Wickeln mit Stoffwindeln

Ich habe das für DIE ZEIT ausprobiert. Ja, war eklig. Aber nicht nur.

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Augenringe, Bartschatten, Schlagschatten, richtig scharf ist das Foto auch nicht, aber, hey, ich hab mal wieder was geschrieben!

Ab heute in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE: Eine ganze Seite über Scheiße. Und darüber, wie man sie möglichst ökologisch wieder loswird. Sorry, aber das sind so die Themen, wenn man Tag und Nacht ein Baby betüdelt.

Danke an alle, die mich beim journalistischen Wickeln-mit-Stoffwindeln-Selbstversuch begleitet haben, nicht zuletzt Wickelversum & Einfach Stoffwindeln.

Und Respekt an die Damen und Herren in der Bildredaktion der ZEIT, die dieses charmante Foto mit Baby-Bauarbeiterdekolletée ausgegraben haben.

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Sonntagmorgens in Harlem

… haben alle ihre besten Klamotten an, die Hipster und die Frommen.

Eine meiner Lieblingspopsongzeilen stammt aus Harlem, dem – wie mir strenge, popbeflissene Freunde einreden – mit seinen Streichern vielleicht etwas zu kitschig instrumentierten, ansonsten aber ganz fantastischen Song von Bill Withers aus dem Jahr 1971 (man kann ihn hier auf YouTube nachhören).

Bill Withers beschreibt dort das Leben in Harlem zu einer Zeit, als sich noch keine früheren US-Präsidenten mit ihren Büros in dem Stadtviertel niederließen, als es noch nicht mal Starbucks-Filialen gab, dafür herzlose Vermieter, betrügerische Prediger, viel Armut und jeden Sonntagmorgen ein besonderes Spektakel:

Sunday morning here in Harlem
now everybody’s all dressed up
the hip folks are getting home from the party
and the good folks just got up.

Das ist das vielleicht beste Beispiel für Hemingways Eisbergmodell, das ich kenne: Gerade mal 26 Worte, die ein Bild entstehen lassen, das ich nicht mehr vergessen konnte.

26 Worte, die eine ganze Welt entstehen lassen. Man ahnt, welche Konflikte es hier gibt. Zwischen Nachbarn, aber auch in Familien, zwischen den Eltern (good folks), die noch ihrer Südstaaten-Frömmigkeit anhängen und den Kindern (hip folks), die darauf bestehen, dass es in der Großstadt doch gerade nicht darum geht, seine ländlichen Traditionen zu pflegen, sondern ums Sich-neu-erfinden.

Dass man Sonntagmorgens seine besten Kleider trägt, darauf können sie sich immerhin noch einigen.

Aber … es ist eine Popsongzeile. Und man tut in der Regel gut daran, die nicht zu wörtlich zu nehmen. Denn auch im Pop geht es ums Sich-neu-erfinden.

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Heimliche Profiteure des Feminismus

Spoiler: Es sind die Männer

Männer sterben in Deutschland im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen. Dazu schreibt heute Paula Lochte in der FAS:

Das hat weniger genetische Ursachen als gesellschaftliche. Mehr als 75 Prozent der Geschlechterunterschiede in der Lebenserwartung sind auf nichtbiologische Faktoren zurückzuführen, hat der Demograph Marc Luy errechnet. Auf dieser Erkenntnis baut eine jüngst veröffentlichte Studie des Robert-Koch-Institutes und der Universität Bielefeld auf. „Männer sterben durch ihr Verhalten früher: Rauchen, Alkoholkonsum, schlechtes Essen und riskante Manöver im Straßenverkehr“, zählt Petra Kolip auf, die als Professorin für Prävention und Gesundheitsförderung an der Studie beteiligt war.

Demnach leben Männer — das habe eine zweite Studie gezeigt — dort länger (und ähnlich lange wie Frauen), wo größere Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herrscht.

Hier geht’s zum Text.
 

Klimastreik in der kleinen Stadt

Alles eine Frage der Relation!

Es sind nicht so viele Menschen wie in Berlin oder Hamburg, aber auch hier genug, um ganze Straßenzüge zu füllen: Die heutige Klima-Demo in Goslar.

(500 Leute sollen es nach Angaben der Lokalzeitung gewesen sein.)

Der Pate der HipHop-Fashion

Er heißt Dapper Dan, hat seine Memoiren geschrieben – und die sind toll

Ich glaube, das letzte Mal, dass ich ein Buch in der Hand hielt, an dem etwas golden schimmerte, war im Konfirmanden-Unterricht. Made in Harlem, die Memoiren des Modedesigners Daniel R. Day a.k.a. Dapper Dan, sind trotz der flashy Goldlettern auf dem Umschlag aber ca. das Gegenteil des Evangelischen Gesangbuchs.

Der heute 75jährige Daniel Day wuchs in den 1950ern ohne Geld und große Zukunftsaussichten in Harlem auf. Seine ersten echten Dollars, so schildert er es, verdiente er damit, Zuhälter und andere dubiose Gestalten im Glücksspiel abzuziehen (ein Hang zur Wahrscheinlichkeitsrechnung hilft! Gezinkte Würfel auch).

Wenn Dealer ihre Ware setzten, verkaufte er sie weiter. Später versuchte er sich in großem Stil mit Scheckbetrug, landete einige Zeit im Knast, kam raus, probierte was Neues: Kreditkartenbetrug.

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Brexit: How bad can it get?

Die London Review of Books fragt in ihrer aktuellen Ausgabe Schriftsteller und Intellektuelle anlässlich des Brexit: »How bad can it get?«

Hier sind ihre Antworten.*

Neal Ascherson:

I’m not so sure.

Mary Beard:

I’m not sure

Tom Crewe:

I don’t have any answers.

William Davies:

It’s not clear

Katrina Forrester:

[It] is still unclear.

Ferdinand Mount:

I have no idea.

[…]

*Ich habe Spekulationen über Nahrungsmittelengpässe, Rassismusvorwürfe, Vergleiche mit dem Zweiten Weltkrieg und anderes rausgekürzt, um die Essenz der jeweiligen Antworten freizulegen.

Warum Paris und New York schrumpfen

Ihre Hipness wird sie nicht retten. Ihre Hipness ist das Problem

Wenn in den vergangenen Jahren von schrumpfenden Städten die Rede war, dann ging es oft um Orte, die von massiver Deindustrialisierung betroffen waren.

Um Detroit, zum Beispiel, eine Stadt, die seit den 1950er-Jahren mit dem Niedergang der örtlichen Automobilindustrie dramatisch an Einwohnern verloren hat. Die Harvard Business Review schrieb 2013: »Detroit is now by most measures the poorest big city in the country.« Einst kamen die Leute in die Stadt, weil es dort Jobs gab. Nun gab es keine Jobs mehr, und sie zogen weg. Oder blieben, wenn ihnen das Geld fehlte, wegzuziehen. (Hier geht es zum Artikel.)

Oder um frühere Industriezentren in Ostdeutschland, etwa Eisenhüttenstadt, das in der jungen DDR als Planstadt aus dem Boden gestampft worden war und mit dem Anschluss an die Marktwirtschaft im selbigen nahezu wieder verschwunden ist:

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Bevölkerungsentwicklung Eisenhüttenstadt, via Wikipedia

OK, ich übertreibe. Aber eine Halbierung der Bevölkerung über wenige Jahrzehnte, mit allen Konsequenzen für kommunale Infrastruktur (Schulen, öffentlicher Nahverkehr), Kulturleben, Einzelhandel  – das ist krass.

Natürlich zeichnete sich ab, dass die Bevölkerungsentwicklung in Westeuropa und den USA insgesamt abnehmen würde, früher oder später also auch andere Städte betroffen wären (siehe dazu das von der Kulturstiftung des Bundes finanzierte Projekt Shrinking Cities).

Aber dem stand relativ lange die breit rezipierte Theorie der »Kreativen Klasse« entgegen. Ihr Erfinder, der Ökonom Richard Florida, argumentierte sinngemäß, dass Städte, solange sie nur attraktiv und hip genug seien, schon genug neue, kreative Bewohner anziehen würden. Und das mit den Jobs würde sich dann schon regeln.

Empirisch hat sich die These nicht bestätigt (siehe dazu zum Beispiel diesen Text von Joel Kotkin). Und tatsächlich schrumpfen gerade zwei der attraktivsten, hippsten Städte der Welt: Paris und New York.

Die Financial Times berichtet:

The number of people living in the Paris departement, or administrative area, dropped by an average of 11,900 people a year between 2011 and 2016, the most recent figures available, according to the national statistics agency. […] It is a sharp contrast with the urban renaissance that has taken place in many of the world’s major cities over the past 20 years, but Paris is not alone. New York City shed a net 39,500 people in 2018 and 37,700 the year before, reversing the previous upward trend.

New York is not quite Eisenhüttenstadt, aber die Entwicklung ist bemerkenswert, gerade für die auch in Deutschland laufende Debatte um Lebenshaltungskosten und Mietendeckel. Denn der Grund für diese Entwicklung liegt offenbar in den explodierenden Miet- und Kaufpreisen, die Familien aus den Städten drängen, so dass Wohnungen vermehrt von wohlhabenden Singles bewohnt werden … oder von Airbnb-Gästen.

Hier geht es zum gesamten Text (den ich auf der Facebookseite von Danilo Scholz entdeckt habe).

P.S.: Der Text in der Financial Times beginnt mit einer jungen Pariserin, die öffentlich erklärte, warum sie mit der Stadt Schluss macht – und damit einen Nerv getroffen hat. Den passenden Song für New York gibt es natürlich auch schon längst, von dem wunderbaren James Murphy a.k.a. LCD Soundsystem: