»Frauen sind die großen Verliererinnen der sexuellen Befreiung« 

… mit diesen Worten ist ein Interview mit der Soziologin Eva Illouz in der aktuellen Ausgabe des Philosophie Magazins überschrieben und diese These finde ich, äh, überraschend.

Eva Illouz spricht in dem Interview über die Schattenseiten der »sexuellen Revolution« seit den späten 1960er Jahren, wobei Illouz selbst die Formulierung der »Deregulierung der Sexualität« wählt. Diese »Deregulierung« habe eine Vielzahl (moralischer, religiöser) Vorschriften, die bis dahin das Sexualverhalten reguliert hätten, durch eine einzige ersetzt, nämlich die der Zustimmung.

Heute gelte:

Man darf alles tun, was man will, solange die Person, mit der man es tut, darin einwilligt.

Illouz‘ These weiter: Dadurch, dass jetzt jede mit jedem kann (und jede mit jeder und jeder mit jedem), solange die beiden sich nur über die Konditionen einig werden, ergibt sich wie auf einem Markt das freie Spiel von Angebot und Nachfrage.

Unter Gerechtigkeitsaspekten entsteht daraus kein Problem, solange man davon ausgehen kann, dass die Vertragspartner einander auf Augenhöhe begegnen, dass sie also selbstbestimmt und außerhalb von Abhängigkeitsverhältnissen über den Vertrag und seine Konditionen entscheiden können. Aber das ist natürlich eine Fiktion. Auf dem sexuellen Markt. Und auf jedem anderen Markt auch.

Eva Illouz:

Die Sexualität zu befreien, ohne die wirtschaftliche und politische Macht der Männer anzutasten, bedeutet, Frauen auf einem offenen und deregulierten sexuellen Markt in eine struktuell prekäre Lage zu bringen. […] Die Deregulierung der Sexualität hat Frauen der Währung beraubt, über die sie angesichts der wirtschaftlichen Macht von Männern früher verfügten.

Attraktivität (oder erotisches Kapital) kann als Währung eingesetzt werden für den Zugewinn an Status, Macht oder Geld – Güter, die in unserer Gesellschaft ungleich verteilt sind. Durch die »Deregulierung der Sexualität« hat sich, wenn ich Eva Illouz richtig verstehe, der Wechselkurs verschlechtert.

Sex ist heute erstens tatsächlich käuflich (ohne, dass der männliche Kunde damit irgendeine weitergehende Verpflichtung eingeht), zweitens ist es für Männer leichter geworden, eine Frau gegen eine andere Frau auszuwechseln (was Ungleichheitseffekte verstärkt, immerhin kann man davon ausgehen, dass finanzielles, soziales und kulturelles Kapital im Laufe eines Lebens anwachsen, erotisches Kapital hingegen tendenziell abnimmt).

Wenn das stimmt, muss man Eva Illouz zustimmen: Männer haben von der »Deregulierung der Sexualität« stärker profitiert als Frauen.

Frauen als »Verliererinnen der sexuellen Befreiung« zu bezeichnen, schießt aber über das Ziel hinaus. Immerhin kann man davon ausgehen, dass die medizinisch-technischen Fortschritte und die moralische, die politische und die juristische Liberalisierung in der Folge von 1968 die Position von Frauen objektiv gestärkt hat. Stichwort: Pille. Stichwort: Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs.

Mag schon sein, dass eine Schwangerschaft (um bei diesem Beispiel zu bleiben) vor 1968 bedeutet hat, dass ein Mann seine Frau ein Leben lang finanziell unterstützen musste. In der Logik der Marktmetapher war das ein guter Tausch (auch wenn der Gemahl längst heimlich mit seiner Sekretärin oder Haushälterin schlief).

Aber zugleich konnten Männer Frauen auch gegen deren Willen schwängern und sie so – überspitzt gesprochen – zu der Entscheidung zwischen einem Leben in Leibeigenschaft (die Ehe unter männlicher Vormundschaft) oder als Paria (das Leben mit einem unehelichem Kind) zwingen. Oder zu einer illegalen und medizinisch riskanten Abtreibung. Auch die streng reglementierte Sexualität schwächte die Position der Frauen.

Die Forderung kann also nicht ersthaft sein, die »Deregulierung der Sexualität« wieder zurückzunehmen (auch wenn es politische Kräfte gibt, die das zu fordern scheinen). Unter liberalen Gerechtigkeitsaspekten müsste vielmehr das Spielfeld geebnet werden. Und das bedeutet, die Positionen von Frauen in allen Märkten zu stärken.

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2 Kommentare zu „»Frauen sind die großen Verliererinnen der sexuellen Befreiung« 

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