Was ist ein Selfie? Was ist digitale Fotografie?

Selfies und ihre Urheber werden unentwegt kritisiert. Ein Gedanke, der mir dabei oft fehlt: Die digitale Fotografie war eine technische Innovation, die nicht nur verändert, wie wir fotografieren, sondern auch zu welchem Zweck wir fotografieren.

Die Fotografie an sich hat sich demnach verändert, wie zuletzt vielleicht bei der Einführung der Rollfilmkamera (oder noch dramatischer, zumindest in dem Sinne, dass die Anwendungsbereiche der Fotografie noch vielfältiger geworden sind).

So arumentiert zum Beispiel Steve Sasson, der als Ingenieur bei Kodak bereits in den siebziger Jahren den Prototypen einer Digitalkamera gebaut hat, im Paper Magazine (Volume 32, Issue 2, October 2015). Er sagt:

I think what’s changed is our view of what photography is. [Digital photography has] changed it from recording events to a casual form of communication.

Ähnlich argumentiert Mikko Villi, ein Kommunikationsforscher an der Uni Helsinki, der ein kurzes Essay in The Smart View (Ausgabe 1) veröffentlicht hat. Dort schreibt er:

1. The camera is oriented at communicating over time, whereas the phone is oriented at communicating over space.
2. Photographs live on; they are documents of the past. By contrast, phone calls come and go; they are transient.
In the camera phone, these two forms of communication are cojoined.

Wenn Steve Sasson und Mikko Villi recht haben, wird man der digitalen Fotografie im Allgemeinen und dem Selfie im Speziellen nicht gerecht, wenn man nur mit den Prämissen und Begriffen der Fototheorie des 20. Jahrhunderts (Dunkelkammer, Helle Kammer, etc.) arbeitet. Villi fordert entsprechend:

The selfie culture, therefore, should be understood specifically by focussing on communiation, social media, instant messaging services and camera phones, rather than studying it in the context of photography.

Natürlich kann man Selfies fürchterlich finden. Aber man muss sich etwas mehr Mühe geben als sie bloß als Profanisierung der künstlerischen Selbstporträts vergangener Jahrhunderte zu sehen. Oder als einen Missbrauch des Mediums der Fotografie. Beides sind Missverständnisse, die auf falschen Vorannahmen basieren.

P.S.: Unerheblich ist hier, ob es auch schon zu analogen Zeiten Vorformen des Selfies gab. Gab es. Etwa diese Fotos von Johannes Löwe oder vielleicht auch die Selbstauslöserfotos der Bravo (wobei die wohl fake sind?).

3 Kommentare zu „Was ist ein Selfie? Was ist digitale Fotografie?“

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