#shelfporn #lifegoals

sdr

Sollte ich jemals zu Geld kommen, werde ich mir eine Bibliothek anschaffen wie Jan Philipp Reemtsma und wie dieser auch eigene Mitarbeiter*innen, um sie dienstags und donnerstags der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

(Anders als Jan Philipp Reemtsma werde ich dann mutmaĂźlich alle weiteren Tage der Woche damit verbringen, in meinen BĂĽchern zu schwimmen wie Onkel Dagobert im Geldspeicher, Shelfies aufzunehmen, meine Regale neu zu sortieren und die Bibliothekar*innen in den Wahnsinn zu treiben.)

 

Eine Ausstellung, die aussieht wie das alte St. Pauli

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Nix gegen die instafreundliche Beauty-Schau von Sagmeister & Walsh im Museum fĂĽr Kunst und Gewerbe, aber das originellste (und schummerigste) Ausstellungsdesign der Stadt ist gerade im Altonaer Museum zu sehen.

Dort zeigt die Arno-Schmidt-Stiftung noch bis zum 20. Juli 2020 LaĂź Leuchten! Peter RĂĽhmkorf zum Neunzigsten ĂĽber den Dichter aus dem Umfeld der Neuen Linken und Gegenkultur.

Bitte warnt mich vor schlechten Romanen!

Ich verstehe die Rezensent*innen nicht. Gestern war ich bei der Ham.Lit, dem wirklich tollen Festival für Literatur in Hamburg, und hörte die Lesung eines jungen Romanautoren. Wie jedem Auftritt ging auch seinem die Verlesung von Zitaten aus überschwänglichen Rezensionen voraus. In seinem Fall priesen die Kritiker*innen das poetische Sprachgefühl und den virtuosen Umgang mit verschiedensten Zeitebenen. Klang gut. Dann begann der Mann zu lesen.

Sein poetisches Sprachgefühl erschöpfte sich leider in Manierismen (ich meine mich an Worte wie »dünkte« und »wähnte« zu erinnern) und in falschen Bildern wie dem »Kribbeln im Knochenmark«.

Und die historische Meisterschaft? Na ja, in dem Text steht ein SDSler 1979 in einer Kneipe rum. Der SDS hat sich aber 1970 aufgelöst. Jede, die auch nur die Wikipedia-Seite zum Verband liest, weiß das. Und, nein, das ist nicht pedantisch: Es ist ein zentraler Bestandteil der historischen Erzählung der BRD, dass die Student*innenbewegung ab 1968 auseinanderzubrechen begann, dann: Mao-Fanclubs, Terroranschläge, Stadtteilkulturzentren, die Grünen, etc. Man muss sich dafür nicht interessieren, aber dann soll man bitte auch keine Romane darüber schreiben.

Ich möchte vor solchen Büchern gewarnt werden. Ich finde nicht, dass man jedem Menschen, der einen Roman geschrieben hat, dafür anerkennend auf die Schulter klopfen muss (so wie die Kritiken der Goslarschen Zeitung nach Auftritten des Frankenberger Kinderchors IMMER positiv waren — komisch, denn mir hatte die Chorleiterin gesagt: »Oskar, beim Konzert bitte nur den Mund bewegen, sonst brummt es so«, aber ich sang natürlich trotzdem).

That being said: Checkt bitte mal den Roman von Karosh Tana, Im Bauch der Königin, ich glaube, das könnte sich lohnen. Und für zornige, neurotisch verknotete, queer-feministische Akademiker*innen-Antifa-Lyrik: Lisa Jeschke. Und Freund*innen des Poetry Slams könnten sich mal Giulia Becker geben, die Literatur nach dem Nackte Kanone-Prinzip schreibt: Die Witze sind so doof, dass man gar nicht über sie lachen will, aber es sind so viele! Und sie kommen von überall!! Widerstand ist also zwecklos und nach fünf Minuten kugeln sich alle lachend am Boden aus Verzweifelung.

Ein schöner Abend.

Mansplaining, 1967

Eine ganz tolle Doku: Landfriedensbruch – Protokoll einer Denkmalsentweihung aus dem Jahr 1967 (auf YouTube findet man sie in drei Teilen: Teil 1, Teil 2, Teil 3).

Vordergründig geht es in dieser NDR-Produktion unter der Regie von Theo Gallehr um eine Gruppe von Studentinnen und Studenten, die versucht, das Denkmal des Kolonialgouverneurs Hermann von Wissmann vor der Hamburger Uni zu stürzen (das wird aber – Achtung, Spoiler! – erst ein Jahr später gelingen, beim dann dritten Umsturzversuch im Herbst 1968, den Uwe Timm in seinem Roman Heißer Sommer literarisiert hat).

Der Wert dieser Doku aus heutiger Sicht ist der wunderbare und etwas seltsame 68er- und Alt-BRD-Vibe in den vielen alltäglichen Szenen, die das Kamerateam filmen durfte, und den man sich nicht schöner hätte ausdenken können.

In einer Szene spielen SDS-nahe Studenten Schach und kommen fast nicht dazu, ihre Figuren zu ziehen, weil sie erst diskutieren müssen, ob das Schachspiel eine Metapher für die Aufstiegslüge der kapitalistischen Gesellschaft ist und ob das Spiel, in dem die Macht des Königs auf den Volksmassen der Bauern fußt, zu revolutieren ist, wenn die Möglichkeit zu seiner Revolutionierung im Spiel selbst aber gar nicht angelegt ist.

Oder, andere Szene: Studentinnen diskutieren mit ihrem Hauswirt, der die politische Belehrung seiner jĂĽngeren Untermieterinnen offenbar besonders genieĂźt, bei Kaffee und Kuchen darĂĽber, ob die Demokratie nicht doch die beste Staatsform ist »um der freien MeinungsäuĂźerung zu frönen«. Im Screenshot erklärt er gerade: »Demokratie« – das Wort kommt ja aus dem Griechischen, »demos«: das Volk – ist die Volksherrschaft … mansplaining aus der Hölle.

(Aber immerhin dĂĽrfen die Damen anders als bei den SDS-Flugblatt-Diskussionsrunden hier den Kaffee mittrinken, anstatt ihn nur zu kochen, anzureichen und auf Bitte der Genossen mit etwas Wasser zu verdĂĽnnen, damit er nicht so stark ist.)

Ich liebe alles an dieser Doku, einschließlich ihrer völlig angemessenen Sepia-Tönung.

P.S.: Mehr zum Film und zum Denkmal-Sturz gibt es bei der Forschungsstelle Hamburgs (post-) koloniales Erbe.

Pop & Wahlkampf: heikle Mischung

Als Barack Obama bei Werbeveranstaltungen einst einen Song von Jay-Z spielte, bekam er Ă„rger mit Feminist*innen (99 problems).

Als die CDU einen Song von den Toten Hosen spielte, entschuldigte sich danach die Kanzlerin bei der Band (Tage wie dieser).

Als die Grünen ihren Wahlkampfslogan bei Nena abschrieben, störte es irgendwie keine/n, war aber trotzdem panne (Irgendwie, irgendwo, irgendwann).

Und jetzt: Die SPD. Wie ich der heutigen Ausgabe des Hamburger Abendblatts entnehme, lief auf einer Wahlkampfveranstaltung, bei der Spitzenkandidaten sich ĂĽber Songs anderer Leute vorstellten, nicht nur erzsozialdemokratisches Liedgut (Woody-Guthrie-Coverversionen, etc.), sondern auch Keine Parolen von Dendemann. Ein Song also, der K.E.I.N.E. aus dem FrĂĽhwerk der (Absoluten) Beginner aufgreift, der wiederum auf Wir wollen keine Bullenschweine von Slime verweist.

In einem Wahlkampf, in dem der bisher einzige politische Streitpunkt ist, inwieweit regierende Parteien eventuell ganz vielleicht heimliche Sympathien fĂĽr militante Linke hegen (solches warf man aus dem BĂĽro des Regierenden BĂĽrgermeisters dem Koalitionspartner vor, woraufhin dieser umgehend sein Wahlprogramm umschrieb), ist das brisant.

Denn, wie hieĂź es bei Slime?

Dies ist ein Aufruf zur Revolte,
dies ist ein Aufruf zur Gewalt,
Bomben bauen, Waffen klauen,
den Bullen auf die Fresse hauen,
haut die Bullen platt wie Stullen
(etc. pp.)

Hat aber zum GlĂĽck niemand gemerkt.