Das Dilemma der Pop-Politik

»Es gibt ein strukturelles Dilemma der Pop-Politik, also der Leute, die politisch und Ă€sthetisch aktiv sind: Es ist das Problem, dass man transgressiv sein und zugleich richtig handeln will. Das kann man aber […] nicht: Denn alles, was normativ bindend fĂŒr einen sein kann, sodass es richtiges Handeln ermöglicht, wĂ€re auch dasjenige, was man transgredieren mĂŒsste.«

– Diedrich Diederichsen in Spex, Nr. 353 (Mai/Juni 2014), 26—34, hier: 28.

Zumal dann ja noch diese Frage im Raum steht – vielleicht hat sich transgressives Handeln als Mittel der (emanzipatorischen) Politik auch ganz erledigt.

Bowling shoe socialism

»There is something very noble about the bowling shoe. It has very little pretense, and it’s kind of naughty. You have to share them with a bunch of other people, which is kinky in a way that I like. What other shoe would you actively share with other people? If anyone says that American socialism isn’t possible, point them toward the bowling shoe.«

– Hari Nef in Interview, Nr. 521 (September 2018), S. 78–79, hier: 79.

Bowling: Bis dahin ja eher ein Symbol fĂŒr die soziale Atomisierung in den USA.

Wie wĂ€re es, auf einem veganen Planeten zu leben?

Wo wir gerade so nett ĂŒber Ökotopien plaudern: In der aktuellen Ausgabe der ZEIT malt sich die Politikjournalistin Merlind Theile aus, wie es wohl wĂ€re, auf einem veganen Planeten zu leben.

Wie sĂ€he unser Alltag aus, wenn es keine Nutztiere und keine tierischen Produkte mehr gĂ€be. WĂŒrde die Zivilisation zusammenbrechen?

Lesen Sie Merlind Theiles Text in der gedruckten ZEIT oder hier auf ZEIT ONLINE (fĂŒr Abonennt*innen) oder hören Sie das GesprĂ€ch, das Theile und ich in dieser Woche fĂŒr den Podcast »Hinter der Geschichte« aufgenommen haben (frei verfĂŒgbar).

Schöner leben in der Klimakatastrophe

Wie könnte unser Leben in der Klimakatastrophe aussehen? In den 1980er-Jahren zeichnete Robert Crumb drei Zukunftsszenarien als Epilog fĂŒr seinen Comic A Short History of America.

Crumb unterschied:

  1. »Worst Case Scenario: Ecological Disaster«, in diesem Szenario ist die Erde ein verdorrter Planet, in dem von der menschlichen Zivilisation nur Ruinen bleiben, bitte schauen Sie hier.
  2. »The Fun Future: Techno-Fix on the March!« In dieser zukĂŒnftigen Welt leben die Menschen in HĂ€usern, die an die futuristische Architektur der 1970er-Jahre erinnern, und reisen mit fliegenden Autos. Das ist hier zu sehen.
  3. »The Ecotopian Solution«, in der Menschen in BaumhĂ€usern und BlockhĂŒtten im Wald leben, statt Auto nur noch Fahrrad fahren und regionale Produkte an MarktstĂ€nden kaufen. Klickidiklick.

Die Kunst- und Medienwissenschaftlerin Birgit Schneider, die an der Uni Potsdam zu visuellen Darstellungen des Klimawandels forscht, bewertet diese drei Zeichnungen Crumbs in ihrem Buch Klimabilder als »prototypische Zukunftsvisionen«. Sie sind demnach nicht bloß Ausdruck eines individuellen KĂŒnstlergeistes, sondern exemplarisch fĂŒr kollektive Ängste und Fantasien.

(Vor zwei Jahren wurde Schneider von Daniel Erk fĂŒr ZEIT CAMPUS interviewt, ich habe das damals als Chefredakteur in Auftrag gegeben und bin deshalb völlig biased, wĂŒrde aber behaupten: Das ist eine lesenswerte EinfĂŒhrung in ihr Denken und Forschen.)

Obwohl Crumbs Zeichnungen bereits rund 40 Jahre alt sind und man das ihrem Stil auch ansieht, wirken sie inhaltlich noch aktuell. Die BefĂŒrchtung, der Klimawandel könne zum ökologischen Desaster fĂŒhren, ist aktueller denn je. Und fĂŒr den »Techno-Fix« in Reinform steht heute Elon Musk: Sportwagen verbrauchen zu viel klimaschĂ€digendes Benzin? OK, dann betreiben wir sie doch mit Strom! Die Straßen der StĂ€dte ersticken am Stau? Na, dann bohren wir doch einfach Tunnel! Die Erde könnte trotzdem zu Grunde gehen? Schade, aber wie wĂ€r’s mit Leben auf dem Mars?

Das einzige Szenario, das nicht so gut gealtert ist, ist die »Ökotopie«. Weiterlesen „Schöner leben in der Klimakatastrophe“

Uni Hamburg: Die ersten 100 Jahre

Die Uni Hamburg feierte 2019 ihr hundertjĂ€hriges JubilĂ€um. Sie war in der Weimarer Republik von der SPD als erste demokratische ReformuniversitĂ€t in Deutschland ersonnen worden (aber: in der Praxis wurde das nix), diente sich im »Dritten Reich« den Nationalsozialisten an, wurde spĂ€ter Nebenschauplatz der »68er«-Bewegung 


Es ist also eine vergleichsweise junge UniversitÀt, aber eine, die sich immer wieder neu erfunden und den Zeitgeist gespiegelt hat.

Seit dem runden Geburtstag gibt es ein eigenes UniversitÀtsmuseum im HauptgebÀude am Dammtorbahnhof. Jetzt folgt eine Buchreihe mit AufsÀtzen zur UniversitÀtsgeschichte, herausgegeben von den Historikern Rainer Nicolaysen, Eckart Krause und Gunnar B. Zimmermann.

Der erste Band zu »allgemeinen Aspekten und Entwicklungen« ist gerade erschienen, der zweite, der speziell auf die Geisteswissenschaften schaut, soll im FrĂŒhsommer 2021 folgen, danach im Halbjahrestakt die abschließenden beiden BĂ€nde zu Sozialwissenschaften sowie zu Naturwissenschaften und Medizin.

Mit Rainer Nicolaysen habe ich nun ĂŒber die ersten 100 Jahre der Geschichte der Uni Hamburg gesprochen. Es wurde ein ziemlich ausfĂŒhrliches Interview, featuring PfeffersĂ€cke, Kaisertreue, Kolonialbeamte, muffige Talare und ĂŒberfĂŒllte HörsĂ€le. DafĂŒr kein Wort zu Corona.

Frei lesbar auf ZEIT ONLINE.

Genetik als Geschichtsforschung

Manchmal finden die »zwei Kulturen« doch zusammen: Der Schriftsteller Douglas Preston berichtet im New Yorker (December 14, 2020) ĂŒber Genetik als Hilfswissenschaft der Geschichtsforschung.

Es ist ein faszinierender Text darĂŒber, wie die naturwissenschaftliche Methode die Geisteswissenschaft voranbringen kann, weil sich Spuren von Kultur und Geschichte in unsere Körper einschreiben und sogar vererbt werden.

Preston dazu:

Hidden in the human genome is evidence of inequality, the displacement of peoples, invasion, mass rape, and large-scale killings. Under the scrutiny of science, the dead are becoming eloquent.

Man könnte auch die positiven Aspekte betonen, denn in Knochen und Genom finden sich auch Hinweise auf Migration, Handel und kulturellen Austausch.

Aber das vielleicht einprĂ€gsamste Faktum dieses Artikel ist ein bedrĂŒckendes:

On average, a Black person in America has an ancestry that is around eighty percent African and twenty per cent European. But about eighty per cent of that European ancestry is inherited from white males – genetic testimony to the widespread rape and sexual coercion of female slaves by slaveowners.

Hier geht es zu Douglas Prestons Text.

Spex, 1988: »The German Issue«

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Im September 1988 veröffentlichte die Popkultur-Zeitschrift Spex ihre »German Issue« mit den jungen Goldenen Zitronen auf dem Cover sowie der AnkĂŒndigung: »Deutschland alle Bands komplette Liste 255 deutsche Bands«.

Gehen wir mal davon aus, dass das mit der »kompletten Liste« nicht ganz ernst gemeint war. Genau so wenig wie die Nationalfarben und die Frakturschrift auf dem Cover.

(Bei der Betitelung als »The German Issue« handelt es sich wiederum mutmaßlich um einen Verweis auf diese Ausgabe der Zeitschrift Semiotext(e) aus den USA).

Trotzdem folgt im Heft eine Liste von »A« — »AbwĂ€rts« bis »X/Y/Z« — »Yellow Sunshine Explosion« (Kurzbeschreibung: »Dortmunder Garagen-Acid, in ihrer Stadt auf verlorenem Posten«). Insgesamt nimmt die Liste — mit Bezugsadressen und allem — 14 Seiten ein (von 84 Seiten insgesamt).

Weiterlesen „Spex, 1988: »The German Issue«“

Jeder hat sein PĂ€ckchen zu tragen

Warum ist die Filiale der Postfiliale am Kaltenkircher Platz in Hamburg-Altona so furchtbar? (»Mieser Service, freches Personal«, schrieb die Mopo, »Postfiliale des Grauens«.) Und wie soll es erst werden, wenn unsere Black-Friday-Deals und Weihnachtsgeschenke dort eintreffen?

FĂŒr die Hamburg-Seiten der ZEIT habe ich versucht, der Sache mal auf den Grund zu gehen. Mein Bericht ĂŒber Staatskonzerne, Privatisierungspolitik und ein Kiosk-Imperium, das auf 3D-Pop-up-GlĂŒckwunschkarten errichtet worden ist: hier. (#abo)