Neuer Podcast: Warum die Hitzewelle bereits der Klimawandel ist

Auf einen Cold Brew (deutsch: kalte Brühe) mit Stefan Schmitt, dem stellvertretenden Leiter des „Wissen“-Ressorts der ZEIT.

Für den ZEIT-Podcast „Hinter der Geschichte“ sprachen wir über die aktuelle Hitzewelle. Und über die Frage, ob das da draußen bereits der Klimawandel ist.

Lessons learned:
1) Ja, ist es.
2) Trotzdem tut sich wenig, auch im vermeintlichen Klimaretterland Deutschland. Stefan: „Wir zahlen gerade auf mehr Extremwetter und generell auf mehr Unsicherheit in der Zukunft ein.“ Und das, obwohl schon die letzten zwanzig Jahre für den Klimaschutz verschwendete Zeit gewesen sein.
3) Liegt im extraheißen Sommer auch die Chance für einen Bewusstseinswandel und für politische Aktion, weil wir jetzt spüren, was bisher abstraktes, statistisches Wissen war? Stefan: „Wäre toll.“
4) Optimistisches Schlusswort: entfällt.

Nachzuhören gibt es das ab sofort: online unter freunde.zeit.de, in der ZEIT-App, auf Spotify und an vielen anderen Orten, an denen es Podcasts gibt.

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Online-Dating im Schlager, 1968–2018

In der Kritik der Unterhaltsmusik gibt es die große Schlager/Pop-Dichotomie. Schlager steht da für Eskapismus, Pop für contemporariness (und dass es für letzteren Begriff keine ordentliche deutsche Übersetzung gibt, deutet schon darauf hin, dass das Deutsche eher Schlagersprache als Popsprache ist).

So ganz stimmt das aber nicht. Der Sound und das Idiom mit dem der Schlager der 1960er-Jahre vorgetragen werden, mag das für uns heute verschleiern, aber im Sixities-Schlager finden sich immer wieder Spuren von Gegenwart, Modernität und Fortschritt.

Zum Beispiel im Song Computer Nr. 3 von der Anfang des Jahres leider verstorbenen Sängerin France Gall:

Der Song erschien 1968, und damals war Computer-assistiertes Dating ein großes Thema in Deutschland. Die Zeitschrift Twen (verkaufte Auflage laut Spiegel-Bericht: 180.000 Exemplare) rief damals auf ihren September-Titel zum bereits dritten Twen Rendez-Vous auf: „Machen Sie mit: Neue Liebe per Computer.“

Leserinnen und Leser sollten einen Fragebogen zu ihren Vorlieben und Gewohnheiten ausfüllen und diesen an die Redaktion einschicken. Gegen eine kleine Gebühr wurde der Bogen dann digitalisiert, in eine Datenbank eingespeist und mit den Fragebögen von Teilnehmern des jeweils anderen Geschlechts abgeglichen um ein möglichst perfektes Match zu finden („des anderen Geschlechts“, denn: Homosexualität war gerade straffrei geworden und durchaus ein Thema in Twen, nicht aber im Rendez-Vouz).

Die Idee findet sich nirgendwo so pointiert formuliert wie in dem Song von France Gall: „Einer von vielen Millionen, der wartet auf mich irgendwo“. Im Kern geht es also um eine romantische Idee: Irgendwo da draußen ist der Mensch, der perfekt zu dir passt. Kugelmensch-mäßig. Und dank modernster Technik wird der jetzt sogar auffindbar! So zumindest das Versprechen.

France Gall sang also keinen Blödsinn und auch nicht von einer Fantasie – sondern vom state of the art von Medien, Technik und Fortschritt ihrer Zeit. Das ist das Gegenteil von Eskapismus. Und das gibt es auch heute, 50 Jahre später, noch im Schlager. Nur, dass es 2018 leider unfassbar kacke klingt:

Was später mal aus den Toys wird

Ich mochte Boom for Real, die Basquiat-Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt Anfang des Jahres. Die Gemälde Basquiats aus der Nähe zu sehen war #nice. Noch interessanter fand ich aber ein oder zwei eher unauffällige Schwarz-Weiß-Fotos im ersten Teil der Ausstellung.

Es ging dort um die späten 1970er-Jahre, jene Zeit, in der Basquiat erstmals (verdeckt) in Erscheinung trat und zusammen mit seinem Kumpel Al Diaz in SoHo die heute berühmten SAMO-Tags hinterließ. Vielleicht ein Dutzend Fotos dokumentierten diese Tags. Und auf zweien davon hatte jemand die Arbeit von SAMO kommentiert. Mit dem daneben geschriebenen Vermerk: „Toy“.

Vieles am Werdegang von Basquiat ist ungewöhnlich, aber dieses Detail ist mir in besonderer Erinnerung geblieben: Der Typ, der wenige Jahre später mit Andy Warhol rumhing und als Shooting Star der New Yorker Kunstszene gefeiert wurde, der noch mal wenige Jahre später mit seinen Werken unfassbare Summen bei Auktionen aufrief und der noch mal wenige Jahre später in der Schirn angekündigt wird mit den Worten, er sei „einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts“ — dieser Typ wurde, als er mit der Kunst anfing, als „Toy“ bezeichnet.

Ich weiß nicht, ob KAMO, der oder die in meiner Nachbarschaft in Hamburg-Bahrenfeld ein paar Wände besprüht hat, eine ähnliche Laufbahn bevorsteht wie SAMO. Vermutlich nicht. Aber dass schon ganz andere als „Toy“ beschimpft wurden, das stimmt KAMO vielleicht versöhnlich.

Die A7 – und die öffentliche Meinung

Die Bundesautobahn 7, Höhe Hamburg-Bahrenfeld. Ein wunderbares Beispiel dafür, wie sich die öffentliche Meinung zu dem, was als fortschrittlich und wünschenswert gilt, innerhalb von nur einer Generation um 180° drehen kann.

Als die A7 in den späten 1960er-Jahren und 1970er-Jahren quer durch Hamburg gebaut wurde, gab es dagegen in den betroffenen Stadtvierteln keine nennenswerten Proteste, erzählt einer, der damals in der Gegend wohnte. Im Gegenteil: Man freute sich über den eigenen Autobahnzubringer. Die A7 reicht von Dänemark bis Österreich, Bahrenfeld und die angrenzenden Viertel waren jetzt also verbunden mit der Welt. Das moderne Leben!

Doch in den folgenden Jahren wurde klar, dass das ganze einen Haken hatte. Oder sogar drei.

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Claude Lévi-Strauss: Wir sind alle Kannibalen (Besser als ausgedacht #4)

Claude Lévi-Strauss war bereits 80 Jahre alt, als er anfing, für die italienische Zeitung La Repubblica zu schreiben. Zwischen 1989 und 2000 verfasste er insgesamt 16 Essays, mal einen, mal zwei pro Jahr. 2017 erschienen die deutschen Übersetzungen im Suhrkamp-Verlag: Wir sind alle Kannibalen. Der Titel ist schon mal super.

Die Anlässe der Texte von CLS sind oft aktuelle Ereignisse, die zufällig wirken und teilweise banal: eine Ausstellung, ein Jubiläum, der Rinderwahn, eine Trauerrede bei der Beerdigung von Lady Di. CLS sucht davon ausgehend Muster und Ähnlichkeiten, die Kulturen und Gesellschaften verbinden, die tausende Kilometer — und manchmal auch tausende Jahre — auseinanderliegen.

Er arbeitet assoziativ, was seine Texte oft abenteuerlich macht (etwa, wenn er in den Hypothesen der Quantenphysik alte indianische Mythen wiedererkennt oder meint, die Form der mittelalterlichen Königskrone habe jene der Explosion von Atombomben vorweg genommen). Und manchmal irre (im Titelessay behauptet CLS, Organtransplantationen seien eine Form des Kannibalismus. Äh, what? Auch die relativierende Haltung zur Beschneidung von Frauen finde ich problematisch, aber so ist das eben beim ungeschützten Denken und Schreiben).

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Lyrik aus Versehen

Bald ist das Sommerfestival auf Kampnagel und im Programm steht mal wieder avancierte Kryptik nebst maximalprosaisch betitelten Multikultiabenden.

Es ist fast ein Gedicht und klingt so:

Kick-Ass-Queereeoké feat. Tami T. /
Gabber Eleganza Terror-Rythmus /
Lydia Lunch’s Big Sexy Noise /
Kurdische Volkstänze.

Das ganze Programm hier (PDF).

In Ottensen riecht es muffig

In Ottensen riecht es muffig. So, als hätten die Menschen des Viertels sich verabredet, alle zeitgleich ihre Keller- und Dachbodentüren aufzureißen. Und all das an die frische Luft zu lassen, was bisher im Dunklen, Feuchten, Abgeschiedenen vor sich hinmoderte und Staub sammelte.

Halt, wozu der Konjunktiv? Exakt das ist passiert! Es ist der Altonale-Flohmarkt am Platz der Republik. Massen an Menschen drängen sich durch noch größere Massen an Babykleidern, Büchern und dekorativen Kerzenständern aus Messing. Eine gewisse Nostalgie erfasst mich beim Anblick der professionellen Händlern mit Quadratmetern voller Compact Discs und Digital Versatile Discs.

Datenträger, die Ende des 20. Jahrhunderts Fortschritt versprachen, ehe man Anfang des 21. beschloss, dass Fortschritt noch besser ganz ohne Datenträger geht. Warten wir noch 20 Jahre, dann werden die Leute hier Spotify- und Netflix-Gutscheine verhökern.

Muffig wird es dann immer noch riechen. Die Babykleider, Bücher und dekorativen Kerzenständer werden so schnell nicht aussterben.