Bemerkenswert

Gebrauchsanweisung für dieses Blog

Dies ist ein Blog, wie Blogs früher mal waren – ehe sie, vermutlich zu recht, weitgehend ausgestorben sind. Ich gebe hier also keine Einkaufstipps und ich schreibe nicht für eine klar definierte Zielgruppe, zu einem klar definierten Thema. Ganz im Gegenteil.

Im echten Leben bin ich Journalist (mehr Infos dazu hier, hier und hier), dieses Blog ist kein Journalismus im engeren Sinne, eher ein öffentliches Notizbuch.

Das bedeutet: Die Texte hier erscheinen ohne Auftrag und ohne Redigat. Sie sind subjektiv, hastig getippt, meist nicht zu Ende gedacht und ihre Ideen, Annahmen und Schlussfolgerungen erweisen sich oft schon wenig später als falsch.

(Was soll das? Der amerikanische Blogger Andrew Sullivan erklärt es hier.)

Ich bloggte zuletzt wiederholt über Zeitschriften, über nicht-fiktionales Erzählen, über Kommunikation im Stadtraum (Werbung, Street-Art, Mode, …), analoge Meme, Männlichkeiten, Pop- und Gegenwartskultur. Und über Ideen, die Menschen bewegen.

Sie können das lesen. Oder Sie können es lassen. Wenn Sie es lesen und etwas ergänzen oder widersprechen wollen: Bitte!

(Alle Kommentare von Erstkommentatoren werden von mir zuerst freigeschaltet, wofür ich aber nicht 24/7 bereitstehe. Klar.)

Gegen Billo-Gendertheorie

Mars, Venus, Annie Erneaux

Die Schriftstellerin Annie Erneaux sagt im heute veröffentlichten Interview im SZ Magazin (online abo-pflichtig), Frauen handelten untereinander nicht oder zumindest nicht selbstverständlich solidarisch. Solidarität unter Männern hingegen sei quasi ein Naturgesetz.

Huch? Ich verstehe schon, dass es von außen so wirken mag (vermutlich gerade in den Höhenlagen des Literaturbetriebs), aber für eine Schriftstellerin, die bisweilen als verkappte Meistersoziologin gefeiert wird, finde ich das erstaunlich ahnungslos.

Ich weiß nicht, ob man viel von Männlichkeit (und auch von dem, was sie bisweilen toxisch macht, siehe Incel-Morde, etc.) verstehen kann, wenn man nicht anerkennt, wie prekär sie zumindest in ihrer klassischen Ausprägung ist, dass sie zugesprochen und aberkannt werden kann und sich also beweisen muss — vor Frauen, aber nicht weniger vor anderen Männern, die erstmal gerade keine natürlichen Verbündeten sind.

Das soll überhaupt kein »Mimimi, Männern geht’s auch schlecht!« sein, aber manchmal packt mich die Angst, dass wir heute wieder in so einen Männer-sind-vom-Mars-und-Frauen-können-nicht-einparken-Bullshit zurückschliddern.

(Was nichts über die Qualität der Bücher der Erneaux aussagt, die nach allem, was ich höre, toll sind.)

Green No Deal

Unternehmen werben für weniger Konsum – rentiert sich das?

Ah, Werbung und Marketing in Zeiten des Klimawandels. Gibt es etwas Spannenderes?

Die Biomarktkette Bio-Company wirbt – siehe das PR-Foto oben – seit einiger Zeit mit dem Slogan »Kauf weniger« und macht damit auf sich aufmerksam: »Kauf weniger, aber bitte bei uns!«. Ich bin gespannt, ob das aufgeht. (Mehr Infos zur Werbekampagne hier.)

Ich muss dabei an mein altes Fairphone denken, das bei seiner Einführung von dem Hinweis begleitet wurde, das fairste Handy sei immer jenes, welches man bereits besitze. Das ist natürlich sachlich korrekt, wurde als freundlicher Hinweis aber aufgegeben, als es schlagartig keine Updates mehr für das ansonsten noch solide funktionierende Fairphone 1 gab und die Spam-Mails anfingen, man möge sich jetzt doch bitte endlich ein Fairphone 2 kaufen.

Und jetzt: Ein neues Magazin aus der Brigitte– Familie! Brigitte Be Green. Titelzeile der ersten Ausgabe: »Macht Verzicht glücklich? Ja!« (hier der Link zum Cover). Was natürlich eine Einladung ist, das Heft nicht zu kaufen und auszuprobieren, ob die Redaktion recht hat.

Ich kann berichten: Ich sitze zu Hause, nachdem ich das Magazin im Sinne seiner Titelgeschichte sehr bewusst nicht gekauft habe, aber richtig glücklich bin ich nicht. Denn ich hätte doch ganz gerne gewusst, was für Anzeigen in dem Heft gedruckt sind. Bio Company? Fairphone? Das allein plus keine Leser ist womöglich nachhaltig, aber kein nachhaltiges Business.

Womöglich zeigt sich also bei Bigitte und Bio-Company wie beim Fairphone: Kein Konsum ist gut fürs Klima, aber keine Grundlage für unternehmerischen Erfolg.

Foto: obs/Dorothea Tuch für BIO COMPANY, Nutzung kostenfrei, via Presseportal.de

Über Ben Lerner und die Autofiktion

Wovon wir reden, wenn wir über »ich« reden

»Ich« schreiben, mehr als »ich« meinen:

Some have complained that [Ben] Lerner only writes about one thing — himself — but this is imprecise: In these novels, introspection is a means, not an end. He treats the self like an archive of social data from which it is possible to construct a larger story about our times.

Im selben Text im NYT Magazine über den Schriftsteller Ben Lerner gibt es auch interessante Anmerkungen zur Frage, worüber ein privilegierter weißer Mann schreiben soll/kann/darf: a) Die ganze Welt b) ausschließlich sich selbst c) irgendetwas dazwischen?

Hier gibt’s den Text kostenlos online.

Kaiser sein hilft auch nicht

Kaiser Wilhelm II. als tragische Wurst & Ahnherr der toxischen Männlichkeit:

In Wirklichkeit war er ein weichlicher Mann von nervöser Reizbarkeit […]. Gleichwohl war das Erscheinungsbild, das er glaubte, von sich vermitteln zu müssen, das des obersten Kriegsherrn, des Inbegriffs von Maskulinität, Härte und patriarchalischer Entschlossenheit. Und dennoch, obgleich er Regierung und Verwaltung in Deutschland in einem nie dagewesenen Ausmaß zentralisierte und sieben Kinder zeugte, schien er weder in seiner Herrscher – noch in seiner Vaterrolle die große Erfüllung gefunden zu haben.

aus: Modris Eksteins, Tanz über Gräben: Die Geburt der Moderne und der Erste Weltkrieg, Reinbek: Rowohlt 1990.

Wickeln mit Stoffwindeln

Ich habe das für DIE ZEIT ausprobiert. Ja, war eklig. Aber nicht nur.

Augenringe, Bartschatten, Schlagschatten, richtig scharf ist das Foto auch nicht, aber, hey, ich hab mal wieder was geschrieben!

Ab heute in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE: Eine ganze Seite über Scheiße. Und darüber, wie man sie möglichst ökologisch wieder loswird. Sorry, aber das sind so die Themen, wenn man Tag und Nacht ein Baby betüdelt.

Danke an alle, die mich beim journalistischen Wickeln-mit-Stoffwindeln-Selbstversuch begleitet haben, nicht zuletzt Wickelversum & Einfach Stoffwindeln.

Und Respekt an die Damen und Herren in der Bildredaktion der ZEIT, die dieses charmante Foto mit Baby-Bauarbeiterdekolletée ausgegraben haben.

Jetzt am Kiosk, hier online (Paywall) oder Aboaboabo.