Magic Mushrooms

Vor bald vier Jahren schrieb ich eine WĂŒrdigung des Heizpilzes. Damals wirkte es, als wĂ€re diese WĂŒrdigung zugleich ein Nachruf.

Zumindest von den CafĂ©-Terrassen in Hamburg war der Heizpilz so gut wie verschwunden. Da viel Außengastronomie auf öffentlichem Grund steht, bedarf sie einer behördlichen Genehmigung und die wurde in der zweiten HĂ€lfte der 2010er zwar noch fĂŒr Tische und StĂŒhle erteilt, aber in fast keinem Hamburger Bezirk mehr fĂŒr die wĂ€rmenden Gasbrenner, die man inzwischen als Klimakiller ausgemacht hatte.

Der Heizpilz war — nach seiner geradezu viralen Ausbreitung in Folge des Rauchverbots 2008ff, das sĂŒchtelnde GĂ€ste erstmals auch bei schlechtem Wetter auf die Terrassen trieb — vom Aussterben bedroht. Grund genug, dieses seltsame, unpraktische, aber doch so viel von unseren kulturellen GebrĂ€uchen und kollektiven SehnsĂŒchten erzĂ€hlende Dings noch schnell in die journalistische Chronik einzuschreiben.

OK, und jetzt ist der Heizpilz baaaack. Ich habe ihn zwar noch nicht wieder auf Café-Terrassen gesehen, aber das ist wohl nur eine Frage der Zeit.

WĂ€hrend die Hamburger Politik und Verwaltung sich schwer getan haben, ParkplĂ€tze in FlĂ€chen fĂŒr Außengastronomie umzuwidmen, auf dass dies dem darbenden Gastgewerbe helfen möge, gibt es jetzt den politischen Willen zum Heizpilz aus gastro-konjunkturellen GrĂŒnden. Forciert wird das Vorhaben von der Zweiten BĂŒrgermeisterin Katharina Fegebank von den GrĂŒnen (huch!).

Mein Text, der sich an seiner SentimentalitÀt berauschte und im Heizpilz seine Madeleine erkannte (habe ich jemals Proust gelesen? SelbstverstÀndlich nicht), ist nun bald nix mehr wert, ach!

An alle Freunde (m/w/d) die Bitte: Gebt auf Euch acht, wenn bald die HeizpilzwĂ€lder wieder stehen! Bei unsachgemĂ€ĂŸer Verwendung können die Dinger explodieren.

Was wissen wir ĂŒber Olaf Scholz und Cum-Ex?

Der Hamburger Warburg-Bank wird vorgeworfen, viele Millionen Euro aus staatlichen Kassen gestohlen zu haben. Trotzdem verzichtete das zustĂ€ndige Finanzamt darauf, einen großen Teil dieses Geldes zurĂŒckzufordern. Wieso? Und was hat der damalige BĂŒrgermeister und heutige Bundesfinanzminister Olaf Scholz damit zu tun?

Im Podcast »Hinter der Geschichte« gibt der investigative Journalist Oliver Hollenstein von der ZEIT mir (und Ihnen, wenn Sie mögen) eine halbe Stunde lang Nachhilfe zum aktuellen Stand des Cum-Ex-Skandals: Was wir wissen. Was wir nicht wissen. Und welche Fragen jetzt im Raum stehen.

FĂŒr alle, die so langsam denken wie ich, fasse ich das, was Olli sagt, immer noch mal zusammen. Hilfreich! Und an einer Stelle habe ich mein Lieblingslied von Edith Piaf in die Aufnahme geschummelt, was vielleicht völlig panne ist oder ganz witzig.

Hören kann man das ĂŒberall, wo es Podcasts gibt: bei Apple, auf Spotify, oder hier auf der Seite der ZEIT.

Ist das schon der Backlash?

Liebe Kulturdiagnostikerinnen (m/w/d)! Welche Bedeutung hat es, dass der einzige Laden in der Hamburger Innenstadt, vor dem scheinbar immer-immer-immer eine lĂ€ngere Schlange aus Teenager-MĂ€dchen steht, den Namen »Subdued« trĂ€gt (ĂŒbersetzt also ja wohl »unterworfen«)? Und, dass dieser Laden Pullis verkauft, auf denen im College-Style »Dolls Town Las Vegas« steht (womit nur ein Puff gemeint sein kann!?)?

Auf der Reeperbahn nachts im August 2020

Auf der Reeperbahn wird wieder gesoffen, gebettelt, gebaggert und gekobert, aber wer die Wodka-Bombe in der Bar trinken will, muss sich erst in die Liste eintragen.

Es wird flaniert und stolziert, gewippt und gewankt, es werden vor den Augen der Öffentlichkeit Burger und Dönerteller verzehrt auf eine Art, dass man sich die Nahrungsaufnahme fĂŒr immer abgewöhnen will.

Aber es gibt keinen Paartanz und keine Ansagen vom DJ im Hamborger Veermaster, keine kĂŒnstlich gebrĂ€unten Bikinifrauen auf dem Tresen im Dollhouse Beach Club und keine ungelenken white boy moves im Sommersalon. Ich habe nicht geprĂŒft, ob es in Olivias Show Bar schon wieder Pornokaraoke gibt, aber in der Thai Oase sind die Lichter aus.

Es riecht nicht nach Pisse in der Schmuckstraße (trotz der Temperaturen!). Das Glockenspiel von St. Joseph bimmelt wie gewohnt (»Gott im Himmel hat an allen / seine Lust, sein Wohlgefallen / kennt auch Dich und hat Dich lie-hieb«). Es gibt noch Frauen, die mit MĂ€nnerstimmen auf Spanisch in ihre Handys reden. Es gibt Maskenpflicht im Pornokino, in den FetischlĂ€den tragen jetzt auch die Schaufensterpuppen Mundschutz.

Es gibt keine Schlangen vor den Clubs, keine Schlangen vor den Klos, keine Schlangen vor den Geldautomaten. DafĂŒr gibt es jetzt viel mehr Außengastronomie.

Es gibt die neue Wandzeitung vor dem Docks, in der vom »Land der Dichter und Denker« die Rede ist, in dem man seine Meinung wieder frei sagen können mĂŒsse und dass Corona nicht schlimmer sei als ein Schnupfen. (Ich ahnte vor der Pandemie nicht, dass sich auch Clubs blamieren können.)

Einmal krĂ€ht mir unvermittelt eine Ă€ltere Frau ins Gesicht, als ich geistesabwesend die Talstraße hinunterlaufe. Normalerweise wĂ€re ich auf sowas vorbereitet, jetzt erschrecke ich mich, zucke zusammen, weiche aus. Sie scheint sich zu freuen.

Vor Burger King wartet niemand auf dem BĂŒrgersteig, in der Davidstraße auch nicht, oder am Hans-Albers-Platz. Das Laufhaus hat geöffnet (hĂ€, wieso hat das Laufhaus geöffnet?), aber es gibt keine Frauen, die sich erkundigen, ob ich nicht mitkommen will und keine Typen, die fragen, ob ich vielleicht auf die Fresse will.

Es ist viel entspannter als sonst. Voll, aber höchstens halb so voll wie ĂŒblich, halb so laut, halb so hell. Die Leute scheinen nur halb so betrunken zu sein. Ich finde das alles seltsam. Viel seltsamer als den neulich noch komplett geschlossenen Kiez.

Wo Hamburg wie im Urlaub ist (DIE ZEIT #27/2020)

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Das mit dem Reisen wird schwierig in diesem Sommer. Aber macht nix, wir wohnen ja in Hamburg. Wo man in dieser Stadt ganz gut sein Fernweh lindern kann, steht in der neuen Ausgabe der ZEIT auf den Hamburg-Seiten.

(Ich empfehle den Russenmarkt in Nettelnburg. Da gibt’s Wassermelonen, so groß, dass sie zwei Mann kaum heben können. 🍉 Und eingelegte Gurken, so weit das Auge reicht. Und liebliche georgische Rotweine aus ĂŒbertrieben verzierten Tonflaschen. Und diesen klebrigen Kirschlikör, den die polnische Verwandschaft immer auf den Tisch knallt. Toll!)

dav

Außerdem hatte ich das VergnĂŒgen, mit den Kindern von Bernhard Markwitz zu sprechen, der 1964 in Winterhude die SchwimmflĂŒgel erfand. Die ganze Geschichte nebst kleiner kulturhistorischer Einordnung dieses Design-Klassikers: Jetzt am Kiosk in Hamburg und Umland, als E-Paper ĂŒberall in der Welt, etc. etc. etc. 🐳

Nachtrag, 10. Juli 2020: Beide Texte gibt es jetzt auch online, die Urlaubs-Tipps hier, die Geschichte der SchwimmflĂŒgel hier (jeweils fĂŒr Abonnent*innen).

Wie Corona die Ungleichheit in den Schulen verstĂ€rkt

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SchĂŒlerinnen und SchĂŒler aus armen Familien werden in Hamburg doppelt benachteiligt, sagt die Schulbehörde. Das gilt aber nur in guten Zeiten. Jetzt, in der Coronakrise, ist die Benachteiligung wohl eher eine drei- bis fĂŒnffache.

Mehr dazu ab heute in den Hamburgseiten der neuen ZEIT, erzĂ€hlt am Beispiel der Grundschule FĂ€hrstraße in Wilhelmsburg.

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YASO: Die Spuren eines SprĂŒhers in Ottensen

YASO, Große Rainstraße, Hamburg (April 2019)
YASO, Große Rainstraße, Hamburg (April 2019)

Manche Leute sagen, dass GerĂŒche eine besondere Kraft haben, Erinnerungen zu wecken. Oder Melodien, die man lange nicht mehr gehört hat. Das ist bestimmt alles wahr. Aber fĂŒr mich gibt es noch etwas, das Erinnerungen triggert: Straßenecken.

Mitte der Nullerjahre zog ich – eher widerwillig – nach Hamburg und fing hier ein Studium an. Auf der Reeperbahn standen damals noch Koberer (»Sssss-tehn geblieben, Freunde des Sexualsports!«). In Ottensen gab es noch Bunker und Brachland. Und fĂŒr das Geld, das man heute fĂŒr eine Eigentumswohnung zahlen muss, hĂ€tte man damals drei bekommen. OK, ich ĂŒbertreibe: zweieinhalb.

Es ist nicht lange her, aber einige Sachen sind unwiderbringlich verloren. Zum Beispiel Buchstaben, die auf WÀnden standen. Damals sind mir zwei Graffiti-Pieces aufgefallen, an denen ich fast tÀglich vorbeikam und die sich in mein GedÀchtnis eingebrannt haben.

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Was ist das Hamburger Abi wert?

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Das Titelthema der neuen Hamburg-Seiten der ZEIT ist #thenewnormal. Oder, ein bisschen gefĂ€lliger formuliert: »Hamburgs neues LebensgefĂŒhl«.

(In der Hansestadt und dem Umland gibt es die Hamburg-Seiten noch bis kommenden Mittwoch in der gedruckten ZEIT, ĂŒberall sonst digital: als PDF oder in der App) .

Weil aktuell — dem Virus und allen SchĂŒler*innenprotesten zum Trotz — das Abi geschrieben wird, habe ich eine Doppelseite beigesteuert, auf der ich sieben populĂ€re Abimythen einem Faktencheck unterziehe:

Wird das Abi wirklich immer leichter? Gibt es Noten heute geschenkt? Und ist das Abi in Bayern wirklich hÀrter als bei uns?

Spoiler: Die meisten dieser Mythen sind Quatsch. Aber nicht alle.

Jetzt im Handel. Support your local Kiosk! Alternativ: Kontaktlos online lesen hier (fĂŒr Abonnent*innen und solche, die es werden wollen).