Hallo, Joachim Franz BĂĽchner Band

Na, das klingt doch wie ein guter Anfang. Guter move auch, das Soloalbum mit einem Duett anzukündigen. Solo wie allein war jetzt schließlich lang genug. 

OK, der Typ heiĂźt also Franz Joachim BĂĽchner. Schon mal gesehen bei BĂĽrgermeister der Nacht. Und wer singt da mit? Ist das nicht die eine von dieser tollen, leider verschollenen Band Zucker? Ja, ist sie.

Und der zweite Song, den man schon jetzt vom Joachim-Franz-Büchner-Band-Album hören kann, Plan 9 aus dem Weltall, ist nicht nur eine Verneigung vor dem Trashfilmregisseur Ed Wood, sondern auch vor Trümmerfrauen, dem Theme Song von Zucker. Toll. Apropos: Was machen eigentlich Trümmer?

Ich deute diesen Song als Vorboten nicht nur des kommenden Albums, sondern auch einer Zeit, in der wir endlich wieder auf Konzerte gehen werden. Und zwar auf viele. Oder?

Warum Tic Tac Toe ihrer Zeit voraus waren

Tic Tac Toe konnten nicht wahnsinnig gut rappen. Sie waren erfunden worden von einer Managerin. Und sie kamen in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre »auf den Markt«, als es in Deutschland sehr viele Bands gab, die nicht gut rappen konnten und von Plattenfirmen lanciert worden waren.

Nach allem, was man heute über diese Jahre hört und liest, schwammen die Labels im Geld (es war die goldene Zeit nach der Markteinführung der CD und vor der Erfindung von Napster, das MTVIVA-Zeitalter) und Deutschrap und HipHop-Klamotten waren das neue kommerzielle Ding.

Ein Umstand, der von der Szene reichlich beklagt wurde. Beispielhaft Max Herre damals: »A&Rs seh’n aus wie B-Boys, die Kultur zerschellt am Geld, die mediale Definition von HipHop ist ’ne Farce, wir tun was wir immer taten, nur der Kontext ist im Arsch.«

Dass Tic Tac Toe — keine riesengroßen Skills, noch dazu »fake« — damals von vielen nicht ernst genommen und seitdem weitgehend vergessen wurden, ist also vielleicht gar nicht so überraschend. Trotzdem handelte es sich um eine besondere Band, deren Bedeutung neu bewertet werden muss.

Das zumindest schreibt Valerie Schönian, ein Fan von Tic Tac Toe, in der neuen Ausgabe der ZEIT.

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Tocotronic vs. Christian Kracht

Ich erwarte die groĂźe akademische Studie zu den Parallelen in Leben und Werk von Tocotronic und Christian Kracht (meinetwegen auch noch: im Kontext der deutschen Kulturgeschichte nach 1989).

Weil: Beide wurden 1995 bekannt, Tocotronic mit Digital ist besser, Kracht mit Faserland. Beide wirkten neu und schroff und ungestüm, mit einer Sprache dicht am Mündlichen. Beide schienen Identifikationsangebote zu machen, jedenfalls wurde das dankbar so angenommen. Beide hatten Style! (OK, einen sehr unterschiedlichen. Diese Parallele ist vielleicht die schwächste.)

Ein paar Jahre ging das gut so, sehr gut sogar. Dann: Kehrtwende. Flucht ins Gekünstelte, Verrätselte. »Eines ist doch sicher, eins zu eins ist jetzt vorbei.« (Tocotronic, »Weißes Album«, 2002, bei Kracht vielleicht ein schleichenderer Prozess, der sich rückblickend mit 1979, 2001, andeutete und unübersehbar wurde erst mit Imperium, 2012). Statt vermeintlicher Authentizität jetzt Manierismen. Oder Thomasmannierismen (Pardon!).

Verwirrte, sogar gekränkte Fans der ersten Stunde. Große Fragen: Ist der jetzt Nazi? Sind die jetzt eine Band, die man zum Brunchen hören muss?

Doch die meisten Anhänger*innen, inzwischen zu Geld gekommen (wars das Germanistikstudium? Oder eher das Erbe?), altern mit den Künstlern, rennen weiter zu den Konzerten, kaufen die Bücher, haben Meinungen und inzwischen auch einflussreiche Positionen im Feuilleton. Momente größten Erfolges für beide, Tocotronic wie Kracht.

Jetzt allerdings auch der Moment größter Gefahr. Denn die JĂĽngeren kapieren’s nicht mehr und die Ă„lteren kapierten’s noch nie. Ist das nicht völlig öder Kram, von Mittelschichtjungs fĂĽr Mittelschichtjungs, fĂĽr so dudes halt ohne Ahnung von der real world und von den realen struggles — und ist diese ewige Ironie wirklich eine Haltung, die man heute noch zur Welt einnehmen will oder kann?

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Das Dilemma der Pop-Politik

»Es gibt ein strukturelles Dilemma der Pop-Politik, also der Leute, die politisch und ästhetisch aktiv sind: Es ist das Problem, dass man transgressiv sein und zugleich richtig handeln will. Das kann man aber […] nicht: Denn alles, was normativ bindend fĂĽr einen sein kann, sodass es richtiges Handeln ermöglicht, wäre auch dasjenige, was man transgredieren mĂĽsste.«

– Diedrich Diederichsen in Spex, Nr. 353 (Mai/Juni 2014), 26—34, hier: 28.

Zumal dann ja noch diese Frage im Raum steht – vielleicht hat sich transgressives Handeln als Mittel der (emanzipatorischen) Politik auch ganz erledigt.

Spex, 1988: »The German Issue«

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Im September 1988 veröffentlichte die Popkultur-Zeitschrift Spex ihre »German Issue« mit den jungen Goldenen Zitronen auf dem Cover sowie der Ankündigung: »Deutschland alle Bands komplette Liste 255 deutsche Bands«.

Gehen wir mal davon aus, dass das mit der »kompletten Liste« nicht ganz ernst gemeint war. Genau so wenig wie die Nationalfarben und die Frakturschrift auf dem Cover.

(Bei der Betitelung als »The German Issue« handelt es sich wiederum mutmaßlich um einen Verweis auf diese Ausgabe der Zeitschrift Semiotext(e) aus den USA).

Trotzdem folgt im Heft eine Liste von »A« — »Abwärts« bis »X/Y/Z« — »Yellow Sunshine Explosion« (Kurzbeschreibung: »Dortmunder Garagen-Acid, in ihrer Stadt auf verlorenem Posten«). Insgesamt nimmt die Liste — mit Bezugsadressen und allem — 14 Seiten ein (von 84 Seiten insgesamt).

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Neue Musik: Fatoni feat. Juse Ju, Mauli, Panikpanzer – Zuhause

Die Welt steht still. Die Popwelt auch. Keine Touren, womöglich auch keine Festivals im Sommer. Was soll man da machen, wenn nicht neue Musik? Undno, wow, was in den letzten drei Wochen schon an Songs erschienen ist!

Zuverlässig gute Laune macht mir seit Tagen die Corona EP, die MNEK auf Instagram veröffentlicht hat – und bisher leider nur dort. Zum Beispiel Stay your ass indoors oder Quarantine. (Entdeckt habe ich MNEK in dieser Folge des Podcasts This American Life.)

Noch besser finde ich nur Zuhause von Fatoni feat. Juse Ju, Mauli und Panik Panzer. Es heißt, Musik drücke Gefühle aus, speichere und triggere Erinnerungen. Wenn das stimmt, wird dieser Track mal eine wichtige historische Quelle werden. Das Gefühl, zu Hause zu hocken und langsam durchzudrehen wird hier präzise beobachtet und gewissenhaft archiviert. Quasi The Shining im Corona-Remix. Noch lachen wir.

Das war 2019: Pop-, Literatur-, Konzertmomente

Das Jahr ist in ein paar Stunden zu Ende, fĂĽr fein ausziselierte Listen der besten BĂĽcher, Songs und Zeit Campus-Texte ist keine Zeit mehr, aber hier ein paar Momente, die es sich aus den vergangenen 365 Tagen festzuhalten lohnt.

POP-ĂśBERRASCHUNG 2019:

Der Moment, in dem zum ersten Mal der Refrain von Der Rest meines Lebens (Kummer feat. Max Raabe) einsetzt. Es ist nicht ganz die Helene Fischer feat. Haftbefehl-Collabo, auf die ich seit Jahren warte – aber es ist ziemlich dicht dran.

POP-ENTTĂ„USCHUNG 2019:

Billie Eilish als Headlinerin auf dem MS Dockville. So ein super Song, so ein super Look, so ein super Hype. Und dann steht da diese kleine, verlorene Person auf der viel zu groĂźen BĂĽhne und weiĂź selbst nicht, was sie da soll.

KONZERT-ĂśBERRASCHUNG 2019:

Leoniden auf dem Rathausmarkt. Der Auftritt nach der »Fridays for Future«-Demo. Ich glaube, ich war da der einzige über 20. (Gen Z > Gen Y. Sorry, aber isso.)

LITERATUR-ĂśBERRASCHUNG 2019:

Das wunderbare Leseclubfestival des mairisch Verlags. Gab es je ein inhaltlich überzeugenderes und zugleich ökonomisch hoffnungsloseres Konzept für ein Festival als dieses, bei dem nur Leute zur Lesung eingelassen werden, die das Buch bereits kennen (und davon auch nur ca. zwanzig)?

Ich bin besonders froh, bei Sophie Passmann gelandet zu sein, deren Alte, weiße Männer vielleicht meine Literatur-Enttäuschung 2019 geworden wäre, wenn Passmann den perfiden Masterplan hinter ihrem Buch dort nicht so eloquent erklärt hätte. (Lesen braucht man das trotzdem nicht.)

LITERATUR-ĂśBERRASCHUNG 2019:

Peter Handkes Wunschloses Unglück (1972). Ich war bereit, den Mann zu verachten. Dann las ich zur Abwechslung mal nicht Texte über seinen Serbien-Meltdown und späte Interviews, denen er sich besser entzogen hätte, sondern dieses Buch über Leben und Tod seiner Mutter. Ich bin immer noch kein Fan, aber mein Handke-Bild hat sich dramatisch verkompliziert.

LITERATUR-ÜBERRASCHUNG 2019: (Sorry, hört gleich auf!)

Ida von Katharina Adler und Die bessere Geschichte von Anselm Neft waren die beiden Romane, die ich in diesem Jahr am häufigsten weiterempfohlen und verschenkt habe.

BESTE KONSUM-ENTSCHEIDUNG 2019:

Mehr Klassiker lesen.

BESTE LEBENS-ENTSCHEIDUNG 2018:

In Elternzeit gehen.

Alles andere fällt mir gerade nicht ein oder ist mir hier zu privat. Kommt gut in die 2020er!

Wie faschistisch ist Techno?

Wenn eine junge, linke Philosophin (Iris Dankemeyer) in einem jungen, linken Technoclub (objekt klein a in Dresden) einen Vortrag über Techno hält und ihre Kritik in den Worten gipfelt: »Das ist faschistische Weltanschauung!« … dann passiert gerade etwas Interessantes.

Hier gibt es einen Mitschnitt des Vortrags, den ich sehr empfehle.

Man will beim Anhören natürlich ständig widersprechen, mit so einem empörten »aber, aber, aber …« (das nach dem knapp halbstündigen Vortrag im leider kaum verständlichen Diskussionsteil dieses Mitschnitts vom Publikum dann auch ordnungsgemäß nachgeliefert wird).

Aber wie Dankemeyer genau diesen Widerspruch sucht, sich in ihrer Pop-Kritik nicht in nebulöse Kompliziertheit flĂĽchtet, sondern streng argumentiert, ĂĽberpointiert spricht und ihr Publikum absichtlich ärgert (inkl. Diedrich-Diederichsen-Diss, störrischem Festhalten an der Trennung von E- und U-Musik, der Aussage, sie habe mit Techno eigentlich nix zu tun und sei noch nie richtig im Berghain gewesen …), das ist, wenn diese ästhetische Kritik der politischen Agitation erlaubt ist, wahnsinnig gut performt.