Tanz den General Patton

Es gibt x-tausend BĂŒcher ĂŒber Krautrock, Punk in DĂŒsseldorf und Hamburg oder die AnfĂ€nge der Techno-Bewegung in Berlin (darunter einige sehr gute).

Aber eine der vielleicht interessantesten Phasen (west-) deutscher Popmusikproduktion ist meines Wissens intellektuell und historisch noch weitgehend unbearbeitet: der Schlager der mittleren 1950er- bis mittleren 1960er-Jahre.

Es geht hier um populÀre Musik vor der Durchsetzung der Popmusik im heutigen (engeren) Sinne. Und: um Kulturindustrie, Wirtschaftswunder, die Erfindung der Jugend und die sogenannte Amerikanisierung, die vielleicht tatsÀchlich eine Art mentale Entnazifizierung zumindest der jungen Deutschen war? (Diese Idee bitte nachlesen bei Frank Apunkt Schneider.)

Allein, man mĂŒsste wohl mehr von tiefenpsychologischen Effekten der Massenkultur verstehen, um das Zeug sinnvoll deuten zu können. Dieser Song zum Beispiel: Mr. Patton aus Manhattan (erschienen 1957), die Eindeutschung von Bill Haleys See you later, alligator, mit einem Gaga-Text. Eine ganz platte, hedonistisch hohle Nummer.

Bis einem einfĂ€llt, dass General Patton 1944 die US-Armee gegen die deutschen Linien vorantrieb. Unter seinem Kommando wurde das KZ Buchenwald befreit, es soll seine Idee gewesen sein, deutsche BĂŒrger durchs KZ zu fĂŒhren, auf dass sie gezwungen sind, endlich hinzusehen.

Und das Manhattan Project entwickelte die Atombombe, die den amerikanischen Sieg im Zweiten Weltkrieg besiegelte.

Dass zehn Jahre spĂ€ter die Kinder der Nazis durch Tanzschuppen wirbelten, zu amerikanischer Musik und dem Text „Patton! … Manhattan! … Patton! … Manhattan!“, das ist doch bemerkenswert.

Diese BezĂŒge herzustellen, könnte natĂŒrlich eine brutale Überinterpretation sein. Aber es wĂŒrde sich vielleicht lohnen, das mal weiter zu durchdenken und dem nachzugehen. Hey, Ihr da draußen: Wer schreibt das erste interessante Buch ĂŒber den (west-) deutschen Nachkriegsschlager?

Vollautomatisiertes Luxusdings

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Die Partei DIE PARTEI wirbt in Hamburg mit dem Slogan »Vollautomatisierter Luxuskommunismus«. Ist das Satire? Wenn ja, was ist daran Satire?

Der Witz ist doch, dass genau diesen Slogan jemand neulich noch sehr ernst gemeint hat (und The Guardian, The Atlantic und ein, zwei andere, von denen man das nicht zwingend erwartet hÀtte, das sogar halbwegs plausibel und/oder anregend fanden).

Die These des »Fully Automated Luxury Communism«, wie sie der Brite Aaron Bastani formulierte, lautet grob gesagt, dass in Zukunft durch Automatisierung und technischen Fortschritt die Notwendigkeit menschlicher Arbeit geringer wird und dann enormer Überfluss an allem herrscht: an materiellen GĂŒtern, an Freizeit, …

(Dass wohl nicht viele Menschen Überfluss und MĂŒĂŸiggang mit Kommunismus zusammenbringen, ist entweder Ausweis des klĂ€glichen Scheiterns des real existierenden Sozialismus oder der Wirksamkeit anti-kommunistischen Denkens oder beides. Oder die Idee des FALC ist doch ein bisschen irrlichternd, das könnte natĂŒrlich ganz vielleicht auch sein.)

Man tut ihm vielleicht nicht Unrecht, wenn man behauptet: Ohne lustvolle Provokationen mit dem K-Wort hat die Idee schon der in Oxford arbeitende Philosoph Nick Bostrom vertreten. Wobei – bei ihm gab es zwei Optionen: Vollautomatisierter Luxuskommunismus oder vollautomatisiertes Worldwide-Gulag.

Das BilderrÀtsel Mnemosyne

Aby Warburg sollte eine angesehene Privatbank erben, traf aber die weise Entscheidung, lieber Kunsthistoriker zu werden. Guter Typ.

Jetzt ist Aby Warburgs lange verschollen geglaubtes SpÀtwerk, der Bilderatlas Mnemosyne, in Hamburg-Harburg in der Sammlung Falckenberg zu sehen.

Mein Text zu Warburg, seinem Bilderatlas und der einigermaßen unglaublichen Geschichte von dessen Rekonstruktion gibt es jetzt auf ZEIT ONLINE (fĂŒr Leute mit Abo).

Auf der Suche nach Heino Jaeger

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Ich war neulich mit Rocko Schamoni in Harburg verabredet und das erste, das wir dort sahen, war ein LKW mit dem Aufdruck Jaeger. Ist das ein Zeichen, oder was?

Weil: Wir waren ja da, um uns auf die Spuren des verstorbenen, fast vergessenen KĂŒnstlers und Komikers Heino Jaeger zu begeben, den Rocko Schamoni sehr schĂ€tzt. FĂŒr was schĂ€tzt er Heino Jaeger? FĂŒr seinen »pointenlosen Humor«, seinen »feinen Strich«, seine »zerfrĂ€sten, alltagszerstörten Figuren«. Und nicht zuletzt fĂŒr die »seltsame, organische KlumpizitĂ€t« seines bildnerischen Werks.

Sie merken, da spricht ein Fachmann! Aber ohne Flachs: Wieso Schamoni einen Roman ĂŒber Heino Jaeger geschrieben hat (Der Jaeger und sein Meister, neu bei Hanser Blau), als nĂ€chstes eine große Ausstellung mit auf den Weg bringt (ab 26. Februar 2022 im Kunsthaus Stade) und was das alles mit den frĂŒheren BĂŒchern Dorfpunks und Große Freiheit zu tun hat, das steht jetzt in den Hamburg-Seiten der ZEIT.

Übrigens: Der LKW war wirklich ein Zeichen. Denn wir besuchten das ArchĂ€ologische Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg und wurden dort mit einer Riesenladung an Jaeger-Werken beglĂŒckt, die Jens Brauer und Michael Merkel fĂŒr uns aus dem Lager holten. Danke!

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(Foto mit meinen FĂŒĂŸen, weil ich höre, das mache man jetzt so — und weil ich nicht weiß, wie ich sonst das riesige Doppelseitenformat der ZEIT in ein Hochkantfoto kriegen soll.)

11 Ideen aus der Zeit der Pandemie

Es ist nichts gut an der Pandemie. Die Zeit ist vorbei, in der man darĂŒber sinnieren konnte, sie habe doch auch positive Effekte, als Treibstoff fĂŒr SolidaritĂ€t etwa oder als großer Entschleuniger. Wer derlei heute noch behauptet, verkennt die Lage. Diese Krise spaltet sozial, statt zu vereinen, und stresst mindestens so sehr, wie sie punktuell entschleunigt. Und damit ist noch nichts ĂŒber die Toten gesagt. #justmytwocents

Aber auch wenn nichts gut ist an der Pandemie, ist doch gut, wie einige Menschen auf sie reagieren. FĂŒr die Hamburgseiten der ZEIT haben Viola Diem und ich mit der UnterstĂŒtzung des Ressorts 11 Ideen und Initiativen ausgewĂ€hlt, die uns Hoffnung machen. Und die positive VerĂ€nderungen anstoßen, die vielleicht erhalten bleiben in der Zeit nach Corona (wann auch immer das sein wird).

Weiterlesen „11 Ideen aus der Zeit der Pandemie“

»Ist das ’ne Frau, die da auf der BĂŒhne steht?«

Es sind die frĂŒhen 1970er-Jahre, die Musikszene der BRD besteht im wesentlichen aus Schlager-Interpreten, als in Hamburg ein Ford Transit mit Instrumenten vollgeladen wird (Orgel, E-Gitarre, EffektgerĂ€te, so neumodischer Krams). Die Band Frumpy macht sich auf den Weg, um der Welt den R O C K zu bringen. Es gibt nur ein Problem: Erstmal muss man mit der Karre ĂŒber die Kasseler Berge kommen.

Inga Rumpf: Mit Frumpy haben wir also sehr viel gespielt, um bekannt zu werden. Wir sind in diesen wunderschönen DorfsĂ€len aufgetreten, hatten zwar noch nicht so viele Songs, haben dafĂŒr auf der BĂŒhne aber umso mehr improvisiert.

DIE ZEIT: Haben die Leute in den DorfsÀlen verstanden, was sie da zu sehen bekamen?

Inga Rumpf: Die jungen, natĂŒrlich, die haben sich gefreut. Die Ă€lteren haben geguckt: »Ist das ’ne Frau, die da auf der BĂŒhne steht?« Ich sah ja aus wie ein Typ, trug eine Jeans, ein Unterhemd und lange Haare wie alle anderen, dazu die tiefe Stimme. Das war schon ungewöhnlich. Anfang der Siebzigerjahre, das war fast noch Nachkriegsdeutschland.

Das mal als Auszug. Mein ganzes Interview mit Inga Rumpf, 74, ĂŒber Gender Trouble im Dorfsaal, die AnfĂ€nge von Folk und Rock in West-Deutschland und die Notwendigkeit von Drogen, um das alles ĂŒberhaupt durchzuhalten, steht jetzt in den Hamburgseiten der ZEIT.

(Wieso wurde dieser Stoff noch nicht verfilmt? Ich sehe eine große deutsche Komödie.)

A leftist’s defense of the nouveaux riches

Old Money types have always detested the arrivistes. The nouveau riche […] make wealth look like something nasty and indefensible. Douchebags in Lamborghinis fundamentally undermine the self-conception of the upper classes, which is that they are the appointed stewards of taste and judgment against the vast uncultured hordes. But since the rich of all flavors are a monstrosity and a cancer, it’s the flashy, obnoxious kind of wealth that we should hope for, the kind that tells no lies and is more obviously despicable. Civility is destructive because it perpetuates falsehoods, while vulgarity can keep us honest.

Taken from Amber A’Lee Frost’s essay The Necessity of Political Vulgarity.

(This was written and published before the Trump presidency and I’m not sure it still holds up, but it’s an interesting argument nonetheless …)

Warum gibt es nicht mehr Frauen in MINT-FĂ€chern?

Hier die EinschÀtzung der Schriftstellerin Sibylle Berg:

Der Wert von Frauen bemisst sich immer noch an ihrer geschlechtlichen Verwertbarkeit. Intellektuelle FĂ€higkeiten werden bei ihnen bis heute nicht goutiert. […] Studierende der IT-FĂ€cher gelten als Nerds: Ă€sthetisch egal, sozial unvertrĂ€glich; das ist gerade das Gegenteil aller Eigenschaften, die Frauen immer noch einen gesellschaftlichen, evolutionĂ€ren Vorteil versprechen. Kurz: FĂŒr Frauen ist der Schritt in einen IT-Beruf eine Fuck-you-Entscheidung – wĂ€hrend junge MĂ€nner mit Staunen und Bewunderung bedacht werden, wenn sie Coding-FĂ€higkeiten besitzen.

Wenn Berg recht hat, ist wirklich »das Patriarchat« schuld, dass es nicht mehr Frauen gibt, die MINT-FÀcher studieren. Aber nicht, weil es MÀdchen sagt: »Ihr könnt das nicht«. Sondern, weil es ihnen sagt: »Ihr könnt das schon machen, aber dann seid ihr nicht mehr sexy.«

Ziemlich viele Initiativen, die MÀdchen ermutigen wollen, MINT-Berufe zu ergreifen, wÀren dann argumentativ auf einem ziemlich falschen Weg.

Quelle: »Albernheit ist der Motor, der mich gut gelaunt durch mein Restleben fĂŒhrt«. Sibylle Berg im GesprĂ€ch mit Jens Balzer und Maja Beckers. In: Jens Balzer, Maja Beckers, Thomas Vasek und Lars Weisbrod (Hrsg.): Sibylle Berg, Dietmar Dath. Zahlen sind Waffen. Berlin: Matthes & Seitz, 2021, S. 104–116. Hier: S. 108.