MĂ€nner, Frauen und Nudeln

Einstiegsszene eines Berichts ĂŒber die SchwĂ€che der FDP aus dem Cicero-Magazin (Septemberausgabe):

»Spaghetti mit Pfifferlingen bei einem Italiener in Potsdam, richtiger Appetit sieht anders aus, das kann auch an den 30 Grad im Schatten liegen. Die Luft steht, Linda Teuteberg dreht und dreht und dreht, gedankenverloren nach dem Wort suchend, bis die Nudelkugel an ihrer Gabel und auf dem Löffel eine beachtliche GrĂ¶ĂŸe angenommen hat. â€șDilemmaâ€č, sagt sie dann und schaut von der Gabel auf: â€șEin Dilemma.â€č Dann wickelt sie ein paar Nudeln wieder ab und fĂŒhrt die Gabel zum Mund. â€șEin bisschen was muss man ja essen.â€č Die 39-JĂ€hrige FDP-GeneralsekretĂ€rin hat sich eine Woche vor der entscheidenden PrĂ€sidiumssitzung zu einem ausfĂŒhrlichen GesprĂ€ch bereiterklĂ€rt, aus dem man aber nicht zitieren soll. Aber auch fast ohne Worte sagt die Szene viel. Über den absehbaren Ausgang eines Machtkampfes, in dem fĂŒr sie nur ein Achtungserfolg und der Erhalt der Selbstachtung blieben. Über Linda Teuteberg. Über ihren Zustand. Und ĂŒber den Zustand ihrer Partei.«

Auch mir scheint, die Szene sage viel, aber ausschließlich ĂŒber die zwanghafte Neigung einiger deutscher Journalist*innen (bzw. in diesem Fall: dreier Reporter des Cicero), jeden großen Text mit einer Szene zu beginnen, selbst dann, wenn sie gar nichts Szenisches beobachtet haben, geschweige denn etwas mit Aussagekraft.

Andererseits: Dass es nicht leicht ist, die richtigen Worte zu finden, wenn MĂ€nner, Frauen und Nudeln im Spiel sind, das wissen wir ja schon seit Loriot.

Was Amateurpornos ĂŒber SexualitĂ€t verraten

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Der Soziologe Sven Lewandowski will die Sexualwissenschaft revolutionieren. Deshalb guckt er stundenlang Privatpornos in Zeitlupe. 😳

Ich habe mit ihm ĂŒber seine Forschung gesprochen, die — wie Lewandowski mir glaubhaft versicherte — harte Arbeit sei. No pun intended.

Mehr dazu im Interview in Zeit Campus (Nr. 4/2020, Titelthema »Das neue Wir«) das es ab heute ĂŒberall im Handel oder hier online zu kaufen gibt.

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Corona: Was passiert, wenn Menschen offen darĂŒber reden?

Alle reden von der zunehmenden Polarisierung in der Diskussion der Corona-Maßnahmen – ZEIT ONLINE tut was dagegen.

FĂŒr die neue Ausgabe des Projekts Deutschland spricht wurden dieses Mal Menschen zusammengebracht, die zu Themen wie Kontaktsperre, Alltagsmasken und der Informationspolitik zu Sars-CoV-2 bzw. Covid-19 unterschiedlicher Meinung sind. Ihre Positionen wurden zuvor per Fragebogen abgefragt, anschließend Diskussionsgegner*innen (oder: Diskussionpartner*innen?) gematcht.

Wie das ausgehen kann, sieht man hier beispielhaft an dem GesprĂ€ch, das mein Kollege Philip Faigle, 40, aus Berlin, mit Suzan Mazumdar, 51, im AllgĂ€u, gefĂŒhrt hat.

Ziemlich spannend, die eigenen Annahmen und Positionen auf diese Weise der PrĂŒfung auszusetzen. Das klappt sogar, wenn man beim GesprĂ€ch nur zuhört.

Let’s try something new!

Mit der ersten BĂŒrgermeisterin von Hamburg könnte es Sonntag knapp werden, die neue Chefredakteurin von ZEIT CAMPUS gibt es schon jetzt:

Ich freue mich, das Krönchen offiziell an Martina Kix ĂŒbergeben zu dĂŒrfen (die es de facto schon seit Beginn meiner Elternzeit vor einem Jahr trĂ€gt und in dieser Zeit mit ihrem Team bombengute Hefte gemacht hat).

Mit ZEIT CAMPUS bin ich aufgewachsen, erst als Student, dann als Journalist, Redakteur und Chefredakteur. Und, ey, das war was!

Aber 8 Jahre nachdem ich in dieser Redaktion meinen ersten Vertrag unterschrieben habe, ist jetzt mal DIE ZEIT fĂŒr was Neues (lustiges Wortspiel, oder?): Im MĂ€rz starte ich bei den Hamburg-Seiten im Mutterblatt.

Hier die offizielle Pressemitteilung.

MajestĂ€tsbeleidigung Ă  la Â»Brigitte«

Fußnote der deutschen Pressegeschichte: Rund 60 Jahre bevor Jan Böhmermann den tĂŒrkischen StaatsprĂ€sidenten Erdogan gegen sich aufbrachte, passierte etwas Ă€hnliches der Brigitte. Damals war der Gegenspieler der Schah von Persien, die Redaktion allerdings deutlich weniger kĂ€mpferisch als spĂ€ter Böhmermann.

Der Historiker Quinn Slobodian schreibt:

In 1957, the women’s magazine Brigitte had been charged with defamation for printing a photograph of the shah’s first wife, Soraya, with a snide caption about the depth of her dĂ©colletage. The case was dropped only when the magazine’s editor apologized personally to the Iranian ambassador.

(aus dem Buch Foreign Front: Third World Politics in Sixties West Germany)

Ein Jahr spĂ€ter legte der Stern mit einer Story ĂŒber TrennungsgerĂŒchte des Schahs von Soraya nach. Dieser Text löste so viel Empörung im Iran aus, dass es zu diplomatischen Verstimmungen kam und die Bundesregierung unter Konrad Adenauer in der Folge ein Gesetz zur EinschrĂ€nkung der Pressefreiheit auf den Weg bringen wollte (vulgo: Lex Soraya), das aber im Bundesrat scheiterte.

Ganz von der Hand zu weisen waren die TrennungsgerĂŒchte ĂŒbrigens nicht. Als der Schah 1967 zum Staatsbesuch in die BRD und nach West-Berlin kam, wo man ihm zu Ehren den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, hatte er seine dritte Ehefrau Farah dabei (denn Slobodian irrt: Soraya war bereits die zweite Gattin des iranischen Herrschers).

Seine Trennung von Soraya inspirierte nicht nur das zum GlĂŒck gescheiterte Gesetzesvorhaben, sondern auch einen ganz hĂŒbschen Chanson.

 

Still ❀’ing Magazines: The Gourmand

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Ich weiß nicht, wie viel Lebenszeit ich als Chefredakteur von Zeit Campus damit verbracht habe, an den Titelzeilen unserer neuen Ausgaben zu feilen.

Die Zeile auf dem Cover einer Zeitschrift soll originell sein, aber nicht zu kompliziert. Sie soll catchy sein, aber nicht zu plump. Sie soll einen Kauf triggern – aber journalistisch wahrhaftig sein. Und natĂŒrlich soll sie gut aussehen und gut im Layout sitzen. Nicht immer eine leichte Ausgabe.

Die aktuelle Ausgabe von The Gourmand (Nummer 13) zeigt, dass es auch anders geht. Das britische Food-Magazin beweist: Cover können auch ganz ohne Titelzeilen knallen. Ich wollte jedenfalls sofort lesen, was sich hinter diesem Titel verbirgt 


(The Gourmand kostet 16,50 Euro. Das Heft ist in Deutschland nicht ganz einfach zu finden. Ich habe es bei Coffee Table Magazines gekauft, in Hamburg gibt’s das Heft wohl auch bei Gudberg Nerger.)

Still ❀’ing Magazines: ROM

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Die neue Ausgabe des Post-Internet-Magazins ROM ist ungefĂ€hr so groß wie ein iPad, schimmert auch genau so schön, kostet aber ca. 98% weniger. Wenn das nicht der ultimative Weihnachtsgeschenke-Hack ist, dann weiß ich auch nicht.

Ich durfte fĂŒr dieses Heft eine Kleinigkeit beisteuern und habe mich fĂŒr einen generationgolfigen Text ĂŒber meine Jugend zwischen Millennium-Bug und Dotcom-Crash entschieden, der sich dann aber völlig ĂŒberraschend auswĂ€chst zu einem pathetischen PlĂ€doyer fĂŒr Magazinjournalismus. (Sorry wegen des Spoilers.)

Illustriert haben die Leute von ROM das unter anderem mit dem Foto eines Nokia 3210. Ich hatte so ein Àhnliches Handy, aber von Siemens, glaube ich. Manchmal vermisse ich es. Man konnte damit sehr gut Bierflaschen aufmachen.

ROM Nummer 3 gibt’s im Bahnhofsbuchhandel fĂŒr 10 Euro oder online direkt bei der Redaktion.

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Wie ich versuchte, ein besserer Öko-Vater zu sein

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Augenringe, Bartschatten, Schlagschatten, richtig scharf ist das Foto auch nicht, aber, hey, ich hab mal wieder was geschrieben!

Ab heute in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE: Eine ganze Seite ĂŒber Scheiße. Und darĂŒber, wie man sie möglichst ökologisch wieder loswird. Sorry, aber das sind so die Themen, wenn man Tag und Nacht ein Baby betĂŒdelt.

Danke an alle, die mich beim journalistischen Wickeln-mit-Stoffwindeln-Selbstversuch begleitet haben, nicht zuletzt Wickelversum & Einfach Stoffwindeln.

Und Respekt an die Damen und Herren in der Bildredaktion der ZEIT, die dieses charmante Foto mit Baby-Bauarbeiterdekolletée ausgegraben haben.

Jetzt am Kiosk, hier online (Paywall) oder Aboaboabo.

Still ❀’ing Magazines: The Happy Reader

The Happy Reader ist ein Literaturmagazin, das fast alles anders macht als fast alle anderen Literaturmagazine. Es gibt hier: Keine Rezensionen. Keine Autoren-Interviews. Kein Wort zu den Neuerscheinungen der Saison.

Stattdessen besteht jede Ausgabe aus zwei Teilen. Der erste Teil ist ein ausfĂŒhrliches GesprĂ€ch mit einem Menschen, der gerne liest. Zum Beispiel mit dem Schauspieler Owen Wilson, Titelheld der neuen Ausgabe. Oder mit der KĂŒnstlerin Laurie Anderson. Das sind nette, eloquente Plaudereien ĂŒber das Leben mit BĂŒchern und Geschichten.

Der zweite Teil enthÀlt dann viele kurze Essays, Listen, Infografiken und assoziative Fotos, die alle zusammen nur einem einzigen Buch gewidmet sind.

Schilderungen, wie die brave Schriftstellergemahlin ihrem Gatten und dem Reporter die frisch geschlagene Sahne zum Erdbeerkuchen auf die Veranda trĂ€gt, damit die beiden was SĂŒĂŸes haben zur Weltdeuterei, fehlen hier. Wie gesagt: Keine Autoren-Interviews.

Die Urheber der besprochenen Werke (und ihre Gemahlinnen, so vorhanden) sind alle schon tot. Es geht hier um BĂŒcher wie Mary Shelleys Frankenstein, die Selbstbetrachtungen des Mark Aurel oder Jewgeni Samjatins Wir (eine Inspiration fĂŒr George Orwells 1984 und das erste Buch, das in der Sowjetunion verboten worden ist, wie ich hier gelernt habe).

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Die Auswahl ist kein Zufall, The Happy Reader ist ein von den Erfindern von Fantastic Man und The Gentlewoman betreutes Werbemagazin des Penguin-Verlag, besprochen werden also BĂŒcher aus der Backlist. Kein Drama: Wahnsinnig viele Klassiker und Modern Classics sind in der englischen Übersetzung bei Penguin erschienen, die Auswahl leidet darunter also nicht. Und der Tonfall? Überfordert niemanden, sondern macht Lust, sich durch die hinteren Seiten des Verlagsprogramms zu blĂ€ttern, ohne dabei werberisch zu werden.

Es geht um Klassiker und um das Leben mit Literatur, in einem angenehm unprÀtentiösen Ton. The Happy Reader steht damit ca. auf halber Strecke zwischen dem ewig gut gelaunten und alles immer super findenden #bookstagram und den strengen, ernsten englischsprachigen Book Reviews.

Wie es der Redaktion gelingt, eine lĂ€ssige Belesenheit auszustellen und Pop-Sternchen (Olly Alexander), Komiker (Aziz Ansari) und Models (Lily Cole) urteils- und geschmackssicher – und so, als wĂ€re es das SelbstverstĂ€ndlichste auf der Welt – mit Sowjet-Dissidenten, viktorianischen Dichterinnen und römischen Kaisern zu paaren, ist einzigartig. Und ziemlich sensationell.

Die Ausgaben kosten zwischen 5€ und 7,50€. Entdeckt habe ich die aktuelle in der Buchhandlung Words‘ Worth in MĂŒnchen und mir sofort alle verfĂŒgbaren alten Ausgaben nachgekauft bei Coffee Table Mags.