»Frauen sind die großen Verliererinnen der sexuellen Befreiung« 

… mit diesen Worten ist ein Interview mit der Soziologin Eva Illouz in der aktuellen Ausgabe des Philosophie Magazins überschrieben und diese These finde ich, äh, überraschend.

Eva Illouz spricht in dem Interview über die Schattenseiten der »sexuellen Revolution« seit den späten 1960er Jahren, wobei Illouz selbst die Formulierung der »Deregulierung der Sexualität« wählt. Diese »Deregulierung« habe eine Vielzahl (moralischer, religiöser) Vorschriften, die bis dahin das Sexualverhalten reguliert hätten, durch eine einzige ersetzt, nämlich die der Zustimmung.

Heute gelte:

Man darf alles tun, was man will, solange die Person, mit der man es tut, darin einwilligt.

Illouz‘ These weiter: Dadurch, dass jetzt jede mit jedem kann (und jede mit jeder und jeder mit jedem), solange die beiden sich nur über die Konditionen einig werden, ergibt sich wie auf einem Markt das freie Spiel von Angebot und Nachfrage.

Unter Gerechtigkeitsaspekten entsteht daraus kein Problem, solange man davon ausgehen kann, dass die Vertragspartner einander auf Augenhöhe begegnen, dass sie also selbstbestimmt und außerhalb von Abhängigkeitsverhältnissen über den Vertrag und seine Konditionen entscheiden können. Aber das ist natürlich eine Fiktion. Auf dem sexuellen Markt. Und auf jedem anderen Markt auch.

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Hey, Studenten!

Eric Hobsbawm hat mir den Unterschied zwischen linker Politik und studentischem Aktivismus erklärt. […] Jedenfalls erschien er im Herbst 1968 am College, um eine politische Rede zu halten, in der er (in Abwandlung von Marx‘ elfter Feuerbach-These) die rebellierende Jugend ermahnte: Manchmal kommt es nicht darauf an, die Welt zu verändern, sondern darauf, sie zu verstehen.

– Tony Judt im Gesprächsband Nachdenken über das 20. Jahrhundert, der am kommenden Montag in deutscher Übersetzung bei Hanser erscheint. Mehr dazu demnächst in diesem Blog.

Antiimperialismus 1968/2012 – zur Kontroverse um Judith Butlers Aussagen zu Hamas und Hisbollah [aktualisiert]

Abb.: Judith Butler bei einer Diskussion in Berlin, kurz bevor sie einen Preis des Christopher Street Day 2010 ablehnte (CC-Foto: Susanne Christensen/flickr)

Ist noch etwas zu den Vorwürfen gegen Judith Butler zu sagen, bevor wir den Fall unter der Rubrik »Auch kluge Leute sagen manchmal dumme Sachen« zu den Akten legen?

Ja: Sie hat offenbar nicht genug von Jürgen Habermas gelesen. (Ätsch!)

Der schrieb schon 1969 über die »militanten Studenten« und ihren unterkomplexen Antiimperialismus:

Sie fingieren eine welthistorische Einheit des Widerstands gegen den Kapitalismus, der von den Guerillakämpfen in Südamerika und Asien über die Negerrevolten in den nordamerikanischen Städten und die Kulturrevolution in China bis zum Widerstand in den »Metropolen« reichen soll. […] Die durch Diffusion zu erklärende Übereinstimmung der Parolen und Techniken täuscht darüber hinweg, daß die Studentenrevolten hier und dort so gut wie nichts miteinander zu tun haben.

Dass Hamas und Hisbollah damals noch nicht in die »welthistorische Einheit« eingemeindet wurden, liegt übrigens daran, dass beide Gruppen erst in den 1980er-Jahren gegründet wurden und somit für Theorien einer globale Linken noch nicht zur Verfügung standen.

An dem Interesse seitens der Studenten hätte es womöglich nicht gemangelt: Einige von ihnen empfanden die Gegner Israels durchaus als ihre Verbündeten und störten 1968 einen Vortrag des israelischen Botschafters in Frankfurt mit dem Ruf: »Ha, Ha, Ha – Al-Fatah ist da.«

[Nachtrag, 7. September 2012] Die Debatte um Judith Butlers Äußerungen reißt nicht ab – kaum ein Tag, an dem der Perlentaucher nicht neue Stellungnahmen anspült. Befremdlich finde ich, dass kaum jemand darüber diskutiert, ob Butlers Theorien es verdienen, mit dem Adorno-Preis ausgezeichnet zu werden. Stattdessen geht es immer nur um ihre Äußerungen zu Hamas und Hisbollah, ihr Verhältnis zu Israel oder ihr persönliches Judentum.

All das ist nicht zentral für ihr Werk, aber was soll’s, man kann sich schön darüber aufregen und muss nicht ein einziges Buch gelesen haben um mitreden zu können. Immerhin: Ab und zu wird dazu auch Lesenswertes geschrieben. Aufgefallen ist mir der scharfsinnige und erfrischend klar formulierte Kommentar von Detlev Claussen:

Butlers Behauptung, Hizbollah und Hamas seien Teil einer »globalen Linken«, ist weder antisemitisch noch selbsthasserisch, sondern realitätsunabhängig und voll dumm. Eine »globale Linke« gibt es ebenso wenig wie die Weisen von Zion. Das wird nicht dadurch besser, dass es weltweit einen Haufen von dummen Linken gibt, die nicht erkennen können, dass islamistischer Fundamentalismus und Linke eine contradictio in adiecto ist. Antiimperialismus dagegen ist kein linkes Alleinstellungsmerkmal; auch die Nazis sahen sich als Antiimperialisten.

… zu ergänzen wäre höchstens noch, dass auch die heutige Rechte am Antiimperialismus festhält, was ihn einmal mehr als verlässliches Erkennungszeichen einer wie auch immer gearteten Linken delegitimiert.

[Nachtrag, 8. September 2012] Über einen Facebook-Freund, der diese (Achtung: antiimperialistische!) Website verlinkte, habe ich von der Resolution HR 35 erfahren, die wenige Wochen vor Beginn der Butler-Kontroverse in Deutschland in der California State Assemby verabschiedet wurde. Die Resolution fordert Mitarbeiter von kalifornischen Universitäten (wie jener University of California, Berkeley, an der Judith Butler lehrt) auf, »to increase their efforts to swiftly and unequivocally condemn acts of anti-Semitism on their campuses«.

Für Aufregung sorgt dabei, dass der Text der Resolution (hier in Gänze online) die in Amerika verbotene »hate speech« gegenüber jüdischen Studenten (also etwa »physical aggression, harassment, and intimidation«, wobei »physical aggression« ja ohnehin rechtlich geahndet wird) vermengt mit Formen von Kritik des Staates Israel, die vielleicht geschmacklos, aber dennoch vom amerikanischen Ersten Verfassungszusatz gedeckt sind (etwa zu behaupten »that Israel is a racist, apartheid, or Nazi state, that Israel is guilty of heinous crimes against humanity such as ethnic cleansing and genocide, […] and that Jews in America wield excessive power over American foreign policy«).

Es bleibt abzuwarten, welche Folgen die Verabschiedung dieser wohl in erster Linie symbolischen Resolution haben wird. Verschwindet jetzt zum Beispiel das vielfach verkaufte und kontrovers diskutierte (und unter anderem hier mit den Mitteln des gepflegten Diskurses in Stücke gerissene) Buch »The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy« aus den Bibliotheken der University of California? Dagegen werden sich die Universitäten wohl zu wehren wissen, zumal jene, an der einst das Free Speech Movement begann. Oder ist die Resolution bald vergessen, wenn das Wahljahr 2012 sich dem Ende neigt? Das scheint mir wohl realistischer zu sein.

Nazi-Vergleiche, 1968: Schriftsteller Gore Vidal und Publizist William F. Buckley vergessen ihre guten Manieren — vor laufender Kamera.

Aus aktuellem Anlass, (erstens, zweitens) ein Exkurs zur Geschichte des Nazi-Vergleichs in den USA: Einer der bekannteren Zwischenfälle dieser Art betrifft den Schriftsteller Gore Vidal und den konservativen Publizisten William F. Buckley. Während der Parteitage im Präsidentschaftswahlkampf 1968 lud der Fernsehsender ABC Vidal und Buckley (im Video zu sehen mit seinem Finger am Ohr) zu einer Reihe gemeinsamer Interviews ein. In einem dieser Gespräche ging es auch um die Legitimität der Proteste, die im Umfeld des Parteitags der Demokraten in Chicago gegen den Krieg in Vietnam stattfanden.

Der Moderator des Gesprächs, Howard K. Smith, hatte offenbar einen Einspieler gezeigt, in dem Demonstranten eine Fahne der kommunistischen Vietcong hissten (Vidal bestritt später, dass die Flagge zu sehen war, ich kenne den Einspieler leider nicht). Dies veranlasste Smith zu der Frage, ob dieser Akt nicht damit vergleichbar sei, eine Nazi-Fahne während des zweiten Weltkriegs zu hissen. Was folgte, ist ein Dialog, der im oben gezeigten Schlagabtausch gipfelt, in dem Vidal Buckley als „pro- oder Krypto-Nazi“ bezeichnet und Buckley Vidal als „Schwulen“, den er in sein „gottverdammtes Gesicht“ zu schlagen gedenke, sollten die Nazi-Vorwürfe nicht enden. (Man bedenke: das war prä-Nippelgate, als Fernsehsendungen noch live ausgestrahlt wurden.)

Doch damit nicht genug: obwohl sich Vidal und Buckley nicht mehr gemeinsam vor eine Kamera stellten, setzten beide ihren Streit publizistisch fort. Buckley veröffentlichte ein Essay namens „On Experiencing Gore Vidal“, für den er sogar erstmals Vidals Roman „Myra Breckinridge“ las, den er zuvor ungelesen als Pornografie verunglimpft hatte. Vidal verfasste ebenfalls einen längeren Text namens „A Distasteful Encounter with William F. Buckley“, woraufhin Buckley Vidal wegen übler Nachrede verklagte (es kam zu einer außergerichtlichen Einigung). Der Grund: Vidal hatte in seinem Text zwar zunächst geschrieben, dass er Buckley eigentlich als „faschistisch gesonnen“ und nicht als „pro- oder Krypto-Nazi“ zu beschimpfen gedacht hätte. Dennoch setzte er im folgenden Text die NS-Vergleiche fort, nannte Buckleys Rhetorik „Goebbels pur“ und beschrieb sein Auftreten im obigen Video als „im Aussehen und Klang Hitler nicht unähnlich, allerdings ohne dessen Charme“.

Versöhnt haben sich die beiden nicht mehr. Nach Buckleys Tod im vergangenen Jahr schrieb Vidal: „Ruhe in Frieden, William F. Buckley — in der Hölle.“ Ähnlich sieht das übrigens auch Noam Chomsky, in dessen TV-Duell mit Buckley über eine Vietnam-Diskussion ebenfalls Androhungen von Faustschlägen ausgetauscht worden waren.

(Einen längeren Clip ihres Gesprächs gibt es hier.)