Vice hält Drogen jetzt für ein Problem?

… oh Mann, die Zeiten haben sich wirklich geändert (auf Acid!)

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Lange war Vice das Magazin für rücksichtslosen Hedonismus. Möglichst origineller und/oder idiotischer Drogenkonsum war ein Teil der Agenda (siehe z.B. The Vice Guide to Drugs, der auch in diesem Best-of-Buch abgedruckt worden ist, oder die legendären Reportagen auf LSD: The Westminster Dog Show on Acid!, A Visit to the Mormon Temple on Acid!, Monster Trucks on Acid!, usw.).

Das ist jetzt vorbei! Offenbar. Jedenfalls ist mir heute morgen beinahe meine Haschpfeife ins Müsli gefallen (übrigens: »You got your big dreams, I got my Hash Pipe« — auch das ist lange vorbei, seit Leute mit großen Träumen Cannabis-Start-Ups gründen), als ich das Editorial dieser deutschsprachigen Ausgabe las (Vol. 15, Nr. 1).

Dort heißt es (ich schalte mal auf Schnelldurchlauf):

Wir sind die erste Generation, die durchgehend online und erreichbar ist … kein Feierabend … Unsicherheit im Teenageralter … Erschöpfung, Überforderung, Depression … allein schon die politische Weltlage kann Menschen zum Verzweifeln bringen.

Und dann:

Dass der Drogenkonsum in vielen Ländern ansteigt, überrascht angesichts der zahlreichen Krisen und Probleme kaum.

Wow. Der Stern redet so — klar. Der Spiegel auch. Aber Vice, das Heft, in dem der Vollrausch immer ein großer, bisschen doofer Spaß war? #thingsdonechanged

Zeichen der Zeit:


Erstens:

In Bayern ist im vergangenen Jahr die höchste Geburtenzahl seit 1998 registriert worden.

– dpa-Meldung im Juli 2018, Quelle: Statistisches Landesamt in Fürth, via


Zweitens:

Die Deutschen kaufen weit weniger Bücher als vor zehn Jahren.

– dpa-Meldung im Dezember 2018, Quelle: Statistisches Bundesamt, via


Drittens:

Diese Buchhandlung am Hauptgebäude der Uni München ist jetzt eine Kindertagesstätte.

Tote weiße Männer

Das amerikanische Rolling Stone-Magazin hat einen bedrückenden Artikel über die »Epidemie« (so nennen es einige Fachleute) der Selbsttötungen unter nordamerikanischen Männern veröffentlicht:

The Centers for Disease Control recorded 47,173 suicides in 2017, and there were an estimated 1.4 million total attempts. Many of society’s plagues strike heavier at women and minorities, but suicide in America is dominated by white men, who account for 70 percent of all cases.

Und weiter:

No segment of the population is more likely to be impacted by these horrifying numbers than middle-aged men in rural America. They not only own guns and lack mental-health resources — by one estimate, there are 80 or so psychiatrists licensed to practice in Wyoming — but they also have chosen a life that values independence above all else.

In Nebensätzen ist ein weiteres Problem versteckt: Nicht alle, denen eine Therapie helfen könnte, können sie sich leisten — weil sie nicht krankenversichert sind.

Hier geht es zu dem Artikel (kostenlos online lesbar).

Panisches Stottern = Pop der Zukunft

Die Musikerin Holly Herndon hat ein Album zusammen mit einer KI produziert

Video: Eternal von Holly Herndons neuem Album Proto

Quite interesting: Die Musikerin Holly Herndon (hier geht’s zu ihrer Website) hat mit Proto (bei 4AD erschienen) ein Album veröffentlicht, auf dem nicht oder nicht nur sie selbst »singt«, sondern, so die Behauptung der Künstlerin, auch eine KI.

(Ich schreibe »singt« in Anführungsstrichen, weil es sich hier – wenn die Behauptung Herndons stimmt – um eine anthropomorphe Metapher handelt. Nichts, was keinen Körper hat, kann singen.)

Zum Produktionsprinzip sagt Herndon im Gespräch mit dem Pop-Kritiker Jan Kedves in der Süddeutschen Zeitung:

Man kann ein digitales neuronales Netz mit Bach-Noten füttern. Es wird aus diesem Material dann das Regelwerk extrahieren und anfangen, neue Fugen im Bach-Stil zu schreiben. Das ist eine billige Möglichkeit, neue Musik zu produzieren in einem Stil, von dem man weiß, dass er Menschen gefallen wird.

Und weiter:

Solche Algorithmen passen sehr gut in die Ökonomie der Musikindustrie.

Wenn man das ernst nimmt, argumentiert Herndon also nicht, sich hier neuester Instrumente zu bedienen, um eine Ästhetik zu kreieren, die State-of-the-Art ist (was ja ein gängiges Muster wäre in den fortschrittlichen Teilen der Pop-Musik-Produktion), sondern sie erforscht die Technik, die ihr oder zumindest ihren weniger experimentellen Kolleginnen und Kollegen den ökonomischen Boden unter den Füßen wegzuziehen droht.

Ist das präemptive Notwehr? Bei Herndon klingt eher kurzweil’scher Optimismus an: WeiterlesenPanisches Stottern = Pop der Zukunft

Street-Art-Sticker in Köln-Ehrenfeld

Entlang der Venloer Straße lebt und gedeiht das Supreme-Meme …

Meine Mutmaßung, das Supreme-Meme könnte das Run-DMC-Meme ablösen, hat sich nicht bewahrheitet.  Das Run-DMC-Meme ist mittlerweile sogar auf Wahlplakaten zu sehen und wird auf der Re:publica diskutiert. Das Supreme-Meme klebt derweil immer noch in dunklen Straßenecken, in denen es nicht selten nach Pipi riecht. Glanz und Elend des subversiven Logodesigns …

Aber immerhin: In keiner Stadt habe ich bisher so viele Remixe, Aneignungen und Verballhornungen des Supreme-Logos auf Stickern gesehen, wie am vergangenen Wochenende in Köln. Oder genauer: Entlang der Venloer Straße in Köln-Ehrenfeld, auf den gut zwei Kilometern zwischen der Ditib-Zentralmoschee und der Kaffeerösterei Schamong.

Im Layout des Logos der Streetwear-Marke klebten da an Straßenschildern, Türrahmen und Mauern die Schriftzüge »Made In«, »#cheatday« und noch eine Handvoll andere, die ich inzwischen wieder vergessen habe. Es dauerte ein bisschen, bis ich die Sticker endlich zu fotografieren begann. Ein paar konnte ich einfangen und präsentiere hier mit dem Stolz des verstädterten Schmetterlingssammlers die Supreme-Logo-Aneignungen von Reth One, Defekt TM, Sikerem und Minha Galera:

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Neo-Nazis und das Run-DMC-Meme

Frage: Warum tragen deutsche Neo-Nazis auf ihren, ähem, »T-Hemden« das Logo der afrikanisch-amerikanischen Rap-Gruppe Run-DMC?

Antwort:

Lorenz Grünewald-Schukalla und Georg Fischer sprachen bei der Re:publica über den aktuellen Stand ihrer Sammlung des Run-DMC-Meme, ein paar Fotos in der Präsentation habe ich beigesteuert.

Meine Notizen zur Vorgeschichte: 1, 2, 3, 4.

Kritik der Sozialen Medien, ca. 1912:

Dieser Tollheit kann ich in Worten schwer beikommen. Es gibt in [Deutschland] kein Haus, wo nicht täglich ein Bote hinkommt, der Briefe bringt. Was schreiben aber die [Deutschen]? Was jeder von selbst weiß: »Ich bin hier und trinke«. »Ich komme morgen«, »der Wagen fährt«, »das Essen schmeckt«. Oder sie schicken Bilder, wie sie ein Trinkgefäß vor sich halten und ein dummes Gesicht machen. […] Ich will so sagen: Alles was sie tun und alles, was bewegt wird, schreiben sie nochmal.

— aus Hans Paasche: Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins Innerste Deutschlands, erstmals in Auszügen veröffentlicht 1912/1913 (hier im Volltext online).