Hamburger Arroganz feat. Kurtis Blow

Ein wunderbares FundstĂĽck deutscher Popgeschichte, gepriesen sei YouTube. WTF ist das? Hier erklärt’s AndrĂ© Luth (Yo Mama / Fettes Brot Schallplatten GmbH):

»In den Mitt-Achtzigern gab es die Band Hamburger Arroganz, die so eine Art Wham-Rap auf Deutsch versuchten. Die hatten sogar eine Single mit Kurtis Blow.«

(Quelle, S. 20)

Als Antwort auf die Frage, wer zuerst auf Deutsch rappte, wäre womöglich auch diese Band zu nennen (ohne behaupten zu wollen, dass sie was mit HipHop zu tun hat, Kurtis-Blow-Feature hin oder her). Bis die ersten Aufnahmen von Advanced Chemistry, Cora E. und anderen erschienen, sollten jedenfalls noch Jahre vergehen.

Ende 2021 gab es offenbar eine Reunion von Hamburger Arroganz, inkl. der Veröffentlichung neuer Songs, bisher allerdings weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Meine Damen und Herren: Es gibt hier eine Band wiederzuentdecken!

Michel Majerus, 20 Jahre später

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Im Jahr 2005, nach dem frühen Tod des Malers Michel Majerus (1967–2002), wurden seine Arbeiten in den Deichtorhallen gezeigt. Ich erinnere mich noch, wie genervt ich damals war: Da malt einer popkulturelle Referenzen in seine Bilder und die Leute feiern ihn, als wäre das etwas Neues. Buhuhu!

Die Zeitschrift The Face, deren Cover Majerus abmalte, war bereits eingestellt worden und der Disneyfilm Tron, dem er eine Werkreihe widmete, bloß eine ferne Jugenderinnerung. Trotzdem erschienen mir die Motive gegenwärtig, vertraut, banal – was mehr über meine Ignoranz aussagt, als über die Arbeiten.

Gut, dass ich mit der Ausstellung Data Streaming, die gerade im Kunstverein läuft, eine zweite Chance bekommen habe, Majerus‘ Bilder zu sehen.

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Der kommende Aufstand

Die beste Ausstellung, die ich 2022 gesehen habe – oder zumindest diejenige, die mich am längsten beschäftigt hat –, war Amazons of Pop in der Kunsthalle Kiel. Gezeigt wurde dort, wie Frauenbilder der Popkultur in den 1960er- und 1970er-Jahren Künstlerinnen inspirierten, soft-pornografische Männerfantasien feministisch umzudeuten. Ich habe hier darüber geschrieben.

Aktuell und noch bis 19. März 2023 läuft nun im Kunstmuseum Basel eine weitere Ausstellung feministischer Kunst, Fun Feminism. Dort wird unter anderem diese Videoarbeit von Martha Rosler gezeigt:

Philipp Hindahl schreibt in seiner Rezension der Ausstellung in der heutigen Ausgabe des Tagesspiegels (hier online lesbar):

»Martha Roslers Video ›Semiotics of the Kitchen‹ von 1975 ist ein Klassiker – und ein guter Anknüpfungspunkt für eine Geschichte feministischer Kunst. In dem Schwarz-Weiß-Video widmet sich Rosler Dingen in ihrer Küche und handhabt sie so, als wollte sie daraus Waffen gegen das Patriarchat machen.«

Ich muss bei Semiotics of the Kitchen an die Kritik Betty Friedans denken, die 1963 in ihrem Buch The Feminine Mystique von der Vereinsamung, Gefangenschaft und sogar Entmenschlichung der Frauen in den Küchen der amerikanischen Vorstädten schrieb.

Ob das Video wirklich unter die Ăśberschrift »fun« passt? So mancher Ehemann wird es seiner Zeit vermutlich mit Beklemmungen gesehen haben und mit Sorge vor einem kommenden Aufstand …

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Ein kalter Tag im Zoo

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Neulich war ich im Zoo mit Jens Nommel. Es war nass und kalt und auĂźer uns war fast niemand zu sehen. In anderen Worten, es war perfekt.

Denn Nommel, der sich auf meinem ersten Schnappschuss so Caspar-David-Friedrich’esque in die Landschaft lehnt, ist Fotograf und dokumentiert unter dem Titel »May Be an Image of Nature« die Architektur von Zoogehegen. Ganz ohne Menschen, ganz ohne Tiere.

(Wie fotografiert man einen Zoo ohne Tiere? Bei unserem Spaziergang zeigte sich, dass es leichter ist, als ich dachte. Die Tiere stehen ohnehin immer nur am Bildrand rum. »In the zoo the view is always wrong«, schrieb schon der große Kritiker John Berger: »One is so accustomed to this that one scarcely notices it any more«.)

Nommel sammelt auf diese Weise Bilder von rätselhaften Landschaften. Landschaften, die um Realismus bemüht und doch erkennbar fake sind, teilweise erinnern mich die Fotos an Screenshots aus Videospielen. Zugleich ist das, was Nommel macht, handwerklich sehr strenge, ja unoriginelle Dokumentarfotografie.

Sie merken, ich bin ein Fan, und als solcher freue ich mich, dass mein minikleiner Text ĂĽber Nommels Fotoprojekt jetzt zusammen mit einigen seiner Aufnahmen auf Panorama.pm erschienen ist, einer tollen Website fĂĽr Landschaftsfotografie.

P.S.: Eine Ausstellung im Jenaer Kunstverein folgt im November 2023.

Modesemiotik im Alltag

Heute beim Kinderturnen: Eine Mutter trägt Sweatpants mit Cargotaschen. Man fragt sich unweigerlich: Ist das die endgültige Domestizierung der Militarypants, oder eher die Militarisierung des Alltags?

Vermutlich ist es in Zeiten der drone warfare aber schlicht konsequent, den Look von GI und Couchpotato zu hybridisieren.

Jedenfalls: Sicher das avancierteste modische Statement, das ich dieses Jahr zu sehen bekommen habe!

Zum Relaunch des Â»Tagesspiegels«

Heute erschien die erste Ausgabe des Berliner Tagesspiegel nach einer ziemlich rabiaten Neugestaltung. Die Zeitung erscheint jetzt im Tabloidformat, auf den ersten Blick sieht das sehr schick aus. Doch ob die Redaktion sich (und ihren Leser*innen) einen Gefallen getan hat mit dem Relaunch, das bezweifle ich.

Ich lese den Tagesspiegel nicht täglich, aber bestimmt einige Male pro Woche, und bin heute beim Blättern ziemlich verwirrt. Klar: Das ist man immer, wenn eine Redaktion ihre Inhalte neu sortiert, aber hier bin ich nicht sicher, ob sich in drei, vier Wochen eine Gewöhnung und eine neue Übersichtlichkeit einstellen wird.

Der Eindruck von Chaos und Zerrissenheit scheint doch eher einem strukturellen Problem geschuldet zu sein: Der Neusortierung in nur zwei Bücher, ein überregionales und ein regionales, statt wie bisher: Mantel — Lokalteil — Kultur — Sport etc./o.ä.

Es gab schon immer (und es gibt bei fast jeder Regionalzeitung) einen ĂĽberregionalen und einen regionalen Politikteil. Okay. Aber ist es sinnvoll, das Feuilleton in einen ĂĽberregionalen und regionalen Kulturteil zu zerrupfen? Und welche Kultur wird dann wo einsortiert?

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Wozu Smartphones?

»Als ich mich neulich im Krankenhaus einer [… O]peration unterzog, war die diensthabende Empfangsdame, obwohl sie noch halb schlief — es war 5.30 Uhr morgens —, damit beschäftigt, auf ihrem Smartphone nach Turnschuhen zu shoppen. Genau das ist es ja, worum es beim Besitz dieses Geräts eigentlich geht: die unbegrenzte Möglichkeit, rund um die Uhr Dinge zu kaufen, unabhängig von den Umständen, in denen man sich befindet.«

So beginnt Dieter Roelstraete seine Kolumne Think Tank. Gedanken zur Gegenwart in der neuen Ausgabe der Zeitschrift Monopol (Dezember 2022).

Oder wie einst Meg Carter unter der Ăśberschrift Billboards in your pockets im Guardian schrieb:

»Now that we have learnt to ignore adverts on television and websites, the next big test will be avoiding them on our mobile phones.«

Niemand kann behaupten, er sei nicht gewarnt worden: Carters Zeilen stammen aus dem Sommer 2001 — etwa sechs Jahre vor der Marktreife des ersten iPhones.

Immerhin: Roelstraetes Operation lief offenbar ohne Komplikationen. Doch ob die Empfangsdame jetzt schicke neue Sneaker trägt, werden wir wohl nie erfahren (außer auf ihrem Insta, vielleicht?).

Attacking (and adoring) the classics

»There has been a good deal of debate in recent years about the Greek and Roman classics and their claim to universality […] even when scholarship has long made it clear that the civilizations that produced them were founded on values and institutions a number of which we find repellent — patriarchy, misogyny, economies based on the labor of enslaved people. […] The fact is that such crises have always been good for the field.«

Taken from Daniel Mendelsohn’s review of Stephanie McCarter’s new translation of Ovid’s Metamorphoses. More of that here.

Peter Schjeldahl (1942–2022)

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Neulich saß ich abends noch länger wach und blätterte in Hot, Cold, Heavy, Light, einer Sammlung von Texten des amerikanischen Kunstkritikers Peter Schjeldahl.

Schjeldahl arbeitete zuletzt für den New Yorker und sein Artikel The Art of Dying im Dezember 2019 war der erste, den ich bewusst von ihm las. Er schrieb ihn in der Gewissheit seines baldigen Todes. Der Text hat mich umgehauen.

Schjeldahl hat dann noch fast drei Jahre durchgehalten und bis zuletzt gearbeitet. Er starb im Oktober, im Alter von 80 Jahren. Eine der letzten Ausstellungen, die er besprochen hat, war die Wolfgang-Tillmans-Retrospektive, die immer noch im Museum of Modern Art läuft.

Schjeldahls Sprache ist weniger spröde und verrätselt als die vieler akademischer Kunstkritiker*innen (sein Anspruch ans Schreiben: »as little forbidding and boring as possible«), aber ich kann nicht behaupten, dass ich ihm immer folgen kann. Etliche der Künstler*innen, denen er sich in diesem Buch widmet, sind mir zudem völlig unbekannt (bezeichnend, dass es vor allem Frauen sind: Ree Morton, Elizabeth Murray, Jane Dickson, Laura Owens, … ).

Aber wo BildungslĂĽcken so offensichtlich sind, besteht die Chance, noch was zu lernen.

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Hamburg Graffiti History 1980—1999

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Eine Stadt wird bunt: Hamburg Graffiti History 1980-1999, die neue Sonderausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte, erzählt von Graffiti in Hamburg als Zeitgeschichte der 1980er- und 1990er-Jahre.

Es geht um die (oft illegal praktizierte) Kunstform, aber ebenso sehr um die Räume, in denen sie stattfand, die Zeit, in der sie sich entwickelte und die Szenen und Subkulturen, die sie prägte.

Pointiert könnte man sagen: Man sieht gar nicht so viel Graffiti in dieser Graffiti-Ausstellung.

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