Sonntagmorgens in Harlem

… haben alle ihre besten Klamotten an, die Hipster und die Frommen.

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Eine meiner Lieblingspopsongzeilen stammt aus Harlem, dem – wie mir strenge, popbeflissene Freunde einreden – mit seinen Streichern vielleicht etwas zu kitschig instrumentierten, ansonsten aber ganz fantastischen Song von Bill Withers aus dem Jahr 1971 (man kann ihn hier auf YouTube nachhören).

Bill Withers beschreibt dort das Leben in Harlem zu einer Zeit, als sich noch keine früheren US-Präsidenten mit ihren Büros in dem Stadtviertel niederließen, als es noch nicht mal Starbucks-Filialen gab, dafür herzlose Vermieter, betrügerische Prediger, viel Armut und jeden Sonntagmorgen ein besonderes Spektakel:

Sunday morning here in Harlem
now everybody’s all dressed up
the hip folks are getting home from the party
and the good folks just got up.

Das ist das vielleicht beste Beispiel für Hemingways Eisbergmodell, das ich kenne: Gerade mal 26 Worte, die ein Bild entstehen lassen, das ich nicht mehr vergessen konnte.

26 Worte, die eine ganze Welt entstehen lassen. Man ahnt, welche Konflikte es hier gibt. Zwischen Nachbarn, aber auch in Familien, zwischen den Eltern (good folks), die noch ihrer Südstaaten-Frömmigkeit anhängen und den Kindern (hip folks), die darauf bestehen, dass es in der Großstadt doch gerade nicht darum geht, seine ländlichen Traditionen zu pflegen, sondern ums Sich-neu-erfinden.

Dass man Sonntagmorgens seine besten Kleider trägt, darauf können sie sich immerhin noch einigen.

Aber … es ist eine Popsongzeile. Und man tut in der Regel gut daran, die nicht zu wörtlich zu nehmen. Denn auch im Pop geht es ums Sich-neu-erfinden.

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Tanze, als würde es nicht 500k+ Plays bei YouTube geben …

Alle lieben Lars Eidinger, jetzt noch mehr. Die sensationelle Choreo kommt von Kap Bambino und könnte Spuren von Spike Jonze enthalten.

Der neue Boyfriend von Helene F.

Er könnte das Ende des Patriarchats einläuten. Erstmal ist er schlecht gelaunt

Super faszinierendes Interview mit Thomas Seitel im neuen Zeit Magazin. Thomas wer? Eben. Das ist das Problem. Thomas Seitel ist »der Neue« von Helene Fischer. Und das macht ihn offenbar fertig. Dass er für viele Leute nur »der Neue« ist. »Ich habe einen eigenen Namen«, ist das Interview überschrieben (Hier ist der Link zum Interview, abopflichtig).

Seitel äußert sich dort zu den vielfältigen Ungerechtigkeiten, die ihm durch »die Berichterstattung« widerfahren:

Es werden Lügen verbreitet und Unwahrheiten geschrieben, zum Beispiel, dass ich Tänzer bin. Ich bin kein Tänzer. Ich bin Akrobat, und zwar mit Leidenschaft.

Andere Vorwürfe, die gegen ihn erhoben wurden, sind, dass er ein Stripper gewesen sei (Seitel dementiert das) und dass er ein »Schmarotzer-Verhalten« an den Tag lege (Seitel dementiert das).

Ein paar Gedanken dazu: WeiterlesenDer neue Boyfriend von Helene F.

Panisches Stottern = Pop der Zukunft

Die Musikerin Holly Herndon hat ein Album zusammen mit einer KI produziert

Video: Eternal von Holly Herndons neuem Album Proto

Quite interesting: Die Musikerin Holly Herndon (hier geht’s zu ihrer Website) hat mit Proto (bei 4AD erschienen) ein Album veröffentlicht, auf dem nicht oder nicht nur sie selbst »singt«, sondern, so die Behauptung der Künstlerin, auch eine KI.

(Ich schreibe »singt« in Anführungsstrichen, weil es sich hier – wenn die Behauptung Herndons stimmt – um eine anthropomorphe Metapher handelt. Nichts, was keinen Körper hat, kann singen.)

Zum Produktionsprinzip sagt Herndon im Gespräch mit dem Pop-Kritiker Jan Kedves in der Süddeutschen Zeitung:

Man kann ein digitales neuronales Netz mit Bach-Noten füttern. Es wird aus diesem Material dann das Regelwerk extrahieren und anfangen, neue Fugen im Bach-Stil zu schreiben. Das ist eine billige Möglichkeit, neue Musik zu produzieren in einem Stil, von dem man weiß, dass er Menschen gefallen wird.

Und weiter:

Solche Algorithmen passen sehr gut in die Ökonomie der Musikindustrie.

Wenn man das ernst nimmt, argumentiert Herndon also nicht, sich hier neuester Instrumente zu bedienen, um eine Ästhetik zu kreieren, die State-of-the-Art ist (was ja ein gängiges Muster wäre in den fortschrittlichen Teilen der Pop-Musik-Produktion), sondern sie erforscht die Technik, die ihr oder zumindest ihren weniger experimentellen Kolleginnen und Kollegen den ökonomischen Boden unter den Füßen wegzuziehen droht.

Ist das präemptive Notwehr? Bei Herndon klingt eher kurzweil’scher Optimismus an: WeiterlesenPanisches Stottern = Pop der Zukunft

Street-Art-Sticker in Köln-Ehrenfeld

Entlang der Venloer Straße lebt und gedeiht das Supreme-Meme …

Meine Mutmaßung, das Supreme-Meme könnte das Run-DMC-Meme ablösen, hat sich nicht bewahrheitet.  Das Run-DMC-Meme ist mittlerweile sogar auf Wahlplakaten zu sehen und wird auf der Re:publica diskutiert. Das Supreme-Meme klebt derweil immer noch in dunklen Straßenecken, in denen es nicht selten nach Pipi riecht. Glanz und Elend des subversiven Logodesigns …

Aber immerhin: In keiner Stadt habe ich bisher so viele Remixe, Aneignungen und Verballhornungen des Supreme-Logos auf Stickern gesehen, wie am vergangenen Wochenende in Köln. Oder genauer: Entlang der Venloer Straße in Köln-Ehrenfeld, auf den gut zwei Kilometern zwischen der Ditib-Zentralmoschee und der Kaffeerösterei Schamong.

Im Layout des Logos der Streetwear-Marke klebten da an Straßenschildern, Türrahmen und Mauern die Schriftzüge »Made In«, »#cheatday« und noch eine Handvoll andere, die ich inzwischen wieder vergessen habe. Es dauerte ein bisschen, bis ich die Sticker endlich zu fotografieren begann. Ein paar konnte ich einfangen und präsentiere hier mit dem Stolz des verstädterten Schmetterlingssammlers die Supreme-Logo-Aneignungen von Reth One, Defekt TM, Sikerem und Minha Galera:

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Neo-Nazis und das Run-DMC-Meme

Frage: Warum tragen deutsche Neo-Nazis auf ihren, ähem, »T-Hemden« das Logo der afrikanisch-amerikanischen Rap-Gruppe Run-DMC?

Antwort:

Lorenz Grünewald-Schukalla und Georg Fischer sprachen bei der Re:publica über den aktuellen Stand ihrer Sammlung des Run-DMC-Meme, ein paar Fotos in der Präsentation habe ich beigesteuert.

Meine Notizen zur Vorgeschichte: 1, 2, 3, 4.

Wie toll ist bitte Beatswap?!

Wie toll ist bitte das seltsame neue Netzphänomen Beatswap? Endlich kann man totgenudelte Mainstream-Songs wieder hören – ganz ohne Ohrwurmgefahr. Und die Lyrics klingen auf einmal auch total interessant.

via Merkur