OMG, »Titane«

1) Wenn die Hauptfigur eines Films völlig wahllos und unmotiviert mordet und in mehr als anderthalb Stunden nicht einen vollstĂ€ndigen Satz sagt — wird dieser Film dann dadurch interessant, dass diese Hauptfigur eine Frau ist? Oder bleibt es: ein schlechter Film?

2) Leute sagen, Titane sei feministisch, aber ich sehe einen Film, in dem willensstarke und skrupellose Menschen determiniert bleiben durch ihre Biologie. MÀnnerkörper altern und schlaffen ab, Frauenkörper menstruieren und werden schwanger. Was ist daran fortschrittlich oder auch nur neu?

3) So viel zu meinen EindrĂŒcken, fragen wir mal einen Experten: Der Horrorfilm-Connaisseur meines Vertrauens (HfCmV) sagt, der Bodyhorror sei nicht schlecht. Wie sich die Figur von Agathe Rousselle absichtlich die Nase am Waschbecken bricht, zum Beispiel. Allerdings, wendet der HfCmV ein: Cronenberg habe das alles schon in den 1980ern gemacht und ohne diese französische, katholische, ĂŒberkandidelte WerbefilmĂ€sthetik (in Ton und Bild). Außerdem sagt der HfCmV: »Man denkt, Rousselle sei wandelbar, aber in echt verĂ€ndert sich nur ihre Frisur.«

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Die jĂŒngsten Stars Hamburgs

Der Detektivclub Die Pfefferkörner, den man seit mehr als zwanzig Jahren im NDR-Fernsehen und im Kinderkanal sehen kann, ist diverser als Die drei ???, glaubwĂŒrdiger als TKKG und drehte schon eine Folge im großen Saal der Elbphilharmonie, als Til Schweiger und sein Tatort dort noch vor verschlossenen TĂŒren standen.

Gerade lĂ€uft der zweite Kinofilm der Bande, die ihr HQ in der Speicherstadt hat und in Actionszenen immer wieder ĂŒber die BrĂŒcke vor dem Maritimen Museum rennt. Ich hatte das besondere VergnĂŒgen, fĂŒr die Hamburg-Seiten der ZEIT nicht nur den neuen Film zu sehen, sondern auch mit Hilfe einer Pfefferkörner-Expertin einige SchauplĂ€tze in Speicherstadt und HafenCity zu besuchen.

Hier geht es zu meinen Beitrag zum Start der Herbstferien (fĂŒr Abonnent*innen der ZEIT und ihre Kinder).

Corona: Scheiße, wir leben in einem Schundroman

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»Dies ist keine Zombie-Apokalypse«, sagte der Epidemiologe Larry Brilliant neulich ĂŒber Sars-CoV-2. Das war in einem Interview in der Wired, die SĂŒddeutsche griff das auf und verbreitete es weiter. Was dieser Tage halt so als gute Nachricht durchgeht. đŸ˜·

Die Zombie-Apokalypse ist, soweit ich weiß, eine Erfindung des Regisseurs George A. Romero. Mit seinem Horrorfilm Night of the Living Dead (den man kostenlos online sehen kann) prĂ€gte er 1968 die Figur des Zombies als infektiösem Untoten. Zombies hatte es im Kino auch vorher schon gegeben, in I Walked With A Zombie (1943) oder White Zombie (1932) mit Bela Lugosi, ein Film, der noch stark von einer StummfilmĂ€sthetik geprĂ€gt ist.

Aber in den beiden alten Filmen, die nicht zufĂ€llig in Haiti spielten, musste jeder Zombie noch individuell von einem Voodoo-Meister verhext werden. Eine MĂŒhsal! Romero brachte die Zombies in die USA und ließ sie epidemisch werden, mit ansteckenden Bissen.

Fun Fact: Dass Romero damit den bis heute gĂŒltigen Archetypen des Zombies schuf, war ihm selbst wohl nicht klar, jedenfalls ist in Night of the Living Dead, wenn ich mich recht entsinne, gar nicht von Zombies, sondern nur von »Ghouls« die Rede. (Ich habe hier ausfĂŒhrlicher ĂŒber die frĂŒhe Geschichte des Zombiefilms geschrieben.)

Jetzt lese ich World War Z (2006) von Max Brooks, einen Roman, der mir neulich empfohlen wurde, weil er von einer globalen Zombie-Pandemie erzÀhlt. SpÀter wurde er mit Brad Pitt in der Hauptrolle verfilmt, das sah so aus:

Wie ist das Buch? Nicht besonders gut, aber sehr interessant. Denn das Zombievirus in World War Z tritt erstmals in China auf, wird im Westen nicht ernst genommen, bricht dann in Europa aus. Seine Ausbreitung in den USA (die es in einem Wahljahr trifft) wird begĂŒnstigt durch einen inkompetenten PrĂ€sidenten, der das Wort »big« liebt (vor allem, wenn er von sich selbst redet) und der seinem Volk schamlos ins Gesicht lĂŒgt. Ach, und: Der erste Drink, den sich in diesem Buch jemand gönnt, ist »a corona«.

Larry Brilliant hat also sicher recht, Sars-CoV-2 ist keine Zombie-Apokalypse, aber die Zombie-Apokalypse, wie sie Max Brooks sich ausmalte, erinnert manchmal sehr an Sars-CoV-2. Viren, Zombies, am Ende sind das Details. Wir leben in einer Zeit, die von einem Schundroman vorhergesagt wurde. Und das ist nun wirklich einigermaßen deprimierend.

Lebewohl, James Bond

In der NZZ beerdigt Sarah Pines eine Legende: James Bond. Der Agentenmythos habe sich ĂŒberlebt, so die Autorin. Nicht wegen #metoo, sondern wegen Big Data.

Weshalb auch keine weibliche 007 die aus der Zeit gefallene Filmreihe zu retten im Stande sei:

In wenigen Bereichen hat die Pop-Kultur so viele Àsthetische Bilder hervorgebracht wie in der Spionage: den Film Noir, dustere Melancholie, den «Orient Express» und schöne Frauen mit Wasserwelle. Doch noch nie sind unsere Àsthetischen Vorstellungen von der RealitÀt der Geheimdienste und Agenten so sehr abgewichen wie heute. Denn die reale Spionage ist doch schon lange zum Technologiegefecht zwischen vor Bildschirmen sitzenden Menschen verkommen.

Kann es heute noch Agenten (oder Agentinnen) geben, die heroisch handeln? Vermutlich höchstens als Whistleblower.

Hier geht es zum Artikel (kostenlos lesbar).

FrĂŒher war schon immer alles besser

Kritiker jeder Generation neigen dazu, den Zustand ihrer Gegenwart zu beklagen und die Vergangenheit zu glorifizieren: Das ist bekannt.

Schon vor rund zweieinhalbtausend Jahren, heißt es in dem Zusammenhang immer mal wieder, habe Sokrates ĂŒber »die Jugend von heute« geklagt. Bloß: das stimmt gar nicht.

Also: Vergesst Sokrates! Aber verwerft die These noch nicht, bloß weil sie sich mit Sokrates nicht belegen lĂ€sst.

Neue Munition fĂŒr Kulturkritikerkritiker liefert A.O. Scott. Er ist Filmkritiker der New York Times und schreibt in seinem diese Woche in deutscher Übersetzung veröffentlichten Buch Kritik ĂŒben ĂŒber die Nostalgie einiger Filmkritiker:

In fast jedem Jahrzehnt der Geschichte des Films hat man entdeckt – hat man angenommen -, dass die Kunstform in eine Phase nicht mehr zu unterbietender Minderwertigkeit eingetreten sei […]: James Agee 1941, Manny Farber 1962, Pauline Kael 1979, David Denbie 2012.

Der Kritiker James Agee schrieb seinen Abgesang auf das Gegenwartskino in einer Zeit, die heute als BlĂŒte des klassischen Hollywood-Kinos gilt (Viktor Fleming: Vom Winde verweht, Orson Welles: Citizen Kane), Manny Farber in den Jahren der Nouvelle Vague (Jean-Luc Godard: Außer Atem, Francois Truffaut:  Jules und Jim), Pauline Kael zum Höhepunkt von New Hollywood (Steven Spielberg: Der Weiße Hai, George Lucas: Star Wars).

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Filmkritik: »Chuck Norris und der Kommunismus« (2015)

Worum geht’s? Chuck Norris und der Kommunismus heißt ein neuer Film, der im vergangenen Jahr ĂŒber die Festivals tingelte und jetzt in die Kinos kommt.

Der Filmtitel klingt wie der Anfang eines Witzes. Wenn Chuck Norris, der Mann, der nicht Honig isst sondern Bienen kaut, der schon mehr Leute vermöbelt hat als Ikea, der eine Party schmeißt und sie fliegt fĂŒnf Kilometer weit, wenn also dieser Chuck Norris, Held schlechter Filme und noch schlechterer Witze, auf den Kommunismus trifft, ist klar, dass einer von beiden sterben muss. Und zwar nicht Chuck Norris. Das wĂ€re auch schon eine grobe Inhaltsangabe von Chuck Norris und der Kommunismus.

Etwas konkreter, bitte! OK. Regisseurin Ilinca Calugareanu erzĂ€hlt von einer wahren Begebenheit im kommunistischen RumĂ€nien der achtziger Jahre. Das Land wurde damals von seinem Diktator Nicolae Ceaușescu gegen westliche EinflĂŒsse abgeschottet, selbst russische Filme wurden zensiert. Doch ein Mann namens Teodor Zamfir schmuggelte damals tausende Videokassetten mit amerikanischen Filmen in das Land. Er heuerte eine Übersetzerin an, Irina Nistor, die sich diese Filme nachts anschaute, ĂŒber Kopfhörer die Tonspur hörte, und simultan die Dialoge ins RumĂ€nische ĂŒbersetzte.

Die Videokassetten mit Nistors Synchronstimme (eine Stimme fĂŒr alle Figuren) wurden unzĂ€hlige Male kopiert und auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Sie verkauften sich rasend, so erzĂ€hlt es Chuck Norris und der Kommunismus, trotz ihrer geringen QualitĂ€t und ihrer hohen Preise. Vielerorts in Bukarest und anderswo in RumĂ€nien fanden sich BĂŒrger zusammen, um auf illegalen Videoabenden die von Irina Nistor ĂŒbersetzten Filme zu sehen – darunter Dirty Dancing, Rambo und, klar, Chuck Norris.

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Arthouse vs. Pornokino mit RP Kahl in Hamburg & Berlin

Trailer zu Bedways (2010) von RP Kahl

In den letzten Jahren haben mehrere Regisseure versucht, Spielfilmhandlungen und explizit pornografische Szenen miteinander zu versöhnen. Richtig aufgegangen ist wohl keiner dieser Versuche, manche scheiterten, andere schillerten – und zu den schillernden gehört sicher auch Bedways von RP Kahl.

Der Regisseur, der auch als Fotograf (u.a. im Giddyheft) und als Darsteller mit pornografischen Ästhetiken experimentierte, kommt nĂ€chste Woche Mittwoch nach Hamburg und spricht um 20 Uhr im Fleetstreet Theater ĂŒber einige seiner Arbeiten. Schon ĂŒbermorgen spricht er zudem auf dem Pornfilmfestival in Berlin.

Seit Bedways (& Nine Songs & Shortbus &&&) haben sich die Versuche, Sex filmisch zu fassen, womöglich in eine etwas andere Richtung entwickelt (ich denke an dieses und jenes). Das heißt aber nicht, dass die WidersprĂŒche, in die sich RP Kahl et al. gestĂŒrzt haben, heute aufgelöst wĂ€ren. Könnte also spannend werden.

Mehr Informationen zu den beiden Veranstaltungen in Hamburg & Berlin gibt es hier.

Frauke Finsterwalder kĂ€mpft gegen das deutsche Licht

grey sky - cc photo by tiggywinkle

Abb.: Grauer Himmel, fotografiert von Tiggywinkl (via flickr, CC BY-NC 2.0)

Hey! Endlich wieder Herbst. Jacken mit Kapuzen tragen, Blumfeld hören und vielleicht mal wieder ins Kino gehen, weil man nicht mehr den ganzen Tag grillen muss – das sind trotz des hĂ€ufig grauen Himmels ĂŒber Hamburg ganz gute Aussichten, finde ich. Apropos Kino:

»Warum gilt Sonnenschein im deutschen Kino eigentlich als unrealistisch?« Das fragt Christian Blumberg die Regisseurin Frauke Finsterwalder und ihren Ehemann, den Schriftsteller Christian Kracht, in seinem Interview in der neuen Ausgabe der Zeitschrift De:Bug. Es ist eine fiese Suggestivfrage, aber keine ganz uninteressante.

Anlass des Interviews ist Finsterworld, ein quirky Spielfilm, den Finsterwalder und Kracht zusammen geschrieben haben, und der dieser Tage in die Kinos kommt. Er wird als Kampfansage an die gedrĂŒckte Stimmung und bedeckten Himmel der Berliner Schule vermarktet, ein Faden, den Blumberg aufgreift, wenn er fortfĂ€hrt: »Können Sie mir vielleicht erklĂ€ren, warum in deutschen Filmen immer alles verregnet und blaustichig sein muss?«

Kann Finsterwalder nicht, sagt sie. Kracht rollt dann eine Theorie aus, die bemerkenswerterweise nicht bei Casper David Friedrich anfĂ€ngt und auch nicht bei Rainer Werner Fassbinder, sondern erst in den frĂŒhen Nuller Jahren – und in (Latein-) Amerika:

Begonnen hat diese Farbverwirrung eigentlich mit den beiden Filmen „Traffic“ (Steven Soderbergh) und „City of God“ (Fernando Meirelles), das wurde dann weitergefĂŒhrt in den Spielfilmen des Werbefilmers und Action-Spezialisten Tony Scott; darin war alles immer geschwefelt und entweder völlig willkĂŒrlich gelb eingefĂ€rbt oder blau. Das haben dann deutsche Regisseure zusammenhanglos auf Deutschland ĂŒbertragen und heraus kam dieser furchtbare Blau-Graustich, der irgendwie nun schon seit Jahren als Maßstab fĂŒr filmische QualitĂ€t gilt, was aber ziemlicher Unsinn ist, weil es absolut gar nichts mit irgendetwas zu tun hat.

Finsterwalder ergÀnzt dann noch, es gehe bei tristen Farben um die VortÀuschung von Tiefe und Melancholie.

BÀmm! Das hat gesessen. Aber ist es auch plausibel? Zumindest ist es vermutlich noch nicht die ganze Wahrheit. Grau, eng, karg, kalt und melancholisch ist Deutschland im Film nicht erst seit dem Jahr 2000.

Und grau, eng, karg, kalt und melancholisch ist Deutschland nicht nur im Film, sondern oft auch in der (Kunst-) Fotografie. DarĂŒber hat sich neulich auch Claudius Schulze Gedanken gemacht, der Fotografietheoretiker meines Vertrauens. Claudius gibt den Bechers die Schuld, bzw. deren DĂŒsseldorfer SchĂŒlern, die das alles irgendwie falsch verstanden haben.

Im Vergleich zu den Filmen von zum Beispiel Ulrich Köhler, bei dem selbst Kamerun grau und matschig aussieht (wobei das ja wieder geil ist: Entexotisierung!) gleicht Deutschland in Finsterworld fast ein bisschen dem Land von Oz (»painted with a rainbow«).

Eine Kostprobe des saisonal (und womöglich auch filmgeschichtlich) unzeitgemĂ€ĂŸen Farbspektrums von Frauke Finsterwalders SpielfilmdebĂŒt gibt es hier. Filmstart ist am 17. Oktober 2013. Ich habe Finsterworld schon vor einigen Wochen sehen dĂŒrfen und wĂŒrde sagen: Er hat mich gut unterhalten und noch ein bisschen besser verwirrt.

Nachtrag, 3. Oktober 2013: Hm, »verwirrt«, gutes Stichwort – Finsterworld als »quirky« zu bezeichnen, ist womöglich unbedacht. Es ist zumindest unzureichend. Die Ästhetik und auch viele der Charaktere des Films lassen sich schon so verschlagworten (Finsterwalder nennt dann auch den Quirkmaster par excellence, nĂ€mlich Wes Anderson, als positive Bezugsfigur), aber entscheidend in der weiteren BeschĂ€ftigung mit Finsterworld wird sein, damit umzugehen, dass am Ende dieses Films die Unschuldigen bestraft und die Arschlöcher belohnt werden. Hier also gerade nicht sanfter, naiver Optimismus die Richtung vorgibt