Neues Fotobuch: »State of Nature«

Was macht der Klimawandel mit den Landschaften Europas?

Wä-wä-weltuntergang! Noch knapp drei Wochen läuft die Ausstellung Claudius Schulze – State of Nature in der Freelens-Galerie, Hamburg.

Gezeigt werden Fotos von der Nordseeküste, die von Wellenbrechern zerschnitten wird, eingedeichte Flüsse, Alpenpanoramen voller Lawinenmauern. Europäische Landschaften in Zeiten des Klimawandels.

Außerdem jetzt erhältlich: State of Nature, der opulente Bildband von Claudius Schulze, in dem alle Fotos seiner Arbeit zu sehen sind (Sie hörten davon). Erschienen ist das Buch bei Hartmann Books (hier mehr dazu).

Ich bin großer Fan der Arbeit von Claudius, für sein Buch habe ich einen Essay geschrieben über die Lügen der malerischen Schönheit und die Rückkehr des Erhabenen (hallo, liebe Landlust-Kollegen!). Außerdem schreibt dort Thomas Glade über die Frage, welche Landschaften zu retten sind und welche nicht.

Zur Eröffnung der Freelens-Ausstellung habe ich auch ein paar Worte gesagt und über die Festung Europa gesprochen, einen Kontinent, der sich einrüstet gegen den Klimawandel. Sie können das hier nachlesen.

Das Foto oben zeigt Claudius und mich am Abend der Eröffnung, aufgenommen hat es Lucas Wahl (bei Kollektiv25 / Agentur Focus). Danke, lieber Lucas!

Selfies sind nicht narzisstisch

Ein mythologischer Einwand (Teil 4 der Serie über Selfies)

Viele, die Selfies kritisieren, verweisen wieder und wieder (und wieder und wieder und wieder) darauf, dass es sich hierbei um ein Symptom des Narzissmus handele. Dieser kleinste gemeinsame Nenner der Selfie-Kritik ist zugleich ihr Totschlagargument. Wer Selfies als Symptome einer Massenpathologie deutet, entlässt sich selbst aus der Pflicht, weiter zu argumentieren: Selfies sind schlecht, weil Selfies schlecht sind.

Mich interessieren Selfies nicht aus psychologischer Sicht. Als Kulturjournalist reizt mich die Idee, es könne sich hierbei um eine neue (und paradoxerweise globale) Volkskunst handeln. Quasi um eine Fortsetzung der Volkskunst unter den Bedingungen des Internets. Der amerikanische Kunstkritiker Jerry Saltz formulierte diesen Gedanken in seinem Essay Art at Arm’s Length – A History of the Selfie.

Ich glaube, dass es sich lohnen würde, vorurteilsfrei über Selfies zu diskutieren. Trotzdem fällt in jedem Gespräch, kommt in so vielen Artikeln früher oder später der kategorische Narzissmus-Vorwurf: »Selfies sind doch voll narzisstisch, ey«.

Die Verbreitung dieses Vorurteils (und die Vehemenz, mit der es oft vorgetragen wird) ist erstaunlich. Erst recht, wenn man sich die Mühe macht, den griechischen Mythos von Narziss tatsächlich zu lesen. Dann nämlich merkt man: Wer Selfies macht, ist gar nicht narzisstisch! Zumindest nicht in dem Sinne, in dem Narziss narzisstisch war.

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Original Hustlers: Zeitungsjungen & Zeitungsmädchen in der Fotografie

Diese drei Herren hier sind original hustlers. Jungs aus armen Verhältnissen, die an Straßenecken rumhängen und sich durchschlagen. Fotografiert hat sie Lewis Hines in St. Louis. Das war 1910. Sogenannte newsies, die auf der Straße Zeitungen verkauften, prägten damals das Stadtbild der Vereinigten Staaten.

Die New York Times berichtete in einem Artikel:

The first full-flegded American newsboys are said to to have been employed by The Sun about 1836 [Anmerkung: Gemeint ist wohl die New Yorker Zeitung]. Within a fews years all the cheaper newspapers had them. […] The newsboys were undoubtedly a rough lot, though they may have had hearts of gold under their tattered coats. They had to be hardboiled to survive at all

Offenbar wurden die newsies immer wieder als Ärgernis wahrgenommen. Die Times berichtet in den 1920ern von newsies, die saftige Geldstafen bekamen, weil sie verbotenerweise in der U-Bahn handelten oder mit ihrem Geschrei gegen Lärmschutzgesetze verstießen. Bisweilen streikten die Zeitungsjungen auch und legten mit ihren Protestmärschen für bessere Bezahlung den Verkehr lahm.

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Was ist ein Selfie? Was ist digitale Fotografie?

Selfies und ihre Urheber werden unentwegt kritisiert. Ein Gedanke, der mir dabei oft fehlt: Die digitale Fotografie war eine technische Innovation, die nicht nur verändert, wie wir fotografieren, sondern auch zu welchem Zweck wir fotografieren.

Die Fotografie an sich hat sich demnach verändert, wie zuletzt vielleicht bei der Einführung der Rollfilmkamera (oder noch dramatischer, zumindest in dem Sinne, dass die Anwendungsbereiche der Fotografie noch vielfältiger geworden sind).

So arumentiert zum Beispiel Steve Sasson, der als Ingenieur bei Kodak bereits in den siebziger Jahren den Prototypen einer Digitalkamera gebaut hat, im Paper Magazine (Volume 32, Issue 2, October 2015). Er sagt:

I think what’s changed is our view of what photography is. [Digital photography has] changed it from recording events to a casual form of communication.

Ähnlich argumentiert Mikko Villi, ein Kommunikationsforscher an der Uni Helsinki, der ein kurzes Essay in The Smart View (Ausgabe 1) veröffentlicht hat. Dort schreibt er:

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Gesehen beim Rundgang der HfbK (3)

Die Zeitschrift The Smart View mit der Fotostrecke When Kennedy Died

Jeder zweite Deutsche im Alter über 14 Jahren nutzt ein Smartphone, ergab eine repräsentative Studie im Auftrag von Bitkom, einem Branchenverband der Digitalwirtschaft, die vor gut einem Jahr veröffentlicht wurde.

Da es wohl kein Smartphone gibt, in dem nicht mindestens eine Kamera eingebaut ist, ergibt das Pi mal Daumen 35 Millionen Leute, die eine Digitalkamera besitzen & sie fast überall mit sich hintragen – und das allein hierzulande.

Da ist es naheliegend, eine Fotomagazin zu gründen, das sich mit theoretischen Texten und fotografischen Portfolios dem Phänomen der Smartphone-Fotografie widmet. Rosa Roth (ja – wie die ZDF-Vorabendserie) hat dieses Magazin gegründet. Sein Name ist The Smart View, es wird von einem gleichnamigen Tumblr begleitet, ist soeben in der ersten Ausgabe erschienen und baumelte beim Rundgang der HfbK von der Decke.

Die Leute vom Bayrischen Rundfunk bezeichneten The Smart View als »Magazin für Instagram-Süchtige«, mein Eindruck ist aber: richtiger ist das Gegenteil. Die Redaktion des Heftes fischt einzelne Fotos aus dem Insta-Flickr-usw.-Stream und präsentiert sie in ziemlich uninteraktiver Form: auf Papier gedruckt. So wie früher. Weil es sich manche Mobilfotos anzuschauen lohnt, ohne gleich Daumen, Herzen oder Kommentare verteilen zu können und zu wollen und zu müssen und dann weiter zu klicken – also quasi künstlich entschleunigt.

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