Welche Reportagen kann man heute noch schreiben?

Keine mehr über Kreuzfahrten, Truppenunterhalter und Reisen mit Papa

Eine Umfrage in der amerikanischen Literaturzeitschrift Granta (»The Magazine of New Writing«): »Is Travel Writing Dead?«

Das passt zur Diskussion, die ich immer wieder mal mit anderen Magazinjournalisten führe (vornehmlich dann, wenn wir zwei Bier zuviel getrunken haben): Welche Reportagen kann man heute noch schreiben? Welche nicht mehr?

Oder konkreter: Gibt es Themen, an die man sich heute nicht mehr rantrauen sollte? An denen man sich nicht mehr abarbeiten braucht? Weil sie in der Vergangenheit bereits meisterhaft behandelt wurden?

Es sind Fragen, die Nachrichten- und Zeitungsjournalisten vermutlich seltsam finden: Die schreiben nämlich einfach, was Nachrichtenwert hat, und fertig (na ja, wenn das mit dem Nachrichtenwert mal so einfach wäre).

Aber gilt für lange Magazinstücke nicht ein anderer Anspruch an Originalität? Müssen die nicht etwas über unsere Zeit aussagen, in dem Sinne, wie man heute jedem, der etwas über die sechziger Jahre erfahren möchte, als erstes die Reportagen von Joan Didion und Tom Wolfe empfiehlt?

Ich sympathisiere mit Geoff Dyers Antwort auf die Frage der Granta-Redaktion:

Any successful travel book should involve some kind of departure from previously visited ideas of the travel book.

Ähnliches gilt für Reisereportagen (und vermutlich auch für Reportagen überhaupt): Bestimmte Stoffe sind so auserzählt, dass man schon radikal neue Ansätze finden müsste, um dem bestehenden Korpus an Texten noch etwas hinzufügen zu können.

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Undercover Journalism: The History

From the 1800s up until today: daring reporters, whose work endures

In the United States, journalists have been going undercover for more than one and a half century. As early as the mid-1800s, American reporters have tricked their way into places they and the public weren’t supposed to see.

To name just one early example, there have been several Northern journalists that assumed fake identities to witness the selling and buying of human beings in slave markets of the antebellum South. Like many others that came after them, these undercover reporters have been cunning and deceitful – but always in the name of the public interest.

It’s somewhat surprising to learn of so long a tradition when you’re coming from Germany, a country where many of the most daring and influential pieces of undercover journalism are tied to just one guy.

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Lassen Sie uns streiten. Über die neue ZEIT CAMPUS-Ausgabe (4/13)

ZEIT CAMPUS Nr. 4:13 (Politikheft)

Hier sehen Sie, werte Leserinnen und Leser, das Titelblatt der neuen ZEIT CAMPUS-Ausgabe (Nr. 4/13), die seit Dienstag an den Kiosken ausliegt. Es ist ein besonderes Heft und ich freue mich, daran beteiligt gewesen zu sein. Zum ersten Mal seit der Gründung des Magazins widmet sich diese Ausgabe einem einzigen Thema: der Politik.

Wir berichten über Asyl, Exil, Diktatur, Krieg, Folter, Zensur, Staatsverschuldung, Kapitalismus und Ressentiments. Und über Leute, die etwas verändern wollen. Als Juristen, Demonstranten, Wissenschaftler, Studenten.

Zum Auftakt unseres Heftes stellen wir Positionen von Menschen zwischen 19 und 31 Jahren vor, die in Deutschland leben, zumeist studieren und kurz erklären, was für sie politisch ist und welches Engagement sich daraus ableitet. Diese Positionen sind bloß exemplarisch, aber bewusst vielfältig gehalten: Die eine bekämpft den Euro. Der andere Rassismus. Der eine findet es politisch, Plakate aufzuhängen. Die andere, benachteiligten Jugendlichen zu helfen. Eine Dritte, öffentliche Veranstaltungen zu sprengen, um medienwirksam auf Ungerechtigkeiten hinzuweisen.

Die Dritte heißt Josephine Witt, sitzt gerade in Tunesien im Knast und ist zweifellos eine der radikalsten (und kontroversesten) studentischen Aktivisten dieser Tage. Deshalb zeigen wir sie auch auf dem Cover, zusammen mit einer der Frage, die gerade viele umtreibt: Ist das, was sie tut, politisch?

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Webserie »Shore, Stein, Papier«: Der Ramschladen YouTube probiert Journalismus – und das kann sich sehen lassen

Video: Die zweite Folge von Shore, Stein, Papier, einer Interview-Serie auf YouTube

Ein Typ sitzt am Küchentisch und erzählt von Heroin. Und von allem, was passierte, nachdem er mit 15 Jahren das erste Blech »Shore« geraucht hat. Er hat keinen Namen (manche nennen ihn $ick), aber man kann ihm ins Gesicht sehen und seine Stimme hören. Und: Er kann toll erzählen. Es geht um seine Geschichte, grob chronologisch, in kurzen Episoden: Familie, Freundschaft, Drogen, Dealen, Knast.

Im Hintergrund dudelt ein penentrantes Klavier, immer wieder wechselt die Kamera in eine irritierende schräg-von-oben-voll-auf-die-Geheimratsecken-Perspektive. Aber egal: Das alles kriegt die Serie Shore, Stein, Papier nicht kaputt, denn sie lebt von dem intimen Setting und von dem Temperament und der Lebensgeschichte von $ick.

Der namenlose Protagonist erzählt diese Geschichte, als würde er mit einem alten Freund reden. Er sitzt stets an einem Tisch, mal in der Küche, mal im Wohnzimmer, mal mit einem Joint, mal mit einer Zigarette in der Hand. Die offensichtlich am Stück aufgenommenen Gespräche sind grob zu Themenblöcken zusammengeschnitten.

… schreibt Eike Kühl im Netzfilmblog von Zeit Online.

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Austern mit Pol Pot: Eine Anmerkung/Korrektur zu meiner Rezension von Pol Pots Lächeln auf Spiegel Online

Pol Pots Lächeln, Reportage von Peter Fröberg Idling (photo cc by nc Oskar Piegsa)
Abb.: Pol Pots Lächeln, Peter Fröberg Idlings essayistische Reportage über die Reise westlicher Linker ins Kambodscha der Roten Khmer

Korrektur: Ich habe für Spiegel Online das Buch Pol Pots Lächeln rezensiert, dessen Autor Peter Fröberg Idling der Geschichte von vier schwedischen Intellektuellen nachgeht, die 1978 ins Kambodscha der Roten Khmer reisten. Diese vier verfassten anschließend, so Idling, einen »enthusiastischen« Bericht über Pol Pots Diktatur, die, wie wir heute wissen, von Zwangsarbeit, Hunger, Folter und Massenmord geprägt war. Davon hatten die vier Reisenden nichts mitbekommen. Peter Fröberg Idling fragt, wie das passieren konnte.

Meine Rezension wurde heute veröffentlicht. Darin wollte ich hervorheben, dass es sich nicht um vier Randständige und Verwirrte handelte, sondern zumindest teilweise um angesehene Stimmen der schwedischen Linken. Dass es auch außerhalb Schwedens linke Intellektuelle gab, die Pol Pot damals gegen seine Kritiker in Schutz nahmen. War das Wort »Generation« in meiner Rezension unbedacht? War es. Hätte ich ahnen müssen, dass es im Teaser endet? Hätte ich. Pardon. Selbstverständlich huldigte nicht eine »ganze Generation« westlicher Linker einem »Massenmörder«. Aber es gab offenbar eine signifikante Anzahl prominenter Anti-Imperialisten, die es für Propaganda hielten, Pol Pot einen »Massenmörder« zu nennen.

Intellektuelle, die Pol Pot – natürlich vor dem Hintergrund des verheerenden amerikanischen Bombenkriegs in Kambodscha – für einen Befreier hielten. Peter Fröberg Idling ist kein Kommunistenfresser. Er hat eine empathische Reportage darüber geschrieben, wie es zu einem schweren Irrtum kommen konnte. Ich habe diese Reportage mit Gewinn gelesen. Das wollte ich eigentlich bloß sagen. Hier geht’s zur Rezension.

Pay the writer!

The guy ranting ist Harlan Ellison. The occasion to have him remind us of some fundamentals is this, which really broke my heart. Et tu, The Atlantic? It’s one thing to talk about non-profit magazines. But a commercial, well established publication that’s been deservedly lauded for it’s past contributions to quality journalism is asking contributors to work for free? Now, that’s a bit odd.

[Video via Carolina A. Miranda]

»Aufrichtigkeit«: über gute und schlechte Essays

Video: John Jeremiah Sullivan, einer der neuen amerikanischen Essayisten und Ichsager, liest aus Pulphead

»Ich« sagen ist populär in Amerika. Memoiren sind ein literarisches Genre, das sich außergewöhnlich gut verkauft (der Bestseller Eat, Pray, Love soll angeblich für einen Umsatz von 350 Millionen verantwortlich sein) und auch im Journalismus ist die erste Person Singular nicht halb so verpönt wie in Deutschland.

Das traditionelle Genre der Ichsager ist aber der Essay. Schon der Ur-Essayist Michel de Montaigne stellte vor einem halben Jahrtausend seinen Essais die Warnung voran, dass es im Folgenden viel um ihn selbst gehen werde (»Ich male mich selbst ab«).

Seitdem ist der Essay im Laufe der Geschichte mindestens so oft totgesagt worden wie Gott oder die Malerei oder die Geschichte selbst. Trotzdem haben die Ichsager in Amerika heute eine solche Konjunktur, dass es David Brooks im Vorwort der Anthologie Best American Essays 2012 für nötig hält, seine Leser darauf hinzuweisen, dass die besten Essays immer noch von Themen handeln und nicht bloß von ihren Autoren.

Dazu passt, was Adam Kirsch in The New Republic über Autoren schreibt, die er »New Essayists« nennt:

Essayists such as [Davy] Rothbart and [Sloane] Crosley and [David] Sedaris, one might say, represent the prose equivalent of reality TV. They, too, claim to be recording their lives, while in fact they are putting on a performance […]. The essayist is concerned, as a fiction writer is not, with what the reader will think of him or her. That is why the new comic essayists are never truly confessional, and never intentionally reveal anything that might jeopardize the reader’s esteem. »Love me« is their all-but-explicit plea.

Michel de Montaigne nannte 1580 als erstes Kriterium des Essayschreibens die »Aufrichtigkeit« des Autoren, laut Duden die Bereitschaft, »dem innersten Gefühl, der eigenen Überzeugung ohne Verstellung Ausdruck« zu geben. Aufrichtigkeit ist das Gegenteil des Narzissmus (»love me«), den Kirsch den »New Essayists« unterstellt.

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