Gegen Blümchensex

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Viel Aufhebens wird gerade um die Idee gemacht, man könne – nein, müsse! – Tiere, Pflanzen und andere Teile der Natur zu ihrem Recht kommen lassen. Zum Beispiel, indem man ihnen einklagbare Rechte zuspricht oder ihnen parlamentarische Vertretung verschafft.

Diese Ideen sind faszinierend, weil sie das Unwahrscheinliche vorschlagen und so völlig spekulativ sind. Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass sie eher in den Sphären des Theaters, der Kunst und Kultur zirkulieren, als in jenen des Rechts und der praktischen Politik (das ist zumindest mein Eindruck).

»Solidarität ist die Zärtlichkeit der Spezies«, ist etwa in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift für Architektur und Urbanistik, Arch+, zu lesen (Nr. 247, »Cohabitation«). Damit ist dem Projekt sein zu erwartendes Scheitern schon eingeschrieben, denn der Spruch, der hier zititiert wird – Ché Guevaras »Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker« – endete für seinen Urheber nicht gut.

Die Idee der »Cohabitation«, also das gleichberechtigte Zusammenleben von Mensch und Tier, ist vermutlich auch nur so lange reizvoll, wie man keine Ratten in der Wohnung hat. Oder wenigstens Silberfische. Spätestens dann wird die Zärtlichkeit enden und die menschlichen Interessen werden sich handfest durchsetzen.

Teilweise verbirgt sich hinter der behaupteten Achtung tierischer oder pflanzlicher Bedürfnisse auch nur eine neue Übergriffigkeit des Menschen. Beispielhaft nachzulesen ist das in der Sonderausgabe »Kunst und Natur« (Nr. 2/2022) der Zeitschrift Weltkunst.

Der Kritiker Tim Ackermann schreibt dort über den Künstler Zheng Bo und dessen Videoarbeit Pteridophilia (2016):

In diesem Videofilm sieht man nackte queere junge Männer, die im taiwanesischen Urwald sexuelle Erfahrungen mit Farnen machen. Sie liebkosen die Gewächse, umarmen sie und reiben sich an ihnen oder lutschen an ihren Blättern. […] Zweifellos hat Zheng Bo recht: Wir können den Pflanzen nur näherkommen, wenn wir sie und ihre Bedürfnisse nicht mehr marginalisieren.

Was ein bemerkenswerter Gedankensprung ist: Denn woher kommt die Idee, dass es das Bedürfnis von Farnen wäre, von nackten Männern – queer or otherwise – liebkost, umarmt oder abgelutscht zu werden?

Naheliegender scheint mir, vom Gegenteil auszugehen. Dass Pflanzen überhaupt ein Bedürfnis nach einer Sexualität im Sinne menschlicher Interaktionen haben, ist doch eine anthropomorphisierende Unterstellung. Aber selbst wenn dem nicht so wäre, gilt das Gebot der Zustimmung (»consent«), das die Soziologin Eva Illouz als letztes Tabu der Sexualmoral ausmachte.

Folgt man Illouz, ist Sex mit Tieren deshalb moralisch verboten, weil diese nicht zustimmen können. Pflanzen können ebenfalls nicht zustimmen. Ihnen Rechte zuzusprechen hieße demnach auch, ihren sexuellen Missbrauch zu unterbinden, statt ihn noch zu feiern.

Die behauptete Befreiung schlägt hier in ihr Gegenteil um. Eine tragische und nicht ganz neue Erfahrung. Beruhigend, dass es dieses Mal nur um Gemüse geht. Oder, Pardon, um Farne.

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