»Ist das ’ne Frau, die da auf der BĂĽhne steht?«

Es sind die frühen 1970er-Jahre, die Musikszene der BRD besteht im wesentlichen aus Schlager-Interpreten, als in Hamburg ein Ford Transit mit Instrumenten vollgeladen wird (Orgel, E-Gitarre, Effektgeräte, so neumodischer Krams). Die Band Frumpy macht sich auf den Weg, um der Welt den R O C K zu bringen. Es gibt nur ein Problem: Erstmal muss man mit der Karre über die Kasseler Berge kommen.

Inga Rumpf: Mit Frumpy haben wir also sehr viel gespielt, um bekannt zu werden. Wir sind in diesen wunderschönen Dorfsälen aufgetreten, hatten zwar noch nicht so viele Songs, haben dafür auf der Bühne aber umso mehr improvisiert.

DIE ZEIT: Haben die Leute in den Dorfsälen verstanden, was sie da zu sehen bekamen?

Inga Rumpf: Die jungen, natürlich, die haben sich gefreut. Die älteren haben geguckt: »Ist das ’ne Frau, die da auf der Bühne steht?« Ich sah ja aus wie ein Typ, trug eine Jeans, ein Unterhemd und lange Haare wie alle anderen, dazu die tiefe Stimme. Das war schon ungewöhnlich. Anfang der Siebzigerjahre, das war fast noch Nachkriegsdeutschland.

Das mal als Auszug. Mein ganzes Interview mit Inga Rumpf, 74, über Gender Trouble im Dorfsaal, die Anfänge von Folk und Rock in West-Deutschland und die Notwendigkeit von Drogen, um das alles überhaupt durchzuhalten, steht jetzt in den Hamburgseiten der ZEIT.

(Wieso wurde dieser Stoff noch nicht verfilmt? Ich sehe eine große deutsche Komödie.)

A leftist’s defense of the nouveaux riches

Old Money types have always detested the arrivistes. The nouveau riche […] make wealth look like something nasty and indefensible. Douchebags in Lamborghinis fundamentally undermine the self-conception of the upper classes, which is that they are the appointed stewards of taste and judgment against the vast uncultured hordes. But since the rich of all flavors are a monstrosity and a cancer, it’s the flashy, obnoxious kind of wealth that we should hope for, the kind that tells no lies and is more obviously despicable. Civility is destructive because it perpetuates falsehoods, while vulgarity can keep us honest.

Taken from Amber A’Lee Frost’s essay The Necessity of Political Vulgarity.

(This was written and published before the Trump presidency and I’m not sure it still holds up, but it’s an interesting argument nonetheless …)

Warum gibt es nicht mehr Frauen in MINT-Fächern?

Hier die Einschätzung der Schriftstellerin Sibylle Berg:

Der Wert von Frauen bemisst sich immer noch an ihrer geschlechtlichen Verwertbarkeit. Intellektuelle Fähigkeiten werden bei ihnen bis heute nicht goutiert. […] Studierende der IT-Fächer gelten als Nerds: ästhetisch egal, sozial unverträglich; das ist gerade das Gegenteil aller Eigenschaften, die Frauen immer noch einen gesellschaftlichen, evolutionären Vorteil versprechen. Kurz: FĂĽr Frauen ist der Schritt in einen IT-Beruf eine Fuck-you-Entscheidung – während junge Männer mit Staunen und Bewunderung bedacht werden, wenn sie Coding-Fähigkeiten besitzen.

Wenn Berg recht hat, ist »das Patriarchat« schuld, dass es nicht mehr Frauen gibt, die MINT-Fächer studieren. Aber nicht, weil es Mädchen sagt: »Ihr könnt das nicht«. Sondern, weil es ihnen sagt: »Ihr könnt das schon machen, aber dann seid ihr nicht mehr sexy.«

Quelle: »Albernheit ist der Motor, der mich gut gelaunt durch mein Restleben führt«. Sibylle Berg im Gespräch mit Jens Balzer und Maja Beckers. In: Jens Balzer, Maja Beckers, Thomas Vasek und Lars Weisbrod (Hrsg.): Sibylle Berg, Dietmar Dath. Zahlen sind Waffen. Berlin: Matthes & Seitz, 2021, S. 104–116. Hier: S. 108.

Kirche + Kapital ❤️ Ton Steine Scherben

20210723-kaputtmachen

Die Band Ton Steine Scherben ist 1970 angetreten, um die bestehende Ordnung abzuräumen. »Musik ist eine Waffe«, schrieb sie und stellte sich in den Dienst aller Gruppen, die den Klassenkampf vorantreiben (diese Erklärung erschien in der Zeitschrift Agit 883, in der kurz zuvor die Rote Armee Fraktion ihre Gründung bekannt gegeben hatte).

Und heute? Werden Ton-Steine-Scherben-Songs in Weihnachtspredigten zitiert (wie 2011 in der Kartäuserkirche in Köln) oder auf die Titelseiten von Wirtschaftsmagazinen gedruckt (wie auf der aktuellen Ausgabe von brand eins, siehe Foto).

Sind Ton Steine Scherben also gescheitert am Kapitalismus, der sich noch seine ärgsten Feinde einverleibt und durch Kritik nur stärker wird? Oder haben sie gewonnen, weil sie der Gesellschaft ihren Stempel aufdrückten und sie zu verändern halfen, wenigstens ein bisschen?

Ich weiĂź es nicht. Aber ich wollte kurz durchgeben, dass mein Artikel ĂĽber den Auftritt der Band 1971 an der katholischen Sophie-Barat-Schule in Hamburg jetzt auch auf ZEIT ONLINE zu lesen ist (fĂĽr alle mit Abo).

Alles, was Sie schon immer ĂĽber Ă–PNV wissen wollten

In der Elbvertiefung, dem täglichen Hamburg-Newsletter der DIE ZEIT, haben wir neulich eine kleine Themenwoche zum ÖPNV veranstaltet. Weil, wieso nicht? Es war ja auch Sommerloch.

Der Haken an der Sache: Ich war zuständig und bin die Sache eher, äh, feuilletonistisch angegangen. Es gab also Texte darüber, wie schön es ist, sich mit dem Bus im Hafen zu verfahren. Oder welche philosophischen Denkanstöße sich ergeben, wenn man einen S1-Simulator spielt.

Damit war das Interesse unserer Leserinnen und Leser an diesem Themenkomplex noch nicht gänzlich erschöpft und die geschätzen Damen und Herren bombardierten uns mit Fragen. Warum gibt es in Hamburg kein 365-Euro-Ticket? Wieso nicht mehr Fähren? Was ist mit dieser einen Buslinie in Altona, die doch eigentlich nach Eimsbüttel verlängert werden sollte? Und wann werden eigentlich diese furchtbaren E-Roller eingesammelt und verschrottet?

War klar, dass wir nicht damit durchkommen wĂĽrden, diese Fragen zu ignorieren, also haben wir uns auf die Suche nach Antworten gemacht. Bei Hochbahn, Deutsche Bahn, Hadag und HVV sowie beim Verkehrssenator Anjes Tjarks (GrĂĽne).

Hier nun das frei lesbare und seeehr lange Interview mit fast allen Leserfragen und Antworten (wobei: es sind nur 33 Fragen, Kollege Moritz von Uslar schafft routinemäßig 99, aber irgendwie ist das trotzdem viel Text geworden).

Let’s push Lokaljournalismus forward!

Nicht erst StraĂźenrap hat den Pop sexistisch gemacht. Wie weiter?

Warum erreicht #metoo erst jetzt die Rap-Szene? Hätte das nicht viel früher passieren müssen? Weil die mit ihrem Mütterficken, Schwulenbashen etc. etc. doch offensichtlich ein Problem ist? Der Pop-Kritiker Diedrich Diederichsen nimmt sich dieser Fragen in diesem frei lesbaren Essay in der ZEIT an – und hilft, ein paar Dinge zu klären.

Zunächst mal, dass auch John Lennon, die Spencer Davis Group, The Who, Rolling Stones und andere Größen der goldenen Sechzigerjahre lustvoll Femizide und Gewalt gegen Frauen besangen. Das entschuldigt Gzuz und Bushido und alle anderen nicht, die das heute immer noch tun, aber es ist wichtig, denn:

Rassismus und vergleichbare markierende, gruppenbezogene Ideologien der Rechten treten […] in letzter Zeit seltener dadurch auf, dass sie den anderen ein bestimmtes Wesen, eine Essenz zuschreiben, sondern häufiger dadurch, dass sie ihnen ihrerseits einen inhärenten Rassismus oder Sexismus vorwerfen: Muslime seien misogyn, Juden islamophob, Klimaaktivistinnen klassistisch, postkoloniale Intelektuelle antisemitisch et cetera. Dass man sich daher als weiĂźer, westlicher und männlicher Musikjournalist nicht an der strukturell rassistischen Gleichsetzung von Hip-Hop mit Sexismus beteiligen wollte, lag darĂĽber hinaus an der unterschwelligen Implikation, dass andere Formen der Popmusik dann wohl weniger sexistisch ausfielen. Stimmt natĂĽrlich nicht.

FĂĽr Rap wie einst fĂĽr Rock gelte:

Popmusik ist in all ihren Formen, die ĂĽberhaupt der Rede wert sind, ein Ereignis des Zu-Wort-Kommens. Hier reden, formulieren, gestalten die, die bis dahin nicht zu Wort gekommen sind, weil zu jung, zu ausgeschlossen oder zu unartikuliert. Dieses Ereignis ist immer ein Gewinn, doch was zu Wort kommt, oft hochproblematisch, selbst wenn es sich um Befreiungen handelt. Die jungen Männer der Sechziger steckten ohne Frage in libidinösen Gefängnissen. Ihre Befreiung dekontaminierte ihre toxische Männlichkeit kaum. Gab man ihnen frei, machten sie Jagd auf Girls, fast im wörtlichen Sinne. […] Das spricht nicht gegen Befreiung an sich, aber […] es spricht fĂĽr die Einhegung jeder Befreiung in intersektionale Strukturen.

(Man will natürlich gleich besserwisserisch nachhaken: Wirklich alle Formen der Popmusik sind ein Zu-Wort-Kommen? Was ist mit elektronischer Musik? Spalten wir aber keine Haare, sondern beißen uns auf die Zunge – dieser Text ist zu gut, um ihn hier schon zu zerreden.)

Weiterlesen auf Piqd.de … (wo dieses Posting zuerst erschienen ist).

Ist Gewalt okay, um die Menschheit zu retten?

Ist der Einsatz von Gewalt zulässig, um die Klimakatastrophe zu bremsen? Ja, sagt Andreas Malm, Human-Ökologe an der Uni Lund in Schweden und Autor (z.B. Wie man eine Pipeline in die Luft jagt,2020). Und, mehr noch: Gewalt sei nicht nur zulässig, sondern aus taktischen Gründen geboten. In der aktuellen Ausgabe der ZEIT erläutert er seine Position.

Malm argumentiert, dass längst Gewalt eingesetzt werde, sinngemäß »strukturelle«, »systemische«, »institutionelle« Gewalt, der er individuelle Gewaltakte entgegensetzen will (»ausschließlich Gewalt gegen Sachen«, betont er).

Die Argumentation erinnerte mich an ältere Debatten, zum Beispiel in der afrikanisch-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Kwame Ture und Charles V. Hamilton machten in den späten 1960er-Jahren den Begriff des »institutional racism« bekannt. Sie  schrieben in ihrem Buch Black Power. The Politics of Liberation:

When white terrorists bomb a black church and kill five black children, that is an act of individual racism, widely deplored by most segments of society. But when in that same city – Birmingham, Alabama – five hundred black babies die each year because of the lack of proper food, shelter and medical facilities, and thousands more are destroyed and maimed physically, emotionally and intellectually because of conditions of poverty and discrimination in the black community, that is a function of institutional racism.

Ähnlich argumentiert nun Malm, der sagt, »SUVs, Jachten, Vielfliegerei, mehrere Wohnsitze: Diese Arten von Konsum sind Gewaltakte.« Er führt das so aus:

Ich weiß, dass wir üblicherweise anders denken. Die Tötung von George Floyd etwa: Da hat man einen Polizisten, der direkte zwischenmenschliche Gewalt anwendet. Das Problem der Gewalt der Klimakrise ist: Sie geschieht nicht von Angesicht zu Angesicht. Wir werden nie einen achtminütigen Videoclip sehen, wo der Chef einer Ölfirma einen mosambikanischen Bauern erwürgt. Wir haben eine über die Atmosphäre vermittelte Gewalt, und wir sind nach wie vor in dem Denken befangen, dass sich die Verfeuerung von fossilen Brennstoffen in Luft auflöst, folgenlos bleibt, solange wir die Folgen nicht sehen. Und die spielen sich am stärksten fern von den Verursachern ab, im globalen Süden.

Von dieser Analyse muss man nicht zwangsläufig zur Legitimierung von »Gegengewalt« kommen. Ture und Hamilton etwa schlugen in Black Power gewaltfreie Ansätze der Gegenwehr vor. Und als ich irgendwann vor der Pandemie einen Vertreter des deutschen Ablegers von Extinction Rebellion bei einer Diskussionsveranstaltung erlebte, sprach dieser sich entschieden gegen Anschläge und Sabotageaktionen aus, weil er meinte, dass diese moralisch falsch und zudem taktisch unklug seien – wenn Massenmobilisierung das Ziel sei, könne man nicht auf Gewalt setzen, die viele Leute abschrecke.

Andreas Malm sieht das anders. Weiterlesen auf Piqd.de … (wo dieses Posting zuerst erschienen ist).