Who the fuck is Henry Miller?

… und die Betonung liegt hierbei selbstverständlich auf »fuck«.

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Meine Nachbarn stoßen ihre Henry-Miller-Sammlung ab. Deutschsprachige Erstausgaben aus den 1960er- und 1970er-Jahren liegen draußen vor der Tür auf dem Stromkasten und warten auf den nächsten Hamburger Regen. Keiner greift zu. Es ist ziemlich bitter.

Denn jahrelang waren diese Bücher der ganz heiße Scheiß im Untergrund, ihr Verkauf in Deutschland verboten, weil: subversiver Schmuddelkram.

Die Helden in den Romanen von Henry Miller (1891—1980) leben in den Tag hinein, kein Gott, kein Staat, kein Mietvertrag, haben mal kein Geld und bringen es ein andernmal mit Huren und Champagner durch. Die Ich-Erzähler (es war durchaus in Millers Sinne, wenn Leserinnen und Leser sie mit ihm, dem Autoren, verwechselten) vögeln sich vergnügt quer durch New York und Paris. Viel Plot oder Charaktertiefe gibt’s da nicht, dafür umso mehr unstetes, anti-bürgerliches Leben und eine Sprache, die sich um Anstand und Tabus nicht schert:

O Tania, wo ist jetzt deine warme Möse, diese dicken, schweren Strumpfbänder, diese weichen, üppigen Schenkel? In meinem Pint ist ein sechs Zoll langer Knochen. Ich will jede Falte in deiner Möse aushobeln, samenträchtige Tania. […] Nach mir kannst du Hengste nehmen, Bullen, Widder, Drachen oder Bernhadinerhunde.

(Aus Wendekreis des Krebses. Fun fact: Tania ist bereits vergeben.)

Oder weniger genital-fixiert:

Sie war Kind, Jungfrau, Engel, Verführerin, Priesterin, Hure, Prophetin in einem.

(Aus Der Koloß von Maroussi. Fun fact: Miller schreibt hier von einem, wie er selbst sagt, vielleicht zehn Jahre alten Mädchen.)

Der Prominenz ihres Autoren schadete das Verbot seiner Bücher jedenfalls nicht, ganz im Gegenteil. Jörg Fauser las Miller, George Orwell lobte Miller, John Burnside schwärmte für Miller und einige Kritiker bezeichneten ihn als Ziehvater der Beat Generation.

Er sei »Amerikas berühmtester lebender Schriftsteller«, urteilte gar Der Spiegel im Jahr 1964 (hier geht’s zur PDF des entsprechenden Artikels), da war Wendekreis des Krebses gerade erstmals legal in die deutschen Buchhandlungen gekommen. Der Roman wurde ausgeliefert mit einem Kärtchen, auf dem der Käufer unterzeichnen sollte, dass er selbst volljährig sei und das Buch keineswegs an Minderjährige weitergeben werde.

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Queer wie King Kong

Über King Kong Theorie, einen Essay von Virginie Despentes

King Kong hat keinen Penis und keine Hoden. Wer hat’s gemerkt? Virginie Despentes. In King Kong Theorie, einem Essay, der im französischen Original bereits 2006 veröffentlicht wurde und neulich bei Kiepenheuer & Witsch in neuer deutscher Übersetzung erschienen ist, unterzieht die Regisseurin (Baise-moi) und Schriftstellerin (Vernon Subutex) das King Kong-Remake von Peter Jackson einem »queer reading«.

Demnach raubt dort kein männlicher Affe die weiße Frau (mit allen rassistischen Assoziationen, die das eröffnet), sondern: Die Frau sucht die Sicherheit bei der Äffin (Depentes nutzt für King Kong das Pronomen »sie«), um eine zärtliche, asexuelle Beziehung zu beginnen, auf einer polymorph-perversen Südseeinsel, zwischen Tentakeln mit bezahnten Vaginen. Klar, dass die Männer die Frau zurückerobern und King Kong töten. So wird die alte Ordnung wiederhergestellt, in der Männer herrschen und die Wünsche der Frauen nachrangig sind.

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»Frauen sind die großen Verliererinnen der sexuellen Befreiung« 

… mit diesen Worten ist ein Interview mit der Soziologin Eva Illouz in der aktuellen Ausgabe des Philosophie Magazins überschrieben und diese These finde ich, äh, überraschend.

Eva Illouz spricht in dem Interview über die Schattenseiten der »sexuellen Revolution« seit den späten 1960er Jahren, wobei Illouz selbst die Formulierung der »Deregulierung der Sexualität« wählt. Diese »Deregulierung« habe eine Vielzahl (moralischer, religiöser) Vorschriften, die bis dahin das Sexualverhalten reguliert hätten, durch eine einzige ersetzt, nämlich die der Zustimmung.

Heute gelte:

Man darf alles tun, was man will, solange die Person, mit der man es tut, darin einwilligt.

Illouz‘ These weiter: Dadurch, dass jetzt jede mit jedem kann (und jede mit jeder und jeder mit jedem), solange die beiden sich nur über die Konditionen einig werden, ergibt sich wie auf einem Markt das freie Spiel von Angebot und Nachfrage.

Unter Gerechtigkeitsaspekten entsteht daraus kein Problem, solange man davon ausgehen kann, dass die Vertragspartner einander auf Augenhöhe begegnen, dass sie also selbstbestimmt und außerhalb von Abhängigkeitsverhältnissen über den Vertrag und seine Konditionen entscheiden können. Aber das ist natürlich eine Fiktion. Auf dem sexuellen Markt. Und auf jedem anderen Markt auch.

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