Supreme Sell-out

Wie aus einer kleinen, radikalen Streetwear-Marke ein millionenschwerer Imagefaktor der Modeindustrie wurde

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Alexander Langer hat in Business Punk eine ziemlich sensationelle Geschichte über den Aufstieg und Sell-out der Streetwear-Marke Supreme geschrieben.

Zentrale These: Supreme, neulich noch ein kleines Label mit Skater-Credibility und Fuck-off-Attitude, wurde zu einer Wirtschaftsmacht, weil dem Label die Kommerzialisierung des Skateboardings in großem Stil gelingt.

Warum ist das relevant? Deshalb:

Das Skateboard ist das einzige überlebende Utensil der Permajugendlichkeit, das letzte verbliebene Verweigerungsgerät. E-Gitarre? Spielt vielleicht noch dein Vater im Hobbykeller. Frisbee? Haha.

Supreme hat sich durch seine radikale Haltung und Ästhetik, seine Stores, sein eigenes Skateteam und seine limitierten Produkte einen internationalen Ruf erarbeitet, den es jetzt verscherbelt. Durch Collaborations mit Marken wie Louis Vuitton, Nike oder Playboy bietet sich die Marke als Glaubwürdigkeitsbeschaffer für große Modefirmen an. Eine Zusammenarbeitet mit Supreme erzeugt zuverlässig Hypes – online und offline.

Unvermeidlich wurde die Marke dadurch jedoch zum Lieblingslabel der rich kids und verspielt damit seine Kernkompetenz: die Radikalität, die Edginess, die Skater-Credibility. Und so sagen heute ein paar verarmte, vernarbte, ultra-kredibile Skater in Langers Artikel stellvertretend für xtausend andere über Supreme: »It’s shit. I hope it dies.« 

Seit Oktober gehört Supreme zu einer am Nasdaq gelisteten Unternehmensgruppe, die auch Rüstungskonzerne im Portfolio hat. Der Wert des Labels wird heute mit einer Milliarde US-Dollar bewertet.

»Something to think about«

A video by Helmut Lang (the artist, not the fashion company). From Commercial Break (2011). Curated by Neville Wakefield. Found at Ubuweb.

Fotobücher des Jahres: State of Nature & andere

25 Fotobücher empfielt LensCulture in dieser Liste zum neuen Jahr.

Für eines davon durfte ich einen Textbeitrag schreiben: State of Nature von Claudius Schulze, ein fotografisches Kompendium der (bisher!) vereitelten Sturmfluten, Erdrutsche und sonstigen Naturkatastrophen in Europa.

Wer jetzt irgendwen vergessen hat, dem er noch dringend nachträglich was Nettes zu Weihnachten kaufen muss: Dieses Buch wäre mein Tipp.

Mehr zum Buch: hier.

Wie Marken sterben

Im Februar wurde bekannt, dass American Apparel (eine Klamottenmarke mit guten Basics, fairen Produktionsbedingungen & einem unsympathischen CEO) auf Beschluss des Insolvenzverwalters fast alle deutschen Filialen schließt.

Inzwischen ist auch der Online-Shop in Deutschland nicht mehr zu erreichen. Stattdessen zeigt die Website – in weißer Schrift auf schwarzem Grund – nur einen kurzen Hinweis in broken German (»Wir danken Ihnen für Ihr Geschäft«, »Bitte kontaktieren Sie die folgende Nummer«).

Offenbar steht die Firma so sehr in der Kreide, dass der Insolvenzverwalter ihr selbst für den letzten Gruß an die Kunden einen professionellen Übersetzer versagte und auf die kostenlosen Dienste von Google Translate verwies.

Eine Nummer zu groß für den Anlass, aber: This is the way brands die … not with a bang but a whimper.

Wie man Männer rettet – vor sich selbst

Zähnezusammenbeißen tötet. Hass auf Schwule schadet auch Heten. Das Militär ist unsere Rettung. Acht Thesen aus Jack Urwins Buch Boys Don’t Cry

Boys Don’t Cry. Identität, Gefühl und Männlichkeit heißt ein aktuelles Buch, das Männer für Gender- und Feminismusthemen gewinnen will. Wirklich neu ist dieses Anliegen nicht, immerhin gibt es bereits seit einigen Jahren Michael Kaufmans Guys‘ Guide to Feminism oder Feminism is for Everybody von bell hooks.

Trotzdem wurde Boys Don’t Cry – anders als die anderen beiden Bücher – in den letzten Wochen gefühlt überall besprochen (in Zeit, Spiegel, FAS, … ). Ich vermute: Mindestens so sehr wie mit seinem Inhalt hat das mit seinem Autoren zu tun. Der heißt Jack Urwin, ist Brite, 25 Jahre alt, hat zuvor für das sich gerne mal »politisch unkorrekt« gebende Vice Magazine und für Plattenfirmen gearbeitet und ist insofern ein eher untypischer Absender für feministische Plädoyers.

Jack Urwin fragt in Boys Don’t Cry, warum Männer (zumindest in seinem Heimatland Großbritannien, die deutschen Fallzahlen fehlen leider in der Übersetzung des Buches) statistisch sehr viel häufiger als Frauen dazu neigen, sich selbst und andere zu gefährden, zu verletzen und zu töten.

Schuld daran sei nicht die Biologie, schreibt der Autor, sondern ein historisch entstandenes Männlichkeitsideal, das Männern (und anderen Menschen) schadet: die »toxische Männlichkeit«.

Im Mai werde ich einen Abend mit Jack Urwin in Hamburg moderieren (den genauen Termin veröffentliche ich noch). Zur Vorbereitung und Einstimmung hier acht Thesen aus Boys Don’t Cry, die ich für bemerkenswert halte.

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Die Dinge Europas: Unser neues Ding erzählt von Sexarbeit in Spanien

Im vergangenen Monat wurde das Anti-Prostitutionsgesetz in Frankreich verschärft. Dort müssen Freier jetzt mit hohen Geldstrafen rechnen, wenn sie den Kontakt zu einer Prostituierten suchen.

In dem spanischen Städtchen La Jonquera warten die Leute nun ab, was das für sie bedeutet. Als 2002 die Prostitution in Frankreich verboten worden war, dauerte es nicht lange, bis in La Jonquera überall halbnackte Frauen an den Straßen standen. So erzählt es die Bürgermeisterin des Ortes, der direkt hinter der französischen Grenze in Spanien liegt. Die Prostitution ist dort nicht verboten und weitgehend unreguliert.

Die Folge ist, dass nicht nur Freier aus dem Ausland kommen, sondern auch viele Frauen aus Mittel- und Osteuropa, die hier anschaffen. Freiwillig? Oder weil Zuhälter sie bringen und sie zur Prostitution zwingen? Die Bürgermeisterin von La Jonquera geht von Letzterem aus.

Sollte die Prostitution also auch in Spanien verboten werden? Nein, sagt die Bürgermeisterin, das würde das Problem nicht lösen, sondern nur verlagern, so wie es das Verbot in Frankreich getan hat. Sie fordert: »Wir brauchen eine europäische Lösung!«

Die ganze Geschichte gibt es auf der Website Die Dinge Europas, die ich gemeinsam mit dem Fotografen Claudius Schulze betreibe. Zusammen suchen wir nach Dingen, die von Europa erzählen. Unser neuestes Fundstück: ein Kondom, das wir bei La Jonquera gefunden haben. Hier entlang, bitte.

Foto: Die Bundesstraße 2 zwischen La Jonquera und Figueres, (c) Claudius Schulze. Dieser Text erschien zuvor mit minimalen Änderungen in unserem Dinge-Europas-Blog.

Heinz Strunk hat die Ankunft des Soylent präzise vorhergesagt

Wie man hört, ernähren sie sich im Silicon Valley jetzt nur noch von Milchshakes (oder so ähnlich). Soylent heißt der Zauberdrink, von dem ich zum ersten Mal in einer Reportage von Alard von Kittlitz in Neon las. Das weißliche Getränk, das aus einem Pulver angerührt wird, enthält angeblich alle überlebensnotwendigen Nährstoffe und kostet fast keine Zeit in der Zubereitung und im Verzehr. Da bleibt mehr Zeit zum Denken.

Vorhergesehen hat diese Entwicklung der große Entertainer, Autor & Universalkünstler Heinz Strunk. In seinem Song Neunmalkluger Naseweis, einer Ode an den archetypischen verhassten Besserwisser, sang er:

Du isst am liebsten Brei und überreifes Obst, denn vor lauter Grübeln kannst Du nicht richtig schlucken.

Das war bereits vor fast zehn Jahren, wie diese Konzertaufnahme aus Hamburg beweist:

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