Miley Cyrus & die Pornografie: Keine so unkomplizierte Sache

Video: Miley Cyrus in Tongue Tied (Regie: Quentin Jones)

Anfang der Woche machte die Meldung die Runde, Miley Cyrus habe einen Film bei einem Porno-Filmfestival eingereicht. Zuerst berichtete die New York Post. Dann griffen Klatschseiten in aller Welt die Meldung auf (auch Amy & Pink, wo ich zum ersten Mal davon las). Kein Wunder. Es war eine krasse Nachricht.

Man konnte einwenden: Miley Cyrus? Die lässt doch von VMA 2013 bis V Magazine 2015 keine Gelegenheit aus um aufzufallen – mit Fotos, Videos und Performances, die schon oft als »pornografisch« beschimpft worden sind. Außerdem hieß es in der Meldung, sie habe nicht eigens einen Pornofilm gedreht, sondern einen Clip namens Tongue Tied eingereicht, den ihr Quentin Jones ursprünglich für ihre Bangerz-Tour produziert hatte.

Trotzdem: Dass eine Sängerin eines ihrer Musikvideos als Porno deklariert, der gleichberechtigt zwischen anderen Pornos laufen soll, ist eine Ansage. Noch dazu, weil das NYC Porn Film Festival, das Tongue Tied in sein Programm aufgenommen hatte, von der Wichsfilmseite Pornhub finanziert wird.

Seit vielleicht zehn Jahren ist von der »Pornografisierung« der Popmusik die Rede. Doch Leute, die dieses Schlagwort im Mund führen, meinen oft bloß, dass weibliche Musikerinnen zu viel nackte Haut zeigen und männliche zu viel von Sex quatschen. Kann man drüber reden, klar, aber diese Tendenz gibt’s spätestens seit Josephine Baker und Bo Carter. Also circa seit den 1930ern.

Tatsächliche Überschneidungen der popmusikalischen und pornografischen Sphären sind hingegen eher selten. Es gibt Leute wie Snoop Dogg oder King Orgasmus One, also Rapper, die unter ihren Namen Pornofilme vermarktet haben. Oder Baby Bash und abermals Snoop Dogg, die in der Pornoreihe Girls Gone Wild auftraten – übrigens nie als Darsteller, sondern als »hosts«. Dann hat im vergangenen Jahr Coolio seinen Namen für Pornhub hergegehen. Das ist aber kein Breitenphänomen. Es ist bisher bei diesen und einigen anderen Einzelfällen geblieben.

Mit Miley Cyrus hätte sich erstens eine Frau und zweitens eine aus der Mitte des Mainstream-Pop in die Riege derjenigen eingereiht, die die (aus religiöser, pädagogischer, feministischer Sicht immer noch) moralisch umstrittene Pornografie nobilitieren. Das wäre durchaus bemerkenswert gewesen.

Es kam, wie es kommen musste: Dementis wurden ausgesprochen, das Video aus dem Festivalprogramm entfernt. Das meldet abermals die New York Post.

Pop und Porno gehen wohl doch nicht so leicht zusammen, wie die Anhänger der Pornografisierungsthese das annehmen.  Tongue Tied ist ja auch gar nicht im engeren Sinne pornografisch. Es ist ein Clip, der selbst bei Facebook oder iTunes laufen kann, ohne von den dortigen Zensoren gesperrt zu werden.

Das ist genau der Eiertanz, den die Aufmerksamkeitsökonomie des Internets erfordert: Es braucht einerseits genug Sex & Nacktheit, damit die Leute Inhalte teilen und kommentieren, aber andererseits nicht so viel Sex & Nacktheit, dass die digitalen Sittenwächter jener Websites einschreiten, auf denen geteilt und kommentiert wird.

Insofern ist die Pornografisierungsthese korrekturbedürftig: Was zählt ist wohl eher die Suggestion des Pornografischen, als das Pornografische selbst.

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