Corona: Post-demokratische Expertokratie? Nö.

»Ist die Politik je zuvor derart von der Wissenschaft – oder genauer: von Virologen und Epidemiologen – dominiert worden?«, fragen die Journalisten Martin Beglinger und Marc Tribelhorn den Geschichtswissenschaftler Caspar Hirschi.

Der antwortet:

Der Eindruck tĂ€uscht. Virologen und Epidemiologen haben gerade eine enorme PrĂ€senz in der Öffentlichkeit, aber das heißt noch nicht, dass sie die Politik beherrschen. Vielmehr haben gewiefte Politiker erkannt, dass ihre Beliebtheitswerte nach oben schnellen, wenn sie im Namen der Wissenschaft hart durchgreifen. Darum zeigen sie sich gerne mit Experten. […] Wenn Politiker wie Söder mehr auf Mediziner als auf Ökonomen oder PĂ€dagogen hören, so ist das ihre politische Entscheidung und Verantwortung. Man kann dafĂŒr nicht die Experten verantwortlich machen und schon gar nicht von einer Expertokratie sprechen. Kein Mediziner regiert!

Das ganze Interview ist auf der Website der NZZ kostenlos online lesbar.

YASO: Die Spuren eines SprĂŒhers in Ottensen

YASO, Große Rainstraße, Hamburg (April 2019)
YASO, Große Rainstraße, Hamburg (April 2019)

Manche Leute sagen, dass GerĂŒche eine besondere Kraft haben, Erinnerungen zu wecken. Oder Melodien, die man lange nicht mehr gehört hat. Das ist bestimmt alles wahr. Aber fĂŒr mich gibt es noch etwas, das Erinnerungen triggert: Straßenecken.

Mitte der Nullerjahre zog ich – eher widerwillig – nach Hamburg und fing hier ein Studium an. Auf der Reeperbahn standen damals noch Koberer (»Sssss-tehn geblieben, Freunde des Sexualsports!«). In Ottensen gab es noch Bunker und Brachland. Und fĂŒr das Geld, das man heute fĂŒr eine Eigentumswohnung zahlen muss, hĂ€tte man damals drei bekommen. OK, ich ĂŒbertreibe: zweieinhalb.

Es ist nicht lange her, aber einige Sachen sind unwiderbringlich verloren. Zum Beispiel Buchstaben, die auf WÀnden standen. Damals sind mir zwei Graffiti-Pieces aufgefallen, an denen ich fast tÀglich vorbeikam und die sich in mein GedÀchtnis eingebrannt haben.

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Was ist das Hamburger Abi wert?

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Das Titelthema der neuen Hamburg-Seiten der ZEIT ist #thenewnormal. Oder, ein bisschen gefĂ€lliger formuliert: »Hamburgs neues LebensgefĂŒhl«.

(In der Hansestadt und dem Umland gibt es die Hamburg-Seiten noch bis kommenden Mittwoch in der gedruckten ZEIT, ĂŒberall sonst digital: als PDF oder in der App) .

Weil aktuell — dem Virus und allen SchĂŒler*innenprotesten zum Trotz — das Abi geschrieben wird, habe ich eine Doppelseite beigesteuert, auf der ich sieben populĂ€re Abimythen einem Faktencheck unterziehe:

Wird das Abi wirklich immer leichter? Gibt es Noten heute geschenkt? Und ist das Abi in Bayern wirklich hÀrter als bei uns?

Spoiler: Die meisten dieser Mythen sind Quatsch. Aber nicht alle.

Jetzt im Handel. Support your local Kiosk! Alternativ: Kontaktlos online lesen hier (fĂŒr Abonnent*innen und solche, die es werden wollen).

Corona: Trump and the Virus

The pandamenic is an event in the natural history of our species, but it is also a political episode. Its trajectory is shaped by policy measures specific to particular governments. The fact that the United States is experiencing tremendous losses — that it has far more COVID-19 cases than any other country in the world — relates to a number of collective risk factors and preexisting conditions. The most notable one is to be found in the Oval Office. […]

The Administration, from its start, has waged war on science and expertise and on what Trump’s former adviser Steve Bannon called ‚the administrative state.‘ The results are all around us.

— David Remnick: The Politics of the Virus (The New Yorker, April 20, 2020)

Wie lĂ€uft das Homeschooling in Hamburg?

Die Corona-Krise verĂ€ndert alles, auch die Bedeutung unserer Worte. Zum Beispiel »Homeschooling«: Es ist nicht lange her, da war dieser Begriff christlichen Fundamentalisten in den USA vorbehalten. Leuten, die ihre Kinder von der Schule nehmen, um sie vor den Zumutungen von Sexualkunde und Evolutionstheorie zu bewahren. In Deutschland ist Homeschooling verboten, so steht es zum Beispiel im Hamburgischen Schulgesetz, Paragraf 37, Absatz 1: »Wer in der Freien und Hansestadt Hamburg seinen Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt hat, ist in Hamburg zum Schulbesuch verpflichtet.«

Dann kam das Coronavirus. Und plötzlich reden alle von Homeschooling, als wĂ€re klar, was damit ĂŒberhaupt gemeint ist. Halt irgendwas mit »zu Hause« und »Beschulung«, auch wenn das vor Kurzem noch unvereinbare GegensĂ€tze waren. Wir erleben gerade das wohl grĂ¶ĂŸte Bildungsexperiment in der Geschichte der Bundesrepublik, und sein Ausgang ist ungewiss.

Sechs Thesen dazu, was beim Corona-Fernunterricht in Hamburg funktioniert – und was besser werden muss: in meinem Text auf ZEIT ONLINE (fĂŒr Abonnent*innen und solche, die es werden wollen).

Corona: Scheiße, wir leben in einem Schundroman

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»Dies ist keine Zombie-Apokalypse«, sagte der Epidemiologe Larry Brilliant neulich ĂŒber Sars-CoV-2. Das war in einem Interview in der Wired, die SĂŒddeutsche griff das auf und verbreitete es weiter. Was dieser Tage halt so als gute Nachricht durchgeht. đŸ˜·

Die Zombie-Apokalypse ist, soweit ich weiß, eine Erfindung des Regisseurs George A. Romero. Mit seinem Horrorfilm Night of the Living Dead (den man kostenlos online sehen kann) prĂ€gte er 1968 die Figur des Zombies als infektiösem Untoten. Zombies hatte es im Kino auch vorher schon gegeben, in I Walked With A Zombie (1943) oder White Zombie (1932) mit Bela Lugosi, ein Film, der noch stark von einer StummfilmĂ€sthetik geprĂ€gt ist.

Aber in den beiden alten Filmen, die nicht zufĂ€llig in Haiti spielten, musste jeder Zombie noch individuell von einem Voodoo-Meister verhext werden. Eine MĂŒhsal! Romero brachte die Zombies in die USA und ließ sie epidemisch werden, mit ansteckenden Bissen.

Fun Fact: Dass Romero damit den bis heute gĂŒltigen Archetypen des Zombies schuf, war ihm selbst wohl nicht klar, jedenfalls ist in Night of the Living Dead, wenn ich mich recht entsinne, gar nicht von Zombies, sondern nur von »Ghouls« die Rede. (Ich habe hier ausfĂŒhrlicher ĂŒber die frĂŒhe Geschichte des Zombiefilms geschrieben.)

Jetzt lese ich World War Z (2006) von Max Brooks, einen Roman, der mir neulich empfohlen wurde, weil er von einer globalen Zombie-Pandemie erzÀhlt. SpÀter wurde er mit Brad Pitt in der Hauptrolle verfilmt, das sah so aus:

Wie ist das Buch? Nicht besonders gut, aber sehr interessant. Denn das Zombievirus in World War Z tritt erstmals in China auf, wird im Westen nicht ernst genommen, bricht dann in Europa aus. Seine Ausbreitung in den USA (die es in einem Wahljahr trifft) wird begĂŒnstigt durch einen inkompetenten PrĂ€sidenten, der das Wort »big« liebt (vor allem, wenn er von sich selbst redet) und der seinem Volk schamlos ins Gesicht lĂŒgt. Ach, und: Der erste Drink, den sich in diesem Buch jemand gönnt, ist »a corona«.

Larry Brilliant hat also sicher recht, Sars-CoV-2 ist keine Zombie-Apokalypse, aber die Zombie-Apokalypse, wie sie Max Brooks sich ausmalte, erinnert manchmal sehr an Sars-CoV-2. Viren, Zombies, am Ende sind das Details. Wir leben in einer Zeit, die von einem Schundroman vorhergesagt wurde. Und das ist nun wirklich einigermaßen deprimierend.

Neue Musik: Fatoni feat. Juse Ju, Mauli, Panikpanzer – Zuhause

Die Welt steht still. Die Popwelt auch. Keine Touren, womöglich auch keine Festivals im Sommer. Was soll man da machen, wenn nicht neue Musik? Undno, wow, was in den letzten drei Wochen schon an Songs erschienen ist!

ZuverlĂ€ssig gute Laune macht mir seit Tagen die Corona EP, die MNEK auf Instagram veröffentlicht hat – und bisher leider nur dort. Zum Beispiel Stay your ass indoors oder Quarantine. (Entdeckt habe ich MNEK in dieser Folge des Podcasts This American Life.)

Noch besser finde ich nur Zuhause von Fatoni feat. Juse Ju, Mauli und Panik Panzer. Es heißt, Musik drĂŒcke GefĂŒhle aus, speichere und triggere Erinnerungen. Wenn das stimmt, wird dieser Track mal eine wichtige historische Quelle werden. Das GefĂŒhl, zu Hause zu hocken und langsam durchzudrehen wird hier prĂ€zise beobachtet und gewissenhaft archiviert. Quasi The Shining im Corona-Remix. Noch lachen wir.