Mehr Kundennähe im Friedhofmanagement

Arlington Cemetary

Abb.: Der Arlington Cemetary bei Washington, D.C. – diese ästhetische Strenge gibt es nur noch auf Soldatenfriedhöfen

Ich mag Friedhöfe. In der Innenstadt kann man sich kaum irgendwo hinsetzen, ohne eine damit verbundene Konsumpflicht zu erfüllen. Der Friedhof hingegen ist ein öffentlicher Raum. Man kann sich dort aufhalten, ohne einem anderen Menschen eine Begründung schuldig zu sein. Solange man noch lebt, ist das sogar kostenlos.

Plus: Man ist an der frischen Luft. Es ist ruhig. Und niemand rempelt einen an, denn alle anderen Menschen dort sind alt und bewegen sich so langsam, dass man ihnen gut ausweichen kann. Friedhöfe sind Orte zum Nachdenken. Oder für Katerspaziergänge. Auch nicht verkehrt: ab und zu an die eigene Sterblichkeit erinnert zu werden.

Der Doktorand Matthias Meitzler erforscht Friedhöfe. Und weil er Soziologe ist, interessiert er sich besonders für den Wandel der Friedhöfe. In der Aprilausgabe von Chrismon (die Zeitschrift, die aus der Zeit fällt) ist ein kurzes Interview mit ihm abgedruckt. Meitzler berichtet dort von

individuellen Gabsteinen in Form einer Rockgitarre oder eines Handys. Oder von Statuen, die das Haustier des Toten zeigen. Manche Grabsteine haben Elemente zum Spielen: Würfel, die man drehen kann, oder einen beweglichen Globus. […] Der Trend ist: Es wird mehr erlaubt als früher.

Siehste mal. Ich habe mich auch schon über die, äh, unkonventionellen Grabsteine mit Fußbällen und Motorrädern auf dem Hamburger Diebsteichfriedhof gewundert.

Warum mehr erlaubt werde, fragt Chrismon-Mitarbeiterin Hanna Lucassen. Und Meitzler antwortet: weil die Friedhöfe heute einer stärkeren Konkurrenzsituation ausgesetzt sind als früher.

Es herrsche zwar noch der Friedhofszwang (der offenbar ein typisch deutsches Gebot ist), die klassischen Friedhöfe bekämen aber Wettbewerbsdruck durch neue Bestattungsmodelle wie den Friedwald oder Ruheforst. Und, ey, man muss konkurrenzfähig bleiben! Auch als Friedhofmanager!

Bisher hatten Friedhöfe was Heterotopes, waren Refugien wider Konsum und Standortmarketing. Das könnte sich gerade ändern. Ich bin gespannt, ob deutsche Gräber bald so hässlich werden wie das von Johnny Ramone.

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