Corona: The virus vs. the world

[T]he virus is in nearly every country and will surely spread. There is no vaccine. There is no cure. A very rough guess is that, without a campaign of social distancing, between 25% and 80% of a typical population will be infected. Of these, perhaps 4.4% will be seriously sick and a third of those wil need intensive care. For poor places, this implies calamity.

– Economist: The next calamity (26 March 2020)

Warum Paris und New York schrumpfen

Wenn in den vergangenen Jahren von schrumpfenden Städten die Rede war, dann ging es oft um Orte, die von massiver Deindustrialisierung betroffen waren.

Um Detroit, zum Beispiel, eine Stadt, die seit den 1950er-Jahren mit dem Niedergang der örtlichen Automobilindustrie dramatisch an Einwohnern verloren hat. Die Harvard Business Review schrieb 2013: »Detroit is now by most measures the poorest big city in the country.« Einst kamen die Leute in die Stadt, weil es dort Jobs gab. Nun gab es keine Jobs mehr, und sie zogen weg. Oder blieben, wenn ihnen das Geld fehlte, wegzuziehen. (Hier geht es zum Artikel.)

Oder um frĂĽhere Industriezentren in Ostdeutschland, etwa EisenhĂĽttenstadt, das in der jungen DDR als Planstadt aus dem Boden gestampft worden war und mit dem Anschluss an die Marktwirtschaft im selbigen nahezu wieder verschwunden ist:

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Bevölkerungsentwicklung Eisenhüttenstadt, via Wikipedia

OK, ich übertreibe. Aber eine Halbierung der Bevölkerung über wenige Jahrzehnte, mit allen Konsequenzen für kommunale Infrastruktur (Schulen, öffentlicher Nahverkehr), Kulturleben, Einzelhandel  – das ist krass.

Natürlich zeichnete sich ab, dass die Bevölkerungsentwicklung in Westeuropa und den USA insgesamt abnehmen würde, früher oder später also auch andere Städte betroffen wären (siehe dazu das von der Kulturstiftung des Bundes finanzierte Projekt Shrinking Cities).

Aber dem stand relativ lange die breit rezipierte Theorie der »Kreativen Klasse« entgegen. Ihr Erfinder, der Ökonom Richard Florida, argumentierte sinngemäß, dass Städte, solange sie nur attraktiv und hip genug seien, schon genug neue, kreative Bewohner anziehen würden. Und das mit den Jobs würde sich dann schon regeln.

Empirisch hat sich die These nicht bestätigt (siehe dazu zum Beispiel diesen Text von Joel Kotkin). Und tatsächlich schrumpfen gerade zwei der attraktivsten, hippsten Städte der Welt: Paris und New York.

Die Financial Times berichtet:

The number of people living in the Paris departement, or administrative area, dropped by an average of 11,900 people a year between 2011 and 2016, the most recent figures available, according to the national statistics agency. […] It is a sharp contrast with the urban renaissance that has taken place in many of the world’s major cities over the past 20 years, but Paris is not alone. New York City shed a net 39,500 people in 2018 and 37,700 the year before, reversing the previous upward trend.

New York is not quite EisenhĂĽttenstadt, aber die Entwicklung ist bemerkenswert, gerade fĂĽr die auch in Deutschland laufende Debatte um Lebenshaltungskosten und Mietendeckel. Denn der Grund fĂĽr diese Entwicklung liegt offenbar in den explodierenden Miet- und Kaufpreisen, die Familien aus den Städten drängen, so dass Wohnungen vermehrt von wohlhabenden Singles bewohnt werden … oder von Airbnb-Gästen.

Hier geht es zum gesamten Text (den ich auf der Facebookseite von Danilo Scholz entdeckt habe).

P.S.: Der Text in der Financial Times beginnt mit einer jungen Pariserin, die öffentlich erklärte, warum sie mit der Stadt Schluss macht – und damit einen Nerv getroffen hat. Den passenden Song für New York gibt es natürlich auch schon längst, von dem wunderbaren James Murphy a.k.a. LCD Soundsystem:

Die Vernunft der Vortagsredner

Ist Greta Thunbergs Reise mit einem Segelboot ĂĽber den Atlantik Unsinn, wie manche Leute gerade sehr energisch behaupten?

Nicht unsinniger als das, was sonst Alltag ist, schreibt Peter Unfried in der taz:

Indirekt bringt die Reise zutage, was wir für Vernunft halten. Etwa: Ergibt es Sinn, für einen 20-­Minuten-Vortrag irgendwohin zu fliegen? Selten. Die meisten fliegen dennoch. Man weiß ja nie. Niemals würde man für einen sinnlosen Vortrag zwei Wochen lang segeln. Also redet man sich ein, dass es vernünftig ist, sinnlos zu fliegen. Das sind wir.

Den ganzen Text gibt es hier (kostenlos).

»Frauen sind die groĂźen Verliererinnen der sexuellen Befreiung« 

… mit diesen Worten ist ein Interview mit der Soziologin Eva Illouz in der aktuellen Ausgabe des Philosophie Magazins überschrieben und diese These finde ich, äh, überraschend.

Eva Illouz spricht in dem Interview über die Schattenseiten der »sexuellen Revolution« seit den späten 1960er Jahren, wobei Illouz selbst die Formulierung der »Deregulierung der Sexualität« wählt. Diese »Deregulierung« habe eine Vielzahl (moralischer, religiöser) Vorschriften, die bis dahin das Sexualverhalten reguliert hätten, durch eine einzige ersetzt, nämlich die der Zustimmung.

Heute gelte:

Man darf alles tun, was man will, solange die Person, mit der man es tut, darin einwilligt.

Illouz‘ These weiter: Dadurch, dass jetzt jede mit jedem kann (und jede mit jeder und jeder mit jedem), solange die beiden sich nur ĂĽber die Konditionen einig werden, ergibt sich wie auf einem Markt das freie Spiel von Angebot und Nachfrage.

Unter Gerechtigkeitsaspekten entsteht daraus kein Problem, solange man davon ausgehen kann, dass die Vertragspartner einander auf Augenhöhe begegnen, dass sie also selbstbestimmt und außerhalb von Abhängigkeitsverhältnissen über den Vertrag und seine Konditionen entscheiden können. Aber das ist natürlich eine Fiktion. Auf dem sexuellen Markt. Und auf jedem anderen Markt auch.

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