Für Chrissie. Oder: Einige Zeilen zu der tatsächlich recht interessanten neuen Single von Jeans Team.

Abb.: Jeans Team, fotografiert mit OLYMPUS DIGITAL CAMERA von Machines Désirantes

Jeans Team, ein Elektro/Pop-Act, den ich entfernt interessant finde, seit ich als Schuljunge »Fast Forward« zu kucken begann, hat kürzlich eine Maxi mit den Tracks »Totes Kino« und »Cocktailständer« nebst zugehörigen Remixen veröffentlicht. Ich habe die Platte für eine Rezension in diesem Blog zugeschickt bekommen. Zwar habe ich kein Interesse daran, dass sich diese Praxis verstetigt (oder die damit verbundenen wöchentlichen und mit meiner protestantischen Neigung zum Schuldgefühl vollkompatiblen Promoterinnen-Nachfragen, ob und wann ich denn nun endlich was poste). Weil sich »Totes Kino«/»Cocktailständer« aber tatsächlich als eine der interessanteren Maxis entpuppte, die mir in diesem Jahr in die Hände fiel: Einige (bemühte) Zeilen zu beiden Seiten dieser feinen Scheibe.

»Totes Kino« — Der intuitiv zugänglichere der beiden Tracks. »Das ist totes Kino! Totes, totes Kino!« ist, wie zuvor bereits Jeans Teams ästhetisches Manifest des Nerd-Punks oder der Chorus ihres hübschen Wandervogel-Songs, ein Slogan, den zu skandieren Spaß macht, auch wenn man ahnt, dass man ihn höchstens halb versteht. Wieder gibt es eine assoziative Nähe zum Zeichenfundus der Moderne, diesmal zum russischen Avantgarde-Filmer Dziga Vertov und seinen Kinoki-Pamphleten, in denen Vertov in den 1920er Jahren die Zerstörung der »bourgeoisen« Konventionen des Stummfilmkinos forderte. Statt um »Kino« als Film scheint es hier aber um den Abgesang auf ein Kino als konkreten, mit Jugenderinnerungen benetzten Ort zu gehen. Das lässt sich einerseits ökonomisch lesen, vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um die bevorstehende, teure Digitalisierung der Filmprojektion und des in diesem Zusammenhang befürchteten Kinosterbens. Andererseits wirft es die biografischere (und im Zusammenspiel mit der Musik vielleicht plausiblere) Frage auf: Ist der Club, als sozialer Raum voller Mythen und Versprechen, an die Stelle des Kinos getreten? Mit dem Remix »Kein Mensch« geht die Erzählung von »Totes Kino« in eine klaustrophobische Verlängerung, die weitgehend textfrei abwechselnd einladend tanzbare und leiernde, runtergepitchte Passagen mischt.

»Cocktailständer« – Der nach mehrmaligem Hören vielleicht spannendere der beiden Tracks. Der Bass auf »Cocktailständer« klingt nach Jugendzentrum, Audiolith, Beton, Rost und Neonfarben. Dennoch fehlt, was schnell nervt an Br/Atze/n — nämlich das Mackertum und der What-you-see-is-what-you-get-Lyricism des Ausrastens, die beide dicht am Schlager sind (und damit, fürchte ich, entgegen der Spießerschocker-Pose beide eher affirmativ als anarchistisch wirken). Jeans Team bringen hier stattdessen einen ambivalenten Track, dessen Text den sado-masochistischen Untertönen des distiguierten Nachtlebens nachspürt: »Hältste kurz mein Glas, ich geh tanzen«, »Gerne, danke«, klirr, klirr. Zwei Männerstimmen bekunden sich ihre gegenseitige Zuneigung, Abhängigkeit und Ausnutzungsabsicht. Dabei entsteht eine sexy Reibung zwischen einerseits den devoten Implikationen des Schicki-Micki-Gehabes und andererseits dem nu-ravigen Gebolze und der Anzüglichkeit des Titels. Konsequent, dass Riley Reinhold die Vocals in seinem Remix zu einer Abstraktion koitaler Laute dekonstruiert.

Beide Tracks zeichnen sich zudem durch einen tollen Klang aus — und sind tanzbar genug, dass ich sie auflegen würde, wenn ich DJ wäre. Bin ich, vielleicht zum Glück, aber in der Regel nicht. Die Release-Party zu »Totes Kino«/»Cocktailständer« (Alkomerz) folgt übermorgen, Montag, 22.11.2010, im Stattbad Wedding, Berlin. Die Single gibt’s als Vinylmaxi (inkl. MP3-Download), sie steht aber auch in Gänze als kostenloser Stream online.

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