Gesehen beim Rundgang der HfbK (2)

Die Video-Installation Untitled (Haul) von Malte Stienen

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Die erste Arbeit, an der ich beim Rundgang der HfbK länger hängen geblieben bin, trägt den Titel Untitled (Haul). Sie besteht aus zwölf Flatscreens, einem Computer und einem Laufband (nicht im Bild). Auf den Bildschirmen laufen unterschiedliche Videos, die der Computer automatisch bei YouTube abruft. Es handelt sich dabei um die zuletzt hochgeladenen Videos zum Suchbegriff »Haul«. Zeitgleich zeigt das Laufband die Titel der Videos.

Moment, was sind Haul-Videos? Hier, Wikipedia:

Bei diesen Videos stellen hauptsächlich weibliche, jüngere Personen kürzlich gekaufte Kosmetikartikel und Kleidung, oft auch modische Accessoires vor. Dabei beschreiben sie die gekauften Produkte, Herkunft, Preis und betten dies oftmals in einen kleinen Erlebnisbericht ein, der rund um das Shoppingerlebnis zustande gekommen ist. Neben Fashion-Haul gibt es auch Food-Haul-Videos, in denen gerade eingekaufte Lebensmittel vorgestellt werden.

Haul-Videos sind also sowas wie Unboxing-Videos ohne Box: Ein massenkulturelles Phänomen, dessen Potential wohl kaum ein Medienschaffender erahnt hätte – bis diese Videos plötzlich auf YouTube auftauchten, tausendfach, mit Abrufen, die teilweise in die Millionenhöhe gehen, wie Malte Stienen erklärt, der Untitled (Haul) gebaut hat.

OK, und was soll das? Mir hat es zunächst mal überraschend viel Spaß gemacht, diese Videos in der Installation von Malte Stienen anzuschauen. Es gibt keine Tonspur, was einem beim Betrachten ziemlich viel Gesabbel erspart. Also konzentriert man sich auf die Formsprache der Clips, auf die Mimik der Protagonisten und auf die Einrichtung ihrer Wohn- und Kinderzimmer, die im Hintergrund der Videos zu sehen sind.

Und so, wie man in zwölf parallel abgespielten High-Noon-Szenen sehr schnell die formalen Gesetze des Western-Genres erkennen würde, sieht man hier, wie formalisiert die Haul-Videos sind.

Unabhängig vom Herkunftsland der Protagonisten, unabhängig von ihrem Alter, ihrem kulturellen Hintergrund und ihren anderen Unterschieden, halten sie sich alle an dieselben Regeln der (Selbst-) Inszenierung. Hier ist ein eigenes Video-Genre entstanden, ganz ohne Studios, ohne zentrale Steuerungsinstanz und (wie ich vermute) auch ohne Kritik oder einen selbstreflexiven Diskurs. Das allein finde ich bemerkenswert.

Mit der Popkultur war einst die Hoffnung verbunden, hier könnten neue, dezentrale, demokratische Kultur- und Ausdrucksformen entstehen, die der bestehenden Eliten- und Subventionskultur entgegengestellt sind und Ordnungsrahmen wie Klasse, Milieu, Ethnie, Bildungshintergrund und Nation überwinden.

Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Versprechen vom Pop eingelöst worden ist, aber mit dem Netz (und speziell dem »Web 2.0«) erneuerte es sich. Jetzt gibt es erstmals eine mediale Infrastruktur mit geringen Eintrittsbarrieren und mit einer Reichweit, die jene der etablierten Medien (TV, Radio, Zeitungen) sogar potentiell übertrifft.

Malte Stienen holt einen Ausschnitt dieser neuen Kultur- und Ausdrucksformen aus dem Netz und präsentiert sie im White Cube. Seine automatisierte, unkuratierte Auswahl der Haul-Videos erlaubt dabei einen vermutlich unverfälschteren Blick auf die Netzkultur als andere Rekontextualisierungen, etwa Kim Kardashians Selfish, also der Versuch, Online-Selfies als Offline-Bildband irgendwie zu … ja, äh, was eigentlich? Zu nobilitieren? Oder doch bloß: zu monetarisieren? (BTW: Ist das die New Aesthetic? Post-Internet Art?)

Bleibt natürlich die Frage, ob diese »neue«, »dezentrale« und »demokratische« Kultur nicht irre traurig ist:

Ob Untitled (Haul) nicht eine Welt zeigt, in der Teenies isoliert vor ihren Webcams hocken und nur noch mit Hilfe des Konsums Verbindungen zu anderen Menschen eingehen können. Verbindungen, die aber auch nicht unverfälscht und unmittelbar sind, sondern bloß medialisiert.

Ob Untitled (Haul) eine Kulturindustrie zeigt, in der die Konsumenten zu Produzenten geworden sind. In der die Werbung als Mittel der Bedürfnisproduktion theoretisch obsolet geworden ist – aber nicht, weil die Menschen ihr falsches Bewusstsein abgeschüttelt haben, sondern sich gegenseitig manipulieren.

Ob wir in Untitled (Haul) Menschen sehen, die ihre Potentiale erfüllen und dafür Anerkennung finden wollen – die davon träumen, berühmt zu werden dafür, dass sie so gut shoppen und davon erzählen können.

Das wäre die kulturpessimistische, konsumkritische Lesart von Untitled (Haul). Malte Stienen scheint sich solchen Interpretationen nicht von vornherein zu verweigern. Denn das Laufband, das die Titel der YouTube-Videos zeigt, ist den Anzeigetafeln des New York Stock Exchange nachempfunden, wie er sagt. Heißt: Solange die Kids brav konsumieren und sich nur mit sich selbst beschäftigen, brummt es an der Börse.

Übrigens: Dass mal ein Bildschirm schwarz blieb, weil über längere Zeit kein neues Haul-Video auf YouTube geladen wurden, sei bisher noch nicht vorgekommen, sagt Malte Stienen.

Teil 2 einer Serie mit Eindrücken von der Absolventenausstellung der Hochschule für bildende Künste Hamburg (»Rundgang«). Hier geht es zu Teil 1. Teil 3 folgt morgen. Der Rundgang  wurde am vergangenen Donnerstag eröffnet und läuft noch bis Sonntag, 12. Juli 2015, 14–20 Uhr. Mehr Infos hier.

2 Kommentare zu „Gesehen beim Rundgang der HfbK (2)

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