Die heimlichen Profiteure des Feminismus

Spoiler: Es sind die Männer

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Männer sterben in Deutschland im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen. Dazu schreibt heute Paula Lochte in der FAS:

Das hat weniger genetische Ursachen als gesellschaftliche. Mehr als 75 Prozent der Geschlechterunterschiede in der Lebenserwartung sind auf nichtbiologische Faktoren zurückzuführen, hat der Demograph Marc Luy errechnet. Auf dieser Erkenntnis baut eine jüngst veröffentlichte Studie des Robert-Koch-Institutes und der Universität Bielefeld auf. „Männer sterben durch ihr Verhalten früher: Rauchen, Alkoholkonsum, schlechtes Essen und riskante Manöver im Straßenverkehr“, zählt Petra Kolip auf, die als Professorin für Prävention und Gesundheitsförderung an der Studie beteiligt war.

Demnach leben Männer — das habe eine zweite Studie gezeigt — dort länger (und ähnlich lange wie Frauen), wo größere Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herrscht.

Hier geht’s zum Text.
 

Brexit: How bad can it get?

Die London Review of Books fragt in ihrer aktuellen Ausgabe Schriftsteller und Intellektuelle anlässlich des Brexit: »How bad can it get?«

Hier sind ihre Antworten.*

Neal Ascherson:

I’m not so sure.

Mary Beard:

I’m not sure

Tom Crewe:

I don’t have any answers.

William Davies:

It’s not clear

Katrina Forrester:

[It] is still unclear.

Ferdinand Mount:

I have no idea.

[…]

*Ich habe Spekulationen über Nahrungsmittelengpässe, Rassismusvorwürfe, Vergleiche mit dem Zweiten Weltkrieg und anderes rausgekürzt, um die Essenz der jeweiligen Antworten freizulegen.

Warum Paris und New York schrumpfen

Ihre Hipness wird sie nicht retten. Ihre Hipness ist das Problem

Wenn in den vergangenen Jahren von schrumpfenden Städten die Rede war, dann ging es oft um Orte, die von massiver Deindustrialisierung betroffen waren.

Um Detroit, zum Beispiel, eine Stadt, die seit den 1950er-Jahren mit dem Niedergang der örtlichen Automobilindustrie dramatisch an Einwohnern verloren hat. Die Harvard Business Review schrieb 2013: »Detroit is now by most measures the poorest big city in the country.« Einst kamen die Leute in die Stadt, weil es dort Jobs gab. Nun gab es keine Jobs mehr, und sie zogen weg. Oder blieben, wenn ihnen das Geld fehlte, wegzuziehen. (Hier geht es zum Artikel.)

Oder um frühere Industriezentren in Ostdeutschland, etwa Eisenhüttenstadt, das in der jungen DDR als Planstadt aus dem Boden gestampft worden war und mit dem Anschluss an die Marktwirtschaft im selbigen nahezu wieder verschwunden ist:

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Bevölkerungsentwicklung Eisenhüttenstadt, via Wikipedia

OK, ich übertreibe. Aber eine Halbierung der Bevölkerung über wenige Jahrzehnte, mit allen Konsequenzen für kommunale Infrastruktur (Schulen, öffentlicher Nahverkehr), Kulturleben, Einzelhandel  – das ist krass.

Natürlich zeichnete sich ab, dass die Bevölkerungsentwicklung in Westeuropa und den USA insgesamt abnehmen würde, früher oder später also auch andere Städte betroffen wären (siehe dazu das von der Kulturstiftung des Bundes finanzierte Projekt Shrinking Cities).

Aber dem stand relativ lange die breit rezipierte Theorie der »Kreativen Klasse« entgegen. Ihr Erfinder, der Ökonom Richard Florida, argumentierte sinngemäß, dass Städte, solange sie nur attraktiv und hip genug seien, schon genug neue, kreative Bewohner anziehen würden. Und das mit den Jobs würde sich dann schon regeln.

Empirisch hat sich die These nicht bestätigt (siehe dazu zum Beispiel diesen Text von Joel Kotkin). Und tatsächlich schrumpfen gerade zwei der attraktivsten, hippsten Städte der Welt: Paris und New York.

Die Financial Times berichtet:

The number of people living in the Paris departement, or administrative area, dropped by an average of 11,900 people a year between 2011 and 2016, the most recent figures available, according to the national statistics agency. […] It is a sharp contrast with the urban renaissance that has taken place in many of the world’s major cities over the past 20 years, but Paris is not alone. New York City shed a net 39,500 people in 2018 and 37,700 the year before, reversing the previous upward trend.

New York is not quite Eisenhüttenstadt, aber die Entwicklung ist bemerkenswert, gerade für die auch in Deutschland laufende Debatte um Lebenshaltungskosten und Mietendeckel. Denn der Grund für diese Entwicklung liegt offenbar in den explodierenden Miet- und Kaufpreisen, die Familien aus den Städten drängen, so dass Wohnungen vermehrt von wohlhabenden Singles bewohnt werden … oder von Airbnb-Gästen.

Hier geht es zum gesamten Text (den ich auf der Facebookseite von Danilo Scholz entdeckt habe).

P.S.: Der Text in der Financial Times beginnt mit einer jungen Pariserin, die öffentlich erklärte, warum sie mit der Stadt Schluss macht – und damit einen Nerv getroffen hat. Den passenden Song für New York gibt es natürlich auch schon längst, von dem wunderbaren James Murphy a.k.a. LCD Soundsystem:

Die Vernunft der Vortagsredner

Ist Greta Thunbergs Reise mit einem Segelboot über den Atlantik Unsinn, wie manche Leute gerade sehr energisch behaupten?

Nicht unsinniger als das, was sonst Alltag ist, schreibt Peter Unfried in der taz:

Indirekt bringt die Reise zutage, was wir für Vernunft halten. Etwa: Ergibt es Sinn, für einen 20-­Minuten-Vortrag irgendwohin zu fliegen? Selten. Die meisten fliegen dennoch. Man weiß ja nie. Niemals würde man für einen sinnlosen Vortrag zwei Wochen lang segeln. Also redet man sich ein, dass es vernünftig ist, sinnlos zu fliegen. Das sind wir.

Den ganzen Text gibt es hier (kostenlos).

Lebewohl, James Bond

In der NZZ beerdigt Sarah Pines eine Legende: James Bond. Der Agentenmythos habe sich überlebt, so die Autorin. Nicht wegen #metoo, sondern wegen Big Data.

Weshalb auch keine weibliche 007 die aus der Zeit gefallene Filmreihe zu retten im Stande sei:

In wenigen Bereichen hat die Pop-Kultur so viele ästhetische Bilder hervorgebracht wie in der Spionage: den Film Noir, dustere Melancholie, den «Orient Express» und schöne Frauen mit Wasserwelle. Doch noch nie sind unsere ästhetischen Vorstellungen von der Realität der Geheimdienste und Agenten so sehr abgewichen wie heute. Denn die reale Spionage ist doch schon lange zum Technologiegefecht zwischen vor Bildschirmen sitzenden Menschen verkommen.

Kann es heute noch Agenten (oder Agentinnen) geben, die heroisch handeln? Vermutlich höchstens als Whistleblower.

Hier geht es zum Artikel (kostenlos lesbar).

Still ❤’ing Magazines (#1): The Happy Reader

The Happy Reader ist ein Literaturmagazin, das fast alles anders macht als fast alle anderen Literaturmagazine. Es gibt hier: Keine Rezensionen. Keine Autoren-Interviews. Kein Wort zu den Neuerscheinungen der Saison.

Stattdessen besteht jede Ausgabe aus zwei Teilen. Der erste Teil ist ein ausführliches Gespräch mit einem Menschen, der gerne liest. Zum Beispiel mit dem Schauspieler Owen Wilson, Titelheld der neuen Ausgabe. Oder mit der Künstlerin Laurie Anderson. Das sind nette, eloquente Plaudereien über das Leben mit Büchern und Geschichten.

Der zweite Teil enthält dann viele kurze Essays, Listen, Infografiken und assoziative Fotos, die alle zusammen nur einem einzigen Buch gewidmet sind.

Schilderungen, wie die brave Schriftstellergemahlin ihrem Gatten und dem Reporter die frisch geschlagene Sahne zum Erdbeerkuchen auf die Veranda trägt, damit die beiden was Süßes haben zur Weltdeuterei, fehlen hier. Wie gesagt: Keine Autoren-Interviews.

Die Urheber der besprochenen Werke (und ihre Gemahlinnen, so vorhanden) sind alle schon tot. Es geht hier um Bücher wie Mary Shelleys Frankenstein, die Selbstbetrachtungen des Mark Aurel oder Jewgeni Samjatins Wir (eine Inspiration für George Orwells 1984 und das erste Buch, das in der Sowjetunion verboten worden ist, wie ich hier gelernt habe).

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Die Auswahl ist kein Zufall, The Happy Reader ist ein von den Erfindern von Fantastic Man und The Gentlewoman betreutes Werbemagazin des Penguin-Verlag, besprochen werden also Bücher aus der Backlist. Kein Drama: Wahnsinnig viele Klassiker und Modern Classics sind in der englischen Übersetzung bei Penguin erschienen, die Auswahl leidet darunter also nicht. Und der Tonfall? Überfordert niemanden, sondern macht Lust, sich durch die hinteren Seiten des Verlagsprogramms zu blättern, ohne dabei werberisch zu werden.

Es geht um Klassiker und um das Leben mit Literatur, in einem angenehm unprätentiösen Ton. The Happy Reader steht damit ca. auf halber Strecke zwischen dem ewig gut gelaunten und alles immer super findenden #bookstagram und den strengen, ernsten englischsprachigen Book Reviews.

Wie es der Redaktion gelingt, eine lässige Belesenheit auszustellen und Pop-Sternchen (Olly Alexander), Komiker (Aziz Ansari) und Models (Lily Cole) urteils- und geschmackssicher – und so, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt – mit Sowjet-Dissidenten, viktorianischen Dichterinnen und römischen Kaisern zu paaren, ist einzigartig. Und ziemlich sensationell.

Die Ausgaben kosten zwischen 5€ und 7,50€. Entdeckt habe ich die aktuelle in der Buchhandlung Words‘ Worth in München und mir sofort alle verfügbaren alten Ausgaben nachgekauft bei Coffee Table Mags.