Hamburg, Stadt der Wissenschaft?

Die-Zeit-Hamburg-Stadt-der-Wissenschaft-Spread

»Wenn man heute an Wissenschaft denkt, dann denkt man nicht an Hamburg«, sagt Andreas Timm-Giel, der PrÀsident der TU Hamburg. »Das wÀre zwar schön, das wollen wir auch erreichen, aber da sind wir noch nicht.«

FĂŒr ein Stimmungsbild aus der Wissenschaftslandschaft habe ich mit Timm-Giel und anderen aktuellen und ehemaligen PrĂ€sidenten von Hochschulen in Hamburg gesprochen, mit Direktoren außeruniversitĂ€rer Forschungszentren und … ums kurz zu machen: Man spĂŒrt vielerorts einen vorsichtigen Optimismus.

Denn es ist ein Momentum entstanden. Durch die Auszeichnung der Uni Hamburg als »ExzellenzuniversitĂ€t«, durch den Nobelpreis fĂŒr den Klimaforscher Klaus Hasselmann, durch neue Projekte wie das Hamburg Institute for Advanced Study und The New Institute.

Die Fotos, die wir zum Text drucken durften, hat Janosch Boerckel aufgenommen. Sie zeigen die Infrastrukturen der Spitzenforschung: Neben dem 3,4 Kilometer langen Teilchenbeschleuniger HERA am DESY ist das auch das Deutsche Klimarechenzentrum, bei dem die Modelle der Klimaforscher vom Max-Planck-Institut fĂŒr Meteorologie entstehen (of Hasselmann fame). Das illustrierte Cover ist von Josephine Rais.

Weiterlesen „Hamburg, Stadt der Wissenschaft?“

Die TĂŒcken der Digitalkunst

lifeforms-kunstverein

Sie sehen hier Lifeforms (2021), eine kĂŒnstlerische Arbeit von Sarah Friend, die unter anderem aus einem Smartphone besteht, das mal wieder ein Update vertragen könnte.

Solche Aussetzer ziehen sich durch die Gruppen-Ausstellung Proof of Stake, die noch dieses Wochenende im Kunstverein in Hamburg zu sehen ist. Die Arbeit Air Rights von Agnieszka Kurant war heute bereits abgebaut, weil sie, wie ein Aushang informierte, »derzeit in technischer Wartung« sei.

Dann ist da noch eine zentrale Installation, die nur so halb funktioniert: Die Kurator*innen Bettina SteinbrĂŒgge und Simon Denny haben verschiedene GegenstĂ€nde gesammelt, deren Bedeutung sich durch beigefĂŒgte QR-Codes erschließen soll — die fĂŒhren allerdings alle bloß zu Fehlermeldungen.

Digitale Kunst ist offenbar besonders fehleranfÀllig und wartungsintensiv, auf einmal brÀuchten AusstellungsrÀume nicht nur Aufpasser (die gibt es hier, denn niemand soll die Smartphones klauen), sondern auch einen IT-Support, aber wer soll den bezahlen?

Sarah Friend hat das alles klugerweise schon antizipiert: »A system requires gentle support and maintenance«, heißt es auf ihrem Handyscreen.

(Womöglich ist es aber auch einfach das Konzept und die Kunstwerke reflektieren ihre MaterialitÀt und den institutionellen Kontext? Oder so.)

TschĂŒĂŸ, liebe CremonbrĂŒcke

Cremonbruecke-Abriss

Am Wochenende wurde die CremonbrĂŒcke in der Hamburger Innenstadt abgerissen. FrĂŒher machte sie mir gute Laune auf dem Weg zur Arbeit: Die FußgĂ€ngerbrĂŒcke mit den (meist defekten) Rolltreppen. Allein diese Idee! Jetzt rolle ich auf meinem Fahrrad mit einer gewissen Wehmut an den Überresten der BrĂŒcke vorbei. Und bald wird es sein, als wĂ€re sie nie dagewesen.

Zugegeben: Die CremonbrĂŒcke war nicht besonders schön. Selbst der Hamburger Denkmalverein, einer ihrer wenigen öffentlichen FĂŒrsprecher, bezeichnete sie auf seiner Website als eine nur »halbwegs attraktive Möglichkeit«, um als FußgĂ€nger die Willy-Brandt-Straße zu ĂŒberqueren. Damit fĂŒgte sich die BrĂŒcke allerdings gut in ihre Umgebung, die mit »halbwegs attraktiv« sehr diplomatisch beschrieben ist.

Vielleicht ist Schönheit bei historischen Bauwerken ohnehin ein nachrangiges Kriterium. Wir wollen wohl alle in einer schönen Stadt wohnen, ach was, in der schönsten Stadt der Welt, aber Schönheit ist flĂŒchtig, nicht nur bei Menschen. Was heute als Spitzenleistung von Architektur und Ingenieurskunst gilt, empfindet man oft schon 50 Jahre spĂ€ter als abbruchreife BausĂŒnde.

Die EssohĂ€user an der Reeperbahn sind ein Beispiel dafĂŒr. Das Frappant-GebĂ€ude in Altona. Oder der Alte Mariendom. (Okay, der Mariendom hat lĂ€nger gehalten als 50 Jahre. Abgerissen wurde er trotzdem.)

Jedes hĂ€ssliche alte GebĂ€ude, das erhalten wird, ist deshalb ein Memento Mori, eine Übung in Demut. Nach dem Motto: »Mensch, du magst dich fĂŒr den Höhepunkt der Evolutionsgeschichte halten und deine Taten fĂŒr die grĂ¶ĂŸten jemals vollbrachten. Doch bedenke: Schon deine Kinder werden ĂŒber dich lachen.«

(Textrecycling aus meinem vorgezogenen Nachruf auf die CremonbrĂŒcke, erschienen am 16. Juli 2021 in der Elbvertiefung, dem Newsletter der ZEIT:Hamburg.)

Podcast: Lösen Drohnen die Verkehrsprobleme der Großstadt?

Die Antwort in Kurzfassung: Nein. Etwas ausfĂŒhrlicher habe ich dazu mit meinem Kollegen Frank Drieschner im Podcast Hinter der Geschichte gesprochen.

Frank ist (wie ich) Redakteur der Hamburg-Seiten der ZEIT, wo er sich (anders als ich) schon seit vielen Jahren mit den Verkehrsproblemen der Großstadt auseinandersetzt.

In unserem Podcast rĂŒckt er die Verkehrsinnovationen des ITS Kongresses (Lastendrohnen, halbautonome S-Bahnen, ferngesteuerte Mietwagen, … ) in den Kontext und sagt: Das meiste davon brauchen wir nicht. Sondern eigentlich nur eines: Viel weniger Autos in der Stadt.

Woraufhin ich in meiner grenzenlosen NaivitÀt rufe: »Hey, cool, dann ist ja alles ganz einfach!« Franks Antwort in Kurzfassung: Nein.

Kostenlos anhören: Überall, wo es Pocasts gibt und hier.

PrÀsenzlehre? Welche PrÀsenzlehre?

Ein Semester Â»ĂŒberwiegend in PrĂ€senz« war den Hamburger Studierenden versprochen worden. Konnte das gehalten werden? Weiß keiner.

Zwei Wochen nach Beginn der Vorlesungszeit haben die Hochschulleitungen keinen Überblick, wie viel PrĂ€senzlehre in ihren HĂ€usern stattfindet. Was vielleicht schon einen Hinweis darauf gibt, welche PrioritĂ€t sie diesem Thema einrĂ€umen.

Besonders bitter: Dass Erstsemester klagen, sie sĂ€hen die neue Uni alle zwei Wochen fĂŒr 90 Minuten von innen. Und die Verantwortlichen sagen: Ja, das kann schon sein. What?

Das hĂ€tte im vierten Corona-Semester — und im ersten, das wieder im Zeichen der PrĂ€senzlehre stehen sollte — besser laufen können: Mein Kommentar auf ZEIT ONLINE (frei lesbar).

Die jĂŒngsten Stars Hamburgs

Der Detektivclub Die Pfefferkörner, den man seit mehr als zwanzig Jahren im NDR-Fernsehen und im Kinderkanal sehen kann, ist diverser als Die drei ???, glaubwĂŒrdiger als TKKG und drehte schon eine Folge im großen Saal der Elbphilharmonie, als Til Schweiger und sein Tatort dort noch vor verschlossenen TĂŒren standen.

Gerade lĂ€uft der zweite Kinofilm der Bande, die ihr HQ in der Speicherstadt hat und in Actionszenen immer wieder ĂŒber die BrĂŒcke vor dem Maritimen Museum rennt. Ich hatte das besondere VergnĂŒgen, fĂŒr die Hamburg-Seiten der ZEIT nicht nur den neuen Film zu sehen, sondern auch mit Hilfe einer Pfefferkörner-Expertin einige SchauplĂ€tze in Speicherstadt und HafenCity zu besuchen.

Hier geht es zu meinen Beitrag zum Start der Herbstferien (fĂŒr Abonnent*innen der ZEIT und ihre Kinder).

Droht hier ein Angriff?

bw-uni

Das ist die Helmut-Schmidt-UniversitÀt im Hamburg: Ein gepflegter Campus mit interessanter Architektur. In den GÀngen hÀngen Arbeiten von Warhol, Richter und anderen. Ach, und die Bibliothek ist auch ziemlich super!

In dieser Idylle ist jetzt ein Streit ausgebrochen. Denn die Uni, an der Zivilist*innen lehren und fast nur Soldat*innen lernen, soll zu einem militĂ€rischen Sicherheitsbereich gemacht werden. So will es das Verteidigungsministerium unter der amtierenden Ministerin Annegret Krampkarrenbauer. Dann gibt es auf dem bisher fĂŒr alle offenen Campus strenge Zugangskontrollen, die Wachleute werden bewaffnet sein und Schilder vor dem Waffeneinsatz warnen.

Etliche Wissenschaftler*innen sind damit nicht einverstanden — auch deshalb nicht, weil das Verteidigungsministerium sich bei der BegrĂŒndung der Notwendigkeit dieses Schrittes auf recht nebulöse AusfĂŒhrungen abstrakter GefĂ€hrdungslagen zurĂŒckzieht und kein Verantwortlicher ausfindig zu machen ist, der sich den ungeklĂ€rten Fragen stellt und die Entscheidung verteidigt (trust me, I’ve tried).

Die ganze Geschichte gibt es hier (fĂŒr Abonnent*innen der ZEIT).

Vollautomatisiertes Luxusdings

20210911_230233

Die Partei DIE PARTEI wirbt in Hamburg mit dem Slogan »Vollautomatisierter Luxuskommunismus«. Ist das Satire? Wenn ja, was ist daran Satire?

Der Witz ist doch, dass genau diesen Slogan jemand neulich noch sehr ernst gemeint hat (und The Guardian, The Atlantic und ein, zwei andere, von denen man das nicht zwingend erwartet hÀtte, das sogar halbwegs plausibel und/oder anregend fanden).

Die These des »Fully Automated Luxury Communism«, wie sie der Brite Aaron Bastani formulierte, lautet grob gesagt, dass in Zukunft durch Automatisierung und technischen Fortschritt die Notwendigkeit menschlicher Arbeit geringer wird und dann enormer Überfluss an allem herrscht: an materiellen GĂŒtern, an Freizeit, …

(Dass wohl nicht viele Menschen Überfluss und MĂŒĂŸiggang mit Kommunismus zusammenbringen, ist entweder Ausweis des klĂ€glichen Scheiterns des real existierenden Sozialismus oder der Wirksamkeit anti-kommunistischen Denkens oder beides. Oder die Idee des FALC ist doch ein bisschen irrlichternd, das könnte natĂŒrlich ganz vielleicht auch sein.)

Man tut ihm vielleicht nicht Unrecht, wenn man behauptet: Ohne lustvolle Provokationen mit dem K-Wort hat die Idee schon der in Oxford arbeitende Philosoph Nick Bostrom vertreten. Wobei – bei ihm gab es zwei Optionen: Vollautomatisierter Luxuskommunismus oder vollautomatisiertes Worldwide-Gulag.

Auf der Suche nach Heino Jaeger

jaeger-2-lkw-quer

Ich war neulich mit Rocko Schamoni in Harburg verabredet und das erste, das wir dort sahen, war ein LKW mit dem Aufdruck Jaeger. Ist das ein Zeichen, oder was?

Weil: Wir waren ja da, um uns auf die Spuren des verstorbenen, fast vergessenen KĂŒnstlers und Komikers Heino Jaeger zu begeben, den Rocko Schamoni sehr schĂ€tzt. FĂŒr was schĂ€tzt er Heino Jaeger? FĂŒr seinen »pointenlosen Humor«, seinen »feinen Strich«, seine »zerfrĂ€sten, alltagszerstörten Figuren«. Und nicht zuletzt fĂŒr die »seltsame, organische KlumpizitĂ€t« seines bildnerischen Werks.

Sie merken, da spricht ein Fachmann! Aber ohne Flachs: Wieso Schamoni einen Roman ĂŒber Heino Jaeger geschrieben hat (Der Jaeger und sein Meister, neu bei Hanser Blau), als nĂ€chstes eine große Ausstellung mit auf den Weg bringt (ab 26. Februar 2022 im Kunsthaus Stade) und was das alles mit den frĂŒheren BĂŒchern Dorfpunks und Große Freiheit zu tun hat, das steht jetzt in den Hamburg-Seiten der ZEIT.

Übrigens: Der LKW war wirklich ein Zeichen. Denn wir besuchten das ArchĂ€ologische Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg und wurden dort mit einer Riesenladung an Jaeger-Werken beglĂŒckt, die Jens Brauer und Michael Merkel fĂŒr uns aus dem Lager holten. Danke!

Jaeger-1-ZEIT
(Foto mit meinen FĂŒĂŸen, weil ich höre, das mache man jetzt so — und weil ich nicht weiß, wie ich sonst das riesige Doppelseitenformat der ZEIT in ein Hochkantfoto kriegen soll.)