Wickeln mit Stoffwindeln

Ich habe das für DIE ZEIT ausprobiert. Ja, war eklig. Aber nicht nur.

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Augenringe, Bartschatten, Schlagschatten, richtig scharf ist das Foto auch nicht, aber, hey, ich hab mal wieder was geschrieben!

Ab heute in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE: Eine ganze Seite über Scheiße. Und darüber, wie man sie möglichst ökologisch wieder loswird. Sorry, aber das sind so die Themen, wenn man Tag und Nacht ein Baby betüdelt.

Danke an alle, die mich beim journalistischen Wickeln-mit-Stoffwindeln-Selbstversuch begleitet haben, nicht zuletzt Wickelversum & Einfach Stoffwindeln.

Und Respekt an die Damen und Herren in der Bildredaktion der ZEIT, die dieses charmante Foto mit Baby-Bauarbeiterdekolletée ausgegraben haben.

Jetzt am Kiosk, hier online (Paywall) oder Aboaboabo.

Still ❤’ing Magazines (#1): The Happy Reader

The Happy Reader ist ein Literaturmagazin, das fast alles anders macht als fast alle anderen Literaturmagazine. Es gibt hier: Keine Rezensionen. Keine Autoren-Interviews. Kein Wort zu den Neuerscheinungen der Saison.

Stattdessen besteht jede Ausgabe aus zwei Teilen. Der erste Teil ist ein ausführliches Gespräch mit einem Menschen, der gerne liest. Zum Beispiel mit dem Schauspieler Owen Wilson, Titelheld der neuen Ausgabe. Oder mit der Künstlerin Laurie Anderson. Das sind nette, eloquente Plaudereien über das Leben mit Büchern und Geschichten.

Der zweite Teil enthält dann viele kurze Essays, Listen, Infografiken und assoziative Fotos, die alle zusammen nur einem einzigen Buch gewidmet sind.

Schilderungen, wie die brave Schriftstellergemahlin ihrem Gatten und dem Reporter die frisch geschlagene Sahne zum Erdbeerkuchen auf die Veranda trägt, damit die beiden was Süßes haben zur Weltdeuterei, fehlen hier. Wie gesagt: Keine Autoren-Interviews.

Die Urheber der besprochenen Werke (und ihre Gemahlinnen, so vorhanden) sind alle schon tot. Es geht hier um Bücher wie Mary Shelleys Frankenstein, die Selbstbetrachtungen des Mark Aurel oder Jewgeni Samjatins Wir (eine Inspiration für George Orwells 1984 und das erste Buch, das in der Sowjetunion verboten worden ist, wie ich hier gelernt habe).

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Die Auswahl ist kein Zufall, The Happy Reader ist ein von den Erfindern von Fantastic Man und The Gentlewoman betreutes Werbemagazin des Penguin-Verlag, besprochen werden also Bücher aus der Backlist. Kein Drama: Wahnsinnig viele Klassiker und Modern Classics sind in der englischen Übersetzung bei Penguin erschienen, die Auswahl leidet darunter also nicht. Und der Tonfall? Überfordert niemanden, sondern macht Lust, sich durch die hinteren Seiten des Verlagsprogramms zu blättern, ohne dabei werberisch zu werden.

Es geht um Klassiker und um das Leben mit Literatur, in einem angenehm unprätentiösen Ton. The Happy Reader steht damit ca. auf halber Strecke zwischen dem ewig gut gelaunten und alles immer super findenden #bookstagram und den strengen, ernsten englischsprachigen Book Reviews.

Wie es der Redaktion gelingt, eine lässige Belesenheit auszustellen und Pop-Sternchen (Olly Alexander), Komiker (Aziz Ansari) und Models (Lily Cole) urteils- und geschmackssicher – und so, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt – mit Sowjet-Dissidenten, viktorianischen Dichterinnen und römischen Kaisern zu paaren, ist einzigartig. Und ziemlich sensationell.

Die Ausgaben kosten zwischen 5€ und 7,50€. Entdeckt habe ich die aktuelle in der Buchhandlung Words‘ Worth in München und mir sofort alle verfügbaren alten Ausgaben nachgekauft bei Coffee Table Mags.

Vice hält Drogen jetzt für ein Problem?

… oh Mann, die Zeiten haben sich wirklich geändert (auf Acid!)

Lange war Vice das Magazin für rücksichtslosen Hedonismus. Möglichst origineller und/oder idiotischer Drogenkonsum war ein Teil der Agenda (siehe z.B. The Vice Guide to Drugs, der auch in diesem Best-of-Buch abgedruckt worden ist, oder die legendären Reportagen auf LSD: The Westminster Dog Show on Acid!, A Visit to the Mormon Temple on Acid!, Monster Trucks on Acid!, usw.).

Das ist jetzt vorbei! Offenbar. Jedenfalls ist mir heute morgen beinahe meine Haschpfeife ins Müsli gefallen (übrigens: »You got your big dreams, I got my Hash Pipe« — auch das ist lange vorbei, seit Leute mit großen Träumen Cannabis-Start-Ups gründen), als ich das Editorial dieser deutschsprachigen Ausgabe las (Vol. 15, Nr. 1).

Dort heißt es (ich schalte mal auf Schnelldurchlauf):

Wir sind die erste Generation, die durchgehend online und erreichbar ist … kein Feierabend … Unsicherheit im Teenageralter … Erschöpfung, Überforderung, Depression … allein schon die politische Weltlage kann Menschen zum Verzweifeln bringen.

Und dann:

Dass der Drogenkonsum in vielen Ländern ansteigt, überrascht angesichts der zahlreichen Krisen und Probleme kaum.

Wow. Der Stern redet so — klar. Der Spiegel auch. Aber Vice, das Heft, in dem der Vollrausch immer ein großer, bisschen doofer Spaß war? #thingsdonechanged

Street-Art-Sticker in Köln-Ehrenfeld

Entlang der Venloer Straße lebt und gedeiht das Supreme-Meme …

Meine Mutmaßung, das Supreme-Meme könnte das Run-DMC-Meme ablösen, hat sich nicht bewahrheitet.  Das Run-DMC-Meme ist mittlerweile sogar auf Wahlplakaten zu sehen und wird auf der Re:publica diskutiert. Das Supreme-Meme klebt derweil immer noch in dunklen Straßenecken, in denen es nicht selten nach Pipi riecht. Glanz und Elend des subversiven Logodesigns …

Aber immerhin: In keiner Stadt habe ich bisher so viele Remixe, Aneignungen und Verballhornungen des Supreme-Logos auf Stickern gesehen, wie am vergangenen Wochenende in Köln. Oder genauer: Entlang der Venloer Straße in Köln-Ehrenfeld, auf den gut zwei Kilometern zwischen der Ditib-Zentralmoschee und der Kaffeerösterei Schamong.

Im Layout des Logos der Streetwear-Marke klebten da an Straßenschildern, Türrahmen und Mauern die Schriftzüge »Made In«, »#cheatday« und noch eine Handvoll andere, die ich inzwischen wieder vergessen habe. Es dauerte ein bisschen, bis ich die Sticker endlich zu fotografieren begann. Ein paar konnte ich einfangen und präsentiere hier mit dem Stolz des verstädterten Schmetterlingssammlers die Supreme-Logo-Aneignungen von Reth One, Defekt TM, Sikerem und Minha Galera:

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Neo-Nazis und das Run-DMC-Meme

Frage: Warum tragen deutsche Neo-Nazis auf ihren, ähem, »T-Hemden« das Logo der afrikanisch-amerikanischen Rap-Gruppe Run-DMC?

Antwort:

Lorenz Grünewald-Schukalla und Georg Fischer sprachen bei der Re:publica über den aktuellen Stand ihrer Sammlung des Run-DMC-Meme, ein paar Fotos in der Präsentation habe ich beigesteuert.

Meine Notizen zur Vorgeschichte: 1, 2, 3, 4.

Kritik der Sozialen Medien, ca. 1912:

Dieser Tollheit kann ich in Worten schwer beikommen. Es gibt in [Deutschland] kein Haus, wo nicht täglich ein Bote hinkommt, der Briefe bringt. Was schreiben aber die [Deutschen]? Was jeder von selbst weiß: »Ich bin hier und trinke«. »Ich komme morgen«, »der Wagen fährt«, »das Essen schmeckt«. Oder sie schicken Bilder, wie sie ein Trinkgefäß vor sich halten und ein dummes Gesicht machen. […] Ich will so sagen: Alles was sie tun und alles, was bewegt wird, schreiben sie nochmal.

— aus Hans Paasche: Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins Innerste Deutschlands, erstmals in Auszügen veröffentlicht 1912/1913 (hier im Volltext online).