Lassen Sie uns streiten. Über die neue ZEIT CAMPUS-Ausgabe (4/13)

ZEIT CAMPUS Nr. 4:13 (Politikheft)

Hier sehen Sie, werte Leserinnen und Leser, das Titelblatt der neuen ZEIT CAMPUS-Ausgabe (Nr. 4/13), die seit Dienstag an den Kiosken ausliegt. Es ist ein besonderes Heft und ich freue mich, daran beteiligt gewesen zu sein. Zum ersten Mal seit der Gründung des Magazins widmet sich diese Ausgabe einem einzigen Thema: der Politik.

Wir berichten über Asyl, Exil, Diktatur, Krieg, Folter, Zensur, Staatsverschuldung, Kapitalismus und Ressentiments. Und über Leute, die etwas verändern wollen. Als Juristen, Demonstranten, Wissenschaftler, Studenten.

Zum Auftakt unseres Heftes stellen wir Positionen von Menschen zwischen 19 und 31 Jahren vor, die in Deutschland leben, zumeist studieren und kurz erklären, was für sie politisch ist und welches Engagement sich daraus ableitet. Diese Positionen sind bloß exemplarisch, aber bewusst vielfältig gehalten: Die eine bekämpft den Euro. Der andere Rassismus. Der eine findet es politisch, Plakate aufzuhängen. Die andere, benachteiligten Jugendlichen zu helfen. Eine Dritte, öffentliche Veranstaltungen zu sprengen, um medienwirksam auf Ungerechtigkeiten hinzuweisen.

Die Dritte heißt Josephine Witt, sitzt gerade in Tunesien im Knast und ist zweifellos eine der radikalsten (und kontroversesten) studentischen Aktivisten dieser Tage. Deshalb zeigen wir sie auch auf dem Cover, zusammen mit einer der Frage, die gerade viele umtreibt: Ist das, was sie tut, politisch?

Wenn mich jemand fragt, was ich für politisch halte, antworte ich: Politik bedeutet Widerspruch und Streit. Wir können auch »Dialog« und »Austausch« sagen, aber das klingt ein bisschen zu unverbindlich für meinen Geschmack. Widerspruch, Streit, das sind positive Begriffe. Chantal Mouffe hat mich gelehrt, dass die Sehnsucht nach einer harmonischen Utopie nicht naiv ist, sondern gefährlich. Es gibt keine Politik, wenn alle mit allem einverstanden sind. Auch keine Freiheit, keine Demokratie, keinen Fortschritt. Und womöglich, wie George Orwell schrieb, noch nicht mal besonders viel Spaß.

Deshalb freue ich mich darauf, über unser Heft zu streiten. Bisher haben sich Wortmeldungen weitgehend auf das Cover beschränkt. @femInsist hat am Montagabend freundlicherweise diese Debatte auf Twitter eröffnet, mit einer unter Umständen etwas reduktionistischen Sichtweise:

FemInsist (2013-06-19)

Ein paar andere kritische Beiträge gab es auf der Facebookseite von ZEIT CAMPUS. Sie sind leider inzwischen zusammen mit dem Coverfoto von dem Konzern gelöscht worden. (Auch Facebook neigt zum Reduktionismus. Und achtet zudem wie jeder gute Zensor darauf, dass seine Maßstäbe nicht allzu eindeutig sind.)

Dort wurde uns ein- oder zweimal vorgeworfen, wir zeigten nackte Brüste auf dem Titelbild, weil wir glaubten, das würde Hefte verkaufen. Pardon, aber wer glaubt, man könnte am Kiosk mit nackten Brüsten allein Umsatz machen, der möge sich bitte mit der Auflagenentwicklung zum Beispiel des Playboys vertraut machen. (Ich habe vor einigen Jahren eine kleine Einführung in das Thema geschrieben, die sich in diesem Zusammenhang lohnen könnte.)

Sind es also vielleicht doch die inhaltlichen Gründe, die dazu führten, dass wir Josephine Witt zeigen? Sind das gute oder doofe Gründe? Darüber könnten wir streiten. Wir haben nichts zu verlieren als unsere guten Manieren.

P.S.: It takes a village – ersonnen haben das Cover Simon Kerbusk, der Chefredakteur, und Beate Pietrek, die Artdirektorin von ZEIT CAMPUS. Fotografiert wurde es von Kathrin Spirk, die Buchstaben sind von dem Grafiker Philipp Schultz. Das Interview mit Josephine Witt im Heft hat Annika Sartor geführt. Alle anderen Beteiligten stehen im Impressum. Dort auch die offizielle Leserbriefadresse: campus@zeit.de.

[Nachtrag, 21. Juni 2013]: Über die Löschung unseres Covers durch Facebook hat Simon mit Meedia gesprochen. Das hat eine Diskussion auf unserer (Überraschung!) Facebookseite losgetreten. Ist es falsch, in diesem Zusammenhang von »Zensur« zu sprechen? Sind wir selber Schuld, weil die Regeln bei Facebook bekannt sind? Leser und Redakteure reden darüber: hier.

[Nachtrag, 7. Juli 2013]: Nach knapp einem Monat in tunesischer Haft ist Josephine Witt wieder frei und zurück bei ihren Eltern in Bergedorf. Das ist gut. Einige bemerkenswerte Sätze sagt sie in dem neuen Interview, dass sie meinen Kollegen Simon Kerbusk und Annika Sartor kurz nach ihrer Rückkehr gegeben hat.

[Nachtrag, 19. August 2013]: Pünktlich zum letzten Tag, an dem diese Ausgabe am Kiosk liegt, erreichte uns heute eine Fotocollage, deren Urheberin das Bild von  Josephine Witt ausgeschnitten und übermalt hat, so dass sie wie eine skalpierte Sexpuppe aussieht. Mit Verlaub, aber wer ist hier das misogyne Arschloch?

[Nachtrag, 21. August 2013]: Eine bemerkenswerte, wenn auch vielleicht nicht überraschende Entwicklung: Amina Tyler, deren Verhaftung die Solidaritätsaktion von Josephine Witt et al. provozierte, hat Femen verlassen und wirft der Gruppe Islamfeindschaft vor.

[Nachtrag, 5. September 2013]: Seit ein, zwei Tagen berichten die Zeitungen von Kitty Greens Dokumentarfilm Ukraine is not a Brothel, der gestern auf den Filmfestspielen in Venedig gezeigt wurde und unter anderem nach der Rolle von Victor Svyatski fragt, angeblich der Mann hinter Femen. Naheliegende Frage: »If Femen was set up by a man, where does that leave its topless protests?« Ich habe in Hamburg ein neues Heft zu machen, bin deshalb nicht in Venedig, habe Greens Film noch nicht gesehen und hoffe, das bald nachholen zu können. Klar ist bisher nur: Irgendwie wird diese Femen-Geschichte nie langweilig.

4 Kommentare zu „Lassen Sie uns streiten. Über die neue ZEIT CAMPUS-Ausgabe (4/13)“

  1. Endlisch wieder Titten im Blog..
    Femen bedienen sich sexistischer Klischees. Punkt. Die Wehrlosigkeit der Nacktprotestlerinnen gegenüber den sie regelmäßig abführenden Männern ist ja geradezu die Ohrfeige für den Feminismus. Die Botschaft: „Frauen in der Politik sorgen nur für Unordnung und dann müssen wieder Männer herkommen und die Ordnung herstellen/der Frau ihren Platz zuweisen.“ Kann amn als entlarvend werten, würde ich eher als einschüchternd wahrnehmen.

    Die Kontroverse um ihre Aktionen zeigt außerdem vieles:
    Erstens, dass sich ein autoritär geführtes „Aktionskollektiv“, dass seine Proteste mit Nationalismus und Pseudoreligiösität auflädt nicht ohne Widerspruch von der Ukraine exportieren lässt. Dort mag es passen, keine Ahnung, hier stößt es auf Kritik.
    Zweitens, dass es im politischen Protest den Hang zum Branding gibt. Siehe im feministischen Sektor auch z.B. Pinkstinks. Aber auch weitere Beispiele.
    Drittens fällt auf, dass Femens Selbstverständnis (https://www.facebook.com/femengermany/info) jeglichen zusammenhang mit feministischen Diskursen unserer Zeit vermissen lässt. Es kommen jetzt eine ganze Reihe von Ismen ins Spiel, aber dennoch: Sexismus, Heteronormativität, rassistische Vorbehalte gegenüber dem Islam und damit zusammen Eurozentrismus finden alle bei Femen statt. Grund genug sie abzulehnen, da sie sich der Auseinandersetzung mit anderen feministischen Gruppen nicht stellen.

    Ich denke, dass ihr positiver Beitrag zum Diskurs marginal ist. Die Diskussion, auch in der Öffentlichkeit, nicht nur in interessierten Fachkreisen, ist inzwischen in Deutschland viel weiter. Wir reden nicht mehr nur über Frauen und Diskriminierung, sondern inzwischen tatsächlich über Geschlechterbilder und -rollen. Der Genderansatz kommt endlich in der Öffentlichkeit an, Mehrfachdiskriminierungen werden zum Thema, doch dann kommen Femen an und glauben die Diskussion für eine breite Masse mit Nacktheit öffnen zu müssen. Tut mir Leid, ihr seid zu spät. Es gab schon die 68er.

    Das Gute an deinen Posts ist, dass man sich den Quatsch nicht kaufen muss und trotzdem irgenwie was von mitkriegt. Danke, dafür!

    PS: Immer wieder wunderbar, wie sehr Journalisten sich selbst zur Nachricht machen können, weil sie an der Schlüsselstelle sitzen. Ein verschleppter Reporter – jede Menge Aufmerksamkeit über Monate. Ein gesperrtes Bild, Grund für mitleidsheischende Klarstellungen, Nachberichte, etc.
    Aber 1000e Tote jeden Tag im normalen Rahmen der kapitalistischen Produktion (btw viel mehr als in allen Kriegen) – kein Thema, dass es wert wäre..

  2. Claire – danke für Deinen langen Kommentar. Deine Anmerkung zum „Diskurs“ kommt mir akademisch bis elitär vor und Deiner Schlussfolgerung zur Bildpolitik kann ich nicht folgen (im Gegenteil, wenn die Femen-Aktivistinnen eins können, dann Bilder produzieren, die die von ihnen angegriffenen Ordnungen als repressiv zu entlarven scheinen!).

    Anderes sehe ich ähnlich. Ich spreche hier nicht als Femen-Fanboy. Dass auf englischsprachigen Femen-Seiten von „islamist savages“ die Rede ist, finde ich haarsträubend. Ob die Aktion in Tunesien den emanzipatorischen Kräften vor Ort geholfen hat, ist zumindest fragwürdig. Das Interview, das Simon Kerbusk und Annika Sartor mit Josefine Witt nach ihrer Rückkehr geführt haben, ist in diesem Zusammenhang vielsagend.

    Zu Deinem PS: Mag sein, dass Du das für eine bourgeoise Befindlichkeit hältst, aber die Meinungs- und Pressefreiheit halte ich für die notwendige Grundlage jeder auch nur annähernd demokratischen Ordnung. Es ist nicht mein Eindruck, dass zu viel über verschleppte Reporter berichtet wird.

    Dass Facebook willkürlich Postings und Diskussionen löscht ist damit nicht zu vergleichen. Aber es bleibt ein Problem, dass wir uns daran zu gewöhnen scheinen, dass es private Kontrolle über (digitale wie physische) Öffentlichkeiten gibt, die niemandem Rechenschaft schuldet.

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