Die A7 – und die öffentliche Meinung

Die Bundesautobahn 7, Höhe Hamburg-Bahrenfeld. Ein wunderbares Beispiel dafür, wie sich die öffentliche Meinung zu dem, was als fortschrittlich und wünschenswert gilt, innerhalb von nur einer Generation um 180° drehen kann.

Als die A7 in den späten 1960er-Jahren und 1970er-Jahren quer durch Hamburg gebaut wurde, gab es dagegen in den betroffenen Stadtvierteln keine nennenswerten Proteste, erzählt einer, der damals in der Gegend wohnte. Im Gegenteil: Man freute sich über den eigenen Autobahnzubringer. Die A7 reicht von Dänemark bis Österreich, Bahrenfeld und die angrenzenden Viertel waren jetzt also verbunden mit der Welt. Das moderne Leben!

Doch in den folgenden Jahren wurde klar, dass das ganze einen Haken hatte. Oder sogar drei.

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Rezension: Die Heiterkeit – Pop & Tod

Das nicht nur von mir mit Spannung erwartete neue Album Pop & Tod von Die Heiterkeit ist erschienen, ich habe dazu einige Anmerkungen für Die Zeit (Hamburgseiten) notiert, die jetzt auch online zu lesen sind.

Spoiler: Das Meisterwerk, als das die Platte von einigen Kritikern bezeichnet wurde, höre ich da nicht (dafür ist das Doppelalbum vielleicht doch ein bisschen zu lang und variationsarm) – aber eine stimmige, mutige, unkonventionelle und kluge Platte.

Foto: Die Heiterkeit. Von links nach rechts: Philipp Wulf, Stella Sommer, Sonja Deffner und Hanitra Wagner © Malte Spindler für Buback Tonträger.

 

 

Kristine Bilkau bekommt den Preis für den besten Debütroman 2015

Die Schriftstellerin Kristine Bilkau hat heute den mit 10.000 Euro dotierten Klaus-Michael-Kühne-Preis für das beste literarische Debüt des Jahres 2015 bekommen. Bilkau erhielt den Preis für ihren Roman Die Glücklichen, den sie im Rahmen der Debütantensalons des Harbour-Front-Literaturfestivals in Hamburg präsentierte. Neben Bilkau traten noch sieben weitere Schriftsteller(innen) mit ihren Debütromanen an.

Zusammen mit Kollegen anderer Hamburger Medien war ich in der Jury (die gesamte Besetzung und ein paar Stichworte zu Buch und Autorin gibt es hier). Folgendes ist uns zur Begründung der Preisverleihung eingefallen:

In ihrem Buch richtet die Autorin ihren Blick auf ein Stück großstädtische Realität: Ein studiertes Paar, ein Wunschkind, eine Altbauwohnung mit abgeschliffenen Holzfußböden – und so viele Zukunftssorgen, dass diese sich schließlich zu erfüllen drohen. Als beide Jobs wegbrechen, dreht sich das perfekt geplante Leben in eine Existenz voller Abstiegsangst und Schweigen. Bilkau wählt eine ruhige, präzise Sprache, um die Erosion einer modernen Kleinfamilie spürbar zu machen. Ihr Roman weist über die persönliche Betroffenheit hinaus auf eine soziologische Wirklichkeit – und macht dieses Buch auch politisch relevant.

Der letzte Satz ist ein bisschen holprig … ähem. Zur Verteidigung der Jury ist zu sagen, dass es schon spät war, als wir nach längerer Diskussion am Donnerstagabend die Preisträgerin ausgewählt und die Laudatio verfasst hatten.

Zu den bisherigen Preisträger(inne)n des Kühne-Preises zählen unter anderem Olga Grjasnowa und Per Leo mit ihren weiterhin unbedingt lesenswerten Debüts. Außerdem (vor meiner Zeit in der Jury) Inger-Maria Mahlke, die mit ihrem neuen Buch gerade auf der Shortlist des Deutschen Buchpreis steht. Bämm.

Abbildung: Kristine Bilkaus Debütroman Die Glücklichen – passend zum Inhalt auf einem Bobo-Möbel in Ottensen abgelegt

Wo sitzt die Made? Im Speckgürtel. (Neu: Nachwort für AfD-Wähler!)

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Abb. 1-2: So schön/schlimm ist Hamburg-Nienstedten

Fast unsichtbar ist die AfD im Hamburger Kerngebiet – also dort, wo die Anwesenheit des 21. Jahrhunderts (Migranten, Schwule, werktätige Frauen, Flaschensammler) nicht mehr zu leugnen ist.

Doch etwas weiter draußen, hinter dem Findling am Elbstrand, etwa auf Höhe des Jenischparks, sieht man dieser Tage AfD-Plakate an jedem Lampenposten (vgl. Abb. 1). Unterbrochen werden sie nur durch den gelegentlichen Aufruf zur Unterstützung der G9-Initiative, der offenbar von der Partei gleich mitplakatiert wurde.

Hier, wo es keine Zehn-Euro-Frisöre gibt, sondern nur Pudel-Trimm-Salons; wo die Häuser Reetdach tragen und bei Ebbe die Yachten im Schlamm stecken bleiben (vgl. Abb. 2) bereiten die »Alternativen« ihren Marsch auf das Hamburger Rathaus vor. Irgendwas ist faul an diesem Bild. Entscheiden Sie selbst.

Nachtrag am 6. Oktober 2014:

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Dieses geile Brutzeln: Bitte mehr Nicolas Jaar hören (auch live)!

Pommes & Techno

Abb.: Pommes & Techno. Sorry für die Scheißernährung zur Zeit …

Ich empfehle den Besuch von Konzerten des Musikers Nicolas Jaar. Ausdrücklich. Nicht nur an dieser Stelle, sondern auch morgen in der Zeit (auf den Hamburgseiten, Sie wissen schon, diese sympathische Tageszeitungsalternative!). Jaars Auftritt in der Laeiszhalle ist dabei nur der äußere Anlass des Ausdrucks eines inneren Anliegens. Das wird jetzt esoterisch klingen, aber: der Typ ist ein Heiler.

Bedauerlich ist, dass mich in der publizistischen Todeszone zwischen Druckabgabe (gestern) und Auslieferung (heute) die Nachricht erreichte, die letzte Karte fürs Hamburger Konzert sei nunmehr verkauft worden.

Wer leer ausgegangen ist, dem seien die letzten beiden Schallplatten des Mannes anempfohlen. Und die von Pantha du Prince und dem Bell Laboratory. Und Konzerte von Hauschka und Die Vögel. Nicht zu vergessen: Das viel zu selten gehörte letzte Stella-Album Fukui. Popmusik hat gerade einen großen Moment. Man muss nur darauf achten, nicht versehentlich eine dieser Platten mit deutschen Texten zu erwischen.

Ist Stephen noch King? Der Horrorkönig hält Hof in Deutschland

Stephen King visits Germany, CC-Photo by The USO via FlickrStephen King visits Germany, CC-Photo by The USO via Flickr (2)

Abb. 1 & 2: Königliche Begrüßung in der Ramstein Air Base (Photos by Mike Clifton, The USO, via flickr, CC BY-NC-ND 2.0)

Hier sehen Sie Stephen King, den Autor mehrerer Bücher überwiegend gruseliger Machart, wie er einem Flugzeug entsteigt. Das war kurz vor seiner allerersten Lesung auf deutschem Boden, am vergangenen Montag.

Zuerst las er vor US-Soldaten in Ramstein, dann vor Zivilisten in München, dann vor noch mehr Zivilisten in Hamburg. Ich war in Hamburg dabei und habe für Spiegel Online darüber geschrieben.

Spoiler Alert: Ich habe mich bei der Lesung kein einziges Mal gegruselt. War trotzdem ein großer Spaß.

Arthouse vs. Pornokino mit RP Kahl in Hamburg & Berlin

Trailer zu Bedways (2010) von RP Kahl

In den letzten Jahren haben mehrere Regisseure versucht, Spielfilmhandlungen und explizit pornografische Szenen miteinander zu versöhnen. Richtig aufgegangen ist wohl keiner dieser Versuche, manche scheiterten, andere schillerten – und zu den schillernden gehört sicher auch Bedways von RP Kahl.

Der Regisseur, der auch als Fotograf (u.a. im Giddyheft) und als Darsteller mit pornografischen Ästhetiken experimentierte, kommt nächste Woche Mittwoch nach Hamburg und spricht um 20 Uhr im Fleetstreet Theater über einige seiner Arbeiten. Schon übermorgen spricht er zudem auf dem Pornfilmfestival in Berlin.

Seit Bedways (& Nine Songs & Shortbus &&&) haben sich die Versuche, Sex filmisch zu fassen, womöglich in eine etwas andere Richtung entwickelt (ich denke an dieses und jenes). Das heißt aber nicht, dass die Widersprüche, in die sich RP Kahl et al. gestürzt haben, heute aufgelöst wären. Könnte also spannend werden.

Mehr Informationen zu den beiden Veranstaltungen in Hamburg & Berlin gibt es hier.