Der umgekehrte Turing-Test

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Darf ich kurz darauf hinweisen, dass ich ein neues und innovatives Verfahren der Sozioinformatik erfunden habe? Ich nenne es: »Der umgekehrte Turing-Test«.

Es geht so: Man beantwortet die Fragen eines Menschen, den man nicht kennt und mit dem kein Sicht- und Hörkontakt besteht, auf LinkedIn ausschließlich mit den automatisch vorgeschlagenen Antwortoptionen und wartet ab, wie lange der GesprĂ€chspartner braucht, um zu erkennen, dass man selbst ein Bot ist.

Mein erster Testlauf mit einem Anlageberater auf Kaltakquise lief recht vielversprechend an. Leider wurde er vorzeitig dadurch beendet, dass LinkedIn nur noch Antwortoptionen vorschlug, die notwendig den GesprĂ€chsabbruch nach sich zogen. 🙁

Ich möchte dieses experimentelle Verfahren nun gerne in die HĂ€nde der Öffentlichkeit ĂŒbergeben. Macht mit und teilt Eure Screenshots! Alles fĂŒr die Wissenschaft!

»Destroy«: Retro-Graffiti in Rissen

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Neulich war ich in der Stadtteilschule Rissen — und, wow, was die auf ihrem Schulhof fĂŒr geiles Graffiti haben! Erwartet man gar nicht in den Elbvororten, bei den ReitstĂ€llen, usw.

Andererseits: Vielleicht ist auch genau das der Grund, warum sich dieses historische Werk erhalten hat. In der Schanze wĂ€re es vermutlich schon etliche Male ĂŒbersprĂŒht worden. Auch in Rissen sind nicht mehr alle mit diesem, naja, naiven Stil einverstanden. »Toy« steht links und rechts als kritischer Kommentar am Bildrand.

Ich hingegen finde das wirklich super. Vielleicht, weil ich mit dem Ego-Shooter DOOM aufgewachsen bin (Sie können das hier online spielen), dessen Hauptfigur eine Ă€hnlich exzentrische Kleiderwahl hatte wie der Character hier im Bild: Atemschutz, Brustpanzer, dazu aber T-Shirt-Ärmel. Hauptsache man sieht den Bizeps, nĂ€?

DOOM kam Ende 1993 raus, ich wĂŒrde mal tippen, dass dieses Graffito entsprechend auch aus den mittleren bis spĂ€ten 1990er-Jahren stammt. Wer diesen Style mag, dem sei noch schnell das Buch ZAR ZIP FLY ZORO empfohlen, das die erste Schicht Graffiti in MĂŒnchen dokumentiert. Nicht ganz dasselbe, denn das Buch dokumentiert Graffiti der 1980er, aber: Es ist ganz reizend.

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Buchtipp: »Uncanny Valley« von Anna Wiener

Uncanny Valley ist das mutmaßlich erste Buch ĂŒber Start-ups im Silicon Valley, bei dem sich einem beim Lesen die ZehennĂ€gel hochklappen, aber es liegt nicht an dem Autoren oder der Autorin.

Anna Wiener erzĂ€hlt hier die wahre Geschichte, wie sie ihre Ambitionen begrub, nach ihrem Studium im alten kulturellen Machtzentrum New York Fuß zu fassen (Verlage, Intellektuelle, Martinis, Sie wissen schon), und sich stattdessen dem neuen Machtzentrum San Francisco zuwandte (Venture Capital Funds, Tech Bros und, Ă€h, Algen-Smoothies?).

Dies ist die Reportage einer Außenseiterin, die in das Innere eines Goldrausches gerĂ€t. Keine Anklageschrift, sondern eine Ethnografie der Gegenwart, geschrieben mit staunender, milde ironischer Distanz — und dadurch umso erhellender.

Wer in hundert Jahren eine Ahnung davon bekommen will, wie ein scheinbar harmloses Spiel den Überwachungskapitalismus gebar, einen ungelenken Jungen in Adiletten zum circa mĂ€chtigsten Mann der Welt machte und Internettrolle bis ins Weiße Haus beförderte, der wird zu diesem Buch greifen.

SelbstverstĂ€ndlich muss man nicht erst hundert Jahre dafĂŒr warten.

(Buchtipp fĂŒr die »Freunde der ZEIT« und ihren neuen Newsletter »Was wir lesen«. Den Newsletter können Sie hier kostenlos abonnieren. Eine Leseprobe aus Uncanny Valley gibt es hier. Mehr zum Buch auf der Website des US-Verlags. Eine deutsche Übersetzung ist neulich erschienen.)

Schlaflos im Shopping-Tempel

Dass die Nacht im Einkaufszentrum eine unruhige werden könnte, dÀmmert mir kurz nach Ladenschluss. Da komme ich gerade von der Mitarbeitertoilette, die hinter den Shops und FahrstuhlschÀchten gelegen ist, in jenen GÀngen der Hamburger Europa-Passage, die man als Kunde eigentlich gar nicht betreten darf, und werde von einem Sicherheitsmann gestoppt.

»Sie sind derjenige, der heute in diesem Cube schlĂ€ft«, sagt er. Ich nicke, obwohl der Mann das als Feststellung formuliert hat, nicht als Frage. »Nur, dass Sie sich nicht wundern«, fĂ€hrt er fort, »wir testen heute ein paar Mal den Neptun 500.« Den was? »Den Neptun 500«, sagt der Sicherheitsmann. »Das ist so’n Feueralarm.« Dann singt er eine kurze Melodie: »Dii-DĂŒĂŒ-DĂŒmm. Neptun 500. Muss gemacht werden. Also nur, dass Sie sich nicht wundern.«

In der Europa-Passage in der Hamburger Innenstadt kann man jetzt ĂŒbernachten. Ja, mitten in einer Pandemie. Ich habe das mal ausprobiert und erzĂ€hle auf ZEIT ONLINE, was ich nachts im Einkaufszentrum erlebt habe (Z+ / Abo).

Generation Umbruch

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Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie treffen besonders die JĂŒngeren. Drei von ihnen habe ich dazu befragt:

Miriam Dickmann, 19, ist Auszubildende zur KfZ-Mechatronikerin. Sie repariert einige der grĂ¶ĂŸten Fahrzeuge, die auf Hamburgs Straßen unterwegs sind: die Gelenkbusse der Hochbahn im HVV. Abstandhalten ist in ihrer Werkstatt kein Thema, sagt sie. Als einzige Frau unter 20 Azubis hat sie eine Umkleide fĂŒr sich allein.

Julian Stowasser, 33, ist Sternekoch und der neue KĂŒchenchef im Lakeside, dem Restaurant von Hamburgs teuerstem Hotel. Sein erstes Mal Kochen fĂŒr GĂ€ste war Mitte MĂ€rz. Vier Abende spĂ€ter kam der Lockdown. »Am Tag der Schließung war mein erster Gedanke: â€șScheiße, ich hab doch frischen Fisch bestellt!â€č«

Jana Lilienthal, 28, hat in der Pandemie ihre Stelle verloren. Sie jobbt jetzt bei einem Kunststoffkonzern, der Plastikfolien fĂŒr kĂŒnstliche DarmausgĂ€nge herstellt. »Ich bin ein bisschen ins kalte Wasser gesprungen«, sagt sie, »denn ich komme aus der Lifestyle-Branche.«

Es sind drei von Tausenden, die in diesem Jahr einen neuen Job oder eine Ausbildung angefangen haben oder sich beruflich neu orientieren mussten. Wie es ihnen mit der Pandemie und ihren Folgen geht, steht jetzt in den Hamburgseiten der ZEIT (jetzt im Handel in und um Hamburg, bundesweit in den E-Papers und Apps oder per Abo). Mit Fotos von Michael Kohls!

Wie Verlage auf Corona reagieren

NÀchste Woche findet ja die Frankfurter Buchmesse nicht statt. Okay, es gibt laut Veranstalter eine »Special Edition« im Internet. Aber eine Messe ist das nicht.

Ich habe das zum Anlass genommen, einige Verlegerinnen und Verleger in Hamburg zu besuchen und sie dazu zu befragen, was Corona fĂŒr sie bedeutet – wirtschaftlich, aber mehr noch programmatisch, intellektuell und literarisch.

Muss man jetzt BĂŒcher ĂŒber Seuchen und Killer-Viren machen? Oder gerade nicht?

Antworten von Hoffmann und Campe, dem Kinder- und Jugendbuchverlag Carlsen, der linken Edition Nautilus und dem kleinen, jungen, preisgekrönten Verlag CulturBooks gibt es in meinem Artikel auf ZEIT ONLINE (mit Abo lesbar).

Un/ziemlich super

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Unziemliches Verhalten, die Memoiren der amerikanischen Intellektuellen Rebecca Solnit, sind (pardon the pun), ein ziemlich beeindruckendes Buch. Die Autorin, die in Deutschland wohl am ehesten durch ihren Essay Men Explain Things to Me bekannt wurde (der den Neologismus mensplaining inspirierte), erzÀhlt hier von ihrem Werdegang.

Der Untertitel der gerade erschienenen deutschen Übersetzung von Kathrin Razum, »Wie ich Feministin wurde«, ist vielleicht etwas irrefĂŒhrend. Mindestens genauso gut hĂ€tte da »Wie ich Schriftstellerin wurde« stehen können. Denn Feministin war Rebecca Solnit offenbar schon frĂŒh und fast zwangslĂ€ufig, nicht im Sinne einer dezidierten politischen Theorie oder Praxis, aber im Sinne eines ausgeprĂ€gten GespĂŒrs fĂŒr Gewalt, die Frauen angetan wird:

»Mit Bleistift geschriebene Wörter auf einem großen Blatt vergilbten Zeitungsdruckpapiers, dessen untere HĂ€lfte in breiten AbstĂ€nden liniert ist, wie zum Schreibenlernen ĂŒblich – es ist, da bin ich mir ziemlich sicher, mein erster Aufsatz, aus der ersten Klasse. Er lautet vollstĂ€ndig: â€șWenn ich mal groß bin, will ich nie heiraten.â€č Die Zeichnung auf der oberen HĂ€lfte des Blattes zeigt einen Mann im roten Hemd, dessen schwarze Haare wie ein Heiligenschein um seinen runden Kopf liegen, und eine gelbhaarige Frau mit rĂŒschenbesetztem lilafarbenen Rock. â€șHeirate michâ€č, sagt er in einer Sprechblase, und sie antwortet: â€șNein, nein.â€č«

Rebecca Solnit deutet diese Zeichnung aus ihrer Kindheit heute damit, dass sie das Leben ihrer Mutter beobachtet hatte – »dass sie sich in ihrer elenden, von Gewalt geprĂ€gten Ehe machtlos und gefangen fĂŒhlte, war unĂŒbersehbar« – und beschloss, es anders zu machen als diese. Weiterlesen „Un/ziemlich super“

Wieso liegen in GroßstĂ€dten teure GrundstĂŒcke brach?

Die StĂ€dte wachsen, die Mieten steigen, der Wohnraum wird knapp. Trotzdem gibt es mancherorts unbebaute GrundstĂŒcke in bester Lage.

Zum Beispiel das Grand Central am DĂŒsseldorfer Hauptbahnhof. Oder das Holsten-Areal in Hamburg-Altona. Hier sollten jeweils 1000 und mehr Wohnungen entstehen. Stattdessen wechseln die GelĂ€nde zwar immer wieder den EigentĂŒmer und werden dabei immer teurer, doch gebaut wird nicht.

Was soll das? Welches GeschĂ€ftsmodell steckt dahinter? Was kann man politisch dagegen tun? Das habe ich mir von Christoph Twickel erklĂ€ren lassen, der als freier Journalist fĂŒr DIE ZEIT ĂŒber Stadtentwicklung schreibt. Wer will, kann das jetzt in unserem Podcast »Hinter der Geschichte« anhören.

(Trigger-Warnung fĂŒr Audiophile: Meine ohnehin viel zu ausufernde Anmoderation klingt leider recht knarzig, aber sobald Christoph spricht, wird’s besser!)

»Wir mĂŒssen bei der Digitalisierung viel, viel besser werden«

Politiker*innen reden nie Klartext? Wer das glaubt, kennt den Hamburger Schulsenator Ties Rabe nicht — und das Interview, das er meiner Kollegin Nike Heinen und mir gegeben hat.

Wir sprachen ĂŒber den Umgang mit dem Dilemma, einerseits Infektionen zu vermeiden, andererseits aber eine ganze Generation von jungen Hamburger*innen nicht um ihr Recht auf Bildung bringen zu wollen.

Und ĂŒber den Reformstau bei der Digitalisierung der Schulen, der in den vergangenen Monaten etliche Eltern auf die Palme brachte — und der sich Ă€ndern soll. Korrektur: muss.

Hier das ganze Interview (fĂŒr Abonnent*innen der ZEIT).