Helmut Kohl, OG

Eine visuelle Kontinuität zwischen Altkanzler und Gangsta-Rappern

Im aktuellen FAZ Magazin: Eine Geschichte über Eckhard Seeber, den langjährigen Fahrer von Dr. Helmut Kohl.

(Die ganze Ausgabe des Magazins gibt es hier als kostenlose PDF zum Download.)

Der Text ist etwas unglücklich überschrieben mit »Der getreue Eckhard«, was nach Knechtschaft klingt und nach »Hejo, spann den Wagen an«.

Die vielleicht bessere Überschrift wäre gewesen: »Ich rolle mit meim Besten«, nach dem Song von Haftbefehl:

An diesen Song musste ich zumindest denken, als ich das Foto sah, mit dem der Artikel bebildert worden ist.

Denn diese Ästhetik: dicker Benz im Bildvordergrund, dicker Typ dahinter, rauer Fassadenputz – die mag zum Zeitpunkt der Aufnahme mal für gute deutsche Solidität gestanden haben.

Heute gucke ich auf das Foto und denke: Gangsta. Dieser Hinterhof! Die Prominenz dieser Karre! Die Bosshaftigkeit! Sogar die Schwarz-Weiß-Optik.

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Kurzer Hinweis: Texte zu Pop oder Sex empfehle ich jetzt bei Piqd

Piqd ist eine Internetseite, auf der Menschen anderen Menschen Links empfehlen. Anders als bei dem amerikanischen This., das Ende letzten Monats geschlossen wurde, handelt es sich dabei nicht um ein Soziales Netzwerk, sondern um ein »kuratiertes« Angebot.

Das heißt: Nicht jede(r) darf mitmachen und Links empfehlen, sondern nur von den Betreibern der Seite ausgewählte Autorinnen und Autoren. Die kriegen für ihre Empfehlungen ein Honorar. Elitärer Scheiß? Vielleicht. Aber alle anderen dürfen kostenlos Themenkanäle abonnieren und gnadenlos alle Empfehlungen hoch- und runtervoten, die sie relevant oder egal finden. Mit Premium-Account gibt es ein paar zusätzliche Features.

Ich bin bei Piqd neu im Autoren-Team und empfehle dort ab sofort Texte und Netzfundstücke in den Kanälen Musik und Subkultur sowie Liebe, Sex und wir. Alle »piqs« (so der interne Sprachgebrauch), die ich bisher veröffentlicht habe, finden sich zudem auf meiner Profilseite.

Für mich als Autor ist Piqd interessant, weil es im Grunde bezahltes Bloggen ist (plus: man wird gezwungen, sich einigermaßen kurz zu fassen, das ist Menschen wie mir zuträglich).

Und für mich als Leser ist Piqd interessant, weil dort wirklich tolle und kluge Leute Leseempfehlungen geben: Frank Spilker, zum Beispiel, der Sänger der Sterne. Tino Hanekamp, der zwei meiner Lieblingsclubs in Hamburg gegründet hat. Daniel Schreiber, der eine Susan-Sontag-Biografie geschrieben hat, die ich gerne gelesen habe.

Moment, nur Männer? Nein, auch Theresia Enzensberger und Martina Kix und X andere Leute, die ich bisher noch nicht kannte, die ich durch ihre Empfehlungen jetzt aber ein bisschen kennenlernen darf.

Falls das auch für Sie interessant ist, klicken Sie auf: Piqd.

Rezension: Die Heiterkeit – Pop & Tod

Das nicht nur von mir mit Spannung erwartete neue Album Pop & Tod von Die Heiterkeit ist erschienen, ich habe dazu einige Anmerkungen für Die Zeit (Hamburgseiten) notiert, die jetzt auch online zu lesen sind.

Spoiler: Das Meisterwerk, als das die Platte von einigen Kritikern bezeichnet wurde, höre ich da nicht (dafür ist das Doppelalbum vielleicht doch ein bisschen zu lang und variationsarm) – aber eine stimmige, mutige, unkonventionelle und kluge Platte.

Foto: Die Heiterkeit. Von links nach rechts: Philipp Wulf, Stella Sommer, Sonja Deffner und Hanitra Wagner © Malte Spindler für Buback Tonträger.

 

 

Hyperheterosexualität

Nix gegen Peaches – aber der queerste Act in Roskilde war Danko Jones

Danko Jones sind Rocker zweiter Ordnung: Zugleich eine Rockband und die Karikatur einer Rockband. Das war am vergangenen Wochenende bei ihrem Auftritt auf dem Roskilde-Festival zu beobachten.

Diese Wirkung erreicht die Band durch ihr Auftreten (dazu später mehr) sowie durch konsequente Reduktion in der Musik (Powerchords, verzerrter Bass, geradliniges Schlagzeug) und in den Texten.

In den in Roskilde aufgeführten Songs gab es nur zwei Sujets: Entweder besang Danko Jones, der Sänger, der sich mit seiner Band den Namen teilt, seine eigene kraftstrotzende Männlichkeit (»My mother raised a devil’s child«). Oder er huldigte den weiblichen Objekten seines Begehrens.

DANKO JONES - Fire MusicToronto - August 6, 2014 Dustin Rabin Photography 2674
Danko Jones, die Band. Danko Jones, der Sänger, steht rechts. Foto: Dustin Rabin, 2014.

Dabei deklinierten Danko Jones so ziemlich alle verfügbaren Softporno-Klischees durch: Ein Song handelte von langen Beinen, aber wirklich »looong, loooooong legs«, mindestens »ten feet tall«, wie Jones sang. Ein anderer erzählte von einem kurzen Rock, der beim Laufen nach oben rutscht. Ein dritter davon, wie eine Frau Eiscreme leckt. Und so weiter.

Ewig lockt das Weib – und ewig ist das lyrische Ich allein, geil bis kurz vorm Bersten und auf der Suche nach Entladung.

Dazu – also zum sexuellem Vollzug – kommt es in den Texten jedoch nie. »Do you do it on the first date?«, singt Jones: »Cause I do, yes I do, yes I do, yes I do, yes I do«. Kennt man ja vom Schulhof: Diejenigen, die ständig von ihrem geilen Sex labern, sind in echt die verklemmtesten Jungfrauen von allen.

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Deine Mutter!

Wie Johnny Cash den Gangsta-Rap erfand (und Trinker das Dissen)

Wir leben nicht nur in einer Zeit des Protestsong-Revivals, sondern auch der Band-Reunions: Am Wochenende war ich auf dem Roskilde-Festival, unter anderem um dort die Headliner LCD Soundsystem zu sehen, eine Band, die sich 2011 aufgelöst hat und jetzt wieder einige Konzerte spielt.

Das gestrige zum Festivalabschluss war ganz okay, aber seltsam lustlos und routiniert für eine Gruppe, die sich erst mit großer Geste (und einem durchaus sehenswerten Kinofilm) aufgelöst hat und dann nach nur fünf Jahren wieder zusammenfand und auf die Bühne zurückkehrte.

LCD Soundsystem habe ich live schon mal besser gesehen – und höre mir in Zukunft lieber weiter die tollen Platten an, als lauwarme Konzerte zu besuchen. Ich weiß nicht, ob es den Besuchern der jüngsten Reunion-Tourneen von Blumfeld oder den Backstreet Boys ähnlich erging.

Houseofpain-2011
Everlast (links) und Danny Boy, die Rapper von House of Pain, 2011 (Foto: Regime Management, CC-BY-SA, via)

Ein früher Höhepunkt des Roskilde-Festivals war für mich der Auftritt der Gruppe House of Pain mit den beiden Rappern Everlast und Danny Boy sowie DJ Lethal am Donnerstagnachmittag. Das war ebenfalls eine Reunion: House of Pain haben sich 1996 von der Bühne verabschiedet und sind nun ebenfalls für einige Auftritte zurück. 1996! Wie endlos lange das her ist, kann man daran erkennen, dass die Band offenbar nicht mal eine Website hatte oder noch hat (sondern nur eine nachgereichte Facebook-Seite).

Entsprechend geriet der House of Pain-Auftritt zu einer großen Retro-Party: Everlast rappte über Beats von Dr. Dre, DJ Lethal spielte als Pausensong ein Stück von Biz Markie und als Überraschungsgast kam Evidence auf die Bühne, der bekannt geworden ist als MC bei Dilated Peoples.

»Party like it’s 1993!«, um Jan Paersch zu zitieren, der als Reporter der taz mit auf dem Festival war. Mit dem Unterschied, dass ich 1993 noch zu jung war, um auf Rap-Konzerte gelassen zu werden – wie auch viele andere Besucher, mit denen ich am Donnerstag House of Pain feierte.

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Gegenwartskunde (2): Opis im Exil, selektiver Antisexismus & Christen

Es ist nicht immer leicht, ein deutscher Rassist zu sein. Jetzt schmeckt nicht mal mehr die Kinderschokolade. Nur konsequent also, dass einige von ihnen bereits das Land verlassen. So berichtet es der Bayerische Rundfunk (BR), demzufolge »immer mehr« Deutsche nach Ungarn auswandern, weil es dort kaum Flüchtlinge und eine rechte Regierung gebe. Eine tolle Geschichte, but I don’t buy it. Tatsächlich kommen im BR-Bericht nur ein paar Rentner vor, die angeben, ihren Alterssitz an den Plattensee verlegen zu wollen. Dorthin also, wo das Wetter besser, der Gulasch saftiger und der Obstler billiger ist (ganz zu schweigen von den Pflegekräften). Und dorthin, wo seit langem deutsche Touristen willkommen sind. Einen solchen Umzug als politischen Akt zu deklarieren, ist schon reichlich frech. Aber gut, es finden sich immer Leute (manchmal auch Journalisten), die einem die Wichtigtuerei abkaufen.

(Quelle: Report München, BR, zum Fernsehbericht)

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Eine Tram-Haltestelle in Berlin: Links wirbt ein Bikinihersteller mit dem Foto einer Frau im Bikini. Rechts wirbt der örtliche Nahverkehrsanbieter mit zwei Ledermännern (»Tageskarte. Bringt dich ans andere Ufer.«). Der Sticker »Sexistische Kackscheiße« klebt auf dem falschen Plakat.

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Wie christlich ist die AfD? Offenbar: nicht so christlich. Gefühlt öfter als jede andere Partei führt die AfD das Christentum im Munde. Schon in der Präambel ihres Parteiprogramms bekennt sich die Partei dazu, die »abendländische christliche Kultur […] dauerhaft erhalten« zu wollen. Doch laut einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) besucht das Spitzenpersonal der Partei kaum regelmäßig Gottesdienste. Der stellvertretende Parteivorsitzende Alexander Gauland sagte der Zeitung sogar, das Christentum sei für ihn bloß »eine Metapher«. Ein bemerkenswerte Aussage – man stelle sich vor, ein führender Grüner würde sagen, dass ihm Ökologie kein echtes Anliegen sei, sondern halt nur so »eine Metapher«. Oder jemand von der SPD-Spitze würde selbiges über soziale Gerechtigkeit sagen. Die AfD-Wähler scheint es nicht zu stören: Im Westen wie im Osten seien überproportional viele von ihnen konfessionslos, meldet die FAS.

(Quelle: FAS, Link zum Gauland-Artikel und zum Christen-Artikel)

 

Zu lang für Twitter, zu kurz für ein eigenes Blog-Posting: Beobachtungen, Links und andere Fundstücke dieser Art sammle ich unregelmäßig unter der Überschrift »Gegenwartskunde«. Mein inhaltlicher Fokus liegt irgendwo zwischen (populärer) Kultur, Medien und Politik. Alle bisherigen Folgen der Gegenwartskunde gibt es hier, mehr über mich hier.

Die Dinge Europas: Unser neues Ding erzählt von Sexarbeit in Spanien

Im vergangenen Monat wurde das Anti-Prostitutionsgesetz in Frankreich verschärft. Dort müssen Freier jetzt mit hohen Geldstrafen rechnen, wenn sie den Kontakt zu einer Prostituierten suchen.

In dem spanischen Städtchen La Jonquera warten die Leute nun ab, was das für sie bedeutet. Als 2002 die Prostitution in Frankreich verboten worden war, dauerte es nicht lange, bis in La Jonquera überall halbnackte Frauen an den Straßen standen. So erzählt es die Bürgermeisterin des Ortes, der direkt hinter der französischen Grenze in Spanien liegt. Die Prostitution ist dort nicht verboten und weitgehend unreguliert.

Die Folge ist, dass nicht nur Freier aus dem Ausland kommen, sondern auch viele Frauen aus Mittel- und Osteuropa, die hier anschaffen. Freiwillig? Oder weil Zuhälter sie bringen und sie zur Prostitution zwingen? Die Bürgermeisterin von La Jonquera geht von Letzterem aus.

Sollte die Prostitution also auch in Spanien verboten werden? Nein, sagt die Bürgermeisterin, das würde das Problem nicht lösen, sondern nur verlagern, so wie es das Verbot in Frankreich getan hat. Sie fordert: »Wir brauchen eine europäische Lösung!«

Die ganze Geschichte gibt es auf der Website Die Dinge Europas, die ich gemeinsam mit dem Fotografen Claudius Schulze betreibe. Zusammen suchen wir nach Dingen, die von Europa erzählen. Unser neuestes Fundstück: ein Kondom, das wir bei La Jonquera gefunden haben. Hier entlang, bitte.

Foto: Die Bundesstraße 2 zwischen La Jonquera und Figueres, (c) Claudius Schulze. Dieser Text erschien zuvor mit minimalen Änderungen in unserem Dinge-Europas-Blog.