Warum kaputte Kunst manchmal mehr wert ist als heile Kunst

Ein Bild von Banksy hat sich selbstzerst├Ârt, kurz nachdem es f├╝r eine Million Pfund versteigert worden war (Video). Spekulationen zufolge war das als Stellungnahme des anonymen K├╝nstlers gegen die Kommerzialisierung der Kunst zu verstehen. Anderen Spekulationen zufolge ist das zerst├Ârte Bild jetzt nur noch mehr wert.

Mich erinnerte das an ein Interview, das meine Kollegin Martina Kix f├╝r ZEIT CAMPUS mit dem Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich f├╝hrte:

ZEIT CAMPUS: […] Der amerikanische K├╝nstler Richard Prince hat Instagram-Bilder anderer Leute ausgedruckt und ausgestellt. Wann wird ein Selfie Kunst?

Ullrich: Wichtig ist, dass Richard Prince nicht behauptet, er w├╝rde auf Instagram Kunstwerke entdecken, die bisher ├╝bersehen worden sind. Er hat fr├╝her Kaufhauskataloge und Werbeplakate abfotografiert und die Fotos ins Museum geh├Ąngt. Heute macht er dasselbe mit Instagram-Selfies. Seine Arbeit ist vergleichbar mit einem Taufakt. Dinge, die an sich als banal gelten, erhebt er zur Kunst. Es geht ihm um die Geste. Und um die Fragen: Wie viel Macht hat ein K├╝nstler? Ist alles Kunst, was ein K├╝nstler dazu erkl├Ąrt? Macht der Kunstbetrieb das mit oder nicht?

ZEIT CAMPUS: Der Kunstbetrieb macht mit: Die Bilder wurden f├╝r viel Geld verkauft.

Ullrich: Ja, und das Spannende ist, dass Richard Prince sein Spiel noch weitertreibt. Ein Foto, das er aus dem Instagram-Account von Ivanka Trump genommen und zur Kunst erkl├Ąrt hatte, hat er f├╝r 36.000 Dollar verkauft ÔÇô an Ivanka Trump. Als ihr Vater Donald Pr├Ąsident wurde, hat er das Bild jedoch wieder zur Nicht-Kunst erkl├Ąrt. Er twitterte: „This is not my work. I did not make it. I deny. I denounce. This fake art.“

ZEIT CAMPUS: Und jetzt?

Ullrich: Jetzt ist die Frage, ob der Kunstbetrieb das akzeptiert. Ich habe mit Mitarbeitern eines renommierten Auktionshauses gesprochen und sie gefragt, ob sie das Bild noch annehmen w├╝rden. Sie sagten: „Nat├╝rlich. Und es wird teurer sein als alle anderen aus der Serie.“ Das zeigt die Grenzen der Macht des K├╝nstlers.

Merke: Bilder, die durch ihre Geschichte einzigartig werden (Andreas Reckwitz w├╝rde sagen: die singularisiert werden), verkaufen sich besser. Immer.┬á Selbst wenn sie vom K├╝nstler widerrufen oder zerst├Ârt wurden. Und nirgendwo wei├č man das besser als in Auktionsh├Ąusern.

Das ganze Gespr├Ąch mit Wolfgang Ullrich: hier nachlesen.

Gut aussehen im Netz

Es reicht heute nicht mehr, dass Dinge gut aussehen. Sie m├╝ssen auch im Internet gut aussehen:

[I]n Zeiten von Smartphones und Social Media wirbt ein Produkt nicht mehr nur im Laden f├╝r sich […]. Wirklich erfolgreich ist ein Produkt erst, wenn es m├Âglichst oft auf Plattformen wie Instagram, Pinterest oder Facebook auftaucht.

Das schreibt der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich (in: ┬╗Knips mich!┬ź, Brand Eins, Nr. 12/2016, Seite 122).

Im Produkt- und Verpackungsdesign komme es demnach darauf an, nicht nur sch├Âne, sondern auch m├Âglichst fotogene Waren zu gestalten. Das Produkt m├╝sse sich in die professionelle ├ästhetik der bezahlten ┬╗Influencer┬ź einf├╝gen lassen, aber auch dann noch gut aussehen, wenn es von Laien fotografiert wird. Und: Ein erfolgreiches Produkt m├╝sse seine Nutzer anregen, es fotografieren zu wollen.

Die Aufmerksamkeits- und Erfolgskriterien, die Wolfgang Ullrich f├╝r die Warenwelt beschreibt, haben sich auch einige junge K├╝nstler angeeignet.

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Re: Was ist ein Selfie? Was ist digitale Fotografie?

Gestern schrieb ich hier ├╝ber g├Ąngige Denkfehler bei der Kritik des Selfies. Heute entdeckte ich den in diesem Zusammenhang sehr aufschlussreichen Impulsvortrag des Kulturwissenschaftlers Wolfgang Ullrich neulich bei einer Podiumsdiskussion anl├Ąsslich der Ausstellung Ich bin hier! Von Rem┬şbrandt zum Selfie in der Kunsthalle Karlsruhe:

Selfies, argumentiert Wolfgang Ullrich (wie auch Sasson/Villi), sind ┬╗Teil einer situativ-momentanen Kommunikation┬ź, die ÔÇô anders als k├╝nstlerische Selbstportr├Ąts ÔÇô in der Regel nicht ┬╗den Zeitpunkt, zu dem sie entstanden sind, ├╝berdauern sollen┬ź. Wer also ein beliebiges Selfie aus dem Internet fischt, um es neben D├╝rers Selbstbildnis im Pelzrock zu platzieren, der beweist damit ÔÇŽ nichts. Oder zumindest nicht mehr, als wenn er ein x-beliebiges Zeitungsportr├Ąt, Passbild oder ┬╗Mitarbeiter des Monats┬ź-Foto aus dem Supermarkt neben einem D├╝rer platziert.

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Kapitalismustheorie & Duschgel: ├ťber Wolfgang Ullrichs Buch Alles nur Konsum. Kritik der waren├Ąsthetischen Erziehung

Wolfgang Ullrichs Buch "Alles Nur Konsum" (CC-photo by Oskar Piegsa)

Abb.: Warenensemble mit Wolfgang Ullrichs Buch Alles nur Konsum, das k├╝rzlich im Verlag Klaus Wagenbach erschienen ist

B├╝cherwand, Hauskonzert, Kunstbesitz:┬áWenn Wolfgang Ullrich zum Abendessen kommt, k├Ânnte das alles nutzlos sein. Denn um den Geschmack seiner Gastgeber zu pr├╝fen wird der Karlsruher Kunstwissenschaftler wohl zuerst auf etwas anderes schauen: auf den Pfefferstreuer.

Das legt zumindest Alles nur Konsum nahe, Ullrichs neues Buch, das mit einer provokanten Absage an die Konsumkritik in der Tradition Theodor W. Adornos beginnt. Marketing ist nur T├Ąuschung und Shopping blo├č eine primitive T├Ątigkeit? Nein, schreibt Ullrich:

Im Gegenteil kann Konsumieren eine Kulturtechnik sein wie Lesen; die Wahl der jeweils richtigen Pfefferm├╝hle ist genauso ein Ausweis von Geschmack und Urteilskraft wie die Entscheidung f├╝r die Lekt├╝re eines bestimmten Buches.

Tausende Manufactum-Kunden werden es ihm danken.

Friedrich Schiller verfasste einst seine Briefe ├ťber die ├Ąsthetische Erziehung des Menschen. Im Untertitel seine Buches orientiert sich Wolfgang Ullrich an der Formulierung des Dichters. Dennoch erz├Ąhlt seine Kritik der waren├Ąsthetischen Erziehung kaum von Religion, Kunst und Literatur, sondern fast ausschlie├člich von trivialen Dingen: von Duschgels, Brotaufstrichen und Notizbl├Âcken.

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