Afterhour: lästig

Ich bin einfach nicht so ein guter Profi-DJ. Wenn wir zum Beispiel unsere Dial-Abende in der Panorama Bar machen, spiele ich immer das Warm-up, weil ich gar nicht um fünf Uhr auflegen kann. Ich weiß gar nicht, wie das geht. Da kann ich überhaupt nicht wach sein […]. Einmal sollte ich dort am Sonntagmorgen um zehn Uhr spielen und ging logischerweise vorher schlafen. Als mein Wecker dann um siehen Uhr morgens klingelte, musste ich sofort denken, dass ich doch eigentlich DJ geworden bin, um genau das zu verhindern.

– Carsten Jost von Dial Records im Interview mit der Zeitschrift Groove (Ausgabe #165, März/April 2017)

Früher war schon immer alles besser

A.O. Scotts kleine Parade kulturpessimistischer Filmkritiker

Kritiker jeder Generation neigen dazu, den Zustand ihrer Gegenwart zu beklagen und die Vergangenheit zu glorifizieren: Das ist bekannt.

Schon vor rund zweieinhalbtausend Jahren, heißt es in dem Zusammenhang immer mal wieder, habe Sokrates über »die Jugend von heute« geklagt. Bloß: das stimmt gar nicht.

Also: Vergesst Sokrates! Aber verwerft die These noch nicht, bloß weil sie sich mit Sokrates nicht belegen lässt.

Neue Munition für Kulturkritikerkritiker liefert A.O. Scott. Er ist Filmkritiker der New York Times und schreibt in seinem diese Woche in deutscher Übersetzung veröffentlichten Buch Kritik üben über die Nostalgie einiger Filmkritiker:

In fast jedem Jahrzehnt der Geschichte des Films hat man entdeckt – hat man angenommen -, dass die Kunstform in eine Phase nicht mehr zu unterbietender Minderwertigkeit eingetreten sei […]: James Agee 1941, Manny Farber 1962, Pauline Kael 1979, David Denbie 2012.

Der Kritiker James Agee schrieb seinen Abgesang auf das Gegenwartskino in einer Zeit, die heute als Blüte des klassischen Hollywood-Kinos gilt (Viktor Fleming: Vom Winde verweht, Orson Welles: Citizen Kane), Manny Farber in den Jahren der Nouvelle Vague (Jean-Luc Godard: Außer Atem, Francois Truffaut:  Jules und Jim), Pauline Kael zum Höhepunkt von New Hollywood (Steven Spielberg: Der Weiße Hai, George Lucas: Star Wars).

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Computer vs. Menschen: Poker

Die nächste Entwicklungsstufe der Künstlichen Intelligenz

Wie intelligent sind Computer heute schon? Wie intelligent können sie noch werden? Wird das womöglich ein Problem für uns? Um diese Fragen geht es in Superintelligenz, einem Buch des Oxforder Philosophen Nick Bostrom.

Aus meiner Rezension des Buches für Spiegel Online:

Ende der Siebzigerjahre schlägt zum ersten Mal ein Computer einen Menschen in einem Intelligenzwettbewerb. Die Software »BKG« siegt gegen den amtierenden Weltmeister in Backgammon. Vielleicht hatte der Computer bloß Glück, räumt sein Erfinder ein. Anderthalb Jahrzehnte später gibt es mit »TD-Gammon« jedoch bereits ein Programm, das aus Spielen gegen sich selbst dazulernt und heute »die besten menschlichen Spieler weit hinter sich gelassen« hat, wie Nick Bostrom schreibt. Im Poker schwächeln die Künstlichen Intelligenzen (KI) zwar noch, und im Erfinden von Witzen sind sie lausig. Doch auch in Dame, Schach, Scrabble und der Quizshow »Jeopardy« haben sie inzwischen ein »übermenschliches« Niveau erreicht, so Bostrom.

Doch, ha!, das war der Stand von 2014. Heute ist auch Poker nicht mehr sicher. Denn Wissenschaftlern ist es inzwischen gelungen, ein KI-Programm zu schreiben, das (menschliche) Poker-Profis geschlagen hat.

Die Zeitschrift Bloomberg Businesweek meldet in der Ausgabe von vergangener Woche (ich finde den Artikel leider nicht online), dass das kommerzielle Online-Poker bis auf Weiteres jedoch sicher sei. Die allgemein verfügbare Hardware reiche nicht aus, um entsprechende KIs zu betreiben.

In dem Artikel wird ein Poker-Spieler mit den Worten zitiert, er sei sich sicher, dass er online schon gegen Bots gespielt habe, die aber immer leicht zu schlagen gewesen seien. Wie beruhigend.

Überhaupt scheint im Moment weniger die Intelligenz von Computern zum Problem zu werden als die Intelligenz von Menschen.

Der Darling zweier Diktaturen

Die Universität Greifswald verabschiedet sich von ihrem Namensgeber Ernst Moritz Arndt, den die Nazis und die SED schätzten

Seit Anfang des Jahres heißt die Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald nur noch Universität Greifswald. Das gab die Uni am 18. Januar 2017 bekannt (hier die Pressemitteilung). Sie folgt damit einem Beschluss des Akademischen Senats.

Und jetzt? Gibt’s Stress. Beobachter schreiben von einem Shitstorm (etwa hier), die Universitätsleitung zeigt sich »besorgt, in welchem Ausmaß und in welcher Form in der Diskussion um die Änderung des Universitätsnamens Fakten entstellt, falsch wiedergegeben und ignoriert werden.«

Dabei kann die Umbenennung eigentlich niemanden überrascht haben. Seit Jahren ist darüber diskutiert worden. Bereits im März 2010 war zudem über eine Streichung des Namensgebers abgestimmt worden, damals kam die dafür notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit nicht zustande (hier ein Informationstext der Uni zum damaligen Beschluss).

Who the fuck is Arndt? Eben. Ein Schriftsteller, leidenschaftlicher Gegner Napoleons und Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, soviel dürfte unbestritten sein. Bei allem weiteren wird’s schon heikel.

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Europa rüstet sich ein

Ein Fotobuch zeigt, wie der Kontinent sich vor dem Klimawandel schützt

Auf kein Fotobuch freue ich mich im Moment so sehr wie auf State of Nature von Claudius Schulze, das zeigt, wie sehr Schutzbauten, die Naturkatastrophen abwehren sollen, zum Bestandteil europäischer Landschaften geworden sind.

Claudius zeigt in seinem Buch Küsten und Alpenpanoramen. Immer mit im Blick: Deiche, Dämme, Wehre, Lawinenverbauungen (im Foto oben ist der Strand der britischen Stadt Folkstone zu sehen). Das ist die Landschaftsfotografie des sich selbst gewahr werdenden Anthropozäns. Das sind Fotos, die nur auf den ersten Blick idyllisch wirken. Sie zeigen, wie sich Europa einrüstet gegen den Klimawandel, während der Rest der Welt absäuft

Ich bin voreingenommen, weil ich für dieses Buch ein Essay geschrieben habe (über Landlust und Battle-Rap, über das Malerische und seine Verlogenheit) – und weil Claudius, der ein Freund von mir ist, seit fünf Jahren an diesem Projekt arbeitet und wir in dieser Zeit immer wieder intensiv über State of Nature diskutiert haben.

Von einem »ambitious, important project« schreibt jedoch auch das Online-Magazin für Fotografie LensCulture schreibt und urteilt:

We’ve seen a prototype of the book, and it is impressive. It elevates the idea of disaster management to a whole new level.

Um den Druck seines Buches zu finanzieren (leider ist es offenbar so, dass Buchverlage auf teilweise erhebliche Druckkostenbeteiligungen der Fotografen bestehen, nicht nur kleine Liebhaberverlage, selbst der deutsche Marktführer handhabt das so) hat Claudius eine Website bei Kickstarter eingerichtet, auf der man sein Buch und Fotoabzüge vorbestellen oder für sein Projekt spenden kann.

Bei Kickstarter gibt es auch weitere Fotos und Informationen zum Buch. Klicken Sie dafür hier.