Re: Welche Reportagen kann man heute noch schreiben?

Andererseits:

Die besten Geschichten sind so gut wie nie völlig neue Geschichten; sie sind nur neu erzählt. Beim Schreiben ist der offizielle Anlass fast nichts. Aber was man daraus macht fast alles.

– Constantin Seibt: Deadline. Zürich: Kein & Aber, 2013: 45. (Klick)

Magazine machen (1): Merkur

Magazine machen, wie geht das? Ab sofort sammle ich in diesem Blog einige Zitate und Fundstücke von Zeitschriftenmachern (Redakteuren, Art-Direktoren, Herausgebern), die sich zu ihrem Handwerk und Selbstverständnis äußern.

Was unterscheidet das Schreiben für ein Magazin als kompositorischem Ganzen vom Schreiben fürs Internet, wo (zumal in den Sozialen Medien) jeder Text auf sich allein gestellt funktionieren muss? Wie gelingt das Zusammenspiel von Text und Fotografie und Illustration? Von kurzen und langen Texten? Was können andere Medien besser? Was können Magazine – und nur Magazine?

Das sind ein paar der Fragen, um die es hier gehen wird. Dieses Posting und spätere Postings haben den Charakter einer Materialsammlung, noch ohne über den einzelnen Text hinausweisende Schlussfolgerungen (vielleicht kommen die später).

Diese Materialsammlung wird von Zufälligkeit und Vorläufigkeit geprägt sein. Was mir bemerkenswert erscheint, werde ich hier festhalten. Ergänzungen und Anmerkungen sind jederzeit willkommen.

Gemäß diesem Prinzip beginne ich mit einem Zitat von Karl Heinz Bohrer, dessen Memoiren gerade bei Suhrkamp erschienen sind. Bohrer war von 1984 bis 2011 Herausgeber der Intellektuellenzeitschrift Merkur.

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Writing about yourself vs. writing about others

What’s difficult is that when one writes about oneself, one is obligated to write about other people. And there, as much as one has the right to write absolutely whatever one wants about the self — and once again, for me, that’s not very difficult — to write about others is an enormous problem. The sincerity that you can exhibit with yourself, you have no right to inflict on anyone else.

– Emmanuel Carrère, talking to Wyatt Mason of the New York Times Magazine for the article How Emmanuel Carrère Reinvented Nonfiction.

Gut aussehen im Netz

Ein Paradigma für die Gestaltung von Waren, Kunst, Protesten, Promis

Es reicht heute nicht mehr, dass Dinge gut aussehen. Sie müssen auch im Internet gut aussehen:

[I]n Zeiten von Smartphones und Social Media wirbt ein Produkt nicht mehr nur im Laden für sich […]. Wirklich erfolgreich ist ein Produkt erst, wenn es möglichst oft auf Plattformen wie Instagram, Pinterest oder Facebook auftaucht.

Das schreibt der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich (in: »Knips mich!«, Brand Eins, Nr. 12/2016, Seite 122).

Im Produkt- und Verpackungsdesign komme es demnach darauf an, nicht nur schöne, sondern auch möglichst fotogene Waren zu gestalten. Das Produkt müsse sich in die professionelle Ästhetik der bezahlten »Influencer« einfügen lassen, aber auch dann noch gut aussehen, wenn es von Laien fotografiert wird. Und: Ein erfolgreiches Produkt müsse seine Nutzer anregen, es fotografieren zu wollen.

Die Aufmerksamkeits- und Erfolgskriterien, die Wolfgang Ullrich für die Warenwelt beschreibt, haben sich auch einige junge Künstler angeeignet.

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Kurzer Hinweis: Texte zu Pop oder Sex empfehle ich jetzt bei Piqd

Piqd ist eine Internetseite, auf der Menschen anderen Menschen Links empfehlen. Anders als bei dem amerikanischen This., das Ende letzten Monats geschlossen wurde, handelt es sich dabei nicht um ein Soziales Netzwerk, sondern um ein »kuratiertes« Angebot.

Das heißt: Nicht jede(r) darf mitmachen und Links empfehlen, sondern nur von den Betreibern der Seite ausgewählte Autorinnen und Autoren. Die kriegen für ihre Empfehlungen ein Honorar. Elitärer Scheiß? Vielleicht. Aber alle anderen dürfen kostenlos Themenkanäle abonnieren und gnadenlos alle Empfehlungen hoch- und runtervoten, die sie relevant oder egal finden. Mit Premium-Account gibt es ein paar zusätzliche Features.

Ich bin bei Piqd neu im Autoren-Team und empfehle dort ab sofort Texte und Netzfundstücke in den Kanälen Musik und Subkultur sowie Liebe, Sex und wir. Alle »piqs« (so der interne Sprachgebrauch), die ich bisher veröffentlicht habe, finden sich zudem auf meiner Profilseite.

Für mich als Autor ist Piqd interessant, weil es im Grunde bezahltes Bloggen ist (plus: man wird gezwungen, sich einigermaßen kurz zu fassen, das ist Menschen wie mir zuträglich).

Und für mich als Leser ist Piqd interessant, weil dort wirklich tolle und kluge Leute Leseempfehlungen geben: Frank Spilker, zum Beispiel, der Sänger der Sterne. Tino Hanekamp, der zwei meiner Lieblingsclubs in Hamburg gegründet hat. Daniel Schreiber, der eine Susan-Sontag-Biografie geschrieben hat, die ich gerne gelesen habe.

Moment, nur Männer? Nein, auch Theresia Enzensberger und Martina Kix und X andere Leute, die ich bisher noch nicht kannte, die ich durch ihre Empfehlungen jetzt aber ein bisschen kennenlernen darf.

Falls das auch für Sie interessant ist, klicken Sie auf: Piqd.

Für postheroischen Journalismus!

Warum mich die Sendung Conflict Zone mit Frauke Petry nicht begeistert

Diese Woche hat die Deutsche Welle eine Folge ihrer Sendung Conflict Zone veröffentlicht, in der die AfD-Politikerin Frauke Petry in englischer Sprache interviewt wird (siehe Video oben). In meinen Sozialen Netzwerken wurde das Video in den vergangenen 24 Stunden viel geteilt und – soweit ich das überblicke – ausschließlich mit anerkennenden Worten gepostet.

Auch einige Onlinemedien berichten in einem Tonfall, als wäre dem Moderator Tim Sebastian und seiner Redaktion eine journalistische Heldentat gelungen. So meldete stern.de etwa anerkennend, Petry sei »ordentlich auseinandergenommen« worden. Bento urteilt, Petry werde »immer wieder ad absurdum« geführt. Weitere Beispiele lassen sich leicht ergoogeln.

Ich verstehe die Begeisterung über Conflict Zone mit Frauke Petry nicht. Tim Sebastian erscheint mir so selbstgerecht, flegelhaft und krawallig, dass ich das Interview kaum ertragen kann.

Seine Angewohnheit, sie ständig zu unterbrechen, zeugt von schlechtem Stil, ganz unabhängig davon, dass es womöglich auch ein Paradebeispiel für »mansplaining« ist: Die arme Frau Petry kann keinen Gedanken (egal für wie krude man ihn auch halten mag) zu Ende führen, weil ihr der alte Mann ständig ins Wort fällt und ihr erklärt, was sie »wirklich« gemeint hat.

Erleben wir hier eine »Entzauberung« der Petry, wie irgendwer kommentierte? Ich glaube nicht. Und das nicht nur, weil Petry nie bezaubernd war. (Anders als glanzvollere Politiker wie Karl-Theodor zu Guttenberg.)

Stattdessen kann hier jeder auf seine Kosten kommen, indem er seine Voruteile bestätigt sieht: Die einen genießen, dass die AfD nach ihren schmerzhaften Landtagswahlerfolgen ein bisschen zurückgequält wird. Die anderen freuen sich über einen weiteren Beleg für den Antagonismus der Medien im Allgemeinen und die Abschaffungswürdigkeit der Öffentlich-Rechtlichen im Speziellen (auch wenn das jetzt angeblich nicht mehr im AfD-Programmentwurf steht).

Selbstverständlich kann man sich seinen Interviewpartnern nähern wie ein Stierkämpfer. Aber ist das in jedem Fall die beste oder passende Form, ein journalistisches Gespräch zu führen? Diese Folge von Conflict Zone zeigt eindringlich: nö, isses nicht.

Lernen wir nicht von Tim Sebastian, sondern besser von Journalistinnen und Journalisten wie Jon Ronson, Louis Theroux oder Mo Asumang die ihren Gesprächspartnern nahe kommen (und sie oft genug auch entlarven), indem sie sie ernstnehmen, um Verständnis ringen und höflich bleiben.

Für einen postheroischen Journalismus!