Abendbrot mit Helene-Fischer-Doubles

Die echte Helene Fischer wollte mir kein Interview geben. Hab ich halt ihre Doubles getroffen. Unser Gespräch über Rampenlicht, Realness und wie man sich diese Songtexte merkt: Diese Woche in DIE ZEIT (Ausgabe Nr. 33/2017) sowie online (registrierungspflichtig).

Mit den Doubles Jenny, Katharina und Lena. Fotos von Henning Ross. Die Idee habe ich diesem Roman zu verdanken. Danke an alle.

Andrea Berg ♥ Horst Seehofer

… darüber hinaus haben sie sich leider nichts zu sagen

Heute in der Bild am Sonntag: Schlagersängerin Andrea Berg interviewt CSU-Chef Horst Seehofer. Gute Idee!

Nicht nur, weil sich da zwei Kenner der Gefühlslagen des Deutschlands außerhalb urbaner / intellektueller Filterblasen treffen. Es begegnen sich hier auch zwei ewige Zweitplatzierte, die ein ähnliches Problem haben: Sie kommen einfach nicht raus aus dem Schatten ihrer jüngeren Chefinnen (Angela Merkel, Helene Fischer). Es hätte also spannend werden können.

Doch dann beginnt Andrea Berg ihr Interview so:

Wissen Sie, ich habe im Vorfeld viele Leute gefragt, wie Sie denn eigentlich wirklich sind! Und viele haben gesagt, dass sie ein richtiger bayerischer Haudegen sind. Und da dachte ich: Wenn der also wirklich ’nen Arsch in der Hose hat und sagt, was er denkt, dann ist das schon mal ein guter Anfang! Everybody’s Darling sind Sie eher nicht, oder?

Da stimmt Horst Seehofer gerne zu. Und revanchiert sich für das Kompliment ein, zwei Antworten später:

Deshalb sind Ihre Liedtexte auch so gut, Frau Berg! Weil sie das wirkliche Leben widerspiegeln. All Ihre Worte sind in irgendeiner Weise von den Menschen schon einmal erlebt worden. Und dazu sollte man sich auch einmal offen bekennen.

Es passiert also leider genau das, was es oft so grausam macht, heimlich / versehentlich erste Dates zu belauschen: Menschen, die nichts wollen, außer einander zu gefallen, führen einfach keine interessanten Gespräche.

Das ganze Interview gibt es auch online (hinter der Paywall).

Schlafen gegen das System!

Eine Notiz zu John Crary und seinem Buch »24/7«

Die größte Provokation für den modernen Menschen ist, dass er sterben muss. So in etwa formulierte das der Philosoph John Gray in seinem Buch Wir werden sein wie Gott (ich habe hier darüber geschrieben). Der Tod erinnere uns daran, dass wir daran gescheitert seien, uns völlig von der Natur zu emanzipieren und die Welt gänzlich unserem Willen untertan zu machen.

»Sleep is the cousin of death«, wissen wir dank Nas, und was der Tod für die Moderne ist, das ist der Schlaf für den Kapitalismus. So könnte man zumindest mit dem Kunstwissenschaftler Jonathan Crary argumentieren, Autor des Buches 24/7: Schlaflos im Spätkapitalismus.

Das Buch ist schon einige Jahre erhältlich, sein Thema erlangte aber in diesem Sommer eine gewisse Brisanz, als im Vorfeld des G20-Gipfels in Hamburg darüber diskutiert wurde, ob die Stadt es auswärtigen Gipfelgegnern verbieten darf, in Protestcamps auf öffentlichen Grünflächen zu schlafen (es ging zuletzt tatsächlich nicht darum, ob man die Camps verbieten darf, sondern das Schlafen in den Camps).

Gegen das Schlafen von Gipfelgegnern im Park gab es zwei Einwände. Erstens das pragmatische Argument, dass von den Campus militante Aktionen ausgehen würden (das hat sich laut Polizeiangaben bewahrheitet). Und zweitens das kategorische Argument, dass der Staat zwar die Versammlungsfreiheit zu wahren habe, dass schlafend im Camp jedoch keine politische Meinungsäußerung möglich sei.

Ist Schlafen unpolitisch? Jonathan Crary würde widersprechen. Er schreibt:

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Wenn der Atomkrieg kommt,

wird alles besser. Dann steigt aus den Trümmern der alten Gesellschaft die sozialistische Weltrepublik. Weil die Arbeiterklasse sich mit den Aliens verbündet.

So sah es in den 1960er und 1970er Jahren der argentinische Trotzkist J. Posadas, dessen Ideen erfreulicherweise nie Anwendung fanden – außer in Star Trek.

Mehr dazu in diesem Essay über Science-Fiction und revolutionären Sozialismus, den der Autor A.M. Gittlitz für die New York Times geschrieben hat.

Wie Marken sterben

Im Februar wurde bekannt, dass American Apparel (eine Klamottenmarke mit guten Basics, fairen Produktionsbedingungen & einem unsympathischen CEO) auf Beschluss des Insolvenzverwalters fast alle deutschen Filialen schließt.

Inzwischen ist auch der Online-Shop in Deutschland nicht mehr zu erreichen. Stattdessen zeigt die Website – in weißer Schrift auf schwarzem Grund – nur einen kurzen Hinweis in broken German (»Wir danken Ihnen für Ihr Geschäft«, »Bitte kontaktieren Sie die folgende Nummer«).

Offenbar steht die Firma so sehr in der Kreide, dass der Insolvenzverwalter ihr selbst für den letzten Gruß an die Kunden einen professionellen Übersetzer versagte und auf die kostenlosen Dienste von Google Translate verwies.

Eine Nummer zu groß für den Anlass, aber: This is the way brands die … not with a bang but a whimper.