Ein Bestiarium der Ratgeber-Literatur

dav

Vor neun Jahren, als ich Redakteur von ZEIT CAMPUS wurde, begann ich, eine Bibliothek des Bullshits anzulegen.

DafĂŒr klaubten eine Kollegin und ich Karriere- und Management-Ratgeber zusammen, aus den Programmvorschauen der Verlage und aus Online-Antiquariaten.

Es gab verschiedene Sammlungsgebiete. Eines lautete Â»Ăœberlebenstipps von untergegangenen Zivilisationen«. Hier fanden sich unter anderem die BĂŒcher Albert StĂ€hlis, die Titel trugen wie Maya Management: Lernen von einer Elitekultur oder Inka Government: Eine Elite verwaltet ihre Welt.

Ein weiterer Stapel hieß »… fĂŒr Manager«. Sie wissen schon: Jesus fĂŒr Manager, Buddha fĂŒr Manager, so was. (Marx fĂŒr Manager scheint leider dauerhaft vergriffen zu sein.)

Der grĂ¶ĂŸte Stapel aber war der mit den Tiermetaphern. Hier fand sich der Klassiker von Spencer Johnson aus dem Jahr 1998: Die MĂ€use-Strategie fĂŒr Manager. Daneben: Die BĂ€ren-Strategie (2007), Die Schaf-Strategie (2012), Der Ferkel-Faktor (2008), Das Pinguin-Prinzip (2017) und viele mehr.

Im vergangenen Jahr verließ ich die Redaktion und wechselte zur ZEIT. Was sollte aus den BĂŒchern werden? Altpapier? Wir mussten was tun. Weiterlesen „Ein Bestiarium der Ratgeber-Literatur“

Gewinne, Gewinne, Gewinne! đŸ†

Ich freue mich sehr ĂŒber den zweiten Platz beim Medienpreis Mittelstand Nord+Ost fĂŒr meinen Artikel ĂŒber Berufseinsteiger*innen in der Corona-Krise, erschienen im Hamburg-Ressort der ZEIT.

Und ich freue mich fast noch ein bisschen mehr darĂŒber, dass der Autor Moritz Herrmann den ersten Platz belegt hat, mit seinem PortrĂ€t eines SUV-HĂ€ndlers in Hamburch-WellingsbĂŒttel, ebenfalls im Hamburg-Ressort der ZEIT erschienen. Go team! ✌

GlĂŒckwunsch auch an alle weiteren PreistrĂ€ger*innen in den Kategorien Print, TV und Hörfunk!

Wenn Eltern »ins Internet gehen«

Mehr als 80 Prozent aller Eltern gehen mit ihren zwei bis sechs Jahre alten Kindern nach eigenen Angaben nicht tÀglich, nicht mehrmals pro Woche, nicht ein- bis zweimal pro Monat, sondern nie ins Internet.

Das ergab eine Befragung des Deutschen Jugendinstituts (zitiert im Bundesbildungsbericht 2020 auf Seite 72, PDF-Version hier).

Daraus ergeben sich fĂŒr mich zwei Fragen:
1) Mache ich was falsch? 😳
2) Woher beziehen diese Eltern ihre BĂŒgelperlen-Vorlagen? (Mal ganz zu schweigen von Deine Freunde-Videos auf YouTube und Eule findet den Beat auf Spotify und und und.)

Keine Ahnung, ob das Soziale ErwĂŒnschtheit ist – oder ob Eltern glauben, sie seien nur dann im Internet, wenn man dafĂŒr vorher http://www.gmx.de eintippen muss.

twen, 1962: Weniger ist mehr

mde

Drei Doppelseiten aus twen, Nr. 1/1962 (Seite 32—35). Thema und Zeile sind nicht gut gealtert, aber wie die riesig aufgeblasenen Fotos ballern: Wow.

Und die Idee, die Headline der Titelgeschichte nur ganz klein unten rechts ins Bild zu schieben, wie geflĂŒstert und im vollen Vertrauen auf die Kraft des Fotos: Doppelwow.

Den ganzen Text gibt es hier. Geschrieben hat ihn Sarah Sonntag (wohl ein Pseudonym), Fotos von Willy Rizzo (Cover), Jeanloup Sieff und Joan van der Keuken. Chefredakteur Willy Fleckhaus.

Mehr zu twen in diesem Buch (nur noch antiquarisch erhĂ€ltlich), mehr zur Arbeit von Willy Fleckhaus (als Gestalter bei twen, bei Suhrkamp, beim FAZ Magazin, … ) in diesem Buch.

Spex, 1988: »The German Issue«

dav

Im September 1988 veröffentlichte die Popkultur-Zeitschrift Spex ihre »German Issue« mit den jungen Goldenen Zitronen auf dem Cover sowie der AnkĂŒndigung: »Deutschland alle Bands komplette Liste 255 deutsche Bands«.

Gehen wir mal davon aus, dass das mit der »kompletten Liste« nicht ganz ernst gemeint war. Genau so wenig wie die Nationalfarben und die Frakturschrift auf dem Cover.

(Bei der Betitelung als »The German Issue« handelt es sich wiederum mutmaßlich um einen Verweis auf diese Ausgabe der Zeitschrift Semiotext(e) aus den USA).

Trotzdem folgt im Heft eine Liste von »A« — »AbwĂ€rts« bis »X/Y/Z« — »Yellow Sunshine Explosion« (Kurzbeschreibung: »Dortmunder Garagen-Acid, in ihrer Stadt auf verlorenem Posten«). Insgesamt nimmt die Liste — mit Bezugsadressen und allem — 14 Seiten ein (von 84 Seiten insgesamt).

Weiterlesen „Spex, 1988: »The German Issue«“

Magazine Blowout Sale

Interview-used-4

Ich verramsche Teile meiner Zeitschriftensammlung, u.a. jahrgÀngeweise die ziemlich starke neue Interview (US), einzelne teils vergriffene Ausgaben von n+1, The Baffler, Adbusters, The Atlantic und ein paar reizende historische KuriositÀten (»Machen die Sowjets das Rennen doch?«).

Ich ziehe um, that’s why, in eine schöne neue Wohnung, aber ohne die ca. 20 qm DachbodenflĂ€che wie bisher. Ausschließlich Kampfpreise. Annoncen hier.

Der umgekehrte Turing-Test

Oskar-Piegsa-Turing-Test-umgekehrt-Linkedin

Darf ich kurz darauf hinweisen, dass ich ein neues und innovatives Verfahren der Sozioinformatik erfunden habe? Ich nenne es: »Der umgekehrte Turing-Test«.

Es geht so: Man beantwortet die Fragen eines Menschen, den man nicht kennt und mit dem kein Sicht- und Hörkontakt besteht, auf LinkedIn ausschließlich mit den automatisch vorgeschlagenen Antwortoptionen und wartet ab, wie lange der GesprĂ€chspartner braucht, um zu erkennen, dass man selbst ein Bot ist.

Mein erster Testlauf mit einem Anlageberater auf Kaltakquise lief recht vielversprechend an. Leider wurde er vorzeitig dadurch beendet, dass LinkedIn nur noch Antwortoptionen vorschlug, die notwendig den GesprĂ€chsabbruch nach sich zogen. 🙁

Ich möchte dieses experimentelle Verfahren nun gerne in die HĂ€nde der Öffentlichkeit ĂŒbergeben. Macht mit und teilt Eure Screenshots! Alles fĂŒr die Wissenschaft!

MĂ€nner, Frauen und Nudeln

Einstiegsszene eines Berichts ĂŒber die SchwĂ€che der FDP aus dem Cicero-Magazin (Septemberausgabe):

»Spaghetti mit Pfifferlingen bei einem Italiener in Potsdam, richtiger Appetit sieht anders aus, das kann auch an den 30 Grad im Schatten liegen. Die Luft steht, Linda Teuteberg dreht und dreht und dreht, gedankenverloren nach dem Wort suchend, bis die Nudelkugel an ihrer Gabel und auf dem Löffel eine beachtliche GrĂ¶ĂŸe angenommen hat. â€șDilemmaâ€č, sagt sie dann und schaut von der Gabel auf: â€șEin Dilemma.â€č Dann wickelt sie ein paar Nudeln wieder ab und fĂŒhrt die Gabel zum Mund. â€șEin bisschen was muss man ja essen.â€č Die 39-JĂ€hrige FDP-GeneralsekretĂ€rin hat sich eine Woche vor der entscheidenden PrĂ€sidiumssitzung zu einem ausfĂŒhrlichen GesprĂ€ch bereiterklĂ€rt, aus dem man aber nicht zitieren soll. Aber auch fast ohne Worte sagt die Szene viel. Über den absehbaren Ausgang eines Machtkampfes, in dem fĂŒr sie nur ein Achtungserfolg und der Erhalt der Selbstachtung blieben. Über Linda Teuteberg. Über ihren Zustand. Und ĂŒber den Zustand ihrer Partei.«

Auch mir scheint, die Szene sage viel, aber ausschließlich ĂŒber die zwanghafte Neigung einiger deutscher Journalist*innen (bzw. in diesem Fall: dreier Reporter des Cicero), jeden großen Text mit einer Szene zu beginnen, selbst dann, wenn sie gar nichts Szenisches beobachtet haben, geschweige denn etwas mit Aussagekraft.

Andererseits: Dass es nicht leicht ist, die richtigen Worte zu finden, wenn MĂ€nner, Frauen und Nudeln im Spiel sind, das wissen wir ja schon seit Loriot.

Was Amateurpornos ĂŒber SexualitĂ€t verraten

edf

Der Soziologe Sven Lewandowski will die Sexualwissenschaft revolutionieren. Deshalb guckt er stundenlang Privatpornos in Zeitlupe. 😳

Ich habe mit ihm ĂŒber seine Forschung gesprochen, die — wie Lewandowski mir glaubhaft versicherte — harte Arbeit sei. No pun intended.

Mehr dazu im Interview in Zeit Campus (Nr. 4/2020, Titelthema »Das neue Wir«) das es ab heute ĂŒberall im Handel oder hier online zu kaufen gibt.

Weiterlesen „Was Amateurpornos ĂŒber SexualitĂ€t verraten“

Corona: Was passiert, wenn Menschen offen darĂŒber reden?

Alle reden von der zunehmenden Polarisierung in der Diskussion der Corona-Maßnahmen – ZEIT ONLINE tut was dagegen.

FĂŒr die neue Ausgabe des Projekts Deutschland spricht wurden dieses Mal Menschen zusammengebracht, die zu Themen wie Kontaktsperre, Alltagsmasken und der Informationspolitik zu Sars-CoV-2 bzw. Covid-19 unterschiedlicher Meinung sind. Ihre Positionen wurden zuvor per Fragebogen abgefragt, anschließend Diskussionsgegner*innen (oder: Diskussionpartner*innen?) gematcht.

Wie das ausgehen kann, sieht man hier beispielhaft an dem GesprĂ€ch, das mein Kollege Philip Faigle, 40, aus Berlin, mit Suzan Mazumdar, 51, im AllgĂ€u, gefĂŒhrt hat.

Ziemlich spannend, die eigenen Annahmen und Positionen auf diese Weise der PrĂŒfung auszusetzen. Das klappt sogar, wenn man beim GesprĂ€ch nur zuhört.