Schafft zwei, drei, viele Elbphilharmonien!

Hamburg plant ein neues Großbauprojekt

In Hamburg ist der #elphischock (also das kollektive Trauma aus Kostenexplosion, Bauzeitverzögerung und struktureller Verantwortungslosigkeit) jetzt offiziell überwunden. Der Stolz überwiegt, die Schmach ist vergessen, „Elbphilharmonie“ ist kein Schimpfwort mehr.

In Köln betont man zwar noch, der Neubaukomplex am Dom werde keine „zweite Elbphilharmonie“. Dasselbe heißt es in München über das Interimsquartier in Sendling und in Rostock über das Landesmuseum (keine „zweiten Elbphilharmonien“!). Und, ja, auch in Hamburg war noch vor wenigen Monaten beteuert worden, die Sanierung des Kongresszentrums werde keine „zweite Elbphilharmonie“ und auch der geplante Elbtower: keine „zweite Elbphilharmonie“.

Doch jetzt zieht die SPD mit einer neuen Idee in den Bürgerschaftswahlkampf: Kultursenator Carsten Brosda verkündet heute im Abendblatt, man wolle in Hamburg ein bundesweit einzigartiges Großprojekt starten, dessen Kostenrahmen und Finanzierung offenbar noch weitgehend ungeklärt ist, „eine Art Elbphilharmonie der Digitalisierung“.

Alles Gute dafür.

Besten-Liste 2019

Ein paar Pop-, Literatur-, und Konzertmomente im letzten Jahr

POP-ÜBERRASCHUNG 2019:

Der Moment, in dem zum ersten Mal der Refrain von Der Rest meines Lebens (Kummer feat. Max Raabe) einsetzt. Es ist nicht ganz die Helene Fischer feat. Haftbefehl-Collabo, auf die ich seit Jahren warte – aber es ist ziemlich dicht dran.

POP-ENTTÄUSCHUNG 2019:

Billie Eilish als Headlinerin auf dem MS Dockville. So ein super Song, so ein super Look, so ein super Hype. Und dann steht da diese kleine, verlorene Person auf der viel zu großen Bühne und weiß selbst nicht, was sie da soll.

KONZERT-ÜBERRASCHUNG 2019:

Leoniden auf dem Rathausmarkt. Der Auftritt nach der „Fridays for Future“-Demo. Ich glaube, ich war da der einzige über 20. (Gen Z > Gen Y. Sorry, aber isso.)

LITERATUR-ÜBERRASCHUNG 2019:

Das wunderbare Leseclubfestival des mairisch Verlags. Gab es je ein inhaltlich überzeugenderes und zugleich ökonomisch hoffnungsloseres Konzept für ein Festival als dieses, bei dem nur Leute zur Lesung eingelassen werden, die das Buch bereits kennen (und davon auch nur ca. zwanzig)? Ich bin besonders froh, bei Sophie Passmann gelandet zu sein, deren Alte, weiße Männer vielleicht meine Literatur-Enttäuschung 2019 geworden wäre, wenn Passmann den perfiden Masterplan hinter ihrem Buch dort nicht so eloquent erklärt hätte. (Lesen braucht man das trotzdem nicht.)

LITERATUR-ÜBERRASCHUNG 2019:

Peter Handkes Wunschloses Unglück (1972). Ich war bereit, den Mann zu verachten. Dann las ich zur Abwechslung mal nicht Texte über seinen Serbien-Meltdown und späte Interviews, denen er sich besser entzogen hätte, sondern dieses Buch über Leben und Tod seiner Mutter. Ich bin immer noch kein Fan, aber mein Handke-Bild hat sich dramatisch verkompliziert.

LITERATUR-ÜBERRASCHUNG 2019: (Sorry, hört gleich auf!)

Ida von Katharina Adler und Die bessere Geschichte von Anselm Neft waren die beiden Romane, die ich in diesem Jahr am häufigsten weiterempfohlen und verschenkt habe.

BESTE KONSUM-ENTSCHEIDUNG 2019:

Mehr Klassiker lesen.

BESTE LEBENS-ENTSCHEIDUNG 2018:

In Elternzeit gehen.

Alles andere fällt mir gerade nicht ein oder ist mir hier zu privat. Kommt gut in die 2020er!

Wenn Wälder nur noch im Computer wachsen …

Der Künstler Andreas Greiner zeigt post-apokalyptische Landschaftsbilder

In Australien brennt der Wald, im Amazonas, in Kalifonien — und im Harz sahen die Baumkronen im letzten Sommer auch nicht überall gut aus. 🔥

Es passt also, dass der Künstler Andreas Greiner als Kaiserring-Stipendiat gerade eine Etage im Goslarer Mönchehaus Museum mit Bildern post-apokalyptischer Wälder bespielt. Zumal die Brände (und die verdorrten Fichten auf den Bergkämmen) ja nur Symptom des Artensterbens sind, für das es abseits der Pressefotos von Feuerwalzen noch kaum eindringliche Bilder gibt.

Wie macht man Biodiversitätsverlust (brr, allein dieses Wort!) sichtbar? Greiner versucht es so: Er füttert eine KI mit Fotos europäischer Urwälder und lässt die Software neue Waldbilder kreieren. So sieht eine Zukunft aus, in der Wälder nur noch im Computer wachsen: irgendwie falsch. Ein zweiter Ansatz: Greiner zerlegt einen Mischwald in seine pflanzlichen Einzelteile, Farne, Gräser, Setzlinge, die künstlich bewässert in Plastiksäcken wie auf einer Raumstation wachsen. Man sieht bei ihm nicht das Sterben, aber dafür sieht man, was in absehbarer Zeit verloren gegangen sein könnte.

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Man kommt nicht alle Tage nach Goslar, aber die Ausstellung Signs of Life (noch bis 26. Januar) ist sehenswert. Auch, weil Greiner die Räumlichkeiten dieses Museums im Fachwerkhaus ziemlich smart nutzt: Die niedrigen Decken und sichtbaren Balken wirken zusammen mit den nun greenscreengrün gestrichenen Wänden wie ein Studio — der perfekte Rahmen für diese deprimierenden Simulationen.

Fotoquelle: Meine Fotos der Ausstellung im Mönchehaus Museum in Goslar – leider in mieser Auflösung, Pardon.

Als das Internet noch jung war (und ich auch)

Endjahres-Nostalgie in Ausgabe 3 von ROM, dem Post-Internet-Magazin

Die neue Ausgabe des Post-Internet-Magazins ROM ist ungefähr so groß wie ein iPad, schimmert auch genau so schön, kostet aber ca. 98% weniger. Wenn das nicht der ultimative Weihnachtsgeschenke-Hack ist, dann weiß ich auch nicht.

Ich durfte eine Kleinigkeit beisteuern und habe mich für einen generationgolfigen Text über meine Jugend zwischen Millennium-Bug und Dotcom-Crash entschieden, der sich dann aber völlig überraschend auswächst zu einem pathetischen Plädoyer für Magazinjournalismus. (Sorry wegen des Spoilers.)

Illustriert haben die Leute von ROM das unter anderem mit dem Foto eines Nokia 3210. Ich hatte so ein ähnliches Handy, aber von Siemens, glaube ich. Manchmal vermisse ich es. Man konnte damit sehr gut Bierflaschen aufmachen.

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Mnemosyne (cont’d): Schläger

Ohne Titel

Oben: Keep that schoolgirl complexion (Ausschnitt), Werbeanzeige für Seife der Marke Palmolive aus dem Jahr 1929, via Duke University Libraries Digital Repository / Ad*Access. Unten: Offizielles Musikvideo zu Marterias Kids (2 Finger an den Kopf) aus dem Jahr 2013, Regie: Sander Houtkruijer.

Gegen Billo-Gendertheorie

Nein, es gibt keine »natürliche« Solidarität unter Männern

Die Schriftstellerin Annie Erneaux sagt im heute veröffentlichten Interview im SZ Magazin (online abo-pflichtig), Frauen handelten untereinander nicht oder zumindest nicht selbstverständlich solidarisch. Solidarität unter Männern hingegen sei quasi ein Naturgesetz.

Huch? Ich verstehe schon, dass es von außen so wirken mag (vermutlich gerade in den Höhenlagen des Literaturbetriebs), aber für eine Schriftstellerin, die bisweilen als verkappte Meistersoziologin gefeiert wird, finde ich das erstaunlich ahnungslos.

Ich weiß nicht, ob man viel von Männlichkeit (und auch von dem, was sie bisweilen toxisch macht, siehe Incel-Morde, etc.) verstehen kann, wenn man nicht anerkennt, wie prekär sie zumindest in ihrer klassischen Ausprägung ist, dass sie zugesprochen und aberkannt werden kann und sich also beweisen muss — vor Frauen, aber nicht weniger vor anderen Männern, die erstmal gerade keine natürlichen Verbündeten sind.

Sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, aber ganz aufschlussreich in diesem Zusammenhang: Stephanie Coontz Zusammenfassung einer Studie aus dem Jahr 2010 von Barbara Risman und Elizabeth Seale über Schülerinnen und Schüler der sechsten bis achten Klasse:

A recents study of middle school students in a southeastern American city found that the feminine stereotypes that prevailed in the 1950s and 1960s were virtually dead. Not one girl interviewed […] thought she had to play dumb or act ‚feminine‘ around boys. Girls aspired to be strong and smart, and they admired girls who were. None of them felt it would be inappropriate for a girl to do things that used to be called masculine, whether physical or academic.

But attitudes about masculinity had not moved all that far. If a boy participated in activities or expressed feelings traditionally viewed as feminine, he was teased, bullied, or ostracized. The boys harshly policed one another to make sure no one was ‚acting like a girl‘ and they were quick to label boys who did not conform to the ‚manliness‘ code as ‚gay.

(Hier geht es zum Studienergebnis von Risman und Seale, Coontz‘ Zusammenfassung habe ich aus diesem Buch entnommen.)

Das soll überhaupt kein »Mimimi, Männern geht’s auch schlecht!« sein, aber manchmal packt mich die Angst, dass wir heute wieder in so einen Männer-sind-vom-Mars-und-Frauen-können-nicht-einparken-Bullshit zurückschliddern.

(Was nichts über die Qualität der Bücher der Erneaux aussagt, die nach allem, was ich höre, toll sind.)

Green No Deal

Unternehmen werben für weniger Konsum – rentiert sich das?

Ah, Werbung und Marketing in Zeiten des Klimawandels. Gibt es etwas Spannenderes?

Die Biomarktkette Bio-Company wirbt – siehe das PR-Foto oben – seit einiger Zeit mit dem Slogan »Kauf weniger« und macht damit auf sich aufmerksam: »Kauf weniger, aber bitte bei uns!«. Ich bin gespannt, ob das aufgeht. (Mehr Infos zur Werbekampagne hier.)

Ich muss dabei an mein altes Fairphone denken, das bei seiner Einführung von dem Hinweis begleitet wurde, das fairste Handy sei immer jenes, welches man bereits besitze. Das ist natürlich sachlich korrekt, wurde als freundlicher Hinweis aber aufgegeben, als es schlagartig keine Updates mehr für das ansonsten noch solide funktionierende Fairphone 1 gab und die Spam-Mails anfingen, man möge sich jetzt doch bitte endlich ein Fairphone 2 kaufen.

Und jetzt: Ein neues Magazin aus der Brigitte– Familie! Brigitte Be Green. Titelzeile der ersten Ausgabe: »Macht Verzicht glücklich? Ja!« (hier der Link zum Cover). Was natürlich eine Einladung ist, das Heft nicht zu kaufen und auszuprobieren, ob die Redaktion recht hat.

Ich kann berichten: Ich sitze zu Hause, nachdem ich das Magazin im Sinne seiner Titelgeschichte sehr bewusst nicht gekauft habe, aber richtig glücklich bin ich nicht. Denn ich hätte doch ganz gerne gewusst, was für Anzeigen in dem Heft gedruckt sind. Bio Company? Fairphone? Das allein plus keine Leser ist womöglich nachhaltig, aber kein nachhaltiges Business.

Womöglich zeigt sich also bei Bigitte und Bio-Company wie beim Fairphone: Kein Konsum ist gut fürs Klima, aber keine Grundlage für unternehmerischen Erfolg.

Foto: obs/Dorothea Tuch für BIO COMPANY, Nutzung kostenfrei, via Presseportal.de