Über Ben Lerner und die Autofiktion

Wovon wir reden, wenn wir über »ich« reden

»Ich« schreiben, mehr als »ich« meinen:

Some have complained that [Ben] Lerner only writes about one thing — himself — but this is imprecise: In these novels, introspection is a means, not an end. He treats the self like an archive of social data from which it is possible to construct a larger story about our times.

Im selben Text im NYT Magazine über den Schriftsteller Ben Lerner gibt es auch interessante Anmerkungen zur Frage, worüber ein privilegierter weißer Mann schreiben soll/kann/darf: a) Die ganze Welt b) ausschließlich sich selbst c) irgendetwas dazwischen?

Hier gibt’s den Text kostenlos online.

Gender Studies im Urlaub

Deutsche Frauen am Hotelpool erkennt man zuverlässig an den orange leuchtenden Stickern auf ihren dicken, düsteren Taschenbüchern: »Spiegel Bestseller«.

Deutsche Männer am Hotelpool lesen nicht, oder nur auf dem Handy. Sie sind schwieriger zu identifizieren, vorrangig über ihre Nähe zu den deutschen Frauen.

 

Kaiser sein hilft auch nicht

Kaiser Wilhelm II. als tragische Wurst & Ahnherr der toxischen Männlichkeit:

In Wirklichkeit war er ein weichlicher Mann von nervöser Reizbarkeit […]. Gleichwohl war das Erscheinungsbild, das er glaubte, von sich vermitteln zu müssen, das des obersten Kriegsherrn, des Inbegriffs von Maskulinität, Härte und patriarchalischer Entschlossenheit. Und dennoch, obgleich er Regierung und Verwaltung in Deutschland in einem nie dagewesenen Ausmaß zentralisierte und sieben Kinder zeugte, schien er weder in seiner Herrscher – noch in seiner Vaterrolle die große Erfüllung gefunden zu haben.

aus: Modris Eksteins, Tanz über Gräben: Die Geburt der Moderne und der Erste Weltkrieg, Reinbek: Rowohlt 1990.

Wickeln mit Stoffwindeln

Ich habe das für DIE ZEIT ausprobiert. Ja, war eklig. Aber nicht nur.

Augenringe, Bartschatten, Schlagschatten, richtig scharf ist das Foto auch nicht, aber, hey, ich hab mal wieder was geschrieben!

Ab heute in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE: Eine ganze Seite über Scheiße. Und darüber, wie man sie möglichst ökologisch wieder loswird. Sorry, aber das sind so die Themen, wenn man Tag und Nacht ein Baby betüdelt.

Danke an alle, die mich beim journalistischen Wickeln-mit-Stoffwindeln-Selbstversuch begleitet haben, nicht zuletzt Wickelversum & Einfach Stoffwindeln.

Und Respekt an die Damen und Herren in der Bildredaktion der ZEIT, die dieses charmante Foto mit Baby-Bauarbeiterdekolletée ausgegraben haben.

Jetzt am Kiosk, hier online (Paywall) oder Aboaboabo.

Sonntagmorgens in Harlem

… haben alle ihre besten Klamotten an, die Hipster und die Frommen.

Eine meiner Lieblingspopsongzeilen stammt aus Harlem, dem – wie mir strenge, popbeflissene Freunde einreden – mit seinen Streichern vielleicht etwas zu kitschig instrumentierten, ansonsten aber ganz fantastischen Song von Bill Withers aus dem Jahr 1971 (man kann ihn hier auf YouTube nachhören).

Bill Withers beschreibt dort das Leben in Harlem zu einer Zeit, als sich noch keine früheren US-Präsidenten mit ihren Büros in dem Stadtviertel niederließen, als es noch nicht mal Starbucks-Filialen gab, dafür herzlose Vermieter, betrügerische Prediger, viel Armut und jeden Sonntagmorgen ein besonderes Spektakel:

Sunday morning here in Harlem
now everybody’s all dressed up
the hip folks are getting home from the party
and the good folks just got up.

Das ist das vielleicht beste Beispiel für Hemingways Eisbergmodell, das ich kenne: Gerade mal 26 Worte, die ein Bild entstehen lassen, das ich nicht mehr vergessen konnte.

26 Worte, die eine ganze Welt entstehen lassen. Man ahnt, welche Konflikte es hier gibt. Zwischen Nachbarn, aber auch in Familien, zwischen den Eltern (good folks), die noch ihrer Südstaaten-Frömmigkeit anhängen und den Kindern (hip folks), die darauf bestehen, dass es in der Großstadt doch gerade nicht darum geht, seine ländlichen Traditionen zu pflegen, sondern ums Sich-neu-erfinden.

Dass man Sonntagmorgens seine besten Kleider trägt, darauf können sie sich immerhin noch einigen.

Aber … es ist eine Popsongzeile. Und man tut in der Regel gut daran, die nicht zu wörtlich zu nehmen. Denn auch im Pop geht es ums Sich-neu-erfinden.

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Heimliche Profiteure des Feminismus

Spoiler: Es sind die Männer

Männer sterben in Deutschland im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen. Dazu schreibt heute Paula Lochte in der FAS:

Das hat weniger genetische Ursachen als gesellschaftliche. Mehr als 75 Prozent der Geschlechterunterschiede in der Lebenserwartung sind auf nichtbiologische Faktoren zurückzuführen, hat der Demograph Marc Luy errechnet. Auf dieser Erkenntnis baut eine jüngst veröffentlichte Studie des Robert-Koch-Institutes und der Universität Bielefeld auf. „Männer sterben durch ihr Verhalten früher: Rauchen, Alkoholkonsum, schlechtes Essen und riskante Manöver im Straßenverkehr“, zählt Petra Kolip auf, die als Professorin für Prävention und Gesundheitsförderung an der Studie beteiligt war.

Demnach leben Männer — das habe eine zweite Studie gezeigt — dort länger (und ähnlich lange wie Frauen), wo größere Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herrscht.

Hier geht’s zum Text.
 

Klimastreik in der kleinen Stadt

Alles eine Frage der Relation!

Es sind nicht so viele Menschen wie in Berlin oder Hamburg, aber auch hier genug, um ganze Straßenzüge zu füllen: Die heutige Klima-Demo in Goslar.

(500 Leute sollen es nach Angaben der Lokalzeitung gewesen sein.)