»What Should Merkel Do Next?«

Eine Umfrage der britischen Zeitschrift Monocle und meine Antwort

Der »Anführerin der freien Welt« unverlangte Ratschläge erteilen: Wer könnte der Einladung dazu widerstehen, wenn sie von einem britischen Journalisten mit posh accent an einen herangetragen wird? Ich nicht.

In der neuen Ausgabe der Zeitschrift Monocle (Nr. 102, Spring/Summer 2017) beantwortete ich deshalb – ebenso wie Ai Weiwei, Yanis Varoufakis, Wolfgang Tillmans und einige andere – die Frage »What Should Merkel Do Next?«. (Ein Klick auf die Fotos führt zu einer größeren Ansicht.)

Ich folge dabei den Erkenntnissen von Was geschah wirklich?, einem Artikel der Zeit aus dem vergangenen Jahr. Mich nervt die immer wieder geäußerte Behauptung, Angela Merkel habe im Sommer 2015 übertrieben moralisch gehandelt oder gar einen lange gehegten demographischen Plan umgesetzt. Bollocks!

Ob es politisch klug wäre, wenn die wegen ihrer Bemühung des Begriffs der »Alternativlosigkeit« oft gescholtene Kanzlerin diesen Begriff nun wieder ins Spiel brächte? Möglicherweise nicht. Aber zum Glück kann ich mich darauf verlassen, dass unverlangte Ratschläge ohnehin selten erhört werden.

Re: Welche Reportagen kann man heute noch schreiben?

Andererseits:

Die besten Geschichten sind so gut wie nie völlig neue Geschichten; sie sind nur neu erzählt. Beim Schreiben ist der offizielle Anlass fast nichts. Aber was man daraus macht fast alles.

– Constantin Seibt: Deadline. Zürich: Kein & Aber, 2013: 45. (Klick)

Writing about yourself vs. writing about others

What’s difficult is that when one writes about oneself, one is obligated to write about other people. And there, as much as one has the right to write absolutely whatever one wants about the self — and once again, for me, that’s not very difficult — to write about others is an enormous problem. The sincerity that you can exhibit with yourself, you have no right to inflict on anyone else.

– Emmanuel Carrère, talking to Wyatt Mason of the New York Times Magazine for the article How Emmanuel Carrère Reinvented Nonfiction.

Welche Reportagen kann man heute noch schreiben?

Keine mehr über Kreuzfahrten, Truppenunterhalter und Reisen mit Papa

Eine Umfrage in der amerikanischen Literaturzeitschrift Granta (»The Magazine of New Writing«): »Is Travel Writing Dead?«

Das passt zur Diskussion, die ich immer wieder mal mit anderen Magazinjournalisten führe (vornehmlich dann, wenn wir zwei Bier zuviel getrunken haben): Welche Reportagen kann man heute noch schreiben? Welche nicht mehr?

Oder konkreter: Gibt es Themen, an die man sich heute nicht mehr rantrauen sollte? An denen man sich nicht mehr abarbeiten braucht? Weil sie in der Vergangenheit bereits meisterhaft behandelt wurden?

Es sind Fragen, die Nachrichten- und Zeitungsjournalisten vermutlich seltsam finden: Die schreiben nämlich einfach, was Nachrichtenwert hat, und fertig (na ja, wenn das mit dem Nachrichtenwert mal so einfach wäre).

Aber gilt für lange Magazinstücke nicht ein anderer Anspruch an Originalität? Müssen die nicht etwas über unsere Zeit aussagen, in dem Sinne, wie man heute jedem, der etwas über die sechziger Jahre erfahren möchte, als erstes die Reportagen von Joan Didion und Tom Wolfe empfiehlt?

Ich sympathisiere mit Geoff Dyers Antwort auf die Frage der Granta-Redaktion:

Any successful travel book should involve some kind of departure from previously visited ideas of the travel book.

Ähnliches gilt für Reisereportagen (und vermutlich auch für Reportagen überhaupt): Bestimmte Stoffe sind so auserzählt, dass man schon radikal neue Ansätze finden müsste, um dem bestehenden Korpus an Texten noch etwas hinzufügen zu können.

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Afterhour: lästig

Ich bin einfach nicht so ein guter Profi-DJ. Wenn wir zum Beispiel unsere Dial-Abende in der Panorama Bar machen, spiele ich immer das Warm-up, weil ich gar nicht um fünf Uhr auflegen kann. Ich weiß gar nicht, wie das geht. Da kann ich überhaupt nicht wach sein […]. Einmal sollte ich dort am Sonntagmorgen um zehn Uhr spielen und ging logischerweise vorher schlafen. Als mein Wecker dann um siehen Uhr morgens klingelte, musste ich sofort denken, dass ich doch eigentlich DJ geworden bin, um genau das zu verhindern.

– Carsten Jost von Dial Records im Interview mit der Zeitschrift Groove (Ausgabe #165, März/April 2017)

Früher war schon immer alles besser

A.O. Scotts kleine Parade kulturpessimistischer Filmkritiker

Kritiker jeder Generation neigen dazu, den Zustand ihrer Gegenwart zu beklagen und die Vergangenheit zu glorifizieren: Das ist bekannt.

Schon vor rund zweieinhalbtausend Jahren, heißt es in dem Zusammenhang immer mal wieder, habe Sokrates über »die Jugend von heute« geklagt. Bloß: das stimmt gar nicht.

Also: Vergesst Sokrates! Aber verwerft die These noch nicht, bloß weil sie sich mit Sokrates nicht belegen lässt.

Neue Munition für Kulturkritikerkritiker liefert A.O. Scott. Er ist Filmkritiker der New York Times und schreibt in seinem diese Woche in deutscher Übersetzung veröffentlichten Buch Kritik üben über die Nostalgie einiger Filmkritiker:

In fast jedem Jahrzehnt der Geschichte des Films hat man entdeckt – hat man angenommen -, dass die Kunstform in eine Phase nicht mehr zu unterbietender Minderwertigkeit eingetreten sei […]: James Agee 1941, Manny Farber 1962, Pauline Kael 1979, David Denbie 2012.

Der Kritiker James Agee schrieb seinen Abgesang auf das Gegenwartskino in einer Zeit, die heute als Blüte des klassischen Hollywood-Kinos gilt (Viktor Fleming: Vom Winde verweht, Orson Welles: Citizen Kane), Manny Farber in den Jahren der Nouvelle Vague (Jean-Luc Godard: Außer Atem, Francois Truffaut:  Jules und Jim), Pauline Kael zum Höhepunkt von New Hollywood (Steven Spielberg: Der Weiße Hai, George Lucas: Star Wars).

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