Werner BĂĽttner im Musicaltheater

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Alles am Disney-Musical Die Eiskönigin ist darauf angelegt, das Publikum zu überwältigen: die Kostüme, die Musik, die Kulisse (die kaum zur Ruhe kommt, weil sich das Bühnenbild ständig verwandelt) und natürlich auch die Magie.

Doch als ich mir das Stück neulich ansah (in der Nachmittagsvorführung am Wochenende, allein unter achtjährigen Mädchen in eisblauen Prinzessinenkleidern und ihren Familien), hatte ich den krassesten »Wow!«-Moment in der Pause.

Da schlenderte ich ziellos im Theater an der Elbe umher, schaute mal ins Foyer im Obergeschoss und … »warte mal, spinn‘ ich?« Da hing tatsächlich ein groĂźformatiges Original des Malers Werner BĂĽttner!

Etwas versteckt zwar, aber unverkennbar. Dieses Motiv habe ich neulich noch in seiner Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle gesehen, über die ich hier geschrieben habe. Titel des Gemäldes: »Die Avantgarde von hinten«.

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Zu Besuch in der Superheldinnen-WG

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Comicfestival

Die Zeichnerin Marijpol hat sich für ihren Comic Hort die WG dreier Superheldinnen ausgedacht: Petra ist eine Bodybuilderin, Ulla eine Riesin und Denise experimentiert mit Körpermodifikationen (da, wo bei anderen Arme und Beine sind, ragen bei ihr lebende Schlangen aus Hosenbeinen und Ärmeln).

Allerdings sind es drei Superheldinnen, die nicht Verbrecher jagen, sondern versuchen, mit ihrem Alltag klarzukommen, eine ungleich schwierigere Aufgabe.

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Auf der Reeperbahn nachts um halb eins

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Meine Sorge, dass der Kiez bald dunkel bleiben wĂĽrde, hat sich als unbegrĂĽndet erwiesen.

Also klar: »Der Betrieb beleuchteter oder lichtemittierender Werbeanlagen ist von 22 Uhr bis 16 Uhr des Folgetages untersagt.« So steht es in der Verordnung der Bundesregierung zum Energiesparen (a.k.a. EnSikuMaV). Aber das heißt ja noch lange nicht, dass sich jetzt alle daran halten.

Im Falle der Großen Freiheit ist das vermutlich gut so und laut Verordnung auch zulässig, wenn es zur »Aufrechterhaltung der Verkehrssicherheit oder zur Abwehr anderer Gefahren erforderlich ist«.

Trotzdem Chapeau an Susis Show Bar fĂĽr die vorbildliche Gesetzestreue.

Faktenwissen und Teilhabe

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) verteidigt im Gespräch mit Moritz Baumann vom Newsletter Table.Bildung das Kerncurriculum, das Bestandteil seiner aktuell laufenden Reform der Bildungspläne ist:

Ăśberall […] werden von jungen Erwachsenen Lese-, Rechtschreib- und Mathematikkenntnisse sowie Grundkenntnisse ĂĽber unsere Welt erwartet. Da geht es um konkretes Faktenwissen, das aber bisher kaum in unseren Bildungsplänen berĂĽcksichtigt ist – mit dem hanebĂĽchenen Argument, das sei Pädagogik von gestern. Das Ergebnis ist ein Skandal: NatĂĽrlich verfĂĽgen Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern ĂĽber dieses Faktenwissen. Aber wir haben in Hamburg 40 Prozent Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern, die dieses Privileg nicht haben. Es empört mich, dass privilegierte Milieus, die sich in der Bildungspolitik engagieren, das Faktenwissen in der Schule zurĂĽckdrängen wollen. Sie riskieren damit, dass SchĂĽler aus bildungsfernen Familien nach der Schule weder ein Bewerbungsgespräch bestehen noch eine Nachrichtensendung verstehen.

Rabe argumentiert nicht im Sinne einer (christdemokratischen) »Leitkultur«, sondern sozialdemokratisch, mit Chancengleichheit und Teilhabe.

Ähnlich argumentierte in den USA etwa Eric Liu, der »kulturelle Alphabetisierung« und Teilhabe zusammendenkt (in der Tradition von E.D. Hirsch, dessen Überlegungen hierzulande bisher offenbar kaum eine Rolle spielten. Why?)

Das ganze Interview gibt es hier (Aboschranke).

Wo ist das Publikum?

Mein Kollege Christoph Twickel kommentiert auf ZEIT ONLINE den Status Quo der Live-Musik und Clubkultur:

Bookingagenturen, Musikerinnen und Musiker – alle erzählen dasselbe: Es kommen im Schnitt noch 30 bis 40 Prozent der Leute zu den Konzerten. »Wir haben Zuschauereinbrüche ohne Ende«, sagt Dirk Matzke vom Knust, ein Hamburger Konzertclub in bester Schanzenviertellage. Das Reeperbahnfestival, das diesen Mittwoch in Hamburg beginnt, hat ein Drittel weniger Karten verkauft als vor der Pandemie. Rocko Schamoni – Sänger, Autor, Mitgründer von Studio Braun, ein Mann mit solider Fanbasis – hat vor der Pandemie zweimal das Gloria in Köln mit jeweils 800 Menschen ausverkauft. Im August spielte er dort vor 270 Gästen. Ein Konzert in Bremen musste letzte Woche abgesagt werden, der Vorverkauf lief nicht gut.

Und:

In der Konzertbranche verweisen viele auf das Überangebot – die während der Pandemiebeschränkungen ausgefallenen Termine müssen nachgeholt werden, daher gibt es mehr Konzertangebot denn je. Doch auch bei den Nachholterminen, erzählen die Veranstalterinnen und Veranstalter, gibt es No-show-Raten von einem Drittel und mehr. Die Leute lassen ihre schon gekauften Tickets einfach verfallen.

Was ist da los? Unklar, zumal Branchen wie die Gastronomie und Hotellerie offenbar nicht unter vergleichbaren Umsatzrückgängen leiden. Den ganzen Text gibt es hier (für Abonnierende).

Berlin? Nein, wie provinziell! (sagt Chris Dercon)

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Der Kurator und Kulturmanager Chris Dercon war nach FĂĽhrungsjobs am MoMA PS1 in New York, dem Haus der Kunst in MĂĽnchen und der Tate Modern in London von 2017 bis 2018 Intendant der Berliner VolksbĂĽhne.

Er wurde dort nicht sehr herzlich empfangen und hat sich in Berlin nicht nur Freunde gemacht. Eine beispielhafte, bittere Bilanz zog Susanne Burkhardt fĂĽr den Deutschlandfunk.

Dennoch blicke er »ohne Rachegedanken zurück auf Berlin« (interessante Formulierung: »Rachegedanken«? Muss man fürchten, dass geschasste Intendanten irgendwann zurückkommen um die Stadt abzubrennen?).

Also – sagt er zumindest im Interview mit dem Monsieur Magazin. Und dann sagt er noch ein paar Sachen über Berlin.

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Neues Forschungsprojekt zu Hamburger Musikgeschichte(n)

Thorsten Logge, Geschichtsprofessor an der Uni Hamburg, sagte mir neulich im Interview:

Hamburg vermarktet sich als Musikstadt, doch zeitgleich erleben wir, dass Räume der Subkultur verschwinden. Bunker, in denen sich oft Proberäume befinden, werden geschliffen. Musikalienläden machen zu. Wir haben kein gutes Verständnis davon, was eine Musikstadt außer Marketing ausmacht.

Doch:

Nur wer die Geschichte kennt, kann auch die Gegenwart verstehen oder Prognosen fĂĽr die Zukunft abgeben.

Deshalb hat Logge ein Forschungsprojekt namens »Hamburger Musikgeschichte(n) der 1970er- und 1980er-Jahre« gestartet.

Etwas ausfĂĽhrlicher schreibe ich darĂĽber auf ZEIT ONLINE (fĂĽr Abonnent*innen).

Es gibt von Oktober bis Dezember auch ein öffentliches Veranstaltungsprogramm mit dem Konzertveranstalter Karsten Jahnke, der Historikerin Julia Sneeringer (die unter anderem dieses lesenswerte Buch geschrieben hat), Schorsch Kamerun (Goldene Zitronen), Holger Jass (Onkel Pö) und anderen. Mehr Infos dazu hier.

Wie verfĂĽhrt man Fleischesser zum Veggie-Schnitzel?

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Mein Kollege Martin Machowecz liebt Cordon Bleu. Das Schnitzel! Der Schinken! Der Käse! Neulich biss er in ein Cordon Bleu und traute seinen Geschmacksnerven kaum: Das schmeckt ja! Dabei war dieses ein veganes Cordon Bleu – ohne Schnitzel, ohne Schinken, ohne Käse.

Machowecz begann zu recherchieren, wie das passieren konnte …

Im Podcast Hinter der Geschichte sprechen wir darĂĽber, wie viel Knowhow in Fleischersatzprodukten steckt, wie ausgerechnet ein Wurstfabrikant zum Herrscher ĂĽber den deutschen Veggie-Markt werden konnte und wieso der Kampf gegen den Klimawandel auf eines nicht verzichten kann: auf das perfekte MundgefĂĽhl.

Jetzt auf Spotify und mutmaßlich überall sonst, wo es Podcasts gibt – oder klicken Sie einfach hier.

Re: »Kulturpolitik als Sicherheitspolitik«

»Kulturpolitik ist Sicherheitspolitik«, sagte Claudia Roth (Grüne), die Staatsministerin für Kunst und Kultur, vor einigen Monaten. Aber das war vor dem russischen Überfall auf die Ukraine, vor der anhaltenden Bombardierung der Städte dieses Landes und vor der allem Anschein nach teils wahllosen, teils gezielten Ermordung von Zivilisten durch die russische Armee.

Unmittelbar nach dem russischen Überfall beschloss der Bundestag, zusätzliche 100 Milliarden Euro in die Sicherheit zu investieren. Jetzt wurde bekannt, dass an der Außenkulturpolitik derweil gespart wird.

In einer Pressemitteilung des Goethe-Instituts heiĂźt es:

Für 2023 sieht der Haushaltsentwurf der Bundesregierung eine Kürzung der institutionellen Förderung des Goethe-Instituts auf 224 Millionen Euro vor, das sind 26 Millionen Euro weniger als noch 2021. Schon jetzt haben die 2022 erlittenen Kürzungen bewirkt, dass viele Institute im Ausland ihre Kulturarbeit bis Ende des Jahres praktisch einstellen müssen.

Die Inflation und steigenden Heizkosten kommen noch hinzu. Präsidentin Carola Lentz beteuert zwar, dass das Goethe-Institut »für die Bundesrepublik ein wesentliches Instrument internationaler Verständigung« sei, und wird in der Pressemitteilung mit den Worten zitiert:

Wir befinden uns allerdings wahrlich in einer für Europa seit dem Zweiten Weltkrieg einmaligen Situation. Angesichts neuer geostrategischer Blockbildungen sowie enger werdender Freiheitsräume kommt der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik eine noch wichtigere Rolle zu als bisher: Um für Deutschland als attraktiven Standort zu werben, um Kooperationen mit herausfordernden Partnerländern zu erhalten, um international die Freiräume für künstlerisches Experiment und offene Debatten zu verteidigen.

Doch trotz dieser Rhetorik – »Geostrategie«, »Blockbildung«, »verteidigen« – sprechen die Zahlen für sich: Kulturpolitik ist jetzt offenbar keine Sicherheitspolitik mehr.

Nachtrag, 14.9.2022: Die NZZ berichtet über das drohende Ende des vom Auswärtigen Amt finanzierten Online-Medius Qantara, das sich für den Dialog zwischen Deutschland und der islamischen Welt einsetzt: hier.

Fettes Brot, R.I.P.

Anlässlich der angekündigten Auflösung von Fettes Brot habe ich eine Art Nachruf geschrieben. Es geht darin auch um Antilopen Gang, Beginner, Cora E., Digger Dance, Fatoni, Juse Ju, Kollegah, Yung Hurn – also irgendwie um alle. Ah, und um Alanis Morissette! (Allerdings nur ihre Haare, nicht ihr Musical.)

Die These lautet, dass Fettes Brot erstens besser sind, als viele denken, und zweitens wacher. Sie können das hier auf ZEIT ONLINE lesen (ohne Aboschranke).