Zum Relaunch des Â»Tagesspiegels«

Heute erschien die erste Ausgabe des Berliner Tagesspiegel nach einer ziemlich rabiaten Neugestaltung. Die Zeitung erscheint jetzt im Tabloidformat, auf den ersten Blick sieht das sehr schick aus. Doch ob die Redaktion sich (und ihren Leser*innen) einen Gefallen getan hat mit dem Relaunch, das bezweifle ich.

Ich lese den Tagesspiegel nicht täglich, aber bestimmt einige Male pro Woche, und bin heute beim Blättern ziemlich verwirrt. Klar: Das ist man immer, wenn eine Redaktion ihre Inhalte neu sortiert, aber hier bin ich nicht sicher, ob sich in drei, vier Wochen eine Gewöhnung und eine neue Übersichtlichkeit einstellen wird.

Der Eindruck von Chaos und Zerrissenheit scheint doch eher einem strukturellen Problem geschuldet zu sein: Der Neusortierung in nur zwei Bücher, ein überregionales und ein regionales, statt wie bisher: Mantel — Lokalteil — Kultur — Sport etc./o.ä.

Es gab schon immer (und es gibt bei fast jeder Regionalzeitung) einen ĂĽberregionalen und einen regionalen Politikteil. Okay. Aber ist es sinnvoll, das Feuilleton in einen ĂĽberregionalen und regionalen Kulturteil zu zerrupfen? Und welche Kultur wird dann wo einsortiert?

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Wozu Smartphones?

»Als ich mich neulich im Krankenhaus einer [… O]peration unterzog, war die diensthabende Empfangsdame, obwohl sie noch halb schlief — es war 5.30 Uhr morgens —, damit beschäftigt, auf ihrem Smartphone nach Turnschuhen zu shoppen. Genau das ist es ja, worum es beim Besitz dieses Geräts eigentlich geht: die unbegrenzte Möglichkeit, rund um die Uhr Dinge zu kaufen, unabhängig von den Umständen, in denen man sich befindet.«

So beginnt Dieter Roelstraete seine Kolumne Think Tank. Gedanken zur Gegenwart in der neuen Ausgabe der Zeitschrift Monopol (Dezember 2022).

Oder wie einst Meg Carter unter der Ăśberschrift Billboards in your pockets im Guardian schrieb:

»Now that we have learnt to ignore adverts on television and websites, the next big test will be avoiding them on our mobile phones.«

Niemand kann behaupten, er sei nicht gewarnt worden: Carters Zeilen stammen aus dem Sommer 2001 — etwa sechs Jahre vor der Marktreife des ersten iPhones.

Immerhin: Roelstraetes Operation lief offenbar ohne Komplikationen. Doch ob die Empfangsdame jetzt schicke neue Sneaker trägt, werden wir wohl nie erfahren (außer auf ihrem Insta, vielleicht?).

Attacking (and adoring) the classics

»There has been a good deal of debate in recent years about the Greek and Roman classics and their claim to universality […] even when scholarship has long made it clear that the civilizations that produced them were founded on values and institutions a number of which we find repellent — patriarchy, misogyny, economies based on the labor of enslaved people. […] The fact is that such crises have always been good for the field.«

Taken from Daniel Mendelsohn’s review of Stephanie McCarter’s new translation of Ovid’s Metamorphoses. More of that here.

Peter Schjeldahl (1942–2022)

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Neulich saß ich abends noch länger wach und blätterte in Hot, Cold, Heavy, Light, einer Sammlung von Texten des amerikanischen Kunstkritikers Peter Schjeldahl.

Schjeldahl arbeitete zuletzt für den New Yorker und sein Artikel The Art of Dying im Dezember 2019 war der erste, den ich bewusst von ihm las. Er schrieb ihn in der Gewissheit seines baldigen Todes. Der Text hat mich umgehauen.

Schjeldahl hat dann noch fast drei Jahre durchgehalten und bis zuletzt gearbeitet. Er starb im Oktober, im Alter von 80 Jahren. Eine der letzten Ausstellungen, die er besprochen hat, war die Wolfgang-Tillmans-Retrospektive, die immer noch im Museum of Modern Art läuft.

Schjeldahls Sprache ist weniger spröde und verrätselt als die vieler akademischer Kunstkritiker*innen (sein Anspruch ans Schreiben: »as little forbidding and boring as possible«), aber ich kann nicht behaupten, dass ich ihm immer folgen kann. Etliche der Künstler*innen, denen er sich in diesem Buch widmet, sind mir zudem völlig unbekannt (bezeichnend, dass es vor allem Frauen sind: Ree Morton, Elizabeth Murray, Jane Dickson, Laura Owens, … ).

Aber wo BildungslĂĽcken so offensichtlich sind, besteht die Chance, noch was zu lernen.

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Hamburg Graffiti History 1980—1999

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Eine Stadt wird bunt: Hamburg Graffiti History 1980-1999, die neue Sonderausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte, erzählt von Graffiti in Hamburg als Zeitgeschichte der 1980er- und 1990er-Jahre.

Es geht um die (oft illegal praktizierte) Kunstform, aber ebenso sehr um die Räume, in denen sie stattfand, die Zeit, in der sie sich entwickelte und die Szenen und Subkulturen, die sie prägte.

Pointiert könnte man sagen: Man sieht gar nicht so viel Graffiti in dieser Graffiti-Ausstellung.

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Ist das Leben vielleicht schöner ohne Kultur?

Die Kinos in Deutschland bleiben immer öfter leer. Betreiber und Branchenverbände sprechen von 30 bis 50 Prozent weniger Ticketverkäufen als vor der Pandemie. Besonders stark sind offenbar kleine Programmkinos betroffen, aber auch Mainstreamfilme floppen, zuletzt Lieber Kurt von Til Schweiger. In den Musikclubs und Theatern sieht es bekanntlich nicht viel besser aus.

Woran liegt das? An der Inflation, den Corona-Sorgen, der Weltlage? Keine dieser Erklärungen ist richtig überzeugend.

Und so drängt sich ein Verdacht auf: Haben wir in den Monaten der politisch verordneten Stubenhockerei gemerkt, dass uns Kino, Ausgehen und gemeinschaftliche kulturelle Erfahrungen gar nicht so wichtig sind?

Darüber spreche ich im Podcast Hinter der Geschichte mit Ann-Kathrin Nezik aus dem Wirtschaftsressort der ZEIT. Ann-Kathrin hat in der Kinobranche recherchiert und einen Artikel mit dem Titel Kammerflimmern  geschrieben.

Unser Gespräch über die Lage der Kinos und mögliche Gründe für das nachlassende Publikumsinteresse (ca. 20 Minuten lang) kann man überall hören, wo es Podcasts gibt, sowie hier.

Werner BĂĽttner im Musicaltheater

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Alles am Disney-Musical Die Eiskönigin ist darauf angelegt, das Publikum zu überwältigen: die Kostüme, die Musik, die Kulisse (die kaum zur Ruhe kommt, weil sich das Bühnenbild ständig verwandelt) und natürlich auch die Magie.

Doch als ich mir das Stück neulich ansah (in der Nachmittagsvorführung am Wochenende, allein unter achtjährigen Mädchen in eisblauen Prinzessinenkleidern und ihren Familien), hatte ich den krassesten »Wow!«-Moment in der Pause.

Da schlenderte ich ziellos im Theater an der Elbe umher, schaute mal ins Foyer im Obergeschoss und … »warte mal, spinn‘ ich?« Da hing tatsächlich ein groĂźformatiges Original des Malers Werner BĂĽttner!

Etwas versteckt zwar, aber unverkennbar. Dieses Motiv habe ich neulich noch in seiner Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle gesehen, über die ich hier geschrieben habe. Titel des Gemäldes: »Die Avantgarde von hinten«.

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Zu Besuch in der Superheldinnen-WG

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Comicfestival

Die Zeichnerin Marijpol hat sich für ihren Comic Hort die WG dreier Superheldinnen ausgedacht: Petra ist eine Bodybuilderin, Ulla eine Riesin und Denise experimentiert mit Körpermodifikationen (da, wo bei anderen Arme und Beine sind, ragen bei ihr lebende Schlangen aus Hosenbeinen und Ärmeln).

Allerdings sind es drei Superheldinnen, die nicht Verbrecher jagen, sondern versuchen, mit ihrem Alltag klarzukommen, eine ungleich schwierigere Aufgabe.

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Auf der Reeperbahn nachts um halb eins

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Meine Sorge, dass der Kiez bald dunkel bleiben wĂĽrde, hat sich als unbegrĂĽndet erwiesen.

Also klar: »Der Betrieb beleuchteter oder lichtemittierender Werbeanlagen ist von 22 Uhr bis 16 Uhr des Folgetages untersagt.« So steht es in der Verordnung der Bundesregierung zum Energiesparen (a.k.a. EnSikuMaV). Aber das heißt ja noch lange nicht, dass sich jetzt alle daran halten.

Im Falle der Großen Freiheit ist das vermutlich gut so und laut Verordnung auch zulässig, wenn es zur »Aufrechterhaltung der Verkehrssicherheit oder zur Abwehr anderer Gefahren erforderlich ist«.

Trotzdem Chapeau an Susis Show Bar fĂĽr die vorbildliche Gesetzestreue.

Faktenwissen und Teilhabe

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) verteidigt im Gespräch mit Moritz Baumann vom Newsletter Table.Bildung das Kerncurriculum, das Bestandteil seiner aktuell laufenden Reform der Bildungspläne ist:

Ăśberall […] werden von jungen Erwachsenen Lese-, Rechtschreib- und Mathematikkenntnisse sowie Grundkenntnisse ĂĽber unsere Welt erwartet. Da geht es um konkretes Faktenwissen, das aber bisher kaum in unseren Bildungsplänen berĂĽcksichtigt ist – mit dem hanebĂĽchenen Argument, das sei Pädagogik von gestern. Das Ergebnis ist ein Skandal: NatĂĽrlich verfĂĽgen Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern ĂĽber dieses Faktenwissen. Aber wir haben in Hamburg 40 Prozent Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern, die dieses Privileg nicht haben. Es empört mich, dass privilegierte Milieus, die sich in der Bildungspolitik engagieren, das Faktenwissen in der Schule zurĂĽckdrängen wollen. Sie riskieren damit, dass SchĂĽler aus bildungsfernen Familien nach der Schule weder ein Bewerbungsgespräch bestehen noch eine Nachrichtensendung verstehen.

Rabe argumentiert nicht im Sinne einer (christdemokratischen) »Leitkultur«, sondern sozialdemokratisch, mit Chancengleichheit und Teilhabe.

Ähnlich argumentierte in den USA etwa Eric Liu, der »kulturelle Alphabetisierung« und Teilhabe zusammendenkt (in der Tradition von E.D. Hirsch, dessen Überlegungen hierzulande bisher offenbar kaum eine Rolle spielten. Why?)

Das ganze Interview gibt es hier (Aboschranke).