Neues Album von Jeans Team: Das ist Alkomerz, das haben wir verdient, da müssen wir jetzt durch

Jeans Team spielen Songs aus Das ist Alkomerz auf dem hamlit 2013

Abb.: Einer tanzt noch. Nach dem Jeans Team-Konzert auf der langen Nacht der Literatur am 7. Februar 2013 in Hamburg

Was Jeans Team können, war Anfang Februar auf der langen Nacht der jungen Literatur in Hamburg zu erleben. Erst lesen Schriftsteller, dann spielt ’ne Band: Auf diesen Deal hatte sich das Publikum eingelassen. Und 2012 hatte das auch super funktioniert. Erst ein bisschen zeitgenössische Lyrik erdulden und dann, wenn man nicht mehr still sitzen kann, aufstehen und tanzen zu den Songs von Die Sterne: Ganz geil, eigentlich, zumal für einen Donnerstagabend. Also 2013 wieder hin. Bloß: Dieses Jahr ging das gehörig in die Hose. Wegen Jeans Team.

Dabei hatte alles so gut angefangen: Tilman Rammstedt las als erster. Mit ihm hatten die Organisatoren einen erfahrenen Schriftsteller ausgesucht, der vor Publikum brilliert. »Nun wirklich das allerlustigste Buch des Jahres« hatte Rammstedt laut Elke Heidenreich geschrieben, irgendwas über einen Banker, mit vielen Pointen, geradezu poetryslamesque. Daraus las er jetzt, da konnte nichts schiefgehen. Und da ging auch nichts schief. Beschwippstes Gekicher. Erlöstes Gelächter. Gute Laune. Endlich Feierabend. Noch’n Bier? Klar, ey.

Es war »kuschelig«, wie eine Anwesende später schreiben sollte, Oberschenkel rieben an Oberschenkel von Sitznachbarn. Dann: Etwas mehr Tiefgang. Kevin Kuhn kredenzte bürgerliche Existenzkrisen. Bisschen öde, fand nicht nur ich, aber: Vertraut. Okay. Konnte man machen. Also noch’n Bier und dann noch’n Literat und noch’n Bier und noch’n Literat, Spaß plus Bildung, ganz geil, eigentlich.

Aber dann! Jeans Team! Elektropop im Grenzbereich zum Schlager. Zwei Spacken in viel zu großen T-Shirts. Sangen was über Bomberjacken und Gay-House-Partys und »Trallali« und »Trallala«. Deutsche Schunkelglückseligkeit (der Sound), gekreuzt mit Geschichten über Berlin oder so (die Lyrics). Fragwürdig. Gewagt. Hier ein beispielhafter Song:


Video: Jeans Team – Menschen (sind zum Träumen da), vom neuen Album Das ist Alkomerz

»Also doch noch Karneval!«, rief die Rheinländerin, die sich zuvor besorgt gezeigt hatte, diese Weiberfastnacht berufsbedingt fern der Heimat zu verbringen und dabei kein bisschen Spaß abzubekommen. Ich fand’s auch immer noch ganz geil, eigentlich. Aber damit waren wir beiden ziemlich allein.

Jeans Team brauchten vielleicht drei Songs um den Ballsaal des ausverkauften Uebel & Gefährlich leer zu spielen. Vielleicht auch vier. Fakt ist: Als ich mich das erste Mal nach Konzertbeginn zu F. umdrehte, der am anderen Ende des Saals den Büchertisch verwaltete, waren alle weg, die eben noch andächtig ihre Unterlippen zerkaut und über Banker-Witze gelacht und durchblickermäßig am Tresen gelehnt hatten. Gähnende Leere. Höchstens noch 30 Leute da. F. eingerechnet. Und das in der Heimatstadt von HGich.T! (Die, wie man hört, ein wichtiger Einfluss für die neuen Songs gewesen sein sollen, die mit den alten Jeans Team-Tracks nicht mehr sehr viel gemein haben.)

Da fing man natürlich zu schimpfen an: Diese Spießer! »Junge Literatur«, ja, das findense gut, aber wennse dann mal jemand zu sehr an die textlichen und musikalischen Vorlieben ihrer Eltern erinnert, dann müssense ganz schnell die letzte S-Bahn kriegen. Dabei war das Jeans Team-Konzert der originellste und mutigste Auftritt des Abends. Typisch Hamburg! Pfeffersäcke! Philister! Das war ein bisschen scharf im Ton, aber man hatte ja auch schon was getrunken.

Jetzt, gut anderthalb Monate später, höre ich Jeans Team wieder (hier kann man die neuen Songs kostenlos streamen) und denke: Doch, stimmt. Man kann nicht kulturbeflissen tun und dann das Feld räumen, wenn jemand ein ästhetisches Wagnis eingeht. Man kann nicht begeistert sein, wenn Heino Pop macht, aber Angst bekommen, wenn Pop Heino macht. Jeans Team: Das haben wir verdient. Da müssen wir jetzt durch.

Am morgigen Freitag, 22. März 2013, erscheint das neue Jeans Team-Album Das ist Alkomerz auf dem Label Staatsakt.

2 Kommentare zu „Neues Album von Jeans Team: Das ist Alkomerz, das haben wir verdient, da müssen wir jetzt durch“

  1. Nur weil man sich auf Neues einlässt, muss man sich nicht gleich alles gefallen lassen. Vollprollo-Rumgeballere als „ästhetisches Wagnis“ zu bezeichnen finde ich wiederum recht gewagt. Klar, ist alles ironisch gemeint, wer will als selbstbewusste linke Band schon Hits wie „Das Zelt“ am laufenden Band produzieren. Macht es aber auch nicht erträglicher.

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