Früher war schon immer alles besser

A.O. Scotts kleine Parade kulturpessimistischer Filmkritiker

Kritiker jeder Generation neigen dazu, den Zustand ihrer Gegenwart zu beklagen und die Vergangenheit zu glorifizieren: Das ist bekannt.

Schon vor rund zweieinhalbtausend Jahren, heißt es in dem Zusammenhang immer mal wieder, habe Sokrates über »die Jugend von heute« geklagt. Bloß: das stimmt gar nicht.

Also: Vergesst Sokrates! Aber verwerft die These noch nicht, bloß weil sie sich mit Sokrates nicht belegen lässt.

Neue Munition für Kulturkritikerkritiker liefert A.O. Scott. Er ist Filmkritiker der New York Times und schreibt in seinem diese Woche in deutscher Übersetzung veröffentlichten Buch Kritik üben über die Nostalgie einiger Filmkritiker:

In fast jedem Jahrzehnt der Geschichte des Films hat man entdeckt – hat man angenommen -, dass die Kunstform in eine Phase nicht mehr zu unterbietender Minderwertigkeit eingetreten sei […]: James Agee 1941, Manny Farber 1962, Pauline Kael 1979, David Denbie 2012.

Der Kritiker James Agee schrieb seinen Abgesang auf das Gegenwartskino in einer Zeit, die heute als Blüte des klassischen Hollywood-Kinos gilt (Viktor Fleming: Vom Winde verweht, Orson Welles: Citizen Kane), Manny Farber in den Jahren der Nouvelle Vague (Jean-Luc Godard: Außer Atem, Francois Truffaut:  Jules und Jim), Pauline Kael zum Höhepunkt von New Hollywood (Steven Spielberg: Der Weiße Hai, George Lucas: Star Wars).

WeiterlesenFrüher war schon immer alles besser

So was von da: Zu Besuch bei den Dreharbeiten im Club

Der Regisseur Jakob Lass (Love Steaks) verfilmt in einem Club in Hamburg gerade den Nachtleben-Roman So was von da von Tino Hanekamp. Ich habe die Dreharbeiten eine Nacht lang begleitet und berichte hier darüber.

(Foto: Claudius Schulze)

Filmkritik: »Chuck Norris und der Kommunismus« (2015)

Wie amerikanische Trash-Filme die Ceaușescu-Diktatur unterhöhlten

Worum geht’s? Chuck Norris und der Kommunismus heißt ein neuer Film, der im vergangenen Jahr über die Festivals tingelte und jetzt in die Kinos kommt.

Der Filmtitel klingt wie der Anfang eines Witzes. Wenn Chuck Norris, der Mann, der nicht Honig isst sondern Bienen kaut, der schon mehr Leute vermöbelt hat als Ikea, der eine Party schmeißt und sie fliegt fünf Kilometer weit, wenn also dieser Chuck Norris, Held schlechter Filme und noch schlechterer Witze, auf den Kommunismus trifft, ist klar, dass einer von beiden sterben muss. Und zwar nicht Chuck Norris. Das wäre auch schon eine grobe Inhaltsangabe von Chuck Norris und der Kommunismus.

Etwas konkreter, bitte! OK. Regisseurin Ilinca Calugareanu erzählt von einer wahren Begebenheit im kommunistischen Rumänien der achtziger Jahre. Das Land wurde damals von seinem Diktator Nicolae Ceaușescu gegen westliche Einflüsse abgeschottet, selbst russische Filme wurden zensiert. Doch ein Mann namens Teodor Zamfir schmuggelte damals tausende Videokassetten mit amerikanischen Filmen in das Land. Er heuerte eine Übersetzerin an, Irina Nistor, die sich diese Filme nachts anschaute, über Kopfhörer die Tonspur hörte, und simultan die Dialoge ins Rumänische übersetzte.

Die Videokassetten mit Nistors Synchronstimme (eine Stimme für alle Figuren) wurden unzählige Male kopiert und auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Sie verkauften sich rasend, so erzählt es Chuck Norris und der Kommunismus, trotz ihrer geringen Qualität und ihrer hohen Preise. Vielerorts in Bukarest und anderswo in Rumänien fanden sich Bürger zusammen, um auf illegalen Videoabenden die von Irina Nistor übersetzten Filme zu sehen – darunter Dirty Dancing, Rambo und, klar, Chuck Norris.

WeiterlesenFilmkritik: »Chuck Norris und der Kommunismus« (2015)“

Arthouse vs. Pornokino mit RP Kahl in Hamburg & Berlin

Trailer zu Bedways (2010) von RP Kahl

In den letzten Jahren haben mehrere Regisseure versucht, Spielfilmhandlungen und explizit pornografische Szenen miteinander zu versöhnen. Richtig aufgegangen ist wohl keiner dieser Versuche, manche scheiterten, andere schillerten – und zu den schillernden gehört sicher auch Bedways von RP Kahl.

Der Regisseur, der auch als Fotograf (u.a. im Giddyheft) und als Darsteller mit pornografischen Ästhetiken experimentierte, kommt nächste Woche Mittwoch nach Hamburg und spricht um 20 Uhr im Fleetstreet Theater über einige seiner Arbeiten. Schon übermorgen spricht er zudem auf dem Pornfilmfestival in Berlin.

Seit Bedways (& Nine Songs & Shortbus &&&) haben sich die Versuche, Sex filmisch zu fassen, womöglich in eine etwas andere Richtung entwickelt (ich denke an dieses und jenes). Das heißt aber nicht, dass die Widersprüche, in die sich RP Kahl et al. gestürzt haben, heute aufgelöst wären. Könnte also spannend werden.

Mehr Informationen zu den beiden Veranstaltungen in Hamburg & Berlin gibt es hier.

Frauke Finsterwalder kämpft gegen das deutsche Licht

grey sky - cc photo by tiggywinkle

Abb.: Grauer Himmel, fotografiert von Tiggywinkl (via flickr, CC BY-NC 2.0)

Hey! Endlich wieder Herbst. Jacken mit Kapuzen tragen, Blumfeld hören und vielleicht mal wieder ins Kino gehen, weil man nicht mehr den ganzen Tag grillen muss – das sind trotz des häufig grauen Himmels über Hamburg ganz gute Aussichten, finde ich. Apropos Kino:

»Warum gilt Sonnenschein im deutschen Kino eigentlich als unrealistisch?« Das fragt Christian Blumberg die Regisseurin Frauke Finsterwalder und ihren Ehemann, den Schriftsteller Christian Kracht, in seinem Interview in der neuen Ausgabe der Zeitschrift De:Bug. Es ist eine fiese Suggestivfrage, aber keine ganz uninteressante.

Anlass des Interviews ist Finsterworld, ein quirky Spielfilm, den Finsterwalder und Kracht zusammen geschrieben haben, und der dieser Tage in die Kinos kommt. Er wird als Kampfansage an die gedrückte Stimmung und bedeckten Himmel der Berliner Schule vermarktet, ein Faden, den Blumberg aufgreift, wenn er fortfährt: »Können Sie mir vielleicht erklären, warum in deutschen Filmen immer alles verregnet und blaustichig sein muss?«

Kann Finsterwalder nicht, sagt sie. Kracht rollt dann eine Theorie aus, die bemerkenswerterweise nicht bei Casper David Friedrich anfängt und auch nicht bei Rainer Werner Fassbinder, sondern erst in den frühen Nuller Jahren – und in (Latein-) Amerika:

Begonnen hat diese Farbverwirrung eigentlich mit den beiden Filmen „Traffic“ (Steven Soderbergh) und „City of God“ (Fernando Meirelles), das wurde dann weitergeführt in den Spielfilmen des Werbefilmers und Action-Spezialisten Tony Scott; darin war alles immer geschwefelt und entweder völlig willkürlich gelb eingefärbt oder blau. Das haben dann deutsche Regisseure zusammenhanglos auf Deutschland übertragen und heraus kam dieser furchtbare Blau-Graustich, der irgendwie nun schon seit Jahren als Maßstab für filmische Qualität gilt, was aber ziemlicher Unsinn ist, weil es absolut gar nichts mit irgendetwas zu tun hat.

Finsterwalder ergänzt dann noch, es gehe bei tristen Farben um die Vortäuschung von Tiefe und Melancholie.

Bämm! Das hat gesessen. Aber ist es auch plausibel? Zumindest ist es vermutlich noch nicht die ganze Wahrheit. Grau, eng, karg, kalt und melancholisch ist Deutschland im Film nicht erst seit dem Jahr 2000.

Und grau, eng, karg, kalt und melancholisch ist Deutschland nicht nur im Film, sondern oft auch in der (Kunst-) Fotografie. Darüber hat sich neulich auch Claudius Schulze Gedanken gemacht, der Fotografietheoretiker meines Vertrauens. Claudius gibt den Bechers die Schuld, bzw. deren Düsseldorfer Schülern, die das alles irgendwie falsch verstanden haben.

Im Vergleich zu den Filmen von zum Beispiel Ulrich Köhler, bei dem selbst Kamerun grau und matschig aussieht (wobei das ja wieder geil ist: Entexotisierung!) gleicht Deutschland in Finsterworld fast ein bisschen dem Land von Oz (»painted with a rainbow«).

Eine Kostprobe des saisonal (und womöglich auch filmgeschichtlich) unzeitgemäßen Farbspektrums von Frauke Finsterwalders Spielfilmdebüt gibt es hier. Filmstart ist am 17. Oktober 2013. Ich habe Finsterworld schon vor einigen Wochen sehen dürfen und würde sagen: Er hat mich gut unterhalten und noch ein bisschen besser verwirrt.

Nachtrag, 3. Oktober 2013: Hm, »verwirrt«, gutes Stichwort – Finsterworld als »quirky« zu bezeichnen, ist womöglich unbedacht. Es ist zumindest unzureichend. Die Ästhetik und auch viele der Charaktere des Films lassen sich schon so verschlagworten (Finsterwalder nennt dann auch den Quirkmaster par excellence, nämlich Wes Anderson, als positive Bezugsfigur), aber entscheidend in der weiteren Beschäftigung mit Finsterworld wird sein, damit umzugehen, dass am Ende dieses Films die Unschuldigen bestraft und die Arschlöcher belohnt werden. Hier also gerade nicht sanfter, naiver Optimismus die Richtung vorgibt …