Eine Studie zeigt die Geschichte pĂ€dosexueller Gruppen seit 1970

Die Soziologin Eva Illouz sagte mal, statt von einer »sexuellen Revolution« in der Zeit um 1968 solle man lieber von einer »Deregulierung der SexualitÀt« sprechen. Diese habe viele moralische und religiöse Vorschriften durch eine einzige ersetzt, nÀmlich die der Zustimmung:

»Man darf alles tun, was man will, solange die Person, mit der man es tut, darin einwilligt.«

Das ist nicht nur eine Befreiung des Sexuellen, es kann auch eine Befreiung vom Sexuellen bedeuten. Die Schriftstellerin Virginie Despentes (*1969) schreibt in ihrem Buch King Kong Theorie:

»Die Frauen meines Alters sind die ersten, die ein Leben ohne Sex fĂŒhren können, ohne ĂŒber das Spielfeld â€șKlosterâ€č zu gehen. Die Zwangsehe ist heute schockierend. Die â€șeheliche Pflichtâ€č ist keine SelbstverstĂ€ndlichkeit mehr.«

Aber die Deregulierung der SexualitĂ€t brachte auch neue Konflikte mit sich. Etwa die Frage, was als Zustimmung gilt. Und auch, wer ĂŒberhaupt zustimmungsfĂ€hig ist.

Vergangene Woche veröffentlichte die vom Bundestag gegrĂŒndete Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs eine Studie ĂŒber pĂ€dosexuelle Netzwerke. Ihre Autor*innen Iris Hax und Sven Reiß beleuchten das SelbstverstĂ€ndnis von pĂ€dosexuellen Gruppen in Westberlin (und zum Teil auch in der BRD), ihre Organisationsformen und ihre Geschichte. Grundlage dafĂŒr sind vor allem Dokumente, die diese Gruppen selbst veröffentlicht haben.

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Queer wie King Kong

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King Kong hat keinen Penis und keine Hoden. Wer hat’s gemerkt? Virginie Despentes. In King Kong Theorie, einem Essay, der im französischen Original bereits 2006 veröffentlicht wurde und neulich bei Kiepenheuer & Witsch in neuer deutscher Übersetzung erschienen ist, unterzieht die Regisseurin (Baise-moi) und Schriftstellerin (Vernon Subutex) das King Kong-Remake von Peter Jackson einem »queer reading«.

Demnach raubt dort kein mĂ€nnlicher Affe die weiße Frau (mit allen rassistischen Assoziationen, die das eröffnet), sondern: Die Frau sucht die Sicherheit bei der Äffin (Depentes nutzt fĂŒr King Kong das Pronomen »sie«), um eine zĂ€rtliche, asexuelle Beziehung zu beginnen, auf einer polymorph-perversen SĂŒdseeinsel, zwischen Tentakeln mit bezahnten Vaginen. Klar, dass die MĂ€nner die Frau zurĂŒckerobern und King Kong töten. So wird die alte Ordnung wiederhergestellt, in der MĂ€nner herrschen und die WĂŒnsche der Frauen nachrangig sind.

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Besser als ausgedacht (1): Future Sex von Emily Witt

War jemals ein Buch mit einem so schlimmen Titel / Unterzeile / Cover so toll wie Future Sex von Emily Witt? Mir fÀllt keins ein.

In dieser Mischung aus Reportage und Memoir, die vielleicht nur Amerikanerinnen und Amerikanern gelingt, erzĂ€hlt Emily Witt aus ihrem Leben als leicht neurotischer Ü30-New-Yorkerin, die nach einer gescheiterten Beziehung und aus Angst vor der sexuellen Unvermittelbarkeit dorthin flieht, wo bisher noch jede/r eine zweite Chance bekommen hat: an die Westcoast.

Es folgt ein Leben und Forschen und Schreiben zwischen Start-Up-Yuppies, Althippies und Polyamoristen, mit OkCupid, Fortschrittsglauben und Feminismus fĂŒr Besserverdienende, mit sehr gutem Gras und sehr hohen Mieten und Minimalismus als Lifestyle, mit „consent“ als letztem moralischen Gebot (c.f. Eva Illouz), mit Burning Man, Paleo-Superfood, Orgasmischer Meditation und mit Google-Bussen, die einen kostenlos zur Arbeit fahren.

Mark Greif, einer der GrĂŒnder der Zeitschrift n+1, schreibt, Future Sex sei „mit Abstand das beste Buch ĂŒber weibliche SexualitĂ€t dieses Jahrhunderts.“ Mag sein. Es ist zumindest besser als Nora Bossongs Ă€hnlich angelegtes Buch Rotlicht. Trotzdem halte ich Greifs EinschĂ€tzung fĂŒr eine Untertreibung.

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MĂ€nner, Frauen, alles ist verknotet

Dilemma der MĂ€nnlichkeit:

[W]as der Sozialpsychologe Rolf Pohl »MĂ€nnlichkeitsdilemma« nennt: Jungs sollen selbstsicher und unabhĂ€ngig sein, das starke Geschlecht. Gleichzeitig sind sie nicht nur erst einmal rundum abhĂ€ngig von einer Mutter, sondern spĂ€ter auch von der Gunst der MĂ€dchen, um die ihre tiefsten WĂŒnsche kreisen und an denen die BestĂ€tigung ihrer MĂ€nnlichkeit hĂ€ngt. Entsprechend hechelten viele von uns mit wachsender BedĂŒrftigkeit den MĂ€dchen hinterher, taten aber so, als sei das alles nur Schnickschnack.

– Anselm Neft: Grausame Geilheit, Zeit Online, 25. MĂ€rz 2018 (Link)

Dilemma des Feminismus:

Der Feminismus ist mit einer zentralen Schwierigkeit konfrontiert: Die Beziehung zwischen MĂ€nnern und Frauen ist sehr viel verwickelter als zum Beispiel zwischen Schwarzen und Weißen. Die Machtbeziehung ist schwerer zu fassen, weil sie sich mit einer affektiven und sexuellen Beziehung verbindet. MĂ€nner sind von denen, ĂŒber die sie Macht ausĂŒben, zugleich abhĂ€ngig. Und sie haben MĂŒtter, Frauen, Schwestern, Töchter, die meist nicht imstande sind, ihre Söhne, MĂ€nner, BrĂŒder, VĂ€ter als Ausbeuter zu sehen. Frauen tragen aktiv zu der Herrschaft bei, der sie unterliegen.

– Eva Illouz im GesprĂ€ch mit Martin Legros, Philosophie Magazin, Mai 2018, S. 22

 

»Frauen sind die großen Verliererinnen der sexuellen Befreiung« 


 mit diesen Worten ist ein Interview mit der Soziologin Eva Illouz in der aktuellen Ausgabe des Philosophie Magazins ĂŒberschrieben und diese These finde ich, Ă€h, ĂŒberraschend.

Eva Illouz spricht in dem Interview ĂŒber die Schattenseiten der »sexuellen Revolution« seit den spĂ€ten 1960er Jahren, wobei Illouz selbst die Formulierung der »Deregulierung der SexualitĂ€t« wĂ€hlt. Diese »Deregulierung« habe eine Vielzahl (moralischer, religiöser) Vorschriften, die bis dahin das Sexualverhalten reguliert hĂ€tten, durch eine einzige ersetzt, nĂ€mlich die der Zustimmung.

Heute gelte:

Man darf alles tun, was man will, solange die Person, mit der man es tut, darin einwilligt.

Illouz‘ These weiter: Dadurch, dass jetzt jede mit jedem kann (und jede mit jeder und jeder mit jedem), solange die beiden sich nur ĂŒber die Konditionen einig werden, ergibt sich wie auf einem Markt das freie Spiel von Angebot und Nachfrage.

Unter Gerechtigkeitsaspekten entsteht daraus kein Problem, solange man davon ausgehen kann, dass die Vertragspartner einander auf Augenhöhe begegnen, dass sie also selbstbestimmt und außerhalb von AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnissen ĂŒber den Vertrag und seine Konditionen entscheiden können. Aber das ist natĂŒrlich eine Fiktion. Auf dem sexuellen Markt. Und auf jedem anderen Markt auch.

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Liebe, Arbeit und Soziologie: Zwei Interviews mit Eva Illouz und Ulrich Bröckling in der neuen Zeit Campus (Nr. 4/2012)

In der neuen Ausgabe von Zeit Campus (Juli/August 2012) finden sich zwei Interviews, die ich mit den Soziologen Eva Illouz und Ulrich Bröckling gefĂŒhrt habe. Es geht um den Wandel der Liebe (das Ende der Romantik, die Unschuld der Pornografie, … ). Und um den Wandel der Arbeitswelt (das Ende der Ordnung, die Schuld der KreativitĂ€t, … ). Mit Eva Illouz sprach ich auch ĂŒber diesen Cartoon. Ab 12. Juni 2012 am Kiosk.

[Update 13. August 2012]: Das Interview mit Eva Illouz ist ab sofort online zu lesen.