Kirche + Kapital ❤️ Ton Steine Scherben

20210723-kaputtmachen

Die Band Ton Steine Scherben ist 1970 angetreten, um die bestehende Ordnung abzuräumen. »Musik ist eine Waffe«, schrieb sie und stellte sich in den Dienst aller Gruppen, die den Klassenkampf vorantreiben (diese Erklärung erschien in der Zeitschrift Agit 883, in der kurz zuvor die Rote Armee Fraktion ihre Gründung bekannt gegeben hatte).

Und heute? Werden Ton-Steine-Scherben-Songs in Weihnachtspredigten zitiert (wie 2011 in der Kartäuserkirche in Köln) oder auf die Titelseiten von Wirtschaftsmagazinen gedruckt (wie auf der aktuellen Ausgabe von brand eins, siehe Foto).

Sind Ton Steine Scherben also gescheitert am Kapitalismus, der sich noch seine ärgsten Feinde einverleibt und durch Kritik nur stärker wird? Oder haben sie gewonnen, weil sie der Gesellschaft ihren Stempel aufdrückten und sie zu verändern halfen, wenigstens ein bisschen?

Ich weiĂź es nicht. Aber ich wollte kurz durchgeben, dass mein Artikel ĂĽber den Auftritt der Band 1971 an der katholischen Sophie-Barat-Schule in Hamburg jetzt auch auf ZEIT ONLINE zu lesen ist (fĂĽr alle mit Abo).

Alles, was Sie schon immer ĂĽber Ă–PNV wissen wollten

In der Elbvertiefung, dem täglichen Hamburg-Newsletter der DIE ZEIT, haben wir neulich eine kleine Themenwoche zum ÖPNV veranstaltet. Weil, wieso nicht? Es war ja auch Sommerloch.

Der Haken an der Sache: Ich war zuständig und bin die Sache eher, äh, feuilletonistisch angegangen. Es gab also Texte darüber, wie schön es ist, sich mit dem Bus im Hafen zu verfahren. Oder welche philosophischen Denkanstöße sich ergeben, wenn man einen S1-Simulator spielt.

Damit war das Interesse unserer Leserinnen und Leser an diesem Themenkomplex noch nicht gänzlich erschöpft und die geschätzen Damen und Herren bombardierten uns mit Fragen. Warum gibt es in Hamburg kein 365-Euro-Ticket? Wieso nicht mehr Fähren? Was ist mit dieser einen Buslinie in Altona, die doch eigentlich nach Eimsbüttel verlängert werden sollte? Und wann werden eigentlich diese furchtbaren E-Roller eingesammelt und verschrottet?

War klar, dass wir nicht damit durchkommen wĂĽrden, diese Fragen zu ignorieren, also haben wir uns auf die Suche nach Antworten gemacht. Bei Hochbahn, Deutsche Bahn, Hadag und HVV sowie beim Verkehrssenator Anjes Tjarks (GrĂĽne).

Hier nun das frei lesbare und seeehr lange Interview mit fast allen Leserfragen und Antworten (wobei: es sind nur 33 Fragen, Kollege Moritz von Uslar schafft routinemäßig 99, aber irgendwie ist das trotzdem viel Text geworden).

Let’s push Lokaljournalismus forward!

Nicht erst mit Rap kam der Sexismus in die Popmusik. Wie weiter?

Warum erreicht #metoo erst jetzt die Rap-Szene? Hätte das nicht viel früher passieren müssen? Weil die mit ihrem Mütterficken, Schwulenbashen etc. etc. doch offensichtlich ein Problem ist? Der Pop-Kritiker Diedrich Diederichsen nimmt sich dieser Fragen in diesem frei lesbaren Essay in der ZEIT an – und hilft, ein paar Dinge zu klären.

Zunächst mal, dass auch John Lennon, die Spencer Davis Group, The Who, Rolling Stones und andere Größen der goldenen Sechzigerjahre lustvoll Femizide und Gewalt gegen Frauen besangen. Das entschuldigt Gzuz und Bushido und alle anderen nicht, die das heute immer noch tun, aber es ist wichtig, denn:

Rassismus und vergleichbare markierende, gruppenbezogene Ideologien der Rechten treten […] in letzter Zeit seltener dadurch auf, dass sie den anderen ein bestimmtes Wesen, eine Essenz zuschreiben, sondern häufiger dadurch, dass sie ihnen ihrerseits einen inhärenten Rassismus oder Sexismus vorwerfen: Muslime seien misogyn, Juden islamophob, Klimaaktivistinnen klassistisch, postkoloniale Intelektuelle antisemitisch et cetera. Dass man sich daher als weiĂźer, westlicher und männlicher Musikjournalist nicht an der strukturell rassistischen Gleichsetzung von Hip-Hop mit Sexismus beteiligen wollte, lag darĂĽber hinaus an der unterschwelligen Implikation, dass andere Formen der Popmusik dann wohl weniger sexistisch ausfielen. Stimmt natĂĽrlich nicht.

FĂĽr Rap wie einst fĂĽr Rock gelte:

Popmusik ist in all ihren Formen, die ĂĽberhaupt der Rede wert sind, ein Ereignis des Zu-Wort-Kommens. Hier reden, formulieren, gestalten die, die bis dahin nicht zu Wort gekommen sind, weil zu jung, zu ausgeschlossen oder zu unartikuliert. Dieses Ereignis ist immer ein Gewinn, doch was zu Wort kommt, oft hochproblematisch, selbst wenn es sich um Befreiungen handelt. Die jungen Männer der Sechziger steckten ohne Frage in libidinösen Gefängnissen. Ihre Befreiung dekontaminierte ihre toxische Männlichkeit kaum. Gab man ihnen frei, machten sie Jagd auf Girls, fast im wörtlichen Sinne. […] Das spricht nicht gegen Befreiung an sich, aber […] es spricht fĂĽr die Einhegung jeder Befreiung in intersektionale Strukturen.

(Man will natürlich gleich besserwisserisch nachhaken: Wirklich alle Formen der Popmusik sind ein Zu-Wort-Kommen? Was ist mit elektronischer Musik? Spalten wir aber keine Haare, sondern beißen uns auf die Zunge – dieser Text ist zu gut, um ihn hier schon zu zerreden.)

Weiterlesen auf Piqd.de … (wo dieses Posting zuerst erschienen ist).

Ist Gewalt okay, um die Menschheit zu retten?

Ist der Einsatz von Gewalt zulässig, um die Klimakatastrophe zu bremsen? Ja, sagt Andreas Malm, Human-Ökologe an der Uni Lund in Schweden und Autor (z.B. Wie man eine Pipeline in die Luft jagt,2020). Und, mehr noch: Gewalt sei nicht nur zulässig, sondern aus taktischen Gründen geboten. In der aktuellen Ausgabe der ZEIT erläutert er seine Position.

Malm argumentiert, dass längst Gewalt eingesetzt werde, sinngemäß »strukturelle«, »systemische«, »institutionelle« Gewalt, der er individuelle Gewaltakte entgegensetzen will (»ausschließlich Gewalt gegen Sachen«, betont er).

Die Argumentation erinnerte mich an ältere Debatten, zum Beispiel in der afrikanisch-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Kwame Ture und Charles V. Hamilton machten in den späten 1960er-Jahren den Begriff des »institutional racism« bekannt. Sie  schrieben in ihrem Buch Black Power. The Politics of Liberation:

When white terrorists bomb a black church and kill five black children, that is an act of individual racism, widely deplored by most segments of society. But when in that same city – Birmingham, Alabama – five hundred black babies die each year because of the lack of proper food, shelter and medical facilities, and thousands more are destroyed and maimed physically, emotionally and intellectually because of conditions of poverty and discrimination in the black community, that is a function of institutional racism.

Ähnlich argumentiert nun Malm, der sagt, »SUVs, Jachten, Vielfliegerei, mehrere Wohnsitze: Diese Arten von Konsum sind Gewaltakte.« Er führt das so aus:

Ich weiß, dass wir üblicherweise anders denken. Die Tötung von George Floyd etwa: Da hat man einen Polizisten, der direkte zwischenmenschliche Gewalt anwendet. Das Problem der Gewalt der Klimakrise ist: Sie geschieht nicht von Angesicht zu Angesicht. Wir werden nie einen achtminütigen Videoclip sehen, wo der Chef einer Ölfirma einen mosambikanischen Bauern erwürgt. Wir haben eine über die Atmosphäre vermittelte Gewalt, und wir sind nach wie vor in dem Denken befangen, dass sich die Verfeuerung von fossilen Brennstoffen in Luft auflöst, folgenlos bleibt, solange wir die Folgen nicht sehen. Und die spielen sich am stärksten fern von den Verursachern ab, im globalen Süden.

Von dieser Analyse muss man nicht zwangsläufig zur Legitimierung von »Gegengewalt« kommen. Ture und Hamilton etwa schlugen in Black Power gewaltfreie Ansätze der Gegenwehr vor. Und als ich irgendwann vor der Pandemie einen Vertreter des deutschen Ablegers von Extinction Rebellion bei einer Diskussionsveranstaltung erlebte, sprach dieser sich entschieden gegen Anschläge und Sabotageaktionen aus, weil er meinte, dass diese moralisch falsch und zudem taktisch unklug seien – wenn Massenmobilisierung das Ziel sei, könne man nicht auf Gewalt setzen, die viele Leute abschrecke.

Andreas Malm sieht das anders. Weiterlesen auf Piqd.de … (wo dieses Posting zuerst erschienen ist).

Sommerferien auf der Streuobstwiese

Nach 20 Jahren bei einem Mittelständler und im Maschinenbau sagte Florian Menger zu seinem Chef: Ich kündige. Und fange noch mal was Neues an. Ich miete mir Schafe und pflanze ein paar Apfelbäume und starte einen Lehrbauernhof für Kinder.

Und sein Chef sagt: Wissen Sie was? Super Idee. Da investiere ich und werde Partner.

Die unwahrscheinliche GrĂĽndungsgeschichte von Greenkids Neuengamme und die Frage, was HĂĽhner und RegenwĂĽrmer mit einer glĂĽcklichen Kindheit und guten Bildung zu tun haben: Jetzt in DIE ZEIT (Hamburg-Seiten) oder hier auf ZEIT ONLINE (#aboaboabo).

Hallo, Joachim Franz BĂĽchner Band

Na, das klingt doch wie ein guter Anfang. Guter move auch, das Soloalbum mit einem Duett anzukündigen. Solo wie allein war jetzt schließlich lang genug. 

OK, der Typ heiĂźt also Franz Joachim BĂĽchner. Schon mal gesehen bei BĂĽrgermeister der Nacht. Und wer singt da mit? Ist das nicht die eine von dieser tollen, leider verschollenen Band Zucker? Ja, ist sie.

Und der zweite Song, den man schon jetzt vom Joachim-Franz-Büchner-Band-Album hören kann, Plan 9 aus dem Weltall, ist nicht nur eine Verneigung vor dem Trashfilmregisseur Ed Wood, sondern auch vor Trümmerfrauen, dem Theme Song von Zucker. Toll. Apropos: Was machen eigentlich Trümmer?

Ich deute diesen Song als Vorboten nicht nur des kommenden Albums, sondern auch einer Zeit, in der wir endlich wieder auf Konzerte gehen werden. Und zwar auf viele. Oder?

[Update, 28. Juni 2021] Sieh an! Kaum ist die Frage ausgesprochen, kommt schon die Antwort: Ein neues Trümmer-Album ist für den 17. September angekündigt, hier kann schon man den ersten Song hören.

»Mittagsstunde« und Musik

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Nein, Dörte Hansen schreibt keine Popliteratur. Aber in keinem Roman, den ich in den letzten Jahren las, war Musik so wichtig wie in Mittagsstunde.

Jetzt bringt die Regisseurin Anna-Sophie Mahler das Buch auf die Bühne: Im Thalia Theater, mit Live-Band, Tänzern und viel Gesang (mehr Infos zur Inszenierung hier).

Grund genug, um Dörte Hansen in Husum zu besuchen, mit ihr ein bisschen Musik zu hören und darüber zu reden.

Warum Schlager gar nicht die Musik der heilen Welt ist (sondern eher der kaputten), was an Neil Young so toll ist und was Iowa mit Nordfriesland zu tun hat: Jetzt in den Hamburgseiten der ZEIT sowie hier auf ZEIT ONLINE (#aboaboabo).

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Go Dulsberg Go!

2020 war kein geiles Jahr fĂĽr Schulen und Menschen, die sie besuchen mĂĽssen. (2021 war es bisher fast noch weniger.)

Hier jetzt mal eine gute Nachricht: Die Stadtteilschule Alter Teichweg in Hamburg hat den Deutschen Schulpreis bekommen! Der Preis wurde insgesamt sieben Mal vergeben und ist mit je 10.000 Euro dotiert. Geehrt wird die Schule unter anderem für ihre tägliche Late-Night-Show auf YouTube, die (moderiert vom Direx) im ersten Lockdown den Gemeinsinn erhalten sollte.

In der ZEIT:Hamburg fanden wir das damals so gut, dass wir den Schulleiter Björn Lengwenus zu unserem »Mensch des Monats« ernannten. (Hier geht es zu meinem Text.)

Inzwischen wurde die in der verwaisten Schulaula aufgezeichnete Sendung »Dulsberg Late Night« auch mit dem Hamburger Stadtteilkulturpreis ausgezeichnet, mit einer Goldenen Kamera und mit einer Nominierung für den Grimme Online Award (wird im Juni vergeben).

GlĂĽckwunsch an die Schule, an die Kulturagenten und: Go Dulsberg Go!