Management: Lernen von einer Elitekultur oder Inka Government: Eine Elite verwaltet ihre Welt.

Ein weiterer Stapel hieĂź »… fĂĽr Manager«. Sie wissen schon: Jesus fĂĽr Manager, Buddha fĂĽr Manager, so was. (Marx fĂĽr Manager scheint leider dauerhaft vergriffen zu sein.)

Der größte Stapel aber war der mit den Tiermetaphern. Hier fand sich der Klassiker von Spencer Johnson aus dem Jahr 1998: Die Mäuse-Strategie für Manager. Daneben: Die Bären-Strategie (2007), Die Schaf-Strategie (2012), Der Ferkel-Faktor (2008), Das Pinguin-Prinzip (2017) und viele mehr.

Im vergangenen Jahr verlieĂź ich die Redaktion und wechselte zur ZEIT. Was sollte aus den BĂĽchern werden? Altpapier? Wir mussten was tun. Weiterlesen „Ein Bestiarium der Ratgeber-Literatur“