Gegen die Campus-Uni

Interessantes timing: Kaum geht nach drei Corona-Semestern das Campusleben wieder los (mehr oder weniger), veröffentlicht der Politikwissenschaftler und Publizist Yasha Mounk ein PlĂ€doyer gegen die Campus-Uni angelsĂ€chsischer PrĂ€gung, fĂŒr die formlosen, zerrissenen, oft ĂŒber ganze StĂ€dte verstreuten deutschen Unis:

NatĂŒrlich, den Studierenden wĂ€re eine echte Campus-Uni, wie ich selbst sie erlebt und geliebt habe, nur zu wĂŒnschen. FĂŒr den gesellschaftlichen Zusammenhalt aber wĂ€re sie eine Katastrophe. Denn in Großbritannien und den Vereinigen Staaten schottet die Campus-Uni die aufstrebende Elite in extremer Weise vom Rest der Gesellschaft ab.

Erstmal nicht unplausibel. Lesen Sie mehr davon, bitte hier entlang.

PrÀsenzlehre? Welche PrÀsenzlehre?

Ein Semester Â»ĂŒberwiegend in PrĂ€senz« war den Hamburger Studierenden versprochen worden. Konnte das gehalten werden? Weiß keiner.

Zwei Wochen nach Beginn der Vorlesungszeit haben die Hochschulleitungen keinen Überblick, wie viel PrĂ€senzlehre in ihren HĂ€usern stattfindet. Was vielleicht schon einen Hinweis darauf gibt, welche PrioritĂ€t sie diesem Thema einrĂ€umen.

Besonders bitter: Dass Erstsemester klagen, sie sĂ€hen die neue Uni alle zwei Wochen fĂŒr 90 Minuten von innen. Und die Verantwortlichen sagen: Ja, das kann schon sein. What?

Das hĂ€tte im vierten Corona-Semester — und im ersten, das wieder im Zeichen der PrĂ€senzlehre stehen sollte — besser laufen können: Mein Kommentar auf ZEIT ONLINE (frei lesbar).

OMG, »Titane«

Im Kino gewesen. Geweint. Aber nicht, weil’s so schön war. Der Horrorfilm Titane von Julia Ducournau hat die Goldene Palme in Cannes gewonnen und wurde ĂŒberall, wo ich nachgesehen habe, ausgesprochen wohlwollend besprochen. Erstaunlich, denn Alter – was fĂŒr ein Kackfilm.

Kritikpunkte im Einzelnen:

1) Wenn die Hauptfigur eines Films völlig wahllos und unmotiviert mordet und in mehr als anderthalb Stunden nicht einen vollstĂ€ndigen Satz sagt — wird dieser Film dann dadurch interessant, dass diese Hauptfigur eine Frau ist? Oder bleibt es: ein schlechter Film?

2) Leute sagen, Titane sei feministisch, aber ich sehe einen Film, in dem willensstarke und skrupellose Menschen determiniert bleiben durch ihre Biologie. MÀnnerkörper altern und schlaffen ab, Frauenkörper menstruieren und werden schwanger. Was ist daran fortschrittlich oder auch nur neu?

3) So viel zu meinen EindrĂŒcken, fragen wir mal einen Experten: Der Horrorfilm-Kolumnisten meines Vertrauens (HfKmV) sagt, der Bodyhorror sei nicht schlecht. Wie sich die Figur von Agathe Rousselle absichtlich die Nase am Waschbecken bricht, zum Beispiel. Allerdings, wendet der HfKmV ein: Cronenberg habe das alles schon in den 1980ern gemacht und ohne diese französische, katholische, ĂŒberkandidelte WerbefilmĂ€sthetik (in Ton und Bild). Außerdem sagt der HfKmV: »Man denkt, Rousselle sei wandelbar, aber in echt verĂ€ndert sich nur ihre Frisur.«

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Die jĂŒngsten Stars Hamburgs

Der Detektivclub Die Pfefferkörner, den man seit mehr als zwanzig Jahren im NDR-Fernsehen und im Kinderkanal sehen kann, ist diverser als Die drei ???, glaubwĂŒrdiger als TKKG und drehte schon eine Folge im großen Saal der Elbphilharmonie, als Til Schweiger und sein Tatort dort noch vor verschlossenen TĂŒren standen.

Gerade lĂ€uft der zweite Kinofilm der Bande, die ihr HQ in der Speicherstadt hat und in Actionszenen immer wieder ĂŒber die BrĂŒcke vor dem Maritimen Museum rennt. Ich hatte das besondere VergnĂŒgen, fĂŒr die Hamburg-Seiten der ZEIT nicht nur den neuen Film zu sehen, sondern auch mit Hilfe einer Pfefferkörner-Expertin einige SchauplĂ€tze in Speicherstadt und HafenCity zu besuchen.

Hier geht es zu meinen Beitrag zum Start der Herbstferien (fĂŒr Abonnent*innen der ZEIT und ihre Kinder).

Droht hier ein Angriff?

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Das ist die Helmut-Schmidt-UniversitÀt im Hamburg: Ein gepflegter Campus mit interessanter Architektur. In den GÀngen hÀngen Arbeiten von Warhol, Richter und anderen. Ach, und die Bibliothek ist auch ziemlich super!

In dieser Idylle ist jetzt ein Streit ausgebrochen. Denn die Uni, an der Zivilist*innen lehren und fast nur Soldat*innen lernen, soll zu einem militĂ€rischen Sicherheitsbereich gemacht werden. So will es das Verteidigungsministerium unter der amtierenden Ministerin Annegret Krampkarrenbauer. Dann gibt es auf dem bisher fĂŒr alle offenen Campus strenge Zugangskontrollen, die Wachleute werden bewaffnet sein und Schilder vor dem Waffeneinsatz warnen.

Etliche Wissenschaftler*innen sind damit nicht einverstanden — auch deshalb nicht, weil das Verteidigungsministerium sich bei der BegrĂŒndung der Notwendigkeit dieses Schrittes auf recht nebulöse AusfĂŒhrungen abstrakter GefĂ€hrdungslagen zurĂŒckzieht und kein Verantwortlicher ausfindig zu machen ist, der sich den ungeklĂ€rten Fragen stellt und die Entscheidung verteidigt (trust me, I’ve tried).

Die ganze Geschichte gibt es hier (fĂŒr Abonnent*innen der ZEIT).

Tanz den General Patton

Es gibt x-tausend BĂŒcher ĂŒber Krautrock, Punk in DĂŒsseldorf und Hamburg oder die AnfĂ€nge der Techno-Bewegung in Berlin (darunter einige sehr gute).

Aber eine der vielleicht interessantesten Phasen (west-) deutscher Popmusikproduktion ist meines Wissens intellektuell und historisch noch weitgehend unbearbeitet: der Schlager der mittleren 1950er- bis mittleren 1960er-Jahre.

Es geht hier um populĂ€re Musik vor der Durchsetzung der Popmusik im heutigen (engeren) Sinne. Und: um die komplizierte Gemengelage aus einer im  Wirtschaftswunder neu aufblĂŒhenden Kulturindustrie, der Erfindung der Jugend, der VerdrĂ€ngung von Kriegsschuld und Shoa, der GrĂŒndung eines neuen, demokratischen Staates sowie um die sogenannte Amerikanisierung, die vielleicht tatsĂ€chlich eine Art mentale Entnazifizierung zumindest der jungen Deutschen war? (Diese Idee bitte nachlesen bei Frank Apunkt Schneider.)

Allein, man mĂŒsste wohl mehr von tiefenpsychologischen Effekten der Massenkultur verstehen, um das Zeug sinnvoll deuten zu können. Dieser Song zum Beispiel: Mr. Patton aus Manhattan (erschienen 1957), die Eindeutschung von Bill Haleys See you later, alligator, mit einem Gaga-Text. Eine ganz platte, hedonistisch hohle Nummer.

Bis einem einfĂ€llt, dass General Patton 1944 die US-Armee gegen die deutschen Linien vorantrieb. Unter seinem Kommando wurde das KZ Buchenwald befreit, es soll seine Idee gewesen sein, deutsche BĂŒrger durchs KZ zu fĂŒhren, auf dass sie gezwungen sind, endlich hinzusehen.

Und das Manhattan Project entwickelte die Atombombe, die den amerikanischen Sieg im Zweiten Weltkrieg besiegelte.

Dass zehn Jahre spĂ€ter die Kinder der Nazis durch Tanzschuppen wirbelten, zu amerikanischer Musik und dem Text „Patton! … Manhattan! … Patton! … Manhattan!“, das ist doch bemerkenswert.

Diese BezĂŒge herzustellen, könnte natĂŒrlich eine brutale Überinterpretation sein. Aber es wĂŒrde sich vielleicht lohnen, das mal weiter zu durchdenken und dem nachzugehen. Hey, Ihr da draußen: Wer schreibt das erste interessante Buch ĂŒber den (west-) deutschen Nachkriegsschlager?

Vollautomatisiertes Luxusdings

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Die Partei DIE PARTEI wirbt in Hamburg mit dem Slogan »Vollautomatisierter Luxuskommunismus«. Ist das Satire? Wenn ja, was ist daran Satire?

Der Witz ist doch, dass genau diesen Slogan jemand neulich noch sehr ernst gemeint hat (und The Guardian, The Atlantic und ein, zwei andere, von denen man das nicht zwingend erwartet hÀtte, das sogar halbwegs plausibel und/oder anregend fanden).

Die These des »Fully Automated Luxury Communism«, wie sie der Brite Aaron Bastani formulierte, lautet grob gesagt, dass in Zukunft durch Automatisierung und technischen Fortschritt die Notwendigkeit menschlicher Arbeit geringer wird und dann enormer Überfluss an allem herrscht: an materiellen GĂŒtern, an Freizeit, …

(Dass wohl nicht viele Menschen Überfluss und MĂŒĂŸiggang mit Kommunismus zusammenbringen, ist entweder Ausweis des klĂ€glichen Scheiterns des real existierenden Sozialismus oder der Wirksamkeit anti-kommunistischen Denkens oder beides. Oder die Idee des FALC ist doch ein bisschen irrlichternd, das könnte natĂŒrlich ganz vielleicht auch sein.)

Man tut ihm vielleicht nicht Unrecht, wenn man behauptet: Ohne lustvolle Provokationen mit dem K-Wort hat die Idee schon der in Oxford arbeitende Philosoph Nick Bostrom vertreten. Wobei – bei ihm gab es zwei Optionen: Vollautomatisierter Luxuskommunismus oder vollautomatisiertes Worldwide-Gulag.