Besser als ausgedacht (1): Future Sex von Emily Witt

War jemals ein Buch mit einem so schlimmen Titel / Unterzeile / Cover so toll wie Future Sex von Emily Witt? Mir fällt keins ein.

In dieser Mischung aus Reportage und Memoir, die vielleicht nur Amerikanerinnen und Amerikanern gelingt, erzählt Emily Witt aus ihrem Leben als leicht neurotischer Ü30-New-Yorkerin, die nach einer gescheiterten Beziehung und aus Angst vor der sexuellen Unvermittelbarkeit dorthin flieht, wo bisher noch jede/r eine zweite Chance bekommen hat: an die Westcoast.

Es folgt ein Leben und Forschen und Schreiben zwischen Start-Up-Yuppies, Althippies und Polyamoristen, mit OkCupid, Fortschrittsglauben und Feminismus für Besserverdienende, mit sehr gutem Gras und sehr hohen Mieten und Minimalismus als Lifestyle, mit „consent“ als letztem moralischen Gebot (c.f. Eva Illouz), mit Burning Man, Paleo-Superfood, Orgasmischer Meditation und mit Google-Bussen, die einen kostenlos zur Arbeit fahren.

Mark Greif, einer der Gründer der Zeitschrift n+1, schreibt, Future Sex sei „mit Abstand das beste Buch über weibliche Sexualität dieses Jahrhunderts.“ Mag sein. Es ist zumindest besser als Nora Bossongs ähnlich angelegtes Buch Rotlicht. Trotzdem halte ich Greifs Einschätzung für eine Untertreibung.

Man lernt hier einiges über die sexuellen Demütigungen des Frauseins (Stichwort: Spiralen mit zu kurz geschnittenen Rückholfäden, Stichwort: Männer), aber dieses Buch auf seine wenigen Momente amyschumerhafter Freizügigkeit zu reduzieren, täte ihm Unrecht.

Ich glaube, Emily Witt interessiert sich gar nicht so für das spezifisch Körperliche am Sex, eher für alles andere (Geschlecht, Macht, Umgangsformen, Ideologie, Technik,…). Deshalb ist „Future Sex“ nicht nur ein Buch über Sexualität, sondern auch eines über die Zeit, in der wir leben, oder konkreter: über Kalifornien. Und Kalifornien betrifft uns nun wirklich alle (tippte er auf seinem Mac in ein WordPress-Interface).

Wer etwas über die Gegenwart erfahren will, soll bitte dieses Buch lesen. Trotz des Titels. Trotz der Unterzeile. Trotz des Coverdesigns. (Was hilft: Das E-Book kaufen. Oder ein Buchumschlag aus Packpapier.)

Ich lese gerne „non-fiction“, vor allem, wenn sie gut erzählt ist: Sachbücher, Reportagen, Autobiografisches, Essays (im amerikanischen Sinne des Wortes). Immer dann, wenn ein Erzähler auf die Wirklichkeit trifft, wird es für mich interessant. In diesem Blog stelle ich ab sofort in der Reihe „Besser als ausgedacht“ Bücher dieser Gattung vor, die mir in die Hände gefallen sind – und die mir gut gefallen.

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2 Kommentare zu „Besser als ausgedacht (1): Future Sex von Emily Witt

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