Zornige einsame Männer

Warum ist die AfD im Osten so erfolgreich? Weil sie von Männern gewählt wird, die zornig sind, dass ihnen die Frauen abhanden gekommen sind.

Das ist die These der Journalistin Katrin Bennhold. Und die ist … zumindest originell. Aus der New York Times:

After the wall came down, the East lost more than 10 percent of its population. Two-thirds of those who left and did not come back were young women.

It was the most extreme case of female flight in Europe, said Reiner Klingholz, director of the Berlin Institute for Population and Development, who has studied the phenomenon. Only the Arctic Circle and a few islands off the coast of Turkey suffer comparable male-female imbalances.

In large swaths of rural eastern Germany, men today still outnumber women, and the regions where the women disappeared map almost exactly onto the regions that vote for the Alternative for Germany today.

Den ganzen Text gibt es hier zum Nachlesen.

Ich bin gespannt auf die Repliken.

[via Tobias Rapp / Facebook]

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Wohnen in der Wortspielhölle

Das Nagelstudio im Viertel heißt Altonails. Der Fischimbiss Altuna. Der örtliche Laden für Antifa-Bedarf fällt aus der Reihe. Er heißt True Rebel Store — leider nicht Krawalltona.

Apple Watch: Ein altmodisches Produkt

Die Apple Watch ist ein seltsames Statussymbol: Sie ist keine Investition, kein Erbstück zukünftiger Generationen (so wie es andere Uhrenhersteller von ihren Produkten behaupten), kein rares Vintage Piece. Die Apple Watch ist keineswegs exklusiv.

Eine Kollegin kam neulich aus San Francisco zurück, trug eine neue Apple Watch, und machte mich auf den demokratischen Gestus dieses Accessoires aufmerksam: Der CEO des Weltkonzerns trägt diesselbe Armbanduhr wie seine Assistentin. Der Top-Investor ist durch einen bloßen Blick auf sein Handgelenk nicht von seinem Praktikanten zu unterscheiden. Oder vom Barrista in der Kaffeefiliale nebenan.

Damit steht die Appel Watch in einer amerikanischen Tradition. WeiterlesenApple Watch: Ein altmodisches Produkt“

Re: LOL, wie traurig!

Über meine Recherche zur Depri-Comedy (mehr dazu hier in diesem Blog) habe ich jetzt mit detektor.fm gesprochen. Wieso ist diese Comedy beliebt?

Meine These:

Wir befinden uns mit Gleichaltrigen im Wettbewerb um das beste Leben. Und dieser Wettbewerb wird in aller Öffentlichkeit [auf Instagram] ausgetragen und kann live kommentiert und up und down gevoted werden. Wir wollen nicht nur schön und erfolgreich sein, sondern wir wollen dabei auch noch glücklich sein, was ziemlich viel verlangt ist, was stresst – und was ein Anspruch ist, an dem man leichter scheitert als dass man damit Erfolg hat.

Die Depri-Comedy zeigt uns mit ihren Anti-Influencern, dass wir nicht allein sind mit unsere Kläglichkeit.

Hier geht’s zum Audiomitschnitt unseres Gesprächs.

Wie ist das Logo-Shirt entstanden?

Die Künstlerin Pippa Garner hat eine Theorie:

T-shirts are interesting because it’s a trash medium that sort of evolved out of the sandwich boards from the depression era. A person could walk around in front of a restaurant wearing a couple of strapped together panels with an ad. It was a pathetic, low-level way to get people to eat something. Now it’s become a medium where people pay for the privilege of advertising a product.

Zitat aus Spike Art Quarterly, #57 (Autumn 2018), Seite 104.

Foto: DncnH from Melton Mowbray, UK  (CC BY 2.0, via Wikimedia)

LOL, wie traurig!

Mein Versuch, den neuen Trend der Depri-Comedy zu verstehen

Warum bezahlen Leute Eintritt, um zu hören, wie andere von ihren Problemen reden? Und warum amüsieren sie sich dabei so gut?

Für die neue ZEIT CAMPUS-Ausgabe habe ich eine größere Geschichte geschrieben (die erste, seit ich vor anderthalb Jahren Chefredakteur wurde, für mich also voll aufregend, etc.). Es geht darin um die Depri-Comedy. Also um junge Künstler wie Nico Semsrott, Stefanie Sargnagel, Kathrin Weßling und andere, die auf der Bühne von Depressionen und Suizidgedanken reden, die sich selbst „Versagensexhibitionismus“ attestieren (Sargnagel über Sargnagel) und die in bisweilen ausverkauften Theatern spielen.

Die zentrale Figur meiner Geschichte ist Helene Bockhorst, 30, die nach vier Jahren Therapie mit der Stand-up-Comedy begann. Ich habe sie bei insgesamt acht Auftritten zwischen Hamburg und Ingolstadt begleitet, um zu verstehen, warum die Leute hören wollen, was sie zu erzählen hat.

Ihr Programm kann ich inzwischen mitsprechen (dabei hasse ich Comedy, BTW). Was ich sonst noch über Helene und über die Depri-Comedy und über die Gegenwart gelernt zu haben meine, steht in ZEIT CAMPUS.

Übrigens: Die Fotos im Heft sind von Nikita Teryoshin (yo!), die Fotos vom Heft, die ich hier poste, von Ricardo Nunes.

WeiterlesenLOL, wie traurig!

1968 ist keine Jahreszahl

Wovon reden wir, wenn wir von „1968“ reden? Das Hamburger Abendblatt hat sich heute daran versucht, „1968“ in einigen historischen Schlaglichtern zum umreißen:

Was hat die Menschen 1968 bewegt – in Hamburg, Deutschland und der Welt? Da gab es die Mondlandung des Amerikaners Neil Armstrong, die 500 Millionen Menschen an den Fernsehbildschirmen verfolgten. Anti-Schah-Demonstrationen in West-Berlin. Dürrekatastrophen und Hungersnöte in der Sahelzone. Den Napalmangriff südvietnamesischer Flugzeuge nahe Saigon.

Das finde ich interessant. Denn, ja, die Saheldürre begann 1968 und die (kriegsbedingte) Hungersnot in Biafra war im August 1968 Titelthema des Spiegels, bewegte also wohl tatsächlich im besagten Jahr die Menschen in Hamburg und in Deutschland.

Doch die Mondlandung war 1969. Die Anti-Schah-Demo in West-Berlin war 1967. Napalmbombardements in Vietnam begannen bereits 1965, zunächst durch die Amerikaner, später auch durch Südvietnamesen. Da hier von einen einzelnen Angriff „nahe Saigon“ die Rede ist, könnte es sein, dass der einprägsam von dem Fotojournalisten Nick Út festgehaltene Angriff gemeint ist. Dieser ereignete sich 1972.

Von vier zu „1968“ genannten historischen Ereignissen fällt gerademal eines ins Jahr 1968. Entweder die Autorin des Hamburger Abendblatts hat schlampig gearbeitet – oder „1968“ ist gar keine Jahreszahl.

Einiges spricht für letzteres. Als „Chiffre“ hat der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar „1968“ vor rund zwanzig Jahren beschrieben. „1968“ ist demnach ein Codewort für etwas anderes.

Was dieses „Andere“ ist, hängt davon ab, wer spricht. Für den Philosophen Martin Saar war 1968 beispielsweise der Ausgangspunkt für eine „Demokratisierung der Demokratie“ oder für eine „Verteidigung, Vertiefung und Ausweitung der Demokratie“. Für den CSU-Politiker Alexander Dobrindt war 1968 irgendwie furchtbar … .

Was mit „1968“ gemeint ist, ist jedenfalls weit weniger eindeutig, als das die Klarheit der vermeintlichen Jahreszahl zu suggerieren scheint.