Selfies sind nicht narzisstisch

Viele, die Selfies kritisieren, verweisen wieder und wieder (und wieder und wieder und wieder) darauf, dass es sich hierbei um ein Symptom des Narzissmus handele. Dieser kleinste gemeinsame Nenner der Selfie-Kritik ist zugleich ihr Totschlagargument. Wer Selfies als Symptome einer Massenpathologie deutet, entlässt sich selbst aus der Pflicht, weiter zu argumentieren: Selfies sind schlecht, weil Selfies schlecht sind.

Mich interessieren Selfies nicht aus psychologischer Sicht. Als Kulturjournalist reizt mich die Idee, es könne sich hierbei um eine neue (und paradoxerweise globale) Volkskunst handeln. Quasi um eine Fortsetzung der Volkskunst unter den Bedingungen des Internets. Der amerikanische Kunstkritiker Jerry Saltz formulierte diesen Gedanken in seinem Essay Art at Arm’s Length – A History of the Selfie.

Ich glaube, dass es sich lohnen würde, vorurteilsfrei über Selfies zu diskutieren. Trotzdem fällt in jedem Gespräch, kommt in so vielen Artikeln früher oder später der kategorische Narzissmus-Vorwurf: »Selfies sind doch voll narzisstisch, ey«.

Die Verbreitung dieses Vorurteils (und die Vehemenz, mit der es oft vorgetragen wird) ist erstaunlich. Erst recht, wenn man sich die Mühe macht, den griechischen Mythos von Narziss tatsächlich zu lesen. Dann nämlich merkt man: Wer Selfies macht, ist gar nicht narzisstisch! Zumindest nicht in dem Sinne, in dem Narziss narzisstisch war.

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Ăśber Selfies (Teil 3)

In der Silvesternacht brannte in Dubai das Hotel The Address. Mindestens zwanzig Stockwerke des Wolkenkratzers in der Innenstadt standen in Flammen, vierzehn Menschen sind verletzt worden. So berichtet es unter anderem Die Welt. Die Brandursache und Höhe des Sachschadens sind demnach noch unbekannt. Auch die Betreiber des Hotels halten sich dazu bisher bedeckt.

Fotos und Videoaufnahmen des Brandes gingen noch in der Silvesternacht um die Welt und wurden in den folgenden Tagen in vielen Zeitungen gedruckt. Doch kein Bild löste so heftige Reaktionen aus, wie ein Amateurfoto, dessen Urheber die Weltöffentlichkeit vermutlich kaum im Sinn hatten. Ich spreche von diesem Foto eines jungen Paares vor dem brennenden Hotel, das Schlagzeilen machte als »most inappropriate selfie ever«.

Die Rezeption dieses (an sich banalen) Fotos ist aus mindestens zwei Gründen interessant. Zunächst mal ist der Superlativ bemerkenswert – und bemerkenswert leichtfertig. Denn Selfies, die als »most inappropriate« kritisiert wurden, gab es in den vergangenen Jahren immer wieder:

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Re: Was ist ein Selfie? Was ist digitale Fotografie?

Gestern schrieb ich hier über gängige Denkfehler bei der Kritik des Selfies. Heute entdeckte ich den in diesem Zusammenhang sehr aufschlussreichen Impulsvortrag des Kulturwissenschaftlers Wolfgang Ullrich neulich bei einer Podiumsdiskussion anlässlich der Ausstellung Ich bin hier! Von Rem­brandt zum Selfie in der Kunsthalle Karlsruhe:

Selfies, argumentiert Wolfgang Ullrich (wie auch Sasson/Villi), sind »Teil einer situativ-momentanen Kommunikation«, die – anders als künstlerische Selbstporträts – in der Regel nicht »den Zeitpunkt, zu dem sie entstanden sind, überdauern sollen«. Wer also ein beliebiges Selfie aus dem Internet fischt, um es neben Dürers Selbstbildnis im Pelzrock zu platzieren, der beweist damit … nichts. Oder zumindest nicht mehr, als wenn er ein x-beliebiges Zeitungsporträt, Passbild oder »Mitarbeiter des Monats«-Foto aus dem Supermarkt neben einem Dürer platziert.

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Was ist ein Selfie? Was ist digitale Fotografie?

Selfies und ihre Urheber werden unentwegt kritisiert. Ein Gedanke, der mir dabei oft fehlt: Die digitale Fotografie war eine technische Innovation, die nicht nur verändert, wie wir fotografieren, sondern auch zu welchem Zweck wir fotografieren.

Die Fotografie an sich hat sich demnach verändert, wie zuletzt vielleicht bei der Einführung der Rollfilmkamera (oder noch dramatischer, zumindest in dem Sinne, dass die Anwendungsbereiche der Fotografie noch vielfältiger geworden sind).

So arumentiert zum Beispiel Steve Sasson, der als Ingenieur bei Kodak bereits in den siebziger Jahren den Prototypen einer Digitalkamera gebaut hat, im Paper Magazine (Volume 32, Issue 2, October 2015). Er sagt:

I think what’s changed is our view of what photography is. [Digital photography has] changed it from recording events to a casual form of communication.

Ähnlich argumentiert Mikko Villi, ein Kommunikationsforscher an der Uni Helsinki, der ein kurzes Essay in The Smart View (Ausgabe 1) veröffentlicht hat. Dort schreibt er:

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