Neues Forschungsprojekt zu Hamburger Musikgeschichte(n)

Thorsten Logge, Geschichtsprofessor an der Uni Hamburg, sagte mir neulich im Interview:

Hamburg vermarktet sich als Musikstadt, doch zeitgleich erleben wir, dass Räume der Subkultur verschwinden. Bunker, in denen sich oft Proberäume befinden, werden geschliffen. Musikalienläden machen zu. Wir haben kein gutes Verständnis davon, was eine Musikstadt außer Marketing ausmacht.

Doch:

Nur wer die Geschichte kennt, kann auch die Gegenwart verstehen oder Prognosen fĂĽr die Zukunft abgeben.

Deshalb hat Logge ein Forschungsprojekt namens »Hamburger Musikgeschichte(n) der 1970er- und 1980er-Jahre« gestartet.

Etwas ausfĂĽhrlicher schreibe ich darĂĽber auf ZEIT ONLINE (fĂĽr Abonnent*innen).

Es gibt von Oktober bis Dezember auch ein öffentliches Veranstaltungsprogramm mit dem Konzertveranstalter Karsten Jahnke, der Historikerin Julia Sneeringer (die unter anderem dieses lesenswerte Buch geschrieben hat), Schorsch Kamerun (Goldene Zitronen), Holger Jass (Onkel Pö) und anderen. Mehr Infos dazu hier.

F&D Cartier: »The Never Taken Images«

20220714 - FD Cartier

Wait and See. The Never Taken Images ist der Name einer Arbeit des Künstlerpaars F&D Cartier, die gerade im Museum für Kunst & Gewerbe Hamburg zu sehen ist. 1998 begannen die beiden, alte Fotopapiere zu sammeln — ahnend, dass es sich dabei um Restbestände einer aussterbenden Kunst handelt — und diese als Wandcollagen auszustellen.

Inzwischen haben F&D Cartier tausend Fotopapiere angehäuft, sagen sie, von Herstellern aus 13 verschiedenen Ländern, das älteste davon stamme noch aus dem 19. Jahrhundert.

Die Papiere sind abgelaufen, für Fotoabzüge also nicht mehr zu gebrauchen. Wenn aber Licht auf sie fällt, beginnen die Chemikalien noch zu arbeiten. Je nach Geheimrezeptur der Hersteller nehmen die Papiere dann eine andere Farbe an. Es handelt sich ausschließlich um Papiere für Schwarzweißfotografie, doch im Museum für Kunst & Gewerbe leuchteten sie am vergangenen Donnerstag in Apricot, Violetttönen, Himmelgrau und metallischem Minzgrün.

Als F&D Cartier die Arbeit am Vortag aufhängten, waren die Papiere noch weiß, erzählen sie, das farbige Muster an der Wand ist also zumindest zum Teil ein Zufallsprodukt. Die Formate werden nicht beschnitten, betont das Künstlerpaar, die Papiere nicht bearbeitet. »Wir machen nichts weiter, als sie aus der Verpackung zu nehmen«, sagt Daniel Cartier.

Während der Dauer der Hängung — zu sehen ist die Arbeit noch bis 30. Oktober in der Ausstellung Mining Photography. Der ökologische Fußabdruck der Bildproduktion — dunkeln die Papiere weiter nach, würden aber nie ganz schwarz werden, sagt Françoise Cartier.

Eine erstaunliche Entdeckung. Ich erinnere mich an zwei oder drei Abende in der Dunkelkammer der Volkshochschule (und vor allem an die hässlichen gelben Flecken, die die Entwicklerlösung in meinen Klamotten hinterließ), aber die poetische Qualität der Fotopapiere war mir nicht bekannt.

Willkommen in der Science City!

Science City

Am Anfang war der Lärm. Ein ununterbrochenes Kratzen, Schleifen und Scharben. Das ist der Sound der Autobahn A7, die in den 1970er-Jahren ohne Rücksicht auf Verluste durch Bahrenfeld gepflügt wurde. Parks, Plätze, Seen, Knabenschulen: Weg damit und her mit dem Verkehr!

Dann kam der Wunsch, die Autobahn unter die Erde zu verlegen. Und schlieĂźlich die Idee, obendrĂĽber einen neuen Stadtteil zu bauen, der von Stanford bis Shenzhen aller Welt zeigen soll, dass Hamburg nicht nur eine historische Hafenstadt ist, sondern ein Metropole der Wissenschaft und Innovation.

Über die Genese der »Science City Bahrenfeld«, die erstmal nicht viel mehr ist als eine Idee, berichtete ich in den Hamburg-Seiten der ZEIT. Der Text ist das Destillat vieler Gespräche und einiger Radtouren durch Bahrenfeld, Stellingen und Schnelsen – und jetzt auch online zu lesen (für alle Menschen mit ZEIT-Abo).

Weiterlesen „Willkommen in der Science City!“

Besuch bei BĂĽttner (mit Meese & Richter)

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Ich (Foto links) war mit den Künstlern Jonathan Meese (ebenfalls Foto links) und Daniel Richter (Foto rechts) in der Hamburger Kunsthalle, um Gemälde von Werner Büttner anzusehen (ebenfalls Foto rechts), der einst der Kunstprofessor der beiden an der Hochschule für bildende Künste Hamburg war und jetzt in den Ruhestand geht.

Die Ausstellung von Werner Büttner heißt Last Lecture Show. Ich kann den Besuch sehr empfehlen, notfalls auch ohne Meese und Richter: Selten bin ich so gut gelaunt aus einer Kunsstaustellung gekommen, die aber völlig deprimierend ist.

Mein Artikel ĂĽber die Ausstellung und den Besuch mit Meese und BĂĽttner sowie ihre Erinnerungen an das Kunststudium: hier.

PS: Der Esel nennt sich immer zuerst, normal!

Credits: Das linke Foto hat Petra Bassen aufgenommen, das rechte Foto Hanna Lenz für DIE ZEIT / VG Bild-Kunst, Bonn 2021. Merci! ❤

Kirche + Kapital ❤️ Ton Steine Scherben

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Die Band Ton Steine Scherben ist 1970 angetreten, um die bestehende Ordnung abzuräumen. »Musik ist eine Waffe«, schrieb sie und stellte sich in den Dienst aller Gruppen, die den Klassenkampf vorantreiben (diese Erklärung erschien in der Zeitschrift Agit 883, in der kurz zuvor die Rote Armee Fraktion ihre Gründung bekannt gegeben hatte).

Und heute? Werden Ton-Steine-Scherben-Songs in Weihnachtspredigten zitiert (wie 2011 in der Kartäuserkirche in Köln) oder auf die Titelseiten von Wirtschaftsmagazinen gedruckt (wie auf der aktuellen Ausgabe von brand eins, siehe Foto).

Sind Ton Steine Scherben also gescheitert am Kapitalismus, der sich noch seine ärgsten Feinde einverleibt und durch Kritik nur stärker wird? Oder haben sie gewonnen, weil sie der Gesellschaft ihren Stempel aufdrückten und sie zu verändern halfen, wenigstens ein bisschen?

Ich weiĂź es nicht. Aber ich wollte kurz durchgeben, dass mein Artikel ĂĽber den Auftritt der Band 1971 an der katholischen Sophie-Barat-Schule in Hamburg jetzt auch auf ZEIT ONLINE zu lesen ist (fĂĽr alle mit Abo).

Sommerferien auf der Streuobstwiese

Nach 20 Jahren bei einem Mittelständler und im Maschinenbau sagte Florian Menger zu seinem Chef: Ich kündige. Und fange noch mal was Neues an. Ich miete mir Schafe und pflanze ein paar Apfelbäume und starte einen Lehrbauernhof für Kinder.

Und sein Chef sagt: Wissen Sie was? Super Idee. Da investiere ich und werde Partner.

Die unwahrscheinliche GrĂĽndungsgeschichte von Greenkids Neuengamme und die Frage, was HĂĽhner und RegenwĂĽrmer mit einer glĂĽcklichen Kindheit und guten Bildung zu tun haben: Jetzt in DIE ZEIT (Hamburg-Seiten) oder hier auf ZEIT ONLINE (#aboaboabo).

Hallo, Joachim Franz BĂĽchner Band

Na, das klingt doch wie ein guter Anfang. Guter move auch, das Soloalbum mit einem Duett anzukündigen. Solo wie allein war jetzt schließlich lang genug. 

OK, der Typ heiĂźt also Franz Joachim BĂĽchner. Schon mal gesehen bei BĂĽrgermeister der Nacht. Und wer singt da mit? Ist das nicht die eine von dieser tollen, leider verschollenen Band Zucker? Ja, ist sie.

Und der zweite Song, den man schon jetzt vom Joachim-Franz-Büchner-Band-Album hören kann, Plan 9 aus dem Weltall, ist nicht nur eine Verneigung vor dem Trashfilmregisseur Ed Wood, sondern auch vor Trümmerfrauen, dem Theme Song von Zucker. Toll. Apropos: Was machen eigentlich Trümmer?

Ich deute diesen Song als Vorboten nicht nur des kommenden Albums, sondern auch einer Zeit, in der wir endlich wieder auf Konzerte gehen werden. Und zwar auf viele. Oder?

[Update, 28. Juni 2021] Sieh an! Kaum ist die Frage ausgesprochen, kommt schon die Antwort: Ein neues Trümmer-Album ist für den 17. September angekündigt, hier kann schon man den ersten Song hören.

Was sagen Zehnjährige zu … naja, allem gerade?

ZEIT ONLINE: Was fehlt euch beiden gerade am meisten?
Benedikt: Mir fehlt das GemeinschaftsgefĂĽhl. Nicht immer nur allein zu Hause zu hocken.
Valerie: Das Tuscheln im Unterricht!
Benedikt: Und zusammen auf dem Pausenhof zu sein.
Valerie: Eigentlich fehlt mir das ganze Paket: Gruppenarbeiten, Pausenhof, alles. Auch morgens mit dem Fahrrad in die Schule zu fahren.
ZEIT ONLINE: Wirklich? Der Schulweg?
Valerie: Ja, das weckt mich auf.
Benedikt: Dann hat man richtig Motivation! Jetzt steht man auf, isst ein bisschen FrĂĽhstĂĽck und geht mal eben drei Meter rĂĽber zum Computer.
Valerie: Ich bin dann noch total mĂĽde.
Benedikt: Man schläft noch. Früher hat man gar nicht gemerkt, dass es wichtig ist, morgens an der kalten Luft zu sein und ein bisschen Sauerstoff in den Kopf zu kriegen. Jetzt merkt man: Es ist krass wichtig! Man hockt sonst immer nur drinnen!
Valerie: AuĂźer, man hat einen Hund. Dann geht man noch ab und zu mit dem Hund raus.
ZEIT ONLINE: Gibt es etwas, das ihr in den letzten Monaten gelernt habt und das ihr ohne Corona vielleicht nicht gelernt hättet?
Valerie: Man muss es schätzen, in einer Gruppe zu sein.
Benedikt: Und, dass man Freunde hat. Und, wenn einem die Eltern was erlauben.
Valerie: Ich hätte auch nie gedacht, dass mir die Schule mal fehlen würde. Dass ich mir wünschen würde, wieder in die Schule zu dürfen.
ZEIT ONLINE: Was glaubt ihr, wann dĂĽrft ihr wieder?
Valerie: Es gibt so viele Mutanten. Und vielleicht kommt eine, gegen die das Impfen nicht hilft. Ich glaube, dass es noch zwei, drei Jahre dauern wird.

Meine Interviews mit Zehnjährigen – und mit anderen Schülerinnen und Schülern, die das letzte Mal vor Weihnachten in einem Klassenzimmer saßen – gibt es jetzt auf ZEIT ONLINE (frei lesbar).