Go Dulsberg Go!

2020 war kein geiles Jahr fĂĽr Schulen und Menschen, die sie besuchen mĂĽssen. (2021 war es bisher fast noch weniger.)

Hier jetzt mal eine gute Nachricht: Die Stadtteilschule Alter Teichweg in Hamburg hat den Deutschen Schulpreis bekommen! Der Preis wurde insgesamt sieben Mal vergeben und ist mit je 10.000 Euro dotiert. Geehrt wird die Schule unter anderem für ihre tägliche Late-Night-Show auf YouTube, die (moderiert vom Direx) im ersten Lockdown den Gemeinsinn erhalten sollte.

In der ZEIT:Hamburg fanden wir das damals so gut, dass wir den Schulleiter Björn Lengwenus zu unserem »Mensch des Monats« ernannten. (Hier geht es zu meinem Text.)

Inzwischen wurde die in der verwaisten Schulaula aufgezeichnete Sendung »Dulsberg Late Night« auch mit dem Hamburger Stadtteilkulturpreis ausgezeichnet, mit einer Goldenen Kamera und mit einer Nominierung für den Grimme Online Award (wird im Juni vergeben).

GlĂĽckwunsch an die Schule, an die Kulturagenten und: Go Dulsberg Go!

Wie wird es uns ergehen im Deutschland der Zukunft?

Heute war die Buchpremiere des ersten Romans von Constantin Schreiber, oben links im Bild. Falls Ihnen das Gesicht bekannt vorkommt: Völlig richtig. Der Mann moderiert die 20-Uhr-Nachrichten der tagesschau.

Er ist preisgekrönter Journalist, hat Sachbuch-Bestseller geschrieben – und nun eben einen Roman. Das Buch heißt Die Kandidatin und erzählt von der ersten muslimischen Kanzlerkandidatin in einem heftig polarisierten Deutschland irgendwann Mitte des 21. Jahrhunderts.

Zu den ersten Leserinnen zählt die Bundestagsabgeordnete Sahra Wagenknecht (Die Linke), die dem Roman – der in echt vielleicht ein bisschen mehr von der Gegenwart handelt, als von der Zukunft – in vielen Punkten zustimmt. Wagenknecht hat neulich ebenfalls ein Buch geschrieben, Die Selbstgerechten, das sich ein bisschen wie das Non-Fiction-Pendant zu Schreibers Zukunftsroman liest.

Ich habe auf Einladung des Hoffmann und Campe-Verlags die Diskussion der beiden moderiert.

Trigger-Warnung: Wir reden über Quoten. Und Feminismus. Und einmal wird #allesdichtmachen erwähnt.

(OK, das mit der Trigger-Warnung war ein Witz.)

Was sagen Zehnjährige zu … naja, allem gerade?

ZEIT ONLINE: Was fehlt euch beiden gerade am meisten?
Benedikt: Mir fehlt das GemeinschaftsgefĂĽhl. Nicht immer nur allein zu Hause zu hocken.
Valerie: Das Tuscheln im Unterricht!
Benedikt: Und zusammen auf dem Pausenhof zu sein.
Valerie: Eigentlich fehlt mir das ganze Paket: Gruppenarbeiten, Pausenhof, alles. Auch morgens mit dem Fahrrad in die Schule zu fahren.
ZEIT ONLINE: Wirklich? Der Schulweg?
Valerie: Ja, das weckt mich auf.
Benedikt: Dann hat man richtig Motivation! Jetzt steht man auf, isst ein bisschen FrĂĽhstĂĽck und geht mal eben drei Meter rĂĽber zum Computer.
Valerie: Ich bin dann noch total mĂĽde.
Benedikt: Man schläft noch. Früher hat man gar nicht gemerkt, dass es wichtig ist, morgens an der kalten Luft zu sein und ein bisschen Sauerstoff in den Kopf zu kriegen. Jetzt merkt man: Es ist krass wichtig! Man hockt sonst immer nur drinnen!
Valerie: AuĂźer, man hat einen Hund. Dann geht man noch ab und zu mit dem Hund raus.
ZEIT ONLINE: Gibt es etwas, das ihr in den letzten Monaten gelernt habt und das ihr ohne Corona vielleicht nicht gelernt hättet?
Valerie: Man muss es schätzen, in einer Gruppe zu sein.
Benedikt: Und, dass man Freunde hat. Und, wenn einem die Eltern was erlauben.
Valerie: Ich hätte auch nie gedacht, dass mir die Schule mal fehlen würde. Dass ich mir wünschen würde, wieder in die Schule zu dürfen.
ZEIT ONLINE: Was glaubt ihr, wann dĂĽrft ihr wieder?
Valerie: Es gibt so viele Mutanten. Und vielleicht kommt eine, gegen die das Impfen nicht hilft. Ich glaube, dass es noch zwei, drei Jahre dauern wird.

Meine Interviews mit Zehnjährigen – und mit anderen Schülerinnen und Schülern, die das letzte Mal vor Weihnachten in einem Klassenzimmer saßen – gibt es jetzt auf ZEIT ONLINE (frei lesbar).

Warum Tic Tac Toe ihrer Zeit voraus waren

Tic Tac Toe konnten nicht wahnsinnig gut rappen. Sie waren erfunden worden von einer Managerin. Und sie kamen in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre »auf den Markt«, als es in Deutschland sehr viele Bands gab, die nicht gut rappen konnten und von Plattenfirmen lanciert worden waren.

Nach allem, was man heute über diese Jahre hört und liest, schwammen die Labels im Geld (es war die goldene Zeit nach der Markteinführung der CD und vor der Erfindung von Napster, das MTVIVA-Zeitalter) und Deutschrap und HipHop-Klamotten waren das neue kommerzielle Ding.

Ein Umstand, der von der Szene reichlich beklagt wurde. Beispielhaft Max Herre damals: »A&Rs seh’n aus wie B-Boys, die Kultur zerschellt am Geld, die mediale Definition von HipHop ist ’ne Farce, wir tun was wir immer taten, nur der Kontext ist im Arsch.«

Dass Tic Tac Toe — keine riesengroßen Skills, noch dazu »fake« — damals von vielen nicht ernst genommen und seitdem weitgehend vergessen wurden, ist also vielleicht gar nicht so überraschend. Trotzdem handelte es sich um eine besondere Band, deren Bedeutung neu bewertet werden muss.

Das zumindest schreibt Valerie Schönian, ein Fan von Tic Tac Toe, in der neuen Ausgabe der ZEIT.

( … weiterlesen auf Piqd.de … )

Wie »Schöner Wohnen« die BRD prägte

Ich habe über die Zeitschrift Schöner Wohnen der 1960er- und 1970er-Jahre gesprochen. Mit zwei Leuten, die gerade an Doktorarbeiten zu diesem Thema schreiben.

Ja, das gibt’s! Und es ist sogar interessant. Klicken Sie hier fĂĽr das Gipfeltreffen der Schöner Wohnen-Forschung und erfahren Sie mehr ĂĽber das Einfamilienhaus als politisches Erziehungsinstrument im Kalten Krieg und darĂĽber, wie Geschlechterrollen die Architektur formten – und umgekehrt.

(Kostenlos lesbar fĂĽr Abonnentinnen und Abonnenten der ZEIT.)

Ist es anders, fĂĽr Kinder zu schreiben als fĂĽr Erwachsene?

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Der Schriftsteller Saša Stanišić hat nach drei umjubelten Romanen (zuletzt Herkunft, Deutscher Buchpreis 2019) sein erstes Vorlesebuch für Kinder veröffentlicht: Hey, hey, hey, Taxi!

Das ist ungewöhnlich. Denn während sich immer wieder Amateur-Autoren an Kinderbüchern versuchen, fehlt den meisten etablierten Schriftstellern dafür offenbar der Mut. Es gibt Kinderbücher von Jörg Pilawa und Bastian Schweinsteiger, aber kaum von Trägerinnen und Trägern des Deutschen Buchpreises.

Wieso ist das so?, habe ich Stanišić gefragt. Wusste er auch nicht. Im Interview, das heute in der ZEIT erscheint, erzählt er aber, dass das Schreiben von Kinderbüchern nicht leichter sei als das von Romanen für Erwachsene. Eher im Gegenteil.

Und er gesteht, dass er einen guten Co-Autoren oder literarischen Berater an seiner Seite hatte. Ein oder zwei der besten Ideen aus dem neuen Buch stammen nämlich von seinem kleinen Sohn Nikolai:

Weiterlesen „Ist es anders, fĂĽr Kinder zu schreiben als fĂĽr Erwachsene?“

Ein Dad ist ein Dad ist ein Dad

Was passiert, wenn männliche edgy Hipster-Filmemacher Kinder kriegen? Sie werden Dad. Es lässt sich einfach nicht vermeiden.

»Dad« ist, wie wir spätestens seit dem »Dad Bod«, »Dad Hat«, »Dad Shoe« und »Dad Joke« wissen, nicht nur ein Familienstand, sondern eine ästhetische Kategorie.

Lefty Korine, 12, die Tochter von Harmony Korine (Drehbuchautor von Larry Clarks Kids, Regisseur von Spring Breakers, etc. etc.) im Interview mit Finn Wolfhard:

Wolfhard: What is the best impression you can do of somebody?
Korine: I can do a pretty good impression of my dad, I think.
Wolfhard: What do you do in your impression of Harmony?
Korine: Just lay down and eat food and watch TV.
Wolfhard: [laughs]

Erschienen im amerikanischen Interview-Magazin, Nr. 535 (March 2021), S. 34—35, hier: S. 35.

Wie Yoga aus der Gegenkultur in den Mainstream kam

Es ist noch gar nicht so lange her, da war Yoga in den USA eine Betätigung eher randständiger Gestalten. Hippies, Sinnsucher*innen und Anhänger*innen der Gegenkultur entdeckten die Praxis für sich, die sie als eine dezidiert spirituelle verstanden, als Teil fernöstlicher Denktraditionen und Lebensformen und als eine Alternative zum westlichen Materialismus. Das war in den späten 1970er-, frühen 1980er-Jahren.

Heute ist Yoga ein Multimillionenmarkt, eine Sache der Konzerne, der von ihnen gekauften Fitness-Influencers und der eifrigen Angestellten, die ihnen folgen. Yoga ist ein Sport — fast niemand sagt heute noch entschuldigend, er mache Yoga, »aber ohne den Esokram«, wie man das vor 10, 15 Jahren noch gelegentlich hörte, denn der »Esokram« ist vom öffentlichen Image Yogas sauber abgeschliffen worden.

Pointiert gesagt ist aus einer Praxis der antikapitalistischen LebensfĂĽhrung eine LeibesertĂĽchtigung fĂĽr den Kapitalismus geworden.

Die Sozialwissenschaftler*innen Kamal Munir, Shazad Ansari und Deborah Brown haben diese Entwicklung nachgezeichnet.

( … weiterlesen auf Piqd.de … )

Eine Begegnung mit Hamburgs umstrittenstem Professor

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Als der Physiker Roland Wiesendanger auf eigene Faust ein Papier im Internet veröffentlichte, in dem er behauptete, das Coronavirus sei in einem chinesischen Labor hergestellt worden, war der Aufschrei groß.

Seine Faktultät distanzierte sich binnen 24 Stunden, Medien schrieben von »krudem Zeug«, andere Wissenschaftler*innen spotteten über ein Konvolut aus »copy and paste«, das als studentische Seminararbeit keinen Bestand haben würde.

(Wiesendanger hatte für sein Papier ganze Textblöcke aus anderen Veröffentlichungen übernommen und neben wissenschaftlichen Studien auch Artikel aus Onlinemedien, YouTube-Videos und einen Wikipedia-Artikel als Belege seiner Thesen angeführt.)

Roland Wiesendanger, der als junger Mann jede Prüfung mit Bestnoten bestand und dessen Verdienste im Feld der Nanophysik unbestritten sind, sagt: »Ich habe keine Fehler gemacht« Bald werde die Welt schon sehen.

Wer ist dieser Mann? Und wie kommt er als Physiker zu seiner virologischen Freizeitforschung?

FĂĽr die neue Ausgabe der Hamburg-Seiten der DIE ZEIT habe ich Roland Wiesendanger besucht und mir gemeinsam mit unserer Wissenschaftsautorin Nike Heinen seine Thesen genauer angesehen.

Unser Text ist der Versuch, sein Engagement zu wĂĽrdigen, ohne seinen dunkel schillernden Spekulationen (SARS-CoV-2 ist eine Biowaffe! Etc.) auf den Leim zu gehen.

Ab heute in der gedruckten ZEIT (in und um Hamburg), bundesweit in E-Paper und App sowie hier auf ZEIT ONLINE (Aboschranke). Das Porträtfoto von Roland Wiesendanger hat Jewgeni Roppel aufgenommen.