Lob des Regenradars

Screenshot_20220601-080132_FirefoxIn keinem gesellschaftlichen Bereich ist das Versprechen der Digitalisierung, alle Vermittler, Filter und TĂŒrwĂ€chter arbeitslos zu machen (»Cut out the middleman!«) so wenig zu Ungunsten der Nutzerinnen und Nutzer ausgefallen, wie in der Wettervorhersage.

FrĂŒher: Am Vorabend bekomme ich von einem exzentrisch gekleideten Sabbelonkel im Fernsehen gesagt, dass ich klatschnass im BĂŒro ankommen werde. In Erwartung dieses Umstands gehe ich schlecht gelaunt ins Bett und finde mich morgens aus unruhigen TrĂ€umen erwacht zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. (Leider ohne Kiemen.)

Heute: Halbwegs ausgeschlafen schaue ich beim FrĂŒhstĂŒck aufs Regenradar meines Telefons und erkenne das Unvermeidliche erst im allerletzten Moment.

Klatschnass im BĂŒro bin ich immer noch, erspare mir aber schlechte Laune im Umfang von mindestens 50 Prozent.

Das, meine Damen und Herren, ist der Fortschritt.

(Der Screenshot zeigt einen Ausschnitt der fantastischen Website Wetter Online. Es handelt sich um eine Darstellung der Regenwolken ĂŒber Hamburg am 1. Juni 2022 um 8 Uhr morgens.)

Ach! Welch herrliches GefĂŒhl!

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Im Jahr 1969 brachte der Beate-Uhse-Versand einen neuartigen »Damen-Vibrator« den Markt. »Die zarten Schwingungen dieses handlichen Massagestabes regen die Durchblutung an«, hieß es in der Produktbeschreibung im Katalog. (Siehe Beweisfoto.)

Vibratoren gab es damals bereits seit hundert Jahren und sie wurden stets genau so beworben: als Gesundheitsprodukte. Etwas anderes wĂ€re verboten gewesen. Denn in der Bundesrepublik drohte Paragraf 184 des Strafgesetzbuchs allen mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe, die »unzĂŒchtige Schriften« verbreiteten oder »GegenstĂ€nde, die zu unzĂŒchtigem Gebrauche bestimmt sind«, anpriesen. (Das Gesetz fiel erst einige Jahre spĂ€ter.)

Der »Damen-Vibrator« aber war ein Novum, schreibt die Hamburger Historikerin Nadine Beck. Bis dahin waren Vibratoren Unisex-GerĂ€te und hatten eher die Form eines Haarföns. Nun wurden sie plötzlich phallisch und als Produkte »fĂŒr Damen« beworben. Die Dame im Katalog hĂ€lt sich den Vibrator zwar ins Gesicht, doch wofĂŒr das Ding eigentlich benutzt werden sollte, war nicht mehr zu ĂŒbersehen — und ebnete den Weg fĂŒr all die »Magic Wands« und »Womanizers« von heute.

Mehr zu Nadine Beck und ihrer Forschung zur Geschichte der Sextoys habe ich hier aufgeschrieben (fĂŒr Menschen mit ZEIT-Abo).

Gegen BlĂŒmchensex

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Viel Aufhebens wird gerade um die Idee gemacht, man könne – nein, mĂŒsse! – Tiere, Pflanzen und andere Teile der Natur zu ihrem Recht kommen lassen. Zum Beispiel, indem man ihnen einklagbare Rechte zuspricht oder ihnen parlamentarische Vertretung verschafft.

Diese Ideen sind faszinierend, weil sie das Unwahrscheinliche vorschlagen und so völlig spekulativ sind. Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass sie eher in den SphÀren des Theaters, der Kunst und Kultur zirkulieren, als in jenen des Rechts und der praktischen Politik (das ist zumindest mein Eindruck).

»SolidaritĂ€t ist die ZĂ€rtlichkeit der Spezies«, ist etwa in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift fĂŒr Architektur und Urbanistik, Arch+, zu lesen (Nr. 247, »Cohabitation«). Damit ist dem Projekt sein zu erwartendes Scheitern schon eingeschrieben, denn der Spruch, der hier zititiert wird – ChĂ© Guevaras »SolidaritĂ€t ist die ZĂ€rtlichkeit der Völker« – endete fĂŒr seinen Urheber nicht gut.

Die Idee der »Cohabitation«, also das gleichberechtigte Zusammenleben von Mensch und Tier, ist vermutlich auch nur so lange reizvoll, wie man keine Ratten in der Wohnung hat. Oder wenigstens Silberfische. SpÀtestens dann wird die ZÀrtlichkeit enden und die menschlichen Interessen werden sich handfest durchsetzen.

Teilweise verbirgt sich hinter der behaupteten Achtung tierischer oder pflanzlicher BedĂŒrfnisse auch nur eine neue Übergriffigkeit des Menschen. Beispielhaft nachzulesen ist das in der Sonderausgabe »Kunst und Natur« (Nr. 2/2022) der Zeitschrift Weltkunst.

Weiterlesen „Gegen BlĂŒmchensex“

The Future of Fischzucht

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Zwei Drittel der FischbestĂ€nde in den europĂ€ischen Meeren sind ĂŒberfischt oder sogar in ihrer Existenz bedroht, sagt ein fĂŒhrender Meeresbiologe. Sie wĂŒrden sich aber rasch erholen, wenn wir nur fĂŒr ein paar Jahren mit der Fischerei aufhörten.

Ist das realistisch? Vielleicht. Mein Kollege Götz Hamann von der ZEIT war unterwegs, um sich ĂŒber Zuchtanlagen zu infomieren, bei denen Meeresfisch an Land heranreift. Dabei geht es um einen Ansatz im (fast) industriellen Maßstab, bei dem auch auf das Tierwohl geachtet wird. Wenn die Pilotprojekte in Serie gingen, wĂŒrde das die Meere entlasten.

Wenn Sie Lust haben auf hoffnungsvolle Nachrichten und/oder Fisch, dann hören Sie doch vielleicht unser (kurzes) GesprĂ€ch ĂŒber Hamanns Recherche im Podcast »Hinter der Geschichte«. Überall, wo es Podcasts gibt, sowie hier.

Deine Freunde: Pro und Contra

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Deine Freunde machen Rap fĂŒr Kinder und feiern gerade ihr zehnjĂ€hriges JubilĂ€um.

Im Feuilleton der ZEIT erklĂ€re ich, warum ich sie fĂŒr eine der interessantesten deutschsprachigen Bands ĂŒberhaupt halte. Außerdem vergleiche ich sie mit Bill Withers und The Velvet Underground.

Jens Balzer erklĂ€rt daraufhin, warum er glaubt, dass ich kiffe. Und zwar mit meinen Kindern. Denen ich demnach auch darĂŒber hinaus in ihrer Geschmacksbildung und Autonomiebestrebung Gewalt antue.

Lesen Sie die Feuilletondebatte des FrĂŒhjahrs, deren Temperament bereits von der Zeile angedeutet wird, die Lars Weisbrod als Redakteur kongenial drĂŒberschrieb: »Du Eierloch!«

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Zwei erwachsene MĂ€nner streiten ĂŒber Kinderkram. đŸ’„ Im Pro und Contra, jetzt in der ZEIT oder hier auf ZEIT ONLINE.

Jane Birkin im Sexshop

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Heute ist die PrĂ€sidentenwahl in Frankreich, dazu diese kleine Trouvalie apropos les relations franco-allemandes: Einer der großen Skandalsongs der Pop-Geschichte, Je t’aime, … moi non plus von Jane Birkin und Serge Gainsbourg, wurde Anfang der 1970er-Jahre als Schallplatte im Versand der Flensburger Sexshop-Pionierin Beate Uhse angeboten.

Über den Song heißt es, er habe nach der Veröffentlichung im Jahr 1969 StĂŒrme der EntrĂŒstung ausgelöstet, weil Jane Birkin darin so ĂŒberzeugend stöhnt, dass einige Hörer*innen fĂŒrchteten, sie wĂŒrden einem echten Orgasmus beiwohnen:

Insofern ist es vielleicht nachvollziehbar, dass Beate Uhse die Platte in ihr Programm nahm und sie dort zwischen Pornoheften und anderen sexuellen Hilfsmitteln anbot. Trotzdem: Ist das ein Kompliment gegenĂŒber der KĂŒnstlerin? Oder eine Riesenfrechheit? đŸ€”

Entdeckt beim Kaffee und Quellenstudium mit der Historikerin Nadine Beck, ĂŒber deren Forschung ich ausfĂŒhrlicher in der kommenden Ausgabe der Hamburgseiten der ZEIT berichte (ab Donnerstag).

Schule im Containerbau

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Wer mit offenen Augen durch Hamburg lĂ€uft, kennt die Container, die lĂ€ngst nicht mehr nur im Hafen stehen, sondern auch auf den Schulhöfen der Stadt. Dort dienen sie als KlassenrĂ€ume fĂŒr Kinder, die in den GebĂ€uden keinen Platz mehr finden. Denn Hamburg wĂ€chst, und der Schulbau kommt nicht hinterher.

Öffentliche Bauvorhaben brauchen Zeit und oft sogar mehr Zeit als geplant. Das ist in der HafenCity zu sehen, wo die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler des neuen Gymnasiums, der Grund- und Stadtteilschule derzeit in einem »temporĂ€ren Schuldorf« untergebracht sind. Genauer: in Containern. Erst in vier Jahren soll der eigene Neubau bezugsfertig sein. (Foto links)

Oder in Altona, wo anderthalb Jahre nach dem symbolischen ersten Spatenstich durch den BĂŒrgermeister der Bau des Deutsch-Französischen Gymnasiums an der Königstraße immer noch nicht richtig angefangen hat. (Foto rechts)

Wie Finanz- und Schulbehörde das Problem lösen wollen (Spoiler: Es hat ebenfalls was mit Containern zu tun, aber auf ganz andere Weise), das habe ich hier fĂŒr DIE ZEIT aufgeschrieben.

Bodentiefe Fenster: Die Geschichte einer Metapher

Vor einigen Jahren erzĂ€hlte Anke Stelling in ihrem Roman Bodentiefen Fenster (2015) vom Leben einer jungen Familie in Prenzlauer Berg – nein, eigentlich ging es nur um eine junge Mutter und ihre Kinder (der Vater war trotz des emanzipierten SelbstverstĂ€ndnisses der Familie im Roman seltsam abwesend, vielleicht keine untypische Erfahrung).

Diese Frau, die Ich-ErzĂ€hlerin Sandra, wird zerrieben zwischen den AnsprĂŒchen, die sie an sich selbst stellt, und jenen AnsprĂŒchen, von denen sie meint, andere wĂŒrden sie an sie stellen. Sie fĂŒhrt fraglos ein privilegiertes Leben, aber glĂŒcklich ist sie nicht. Stattdessen befindet sie sich in einer permanenten Mikropanik.

Eine exemplarische Szene:

Am Montagmorgen sind wir zu spĂ€t dran. Bo muss vor halb zehn in der Kita sein, zum Morgenkreis; die Erzieherinnen legen Wert darauf, den Tag gemeinsam zu beginnen. Die Erzieherinnen sind ĂŒberzeugt, dass jemand, der sein Kind erst nach neun bringt, ohnehin nicht ernsthaft arbeitet, sondern nur zu faul sei, es zu Hause zu betreuen. Oder ich denke, dass sie das denken. Weil ich es selbst denke. Bo will Gummistiefel anziehen, obwohl draußen schon fĂŒnfundzwanzig Grad sind und keine Wolke zu sehen ist. Mir könnte das egal sein, aber mir graut vor den Blicken der Erzieherinnen. Ich will nicht, dass sie denken, ich sei so eine, die sich nicht gegen ihren DreijĂ€hrigen behaupten kann, eine, die alles mit ihm diskutiert und ihn am Ende selbst entscheiden lĂ€sst, was er anzieht, aus Angst, dass er sonst schreit oder tritt oder in seiner freien Entfaltung behindert wird. Ich weiß gar nicht, ob die Erzieherinnen das denken, aber ich weiß, dass ich das denke und solche AngstmĂŒtter nicht mehr ertragen kann; sie umzingeln mich und machen mich wahnsinnig.

(Die hier gefetteten Wörter sind im Originaltext kursiv hervorgehoben.)

Die fĂŒr den Roman titelgebenden »bodentiefen Fenster« markieren nicht nur das Milieu, um das es hier geht (Eigentumswohnung, Baugemeinschaft, Szene-Kiez, Geld ist im Spiel, aber man lebt betont unspießig).

Sie sind auch eine Metapher fĂŒr den Bewusstseinszustand der Protagonistin. Sie lebt wie in einem Panoptikum.

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