LOL, wie traurig!

Mein Versuch, den neuen Trend der Depri-Comedy zu verstehen

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Warum bezahlen Leute Eintritt, um zu hören, wie andere von ihren Problemen reden? Und warum amüsieren sie sich dabei so gut?

Für die neue ZEIT CAMPUS-Ausgabe habe ich eine größere Geschichte geschrieben (die erste seit gefühlt zwei Jahren, für mich also voll aufregend, etc.). Es darin geht um die Depri-Comedy. Also um junge Künstler wie Nico Semsrott, Stefanie Sargnagel, Kathrin Weßling und andere, die auf der Bühne von Depressionen und Suizidgedanken reden, die sich selbst „Versagensexhibitionismus“ attestieren (Sargnagel über Sargnagel) und die in bisweilen ausverkauften Theatern spielen.

Die zentrale Figur meiner Geschichte ist Helene Bockhorst, 30, die nach vier Jahren Therapie mit der Stand-up-Comedy begann. Ich habe sie bei insgesamt acht Auftritten zwischen Hamburg und Ingolstadt begleitet, um zu verstehen, warum die Leute hören wollen, was sie zu erzählen hat.

Ihr Programm kann ich inzwischen mitsprechen (dabei hasse ich Comedy, BTW). Was ich sonst noch über Helene und über die Depri-Comedy und über die Gegenwart gelernt zu haben meine, steht in ZEIT CAMPUS.

Übrigens: Die Fotos im Heft sind von Nikita Teryoshin (yo!), die Fotos vom Heft, die ich hier poste, von Ricardo Nunes.

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1968 ist keine Jahreszahl

Wovon reden wir, wenn wir von „1968“ reden? Das Hamburger Abendblatt hat sich heute daran versucht, „1968“ in einigen historischen Schlaglichtern zum umreißen:

Was hat die Menschen 1968 bewegt – in Hamburg, Deutschland und der Welt? Da gab es die Mondlandung des Amerikaners Neil Armstrong, die 500 Millionen Menschen an den Fernsehbildschirmen verfolgten. Anti-Schah-Demonstrationen in West-Berlin. Dürrekatastrophen und Hungersnöte in der Sahelzone. Den Napalmangriff südvietnamesischer Flugzeuge nahe Saigon.

Das finde ich interessant. Denn die Mondlandung war 1969. Die Anti-Schah-Demos in West-Berlin waren 1967. Napalmbombardements in Vietnam begannen bereits 1965, zunächst durch die Amerikaner, später auch durch Südvietnamesen. Da hier von einen einzelnen Angriff „nahe Saigon“ die Rede ist, könnte es sein, dass der einprägsam von dem Fotojournalisten Nick Út festgehaltene Angriff gemeint ist. Dieser ereignete sich 1972.

Die Saheldürre immerhin begann 1968 und die (kriegsbedingte) Hungersnot in Biafra war im August 1968 Titelthema des Spiegels, bewegte also wohl tatsächlich im besagten Jahr die Menschen in Hamburg und in Deutschland.

Von vier zu „1968“ genannten historischen Ereignissen fällt gerademal eines ins Jahr 1968. Entweder die Autorin des Hamburger Abendblatts hat schlampig gearbeitet – oder „1968“ ist gar keine Jahreszahl.

Einiges spricht für letzteres. Als „Chiffre“ hat der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar „1968“ vor rund zwanzig Jahren beschrieben. „1968“ ist demnach ein Codewort für etwas anderes.

In den USA ist „1968“ nicht so gebräuchlich, dort redet man eher von den „sixties“. Auch das sei eine Chiffre, schreibt sinngemäß der amerikanische Historiker Bernard von Bothmer in seinem Buch Framing the Sixties. Und je nachdem wer spricht, bezeichne die Chiffre „sixties“ etwas anderes. Die einen sprechen von den frühen Sechzigern, die oft als good sixties erinnert würden (Reihenhäuser, Studenten gehen im Anzug zur Uni, John F. Kennedy) und die anderen von den späteren bad sixties (Vietnamkrieg, Studenten rennen schreiend durch die Straßen, Kennedy ermordet).

Folgt man diesem Gedanken, dann steht in der kurzen Aufreihung aus der Zeitung „1968“ für die bad sixties. Technischer Fortschritt, ja, aber vor allem Gewalt, Leid, Polarisierung.

In Deutschland sind die bad sixties für viele die good sixties: Ausgangspunkt für eine „Demokratisierung der Demokratie“ oder für eine „Verteidigung, Vertiefung und Ausweitung der Demokratie“ (Martin Saar).

Für viele, aber nicht für alle. Der CSU-Politiker Alexander Dobrindt etwa benutzte „1968“ als Chiffre für sixties, die nicht good, sondern eher fucking terrible sind.

Was mit „1968“ gemeint ist, ist jedenfalls weit weniger eindeutig, als das die Klarheit der vermeintlichen Jahreszahl zu suggerieren scheint.

Warum kaputte Kunst manchmal mehr wert ist als heile Kunst

Ein Bild von Banksy hat sich selbstzerstört, kurz nachdem es für eine Million Pfund versteigert worden war (Video). Spekulationen zufolge war das als Stellungnahme des anonymen Künstlers gegen die Kommerzialisierung der Kunst zu verstehen. Anderen Spekulationen zufolge ist das zerstörte Bild jetzt nur noch mehr wert.

Mich erinnerte das an ein Interview, das meine Kollegin Martina Kix für ZEIT CAMPUS mit dem Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich führte:

ZEIT CAMPUS: […] Der amerikanische Künstler Richard Prince hat Instagram-Bilder anderer Leute ausgedruckt und ausgestellt. Wann wird ein Selfie Kunst?

Ullrich: Wichtig ist, dass Richard Prince nicht behauptet, er würde auf Instagram Kunstwerke entdecken, die bisher übersehen worden sind. Er hat früher Kaufhauskataloge und Werbeplakate abfotografiert und die Fotos ins Museum gehängt. Heute macht er dasselbe mit Instagram-Selfies. Seine Arbeit ist vergleichbar mit einem Taufakt. Dinge, die an sich als banal gelten, erhebt er zur Kunst. Es geht ihm um die Geste. Und um die Fragen: Wie viel Macht hat ein Künstler? Ist alles Kunst, was ein Künstler dazu erklärt? Macht der Kunstbetrieb das mit oder nicht?

ZEIT CAMPUS: Der Kunstbetrieb macht mit: Die Bilder wurden für viel Geld verkauft.

Ullrich: Ja, und das Spannende ist, dass Richard Prince sein Spiel noch weitertreibt. Ein Foto, das er aus dem Instagram-Account von Ivanka Trump genommen und zur Kunst erklärt hatte, hat er für 36.000 Dollar verkauft – an Ivanka Trump. Als ihr Vater Donald Präsident wurde, hat er das Bild jedoch wieder zur Nicht-Kunst erklärt. Er twitterte: „This is not my work. I did not make it. I deny. I denounce. This fake art.“

ZEIT CAMPUS: Und jetzt?

Ullrich: Jetzt ist die Frage, ob der Kunstbetrieb das akzeptiert. Ich habe mit Mitarbeitern eines renommierten Auktionshauses gesprochen und sie gefragt, ob sie das Bild noch annehmen würden. Sie sagten: „Natürlich. Und es wird teurer sein als alle anderen aus der Serie.“ Das zeigt die Grenzen der Macht des Künstlers.

Merke: Bilder, die durch ihre Geschichte einzigartig werden (Andreas Reckwitz würde sagen: die singularisiert werden), verkaufen sich besser. Immer.  Selbst wenn sie vom Künstler widerrufen oder zerstört wurden. Und nirgendwo weiß man das besser als in Auktionshäusern.

Das ganze Gespräch mit Wolfgang Ullrich: hier nachlesen.

Was ich mal beim Pornodreh in einem besetzten Haus erlebte …

… das erzählte ich neulich beim Tag der ZEIT im Kampnagel-Theater in Hamburg. Jetzt ist ein Video von meinem kurzen Vortrag online. Mit Fotos! Keine Sorge, die sind jugendfrei. Bitte schauen Sie hier.

(Foto: Bettina Theuerkauf für DIE ZEIT.)

Never mind the Sperrmüll, here is „zu verschenken“!

Der notwendige Erklärversuch zur seltsamen Annahme mancher Menschen, sie müssten ihren Unrat bloß in den öffentlichen Raum stellen, dann werde schon jemand kommen, der ihn nicht nur wegräumt, sondern sich sogar daran erfreut, dieser Erklärversuch ist bereits geschrieben worden.

Tobias Haberl verfasste ihn fürs SZ Magazin über die Müllraussteller von München. Inhaltlich habe ich dem nichts hinzuzufügen, deshalb ergänzend hier nur einige Fotos und Bildunterschriften zur selben Praxis in Norddeutschland:

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Oh, Jacobin! Hello again!

It’s been more than five years since I met Bhaskar Sunkara, the founder and editor of Jacobin Magazine, in a coffee shop in a basement somewhere in Bed-Stuy. He was in his 20s, I was in my 20s and I had no idea he’d write American history.

Back then, I’d been on a trip down the east coast to meet the editors of a resurgent scene of little magazines who published their cultural criticism the (very) old way: With black ink on white paper, with little or no photos or fancy layouts, in a language free of jargon and academese. Serious people. Smart people. People who seemed rather out of place in the 21st century.

After all, newspapers and magazines were dying left and right and experts talked about the wonders and inevitability of a form of digital publishing that was geared towards social media. Which meant: Short pieces. Short sentences. Don’t provoke people to think. Trigger them, so your shit may go viral.

Talking to the editors of n+1 (in New York), The Baffler (in Cambridge and DC), The Point (in Chicago) and Jacobin (also in NY) was inspiring. Here were people who demanded the right to treat their readers like grown-ups. I loved it.

But my trip also felt like a rather nerdish pursuit. I’d written about n+1 for Spex, but when I embarked on my journey, I had no idea whether I would find a German publication that might be interested in my exploits. Eventually, DIE ZEIT offered a whole page for me to introduce their readers to n+1, The Baffler, The Point and Jacobin. My piece was called „Klare Sprache, schwarze Tinte“. Someone even translated it into English, guerilla-style.

Fast forward five years and I pull this book from my mailbox. It’s an anthology of German translations of pieces taken from Jacobin, published by Suhrkamp Verlag.

It makes sense to read and to re-read Jacobin pieces now. After all, on both sides of the Atlantic, the left is struggling to find it’s purpose. Jacobin, in the meantime, has been part of the revival of socialist thought in the US, one of the many unexpected surprises on the American political scene in recent years.

Yeah, Yeah, Yeah!

Was wichtig wird, steht im ZEITmagazin: Das erste ZEIT CAMPUS Festival am 18. September im Mojo Club auf St. Pauli. Mit den Bands Fuck Art, Let’s Dance!, Trümmer (einziges Konzert des Jahres!) sowie Mavi Phoenix.

Special Guests: Ilgen-Nur  & Dave Doughman (St. Pauli Music School). Artwork von Sac Magique.

Maximale Vorfreude!