Gesehen beim Rundgang der HfbK (3)

Die Zeitschrift The Smart View mit der Fotostrecke When Kennedy Died

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Jeder zweite Deutsche im Alter über 14 Jahren nutzt ein Smartphone, ergab eine repräsentative Studie im Auftrag von Bitkom, einem Branchenverband der Digitalwirtschaft, die vor gut einem Jahr veröffentlicht wurde.

Da es wohl kein Smartphone gibt, in dem nicht mindestens eine Kamera eingebaut ist, ergibt das Pi mal Daumen 35 Millionen Leute, die eine Digitalkamera besitzen & sie fast überall mit sich hintragen – und das allein hierzulande.

Da ist es naheliegend, eine Fotomagazin zu gründen, das sich mit theoretischen Texten und fotografischen Portfolios dem Phänomen der Smartphone-Fotografie widmet. Rosa Roth (ja – wie die ZDF-Vorabendserie) hat dieses Magazin gegründet. Sein Name ist The Smart View, es wird von einem gleichnamigen Tumblr begleitet, ist soeben in der ersten Ausgabe erschienen und baumelte beim Rundgang der HfbK von der Decke.

Die Leute vom Bayrischen Rundfunk bezeichneten The Smart View als »Magazin für Instagram-Süchtige«, mein Eindruck ist aber: richtiger ist das Gegenteil. Die Redaktion des Heftes fischt einzelne Fotos aus dem Insta-Flickr-usw.-Stream und präsentiert sie in ziemlich uninteraktiver Form: auf Papier gedruckt. So wie früher. Weil es sich manche Mobilfotos anzuschauen lohnt, ohne gleich Daumen, Herzen oder Kommentare verteilen zu können und zu wollen und zu müssen und dann weiter zu klicken – also quasi künstlich entschleunigt.

whenkennedy

Eine Arbeit aus dem Heft, die mich berührt hat, ist die Fotostrecke When Kennedy Died von Khesrau Behroz,* eine Auswahl aus seinem gleichnamigen Tumblr. Die Strecke zeigt Fotos von Wohnzimmern, Straßen, Badezimmern – Orte, an denen Behroz sich gerade aufhielt, als ihn per Push-Nachricht die Meldung erreichte, dass im Jemen, Pakistan, Somalia oder anderswo auf der Welt wieder Menschen durch amerikanische Drohnen getötet wurden.

Mehr als 3000 Menschen sind nach Angaben des investigativen Journalisten Chris Woods bisher auf diese Weise umgekommen. Die meisten davon offenbar in Gefechtssituationen im Irak, in Afghanistan oder Libyen, unzählige jedoch auch durch das geheime Drohnenprogramm, abseits erklärter Kriege, durch »gezielte Tötungen«, die mutmaßlichen Terroristen und Widerstandskämpfern galten.

Zu diesen Tötungen äußert sich die amerikanische Regierung nicht öffentlich, bestätigt oft nicht mal, dass sie stattgefunden haben. Wieviele Unschuldige wurden dabei getötet? Chris Woods geht von hunderten aus.

When Kennedy Died ist eine Erinnerung daran, wie alltäglich das politische Attentat heute ist (Barack Obama, während dessen Präsidentschaft die Drohneneinsätze stark zugenommen haben, nannte es mal in einem Atemzug mit anderen, regulären Mitteln der US-Außenpolitik). Und daran, wie sehr wir uns daran gewöhnt haben.

Der Titel der Fotostrecke ist eine Kurzfassung der Aussage »Everybody knows where they where when they heard that Kennedy died«. Frage: Wo warst Du, als das letzte Mal ein Mensch ohne Urteilsspruch, ohne Verteidigung, ohne überhaupt mit Vorwürfen konfrontiert worden zu sein, sondern: auf bloßen Verdacht hin von einer Drohne getötet wurde? Antwort: Puh, wann war das letzte Mal? Gestern? Gerade eben?

Teil 3 einer Serie mit Eindrücken von der Absolventenausstellung der Hochschule für bildende Künste Hamburg (»Rundgang«). Hier geht es zu Teil 1 und hier zu Teil 2. Unter Umständen folgt noch ein vierter Teil, mal sehen. Der Rundgang endete heute Abend. Mehr Infos dazu hier.

*Full Disclosure: Für ein früheres Projekt von Khesrau, nämlich Echauffier – Das Magazin für Empörung, habe ich einen Text geschrieben. Das war unbezahlt und ist mehrere Jahre her. Seitdem habe ich Khesrau aus den Augen verloren – bis ich seine Fotos in The Smart View entdeckte.

Abbildung oben: Die Zeitschrift The Smart View & Leser in der HfbK. Das Cover in hochauflösend und scharf gibt es hier. Abbildung im Fließtext: Eines der Fotos aus der Strecke When Kennedy Died von Khesrau Behroz. Mehr im Tumblr.

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