Guerrilla Girls & feministisches Grafikdesign

Guerrilla Girls 1

MĂĽssen Frauen nackt sein, um im Museum gezeigt zu werden? Das fragten die Guerrilla Girls, eine amerikanische KĂĽnstlerinnengruppe, Ende der Achtzigerjahre.

Die Frage war rein rhetorisch, denn die Guerrilla Girls hatten nachgezählt, auch das stand auf dem Poster: Im Metropolitan Museum in New York, einem der großen enzyklopädischen Kunstmuseen der USA, das von der Steinzeit bis in die Gegenwart alles sammelt, was man für kulturell bedeutsam hält, zeigten 85 Prozent aller Aktdarstellungen Frauenkörper, während weniger als fünf Prozent der modernen Künstler weiblich waren.

Also nein, Frauen mussten nicht nackt sein, um im Museum gezeigt zu werden. Doch es erhöhte ihre Chancen ganz wesentlich.

Zu sehen ist das Poster jetzt im Museum für Kunst & Gewerbe, in der neuen Sonderausstellung The F* Word: Guerrilla Girls und feministisches Grafikdesign. Der Anlass der Ausstellung ist der Ankauf des Gesamtwerks der Guerrilla Girls durch das Museum für Kunst & Gewerbe. Und da die Künstlerinnengruppe immer noch aktiv ist, hat sie auch dort mal nachzählen lassen und ein neues Poster gestaltet, das an der Fassade des Museums hängt.

Zu sehen ist darauf ein Franzbrötchen, das die 400.000 Arbeiten in der grafischen Sammlung repräsentiert. Daneben liegt ein kleiner Krümel, der für den Anteil der Werke von Frauen steht: 1,5 Prozent. Ein noch viel schlechteres Ergebnis als damals im Met.

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Ein Jahr seit dem russischen Ăśberfall

Russland

Ich kam heute am Generalkonsulat der Ukraine in Hamburg vorbei, Mundsburger Damm, Alsterufer. Es war ein kühler, sonniger Tag — genau wie bei einem früheren Besuch, fiel mir ein.

Damals hatte man hier den Asphalt der Straße kaum sehen können vor Menschen und Solidaritätsfahnen. Das war Anfang März 2022, ich habe noch einen Schnappschuss davon auf dem Handy gefunden. Links, das Haus mit der Fahne, ist das ukrainische Generalkonsulat.

Auf dem Rückweg fuhr ich heute am Feenteich vorbei, dort steht ein zweites Generalkonsulat, das russische. Ein stummer Protest auf der Straßenseite gegenüber: Jemand hat Luftballons in den Nationalfarben jenes Landes aufgehängt, in dem russische Raketen seit bald einem Jahr wieder und wieder in Wohnhäuser einschlagen und in dem russische Soldaten morden. Polizeiwagen parken hier, man könnte fast denken, auch sie trügen diese Farben.

Nur etwas mehr als ein Kilometer trennt die beiden Häuser, etwas weniger als ein Jahr die beiden Fotos. Es ist in der Zwischenzeit doch ziemlich still geworden in Hamburg.

Der kommende Aufstand

Die beste Ausstellung, die ich 2022 gesehen habe – oder zumindest diejenige, die mich am längsten beschäftigt hat –, war Amazons of Pop in der Kunsthalle Kiel. Gezeigt wurde dort, wie Frauenbilder der Popkultur in den 1960er- und 1970er-Jahren Künstlerinnen inspirierten, soft-pornografische Männerfantasien feministisch umzudeuten. Ich habe hier darüber geschrieben.

Aktuell und noch bis 19. März 2023 läuft nun im Kunstmuseum Basel eine weitere Ausstellung feministischer Kunst, Fun Feminism. Dort wird unter anderem diese Videoarbeit von Martha Rosler gezeigt:

Philipp Hindahl schreibt in seiner Rezension der Ausstellung in der heutigen Ausgabe des Tagesspiegels (hier online lesbar):

»Martha Roslers Video ›Semiotics of the Kitchen‹ von 1975 ist ein Klassiker – und ein guter Anknüpfungspunkt für eine Geschichte feministischer Kunst. In dem Schwarz-Weiß-Video widmet sich Rosler Dingen in ihrer Küche und handhabt sie so, als wollte sie daraus Waffen gegen das Patriarchat machen.«

Ich muss bei Semiotics of the Kitchen an die Kritik Betty Friedans denken, die 1963 in ihrem Buch The Feminine Mystique von der Vereinsamung, Gefangenschaft und sogar Entmenschlichung der Frauen in den Küchen der amerikanischen Vorstädten schrieb.

Ob das Video wirklich unter die Ăśberschrift »fun« passt? So mancher Ehemann wird es seiner Zeit vermutlich mit Beklemmungen gesehen haben und mit Sorge vor einem kommenden Aufstand …

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Neues Forschungsprojekt zu Hamburger Musikgeschichte(n)

Thorsten Logge, Geschichtsprofessor an der Uni Hamburg, sagte mir neulich im Interview:

Hamburg vermarktet sich als Musikstadt, doch zeitgleich erleben wir, dass Räume der Subkultur verschwinden. Bunker, in denen sich oft Proberäume befinden, werden geschliffen. Musikalienläden machen zu. Wir haben kein gutes Verständnis davon, was eine Musikstadt außer Marketing ausmacht.

Doch:

Nur wer die Geschichte kennt, kann auch die Gegenwart verstehen oder Prognosen fĂĽr die Zukunft abgeben.

Deshalb hat Logge ein Forschungsprojekt namens »Hamburger Musikgeschichte(n) der 1970er- und 1980er-Jahre« gestartet.

Etwas ausfĂĽhrlicher schreibe ich darĂĽber auf ZEIT ONLINE (fĂĽr Abonnent*innen).

Es gibt von Oktober bis Dezember auch ein öffentliches Veranstaltungsprogramm mit dem Konzertveranstalter Karsten Jahnke, der Historikerin Julia Sneeringer (die unter anderem dieses lesenswerte Buch geschrieben hat), Schorsch Kamerun (Goldene Zitronen), Holger Jass (Onkel Pö) und anderen. Mehr Infos dazu hier.

F&D Cartier: »The Never Taken Images«

20220714 - FD Cartier

Wait and See. The Never Taken Images ist der Name einer Arbeit des Künstlerpaars F&D Cartier, die gerade im Museum für Kunst & Gewerbe Hamburg zu sehen ist. 1998 begannen die beiden, alte Fotopapiere zu sammeln — ahnend, dass es sich dabei um Restbestände einer aussterbenden Kunst handelt — und diese als Wandcollagen auszustellen.

Inzwischen haben F&D Cartier tausend Fotopapiere angehäuft, sagen sie, von Herstellern aus 13 verschiedenen Ländern, das älteste davon stamme noch aus dem 19. Jahrhundert.

Die Papiere sind abgelaufen, für Fotoabzüge also nicht mehr zu gebrauchen. Wenn aber Licht auf sie fällt, beginnen die Chemikalien noch zu arbeiten. Je nach Geheimrezeptur der Hersteller nehmen die Papiere dann eine andere Farbe an. Es handelt sich ausschließlich um Papiere für Schwarzweißfotografie, doch im Museum für Kunst & Gewerbe leuchteten sie am vergangenen Donnerstag in Apricot, Violetttönen, Himmelgrau und metallischem Minzgrün.

Als F&D Cartier die Arbeit am Vortag aufhängten, waren die Papiere noch weiß, erzählen sie, das farbige Muster an der Wand ist also zumindest zum Teil ein Zufallsprodukt. Die Formate werden nicht beschnitten, betont das Künstlerpaar, die Papiere nicht bearbeitet. »Wir machen nichts weiter, als sie aus der Verpackung zu nehmen«, sagt Daniel Cartier.

Während der Dauer der Hängung — zu sehen ist die Arbeit noch bis 30. Oktober in der Ausstellung Mining Photography. Der ökologische Fußabdruck der Bildproduktion — dunkeln die Papiere weiter nach, würden aber nie ganz schwarz werden, sagt Françoise Cartier.

Eine erstaunliche Entdeckung. Ich erinnere mich an zwei oder drei Abende in der Dunkelkammer der Volkshochschule (und vor allem an die hässlichen gelben Flecken, die die Entwicklerlösung in meinen Klamotten hinterließ), aber die poetische Qualität der Fotopapiere war mir nicht bekannt.

Willkommen in der Science City!

Science City

Am Anfang war der Lärm. Ein ununterbrochenes Kratzen, Schleifen und Scharben. Das ist der Sound der Autobahn A7, die in den 1970er-Jahren ohne Rücksicht auf Verluste durch Bahrenfeld gepflügt wurde. Parks, Plätze, Seen, Knabenschulen: Weg damit und her mit dem Verkehr!

Dann kam der Wunsch, die Autobahn unter die Erde zu verlegen. Und schlieĂźlich die Idee, obendrĂĽber einen neuen Stadtteil zu bauen, der von Stanford bis Shenzhen aller Welt zeigen soll, dass Hamburg nicht nur eine historische Hafenstadt ist, sondern ein Metropole der Wissenschaft und Innovation.

Über die Genese der »Science City Bahrenfeld«, die erstmal nicht viel mehr ist als eine Idee, berichtete ich in den Hamburg-Seiten der ZEIT. Der Text ist das Destillat vieler Gespräche und einiger Radtouren durch Bahrenfeld, Stellingen und Schnelsen – und jetzt auch online zu lesen (für alle Menschen mit ZEIT-Abo).

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Besuch bei BĂĽttner (mit Meese & Richter)

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Ich (Foto links) war mit den Künstlern Jonathan Meese (ebenfalls Foto links) und Daniel Richter (Foto rechts) in der Hamburger Kunsthalle, um Gemälde von Werner Büttner anzusehen (ebenfalls Foto rechts), der einst der Kunstprofessor der beiden an der Hochschule für bildende Künste Hamburg war und jetzt in den Ruhestand geht.

Die Ausstellung von Werner Büttner heißt Last Lecture Show. Ich kann den Besuch sehr empfehlen, notfalls auch ohne Meese und Richter: Selten bin ich so gut gelaunt aus einer Kunsstaustellung gekommen, die aber völlig deprimierend ist.

Mein Artikel ĂĽber die Ausstellung und den Besuch mit Meese und BĂĽttner sowie ihre Erinnerungen an das Kunststudium: hier.

PS: Der Esel nennt sich immer zuerst, normal!

Credits: Das linke Foto hat Petra Bassen aufgenommen, das rechte Foto Hanna Lenz für DIE ZEIT / VG Bild-Kunst, Bonn 2021. Merci! ❤

Kirche + Kapital ❤️ Ton Steine Scherben

20210723-kaputtmachen

Die Band Ton Steine Scherben ist 1970 angetreten, um die bestehende Ordnung abzuräumen. »Musik ist eine Waffe«, schrieb sie und stellte sich in den Dienst aller Gruppen, die den Klassenkampf vorantreiben (diese Erklärung erschien in der Zeitschrift Agit 883, in der kurz zuvor die Rote Armee Fraktion ihre Gründung bekannt gegeben hatte).

Und heute? Werden Ton-Steine-Scherben-Songs in Weihnachtspredigten zitiert (wie 2011 in der Kartäuserkirche in Köln) oder auf die Titelseiten von Wirtschaftsmagazinen gedruckt (wie auf der aktuellen Ausgabe von brand eins, siehe Foto).

Sind Ton Steine Scherben also gescheitert am Kapitalismus, der sich noch seine ärgsten Feinde einverleibt und durch Kritik nur stärker wird? Oder haben sie gewonnen, weil sie der Gesellschaft ihren Stempel aufdrückten und sie zu verändern halfen, wenigstens ein bisschen?

Ich weiĂź es nicht. Aber ich wollte kurz durchgeben, dass mein Artikel ĂĽber den Auftritt der Band 1971 an der katholischen Sophie-Barat-Schule in Hamburg jetzt auch auf ZEIT ONLINE zu lesen ist (fĂĽr alle mit Abo).