#shelfporn #lifegoals

sdr

Sollte ich jemals zu Geld kommen, werde ich mir eine Bibliothek anschaffen wie Jan Philipp Reemtsma und wie dieser auch eigene Mitarbeiter*innen, um sie dienstags und donnerstags der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

(Anders als Jan Philipp Reemtsma werde ich dann mutmaĂźlich alle weiteren Tage der Woche damit verbringen, in meinen BĂĽchern zu schwimmen wie Onkel Dagobert im Geldspeicher, Shelfies aufzunehmen, meine Regale neu zu sortieren und die Bibliothekar*innen in den Wahnsinn zu treiben.)

 

Attentate als Mittel der US-AuĂźenpolitik

Haager Landkriegsordnung? Trump don’t care.

Since the Hague Convention of 1907, killing a foreign government official outside wartime has generally been barred by the Law of Armed Conflict. When the Trump Administration first announced the killing of [Qassem] Suleimani, officials declared that he had posed an »imminent« threat to Americans. Then, under questioning and criticism, the Administration changed its explanation, citing Suleimani’s role in an ongoing »series of attacks.« Eventually, President Trump abandoned the attempt at justification, tweeting that it didn’t »really matter,« because of Suleimani’s »horrible past.«

Mehr dazu in diesem Artikel des New Yorkers ĂĽber die Geschichte und Logik des Mordanschlags als Mittel der US-AuĂźenpolitik.

Präsident Gerald Ford (Amtszeit: 1974–1977) hatte einst verfügt, dass sich kein Regierungsmitarbeiter der USA an einem politischen Attentat (oder dessen Planung) beteiligen dürfe. Ronald Reagan (1981–1989) verschärfte die Regel noch, indem er das Wörtchen »politisch« aus der präsidialen Verfügung strich.

Adam Entous und Evan Osnos, die Autoren des New Yorker-Artikels schreiben: »the ban was never ironclad«, Ausnahmen waren also immer möglich. George W. Bush (2001–2009) agierte den beiden Journalisten zufolge noch skrupulös, was den Einsatz von Bombenanschlägen im Ausland anging, eröffnete nach den historisch beispiellosen Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 aber auch das Programm der Attentate mit Hilfe von unbemannten Drohnen.

Zum regulären Mittel der US-Außenpolitik wurde das Töten per Drohne dann unter Barack Obama (2009–2017). Die Zulässigkeit politischer Attentate im Ausland scheint eine der wenigen Überzeugungen zu sein, die Trump mit seinem Amtsvorgänger teilt.

(Ein Unterschied: Barack Obama hat meines Wissens keine hochrangigen Mitarbeiter ausländischer Regierungen töten lassen — und er begründete seine Attentate mit Prävention. Nicht, wie Trump im Fall Suleimani, mit Rache.)

Lesenswert zur Entgrenzung der Attentate unter Obama sind die Bücher Sudden Justice, eine investigative Recherche von Chris Woods (hier mein Interview mit dem Autoren) sowie Gezielte Tötung, ein eher theoretischer und stellenweise spekulativer Essay von Armin Krishnan (hier meine Rezension).

Eine Ausstellung, die aussieht wie das alte St. Pauli

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Nix gegen die instafreundliche Beauty-Schau von Sagmeister & Walsh im Museum fĂĽr Kunst und Gewerbe, aber das originellste (und schummerigste) Ausstellungsdesign der Stadt ist gerade im Altonaer Museum zu sehen.

Dort zeigt die Arno-Schmidt-Stiftung noch bis zum 20. Juli 2020 LaĂź Leuchten! Peter RĂĽhmkorf zum Neunzigsten ĂĽber den Dichter aus dem Umfeld der Neuen Linken und Gegenkultur.

Die Leichen im Keller deutscher Museen

Die Debatte um die Rückgabe von mutmaßlich gestohlenen Objekten in deutschen Sammlungen erreicht nach den kunsthistorischen und ethnologischen nun auch die naturkundlichen Museen. Die Regierung von Tansania erwägt, die Rückgabe des Brachiosaurier-Skeletts aus dem Berliner Naturkundemuseum zu fordern, das einst aus der Kolonie Deutsch-Ostafrika geholt wurde. Mehr dazu auf Piqd.

Bitte warnt mich vor schlechten Romanen!

Ich verstehe die Rezensent*innen nicht. Gestern war ich bei der Ham.Lit, dem wirklich tollen Festival für Literatur in Hamburg, und hörte die Lesung eines jungen Romanautoren. Wie jedem Auftritt ging auch seinem die Verlesung von Zitaten aus überschwänglichen Rezensionen voraus. In seinem Fall priesen die Kritiker*innen das poetische Sprachgefühl und den virtuosen Umgang mit verschiedensten Zeitebenen. Klang gut. Dann begann der Mann zu lesen.

Sein poetisches Sprachgefühl erschöpfte sich leider in Manierismen (ich meine mich an Worte wie »dünkte« und »wähnte« zu erinnern) und in falschen Bildern wie dem »Kribbeln im Knochenmark«.

Und die historische Meisterschaft? Na ja, in dem Text steht ein SDSler 1979 in einer Kneipe rum. Der SDS hat sich aber 1970 aufgelöst. Jede, die auch nur die Wikipedia-Seite zum Verband liest, weiß das. Und, nein, das ist nicht pedantisch: Es ist ein zentraler Bestandteil der historischen Erzählung der BRD, dass die Student*innenbewegung ab 1968 auseinanderzubrechen begann, dann: Mao-Fanclubs, Terroranschläge, Stadtteilkulturzentren, die Grünen, etc. Man muss sich dafür nicht interessieren, aber dann soll man bitte auch keine Romane darüber schreiben.

Ich möchte vor solchen Büchern gewarnt werden. Ich finde nicht, dass man jedem Menschen, der einen Roman geschrieben hat, dafür anerkennend auf die Schulter klopfen muss (so wie die Kritiken der Goslarschen Zeitung nach Auftritten des Frankenberger Kinderchors IMMER positiv waren — komisch, denn mir hatte die Chorleiterin gesagt: »Oskar, beim Konzert bitte nur den Mund bewegen, sonst brummt es so«, aber ich sang natürlich trotzdem).

That being said: Checkt bitte mal den Roman von Karosh Tana, Im Bauch der Königin, ich glaube, das könnte sich lohnen. Und für zornige, neurotisch verknotete, queer-feministische Akademiker*innen-Antifa-Lyrik: Lisa Jeschke. Und Freund*innen des Poetry Slams könnten sich mal Giulia Becker geben, die Literatur nach dem Nackte Kanone-Prinzip schreibt: Die Witze sind so doof, dass man gar nicht über sie lachen will, aber es sind so viele! Und sie kommen von überall!! Widerstand ist also zwecklos und nach fünf Minuten kugeln sich alle lachend am Boden aus Verzweifelung.

Ein schöner Abend.