Das war 2019: Pop-, Literatur-, Konzertmomente

Das Jahr ist in ein paar Stunden zu Ende, fĂĽr fein ausziselierte Listen der besten BĂĽcher, Songs und Zeit Campus-Texte ist keine Zeit mehr, aber hier ein paar Momente, die es sich aus den vergangenen 365 Tagen festzuhalten lohnt.

POP-ĂśBERRASCHUNG 2019:

Der Moment, in dem zum ersten Mal der Refrain von Der Rest meines Lebens (Kummer feat. Max Raabe) einsetzt. Es ist nicht ganz die Helene Fischer feat. Haftbefehl-Collabo, auf die ich seit Jahren warte – aber es ist ziemlich dicht dran.

POP-ENTTĂ„USCHUNG 2019:

Billie Eilish als Headlinerin auf dem MS Dockville. So ein super Song, so ein super Look, so ein super Hype. Und dann steht da diese kleine, verlorene Person auf der viel zu groĂźen BĂĽhne und weiĂź selbst nicht, was sie da soll.

KONZERT-ĂśBERRASCHUNG 2019:

Leoniden auf dem Rathausmarkt. Der Auftritt nach der »Fridays for Future«-Demo. Ich glaube, ich war da der einzige über 20. (Gen Z > Gen Y. Sorry, aber isso.)

LITERATUR-ĂśBERRASCHUNG 2019:

Das wunderbare Leseclubfestival des mairisch Verlags. Gab es je ein inhaltlich überzeugenderes und zugleich ökonomisch hoffnungsloseres Konzept für ein Festival als dieses, bei dem nur Leute zur Lesung eingelassen werden, die das Buch bereits kennen (und davon auch nur ca. zwanzig)?

Ich bin besonders froh, bei Sophie Passmann gelandet zu sein, deren Alte, weiße Männer vielleicht meine Literatur-Enttäuschung 2019 geworden wäre, wenn Passmann den perfiden Masterplan hinter ihrem Buch dort nicht so eloquent erklärt hätte. (Lesen braucht man das trotzdem nicht.)

LITERATUR-ĂśBERRASCHUNG 2019:

Peter Handkes Wunschloses Unglück (1972). Ich war bereit, den Mann zu verachten. Dann las ich zur Abwechslung mal nicht Texte über seinen Serbien-Meltdown und späte Interviews, denen er sich besser entzogen hätte, sondern dieses Buch über Leben und Tod seiner Mutter. Ich bin immer noch kein Fan, aber mein Handke-Bild hat sich dramatisch verkompliziert.

LITERATUR-ÜBERRASCHUNG 2019: (Sorry, hört gleich auf!)

Ida von Katharina Adler und Die bessere Geschichte von Anselm Neft waren die beiden Romane, die ich in diesem Jahr am häufigsten weiterempfohlen und verschenkt habe.

BESTE KONSUM-ENTSCHEIDUNG 2019:

Mehr Klassiker lesen.

BESTE LEBENS-ENTSCHEIDUNG 2018:

In Elternzeit gehen.

Alles andere fällt mir gerade nicht ein oder ist mir hier zu privat. Kommt gut in die 2020er!

Wie faschistisch ist Techno?

Wenn eine junge, linke Philosophin (Iris Dankemeyer) in einem jungen, linken Technoclub (objekt klein a in Dresden) einen Vortrag über Techno hält und ihre Kritik in den Worten gipfelt: »Das ist faschistische Weltanschauung!« … dann passiert gerade etwas Interessantes.

Hier gibt es einen Mitschnitt des Vortrags, den ich sehr empfehle.

Man will beim Anhören natürlich ständig widersprechen, mit so einem empörten »aber, aber, aber …« (das nach dem knapp halbstündigen Vortrag im leider kaum verständlichen Diskussionsteil dieses Mitschnitts vom Publikum dann auch ordnungsgemäß nachgeliefert wird).

Aber wie Dankemeyer genau diesen Widerspruch sucht, sich in ihrer Pop-Kritik nicht in nebulöse Kompliziertheit flĂĽchtet, sondern streng argumentiert, ĂĽberpointiert spricht und ihr Publikum absichtlich ärgert (inkl. Diedrich-Diederichsen-Diss, störrischem Festhalten an der Trennung von E- und U-Musik, der Aussage, sie habe mit Techno eigentlich nix zu tun und sei noch nie richtig im Berghain gewesen …), das ist, wenn diese ästhetische Kritik der politischen Agitation erlaubt ist, wahnsinnig gut performt.

Sonntagmorgens in Harlem

Eine meiner Lieblingspopsongzeilen stammt aus Harlem, dem – wie mir strenge, popbeflissene Freunde einreden – mit seinen Streichern vielleicht etwas zu kitschig instrumentierten, ansonsten aber ganz fantastischen Song von Bill Withers aus dem Jahr 1971 (man kann ihn hier auf YouTube nachhören).

Bill Withers beschreibt dort das Leben in Harlem zu einer Zeit, als sich noch keine früheren US-Präsidenten mit ihren Büros in dem Stadtviertel niederließen, als es noch nicht mal Starbucks-Filialen gab, dafür herzlose Vermieter, betrügerische Prediger, viel Armut und jeden Sonntagmorgen ein besonderes Spektakel:

Sunday morning here in Harlem
now everybody’s all dressed up
the hip folks are getting home from the party
and the good folks just got up.

Das ist das vielleicht beste Beispiel fĂĽr Hemingways Eisbergmodell, das ich kenne: Gerade mal 26 Worte, die ein Bild entstehen lassen, das ich nicht mehr vergessen konnte.

26 Worte, die eine ganze Welt entstehen lassen. Man ahnt, welche Konflikte es hier gibt. Zwischen Nachbarn, aber auch in Familien, zwischen den Eltern (good folks), die noch ihrer Südstaaten-Frömmigkeit anhängen und den Kindern (hip folks), die darauf bestehen, dass es in der Großstadt doch gerade nicht darum geht, seine ländlichen Traditionen zu pflegen, sondern ums Sich-neu-erfinden.

Dass man Sonntagmorgens seine besten Kleider trägt, darauf können sie sich immerhin noch einigen.

Aber … es ist eine Popsongzeile. Und man tut in der Regel gut daran, die nicht zu wörtlich zu nehmen. Denn auch im Pop geht es ums Sich-neu-erfinden.

Da rappt Kanye West zum Beispiel in We Don’t Care, dass er als Kind zu den Dealern aufgeschaut habe, weil das die einzigen Erwachsenen gewesen seien, die nicht komplett pleite waren. Tatsächlich war West aber der Sohn einer Uni-Professorin, so schlimm kann’s also nicht gewesen sein.

Und Bill Withers schildert Straßenszenen in Harlem, die kleinen und großen Dramen des Lebens in diesem Viertel, als sei er ein intimer Kenner dieser Straßen. Tatsächlich wuchs er aber in Kleinstädten auf, reiste um die Welt, lebte am anderen Ende Amerikas in LA … und bevor er diese Platte aufnahm offenbar nie länger in Harlem.

Einer, der in Harlem aufgewachsen ist und bis heute dort arbeitet, der Modedesigner Daniel R. Day a.k.a. Dapper Dan schildert in seinen Memoiren Made in Harlem (ĂĽber die ich neulich schon ein paar Zeilen geschrieben habe) aber exakt dieselbe Szene wie Bill Withers:

On Sunday mornings at eleven o’clock, everybody emptied out into the street, the whole neighborhood heading to their preferred churches. […] I remember coming out to the stoop with my mother and my siblings on our own way to church and seeing how beautiful that looked: the good people of Harlem walking around in their finest clothes, while the bad people of Harlem would be creeping back home from a long night at the bars and after-hours spots. Seventh Avenue in Sunday morning, nicknamed the Stroll, was the greatest runway in the world.

Das sind etwas mehr als 26 Worte, aber Day beglaubigt, was Withers in Harlem singt. Ich würde größere Geldbeträge darauf wetten, dass Day (und/oder sein Ghostwriter Mikael Awake) den Withers-Song kennen, aber macht ja nichts: das hat die Erinnerung vielleicht sprachlich geformt, aber es hat sie nicht erzeugt.

Bill Withers hat keinen Scheiß gesungen, die Szene von den aus unterschiedlichen, unvereinbaren Gründen bestmöglich gekleideten Leuten am Sonntagmorgen ist nicht ausgedacht. Und jetzt, wo ich den Song noch mal gehört habe, finde ich auch die Streicher eigentlich gar nicht mehr so schlimm.

Der neue Boyfriend von Helene F.

Super faszinierendes Interview mit Thomas Seitel im neuen Zeit Magazin. Thomas wer? Eben. Das ist das Problem. Thomas Seitel ist »der Neue« von Helene Fischer. Und das macht ihn offenbar fertig. Dass er für viele Leute nur »der Neue« ist. »Ich habe einen eigenen Namen«, ist das Interview überschrieben (Hier ist der Link zum Interview, abopflichtig).

Seitel äußert sich dort zu den vielfältigen Ungerechtigkeiten, die ihm durch »die Berichterstattung« widerfahren:

Es werden Lügen verbreitet und Unwahrheiten geschrieben, zum Beispiel, dass ich Tänzer bin. Ich bin kein Tänzer. Ich bin Akrobat, und zwar mit Leidenschaft.

Andere Vorwürfe, die gegen ihn erhoben wurden, sind, dass er ein Stripper gewesen sei (Seitel dementiert das) und dass er ein »Schmarotzer-Verhalten« an den Tag lege (Seitel dementiert das).

Ein paar Gedanken dazu:

(1)

Seitel hat Sportjournalismus studiert und als Journalist gearbeitet, er kennt also die Medienlandschaft. Trotzdem sagt er »die Berichterstattung« als meinte er die Süddeutsche Zeitung oder Die Tagesschau. Namen von Medien werden in dem Interview nicht genannt, aber man kann wohl davon ausgehen, dass er tatsächlich eher Das Goldene Blatt meint, Das neue Blatt, Neue Welt, Freizeit Woche, Freizeit für meinen Tag und andere.

Das sind zumindest die Zeitschriften, die das Journalismuskritikblog Übermedien in einem Beitrag zur »Berichterstattung« über Thomas Seitel zusammengestellt hat.

(Ich glaube, niemand außer Thomas Seitel nennt das, was dort passiert, »Berichterstattung«, aber ich könnte mich irren.)

Warum liest Seitel den Scheiß überhaupt? Tut das sonst irgendwer in seinem Umfeld, mit seinem Bildungsabschluss? Tut es seine Freundin? Könnte er nicht einfach ein bisschen schneller am Supermarktregal mit den Schundblättern vorbeigehen und das Zeug links liegen lassen? Unklar. Egal.

(2)

Um es klar zu sagen: Seitels Situation ist undankbar. Er ist mit einer Frau zusammen, deren Erfolg nicht zuletzt darauf basiert, dass sie jede Woche in genau diesen Blättern stattfindet. Jede Woche. Jede. Woche.

Helene Fischer nützte der Rummel bisher: Wenn sie ihren Namen für eine neue Klamotten-Kollektion verkaufte, druckten die Käseblätter die Werbefotos mit ihr in den Klamotten, der Absender (also der Hersteller der Kleider und der Werbefotis) war nur im kleingedruckten Fotocredit zu erkennen, und die Zeile behauptete, die Bilder zeigten »Helene ganz privat« oder so ähnlich. Helene Fischer ist die erfolgreichste deutsche Influencerin, was man schnell übersieht, weil ihr Medium nicht Instagram ist. Ihr Medium ist das Zeitschriftenregal im Supermarkt.

Seitel hat keine Klamotten-Kollektion und auch sonst nix zu verkaufen. Er hat eine prominente Freundin und will seine Ruhe. Er kann bei diesem Spiel nichts gewinnen.

(3)

Trotzdem. Wieso diese Dünnhäutigkeit? Auf die Gefahr des Whataboutismus: Was Thomas Seitel erlebt, scheint keineswegs so einzigartig zu sein. Es ist eher die Regel. Jedenfalls, wenn es um bis dato eher unbekannte Frauen an der Seite von bekannten, erfolgreichen Männern geht.

Die Vorwürfe, die Seitel erlebt, stammen aus dem Standardrepertoire: Die Person in die Nähe von Sexarbeit rücken. Ihre eigenen Talente kleinreden. Ihr Schmarotzertum vorwerfen. (Etc.) Fragt Naddel. Fragt Bettina Wulff. (Etc.)

Das macht es nicht besser, aber das macht diesen Fall so interessant: Wenn es bald häufiger vorkommt, dass unbekannte Männer mit bekannten, begehrten, viel besser bezahlten Frauen zusammen sind, dann werden wir das wohl noch öfter erleben.

Seitel ist ein Pionier, er könnte ein Messias der letzten Tage des Patriarchats sein, gekreuzigt für alle Männer an der Seite großer Frauen. Was sagt eigentlich Joachim Sauer dazu?

(4)

Andererseits, von wegen Patriarchat: Wenn es Teil des alten Männerspiels ist, dass derjenige gewinnt, der die größten Muskeln hat und mit der begehrtesten Frau schläft, dann ist Thomas Seitel ziemlich eindeutig der Doppelsieger.

(Er ist Akrobat, und zwar mit Leidenschaft. Und er ist mit Helene Fischer zusammen, die in der vom Magazin Forbes veröffentlichten Weltrangliste der bestbezahlten weiblichen Popstars nur von Rihanna und Beyoncé und wenigen anderen überboten wird – bezeichnendes Detail: ihr großes Vorbild Céline Dion hat Helene Fischer bereits überholt).

Warum klingt Thomas Seitel trotzdem wie ein Verlierer?

Ist am Ende nichts so wichtig wie Anerkennung (»Ich habe einen eigenen Namen«)? Oder fehlen uns nur die Vorbilder für den Trophy Boyfriend, der sich seines Lebens erfreut, weil er alles hat und ansonsten gilt: haters gonna hate?

(5)

Aus Sicht der Krisenkommunikation: Warum lässt Helene Fischer ihren Boyfriend allein? Warum muss er die ganze Peinlichkeit seiner Situation alleine auswälzen, warum stärkt sie ihm nicht öffentlich den Rücken?

Und Flori Silbereisen: Wäre nicht ideal gewesen, die drei hätten das Interview zusammengegeben, wenn alle drei offenbar doch behaupten, sie seien alle mit der neuen Pärchensituation glücklich?

(6)

Schreibe ich gerade wirklich 700 Wörter über Helene Fischer und ihren Boyfriend, weil mich das Thema seit gestern nicht mehr loslässt? 🤯

Panisches Stottern = Pop der Zukunft

Video: Eternal von Holly Herndons neuem Album Proto

Quite interesting: Die Musikerin Holly Herndon (hier geht’s zu ihrer Website) hat mit Proto (bei 4AD erschienen) ein Album veröffentlicht, auf dem nicht oder nicht nur sie selbst »singt«, sondern, so die Behauptung der KĂĽnstlerin, auch eine KI.

(Ich schreibe »singt« in Anführungsstrichen, weil es sich hier – wenn die Behauptung Herndons stimmt – um eine anthropomorphe Metapher handelt. Nichts, was keinen Körper hat, kann singen.)

Zum Produktionsprinzip sagt Herndon im Gespräch mit dem Pop-Kritiker Jan Kedves in der Süddeutschen Zeitung:

Man kann ein digitales neuronales Netz mit Bach-Noten füttern. Es wird aus diesem Material dann das Regelwerk extrahieren und anfangen, neue Fugen im Bach-Stil zu schreiben. Das ist eine billige Möglichkeit, neue Musik zu produzieren in einem Stil, von dem man weiß, dass er Menschen gefallen wird.

Und weiter:

Solche Algorithmen passen sehr gut in die Ă–konomie der Musikindustrie.

Wenn man das ernst nimmt, argumentiert Herndon also nicht, sich hier neuester Instrumente zu bedienen, um eine Ästhetik zu kreieren, die State-of-the-Art ist (was ja ein gängiges Muster wäre in den fortschrittlichen Teilen der Pop-Musik-Produktion), sondern sie erforscht die Technik, die ihr oder zumindest ihren weniger experimentellen Kolleginnen und Kollegen den ökonomischen Boden unter den Füßen wegzuziehen droht.

Ist das präemptive Notwehr? Bei Herndon klingt eher kurzweil’scher Optimismus an:

Eine symbiotische Beziehung zur KI zu entwickeln, ist der natürliche nächste Schritt für uns als Spezies.

Die Weber lernen die Webmaschinen zu lieben, isn’t it romantic?

OK, und wie klingt die Musik, der KI, die im ersten Schritt Herndons Gesang analysiert und im zweiten ähnlich klingende Töne erzeugt hat, bevor diese dann im dritten Schritt von Herndon weiterbearbeitet wurden?

Jan Kedves:

Die Sounds […] lassen sich wohl am ehesten als Röcheln bezeichnen. Oder als panisches Stottern, wie bei einem Kind, dem eine Biene in den Hals geflogen ist.

Was, wie Jan selbst einräumt, eine erzantropomorphe Beschreibung ist. Aber so sind wir Menschen. Solange wir beim Kritikenschreiben noch auf keine KI zurückgreifen können, sondern bloß auf unsere eigene Intelligenz.

Aber immerhin klingt der Text, der auf solch altmodische Art und Weise ensteht, nicht nach Röcheln und Gestotter. Hier geht’s zum ganzen Artikel.