Donald Trump & der ┬╗Tribalismus┬ź

W├Ąhrend europ├Ąische Zuschauer des Superbowls am Sonntag die Nacht zum Tag machen mussten, wurde das Trump-Impeachment diese Woche zu familienfreundlichen Uhrzeiten durchgef├╝hrt. Die Schlusspl├Ądoyers im Senat waren am Montagmittag zu h├Âren, die abschlie├čende Abstimmung am Mittwochnachmittag, durch die Zeitverschiebung war es bei uns sechs Stunden sp├Ąter, der Livestream lief also jeweils zur mitteleurop├Ąischen Primetime.

Ich habe in den vergangenen Tagen ein paar Mal f├╝r ein paar halbe Stunden reingeschaut und staunte, dass es zeitweise so wirkte, als solle nicht der Pr├Ąsident des Amtes enthoben werden, sondern die Mehrheit der Demokrat*innen im Repr├Ąsentant*innenhaus, die ÔÇö so argumentierten die Trump-Anw├Ąlte ÔÇö schlampig, voreingenommen, ja, im Grunde anti-demokratisch agiert h├Ątten, als sie das Verfahren gegen Trump bem├╝hten, das nun in dem von Republikaner*innen beherrschten Senat gelandet war.

So zum Beispiel Jay Sekulow, einer von Trumps Anw├Ąlten, am Montag:

Noch nie sei in einem Amtsenthebungsverfahren (beim Republikaner Nixon nicht, beim Demokraten Clinton nicht) von den Repr├Ąsentant*innen so geschlossen entsprechend der Parteizugeh├Ârigkeit abgestimmt worden: Demokrat*innen daf├╝r, Republikaner*innen dagegen. F├╝r die Trump-Verteidiger war das ein Zeichen, dass das Verfahren haneb├╝chen und allein von Parteiinteressen getrieben sei.

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OMG, Kemmerich!

Als engagierter Vater freue ich mich ├╝ber diese empowernde Botschaft an unsere Kinder: ┬╗Du kannst der Kleinste von allen sein und trotzdem nach ganz oben kommen.┬ź

P├Ądagogisch schwierig finde ich nur den Nebensatz: ┬╗Wenn du dich beim gr├Â├čten Arsch auf die Schultern setzt.┬ź

(Hintergrund.)

Majest├Ątsbeleidigung ├á la ┬╗Brigitte┬ź

Fu├čnote der deutschen Pressegeschichte: Rund 60 Jahre bevor Jan B├Âhmermann den t├╝rkischen Staatspr├Ąsidenten Erdogan gegen sich aufbrachte, passierte etwas ├Ąhnliches der Brigitte. Damals war der Gegenspieler der Schah von Persien, die Redaktion allerdings deutlich weniger k├Ąmpferisch als sp├Ąter B├Âhmermann.

Der Historiker Quinn Slobodian schreibt:

In 1957, the women’s magazine Brigitte had been charged with defamation for printing a photograph of the shah’s first wife, Soraya, with a snide caption about the depth of her d├ęcolletage. The case was dropped only when the magazine’s editor apologized personally to the Iranian ambassador.

(aus dem Buch Foreign Front: Third World Politics in Sixties West Germany)

Ein Jahr sp├Ąter legte der Stern mit einer Story ├╝ber Trennungsger├╝chte des Schahs von Soraya nach. Dieser Text l├Âste so viel Emp├Ârung im Iran aus, dass es zu diplomatischen Verstimmungen kam und die Bundesregierung unter Konrad Adenauer in der Folge ein Gesetz zur Einschr├Ąnkung der Pressefreiheit auf den Weg bringen wollte (vulgo: Lex Soraya), das aber im Bundesrat scheiterte.

Ganz von der Hand zu weisen waren die Trennungsger├╝chte ├╝brigens nicht. Als der Schah 1967 zum Staatsbesuch in die BRD und nach West-Berlin kam, wo man ihm zu Ehren den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, hatte er seine dritte Ehefrau Farah dabei (denn Slobodian irrt: Soraya war bereits die zweite Gattin des iranischen Herrschers).

Seine Trennung von Soraya inspirierte nicht nur das zum Gl├╝ck gescheiterte Gesetzesvorhaben, sondern auch einen ganz h├╝bschen Chanson.

 

Mansplaining, 1967

Eine ganz tolle Doku: Landfriedensbruch ÔÇô Protokoll einer Denkmalsentweihung aus dem Jahr 1967 (auf YouTube findet man sie in drei Teilen: Teil 1, Teil 2, Teil 3).

Vordergr├╝ndig geht es in dieser NDR-Produktion unter der Regie von Theo Gallehr um eine Gruppe von Studentinnen und Studenten, die versucht, das Denkmal des Kolonialgouverneurs Hermann von Wissmann vor der Hamburger Uni zu st├╝rzen (das wird aber ÔÇô Achtung, Spoiler! ÔÇô erst ein Jahr sp├Ąter gelingen, beim dann dritten Umsturzversuch im Herbst 1968, den Uwe Timm in seinem Roman Hei├čer Sommer literarisiert hat).

Der Wert dieser Doku aus heutiger Sicht ist der wunderbare und etwas seltsame 68er- und Alt-BRD-Vibe in den vielen allt├Ąglichen Szenen, die das Kamerateam filmen durfte, und den man sich nicht sch├Âner h├Ątte ausdenken k├Ânnen.

In einer Szene spielen SDS-nahe Studenten Schach und kommen fast nicht dazu, ihre Figuren zu ziehen, weil sie erst diskutieren m├╝ssen, ob das Schachspiel eine Metapher f├╝r die Aufstiegsl├╝ge der kapitalistischen Gesellschaft ist und ob das Spiel, in dem die Macht des K├Ânigs auf den Volksmassen der Bauern fu├čt, zu revolutieren ist, wenn die M├Âglichkeit zu seiner Revolutionierung im Spiel selbst aber gar nicht angelegt ist.

Oder, andere Szene: Studentinnen diskutieren mit ihrem Hauswirt, der die politische Belehrung seiner j├╝ngeren Untermieterinnen offenbar besonders genie├čt, bei Kaffee und Kuchen dar├╝ber, ob die Demokratie nicht doch die beste Staatsform ist ┬╗um der freien Meinungs├Ąu├čerung zu fr├Ânen┬ź. Im Screenshot erkl├Ąrt er gerade: ┬╗Demokratie┬ź ÔÇô das Wort kommt ja aus dem Griechischen, ┬╗demos┬ź: das Volk ÔÇô ist die Volksherrschaft … mansplaining aus der H├Âlle.

(Aber immerhin d├╝rfen die Damen anders als bei den SDS-Flugblatt-Diskussionsrunden hier den Kaffee mittrinken, anstatt ihn nur zu kochen, anzureichen und auf Bitte der Genossen mit etwas Wasser zu verd├╝nnen, damit er nicht so stark ist.)

Ich liebe alles an dieser Doku, einschlie├člich ihrer v├Âllig angemessenen Sepia-T├Ânung.

P.S.: Mehr zum Film und zum Denkmal-Sturz gibt es bei der Forschungsstelle Hamburgs (post-) koloniales Erbe.

Still ÔŁĄ´ŞĆ’ing Magazines: The Gourmand

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Ich wei├č nicht, wie viel Lebenszeit ich als Chefredakteur von Zeit Campus damit verbracht habe, an den Titelzeilen unserer neuen Ausgaben zu feilen.

Die Zeile auf dem Cover einer Zeitschrift soll originell sein, aber nicht zu kompliziert. Sie soll catchy sein, aber nicht zu plump. Sie soll einen Kauf triggern ÔÇô aber journalistisch wahrhaftig sein. Und nat├╝rlich soll sie gut aussehen und gut im Layout sitzen. Nicht immer eine leichte Ausgabe.

Die aktuelle Ausgabe von The Gourmand (Nummer 13) zeigt, dass es auch anders geht. Das britische Food-Magazin beweist: Cover k├Ânnen auch ganz ohne Titelzeilen knallen. Ich wollte jedenfalls sofort lesen, was sich hinter diesem Titel verbirgt ÔÇŽ

(The Gourmand kostet 16,50 Euro. Das Heft ist in Deutschland nicht ganz einfach zu finden. Ich habe es bei Coffee Table Magazines gekauft, in Hamburg gibt’s das Heft wohl auch bei Gudberg Nerger.)

Pop & Wahlkampf: heikle Mischung

Als Barack Obama bei Werbeveranstaltungen einst einen Song von Jay-Z spielte, bekam er Ärger mit Feminist*innen (99 problems).

Als die CDU einen Song von den Toten Hosen spielte, entschuldigte sich danach die Kanzlerin bei der Band (Tage wie dieser).

Als die Gr├╝nen ihren Wahlkampfslogan bei Nena abschrieben, st├Ârte es irgendwie keine/n, war aber trotzdem panne (Irgendwie, irgendwo, irgendwann).

Und jetzt: Die SPD. Wie ich der heutigen Ausgabe des Hamburger Abendblatts entnehme, lief auf einer Wahlkampfveranstaltung, bei der Spitzenkandidaten sich ├╝ber Songs anderer Leute vorstellten, nicht nur erzsozialdemokratisches Liedgut (Woody-Guthrie-Coverversionen, etc.), sondern auch Keine Parolen von Dendemann. Ein Song also, der K.E.I.N.E. aus dem Fr├╝hwerk der (Absoluten) Beginner aufgreift, der wiederum auf Wir wollen keine Bullenschweine von Slime verweist.

In einem Wahlkampf, in dem der bisher einzige politische Streitpunkt ist, inwieweit regierende Parteien eventuell ganz vielleicht heimliche Sympathien f├╝r militante Linke hegen (solches warf man aus dem B├╝ro des Regierenden B├╝rgermeisters dem Koalitionspartner vor, woraufhin dieser umgehend sein Wahlprogramm umschrieb), ist das brisant.

Denn, wie hie├č es bei Slime?

Dies ist ein Aufruf zur Revolte,
dies ist ein Aufruf zur Gewalt,
Bomben bauen, Waffen klauen,
den Bullen auf die Fresse hauen,
haut die Bullen platt wie Stullen
(etc. pp.)

Hat aber zum Gl├╝ck niemand gemerkt.

Schafft zwei, drei, viele Elphis! 

In Hamburg ist der #elphischock (also das kollektive Trauma aus Kostenexplosion, Bauzeitverz├Âgerung und Verantwortungslosigkeit) jetzt offiziell ├╝berwunden. Der Stolz ├╝berwiegt, die Schmach ist vergessen, ┬╗Elbphilharmonie┬ź ist kein Schimpfwort mehr.

In K├Âln betont man zwar noch, der Neubaukomplex am Dom werde keine ┬╗zweite Elbphilharmonie┬ź. Dasselbe hei├čt es in M├╝nchen ├╝ber das Interimsquartier in Sendling und in Rostock ├╝ber das Landesmuseum (keine ┬╗zweiten Elbphilharmonien┬ź!).

Und, ja, auch in Hamburg war noch vor wenigen Monaten beteuert worden, die Sanierung des Kongresszentrums werde keine ┬╗zweite Elbphilharmonie┬ź und auch der geplante Elbtower: keine ┬╗zweite Elbphilharmonie┬ź.

Doch jetzt zieht die SPD mit einer neuen Idee in den B├╝rgerschaftswahlkampf: Kultursenator Carsten Brosda verk├╝ndet heute im Abendblatt, man wolle in Hamburg ein bundesweit einzigartiges Gro├čprojekt starten, dessen Kostenrahmen und Finanzierung offenbar noch weitgehend ungekl├Ąrt ist, ┬╗eine Art Elbphilharmonie der Digitalisierung┬ź.

Alles Gute daf├╝r.