Eine Galerist zeigt Kunst, die er auf eBay gekauft hat

Der New Yorker Galerist Mitchell Algus zeigt in seiner Ausstellung Acquired on eBay (and from other surrogate sources) historische Arbeiten zumeist vergessener Künstler*innen, die er – genau! – auf eBay gekauft hat.

Wer es dieses Wochenende nach New York schafft, kann sich die Ausstellung noch ansehen, alle anderen können sich – wie ich – aus der Ferne über diese hübsche Idee freuen, der ich einige Zeilen drüben bei piqd widme.

Post-apokalyptische Landschaftsbilder

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In Australien brennt der Wald, im Amazonas, in Kalifonien — und im Harz sahen die Baumkronen im letzten Sommer auch nicht überall gut aus. 🔥

Es passt also, dass der Künstler Andreas Greiner als Kaiserring-Stipendiat gerade eine Etage im Goslarer Mönchehaus Museum mit Bildern post-apokalyptischer Wälder bespielt. Zumal die Brände (und die verdorrten Fichten auf den Bergkämmen) ja nur Symptom des Artensterbens sind, für das es abseits der Pressefotos von Feuerwalzen noch kaum eindringliche Bilder gibt.

Wie macht man Biodiversitätsverlust sichtbar? Greiner versucht es so: Er füttert eine KI mit Fotos europäischer Urwälder und lässt die Software neue Waldbilder kreieren. So sieht eine Zukunft aus, in der Wälder nur noch im Computer wachsen: irgendwie falsch. Ein zweiter Ansatz: Greiner zerlegt einen Mischwald in seine pflanzlichen Einzelteile, Farne, Gräser, Setzlinge, die künstlich bewässert in Plastiksäcken wie auf einer Raumstation wachsen. Man sieht bei ihm nicht das Sterben, aber dafür sieht man, was in absehbarer Zeit verloren gegangen sein könnte.

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Man kommt nicht alle Tage nach Goslar, aber die Ausstellung Signs of Life (noch bis 26. Januar) ist sehenswert. Auch, weil Greiner die Räumlichkeiten dieses Museums im Fachwerkhaus ziemlich smart nutzt: Die niedrigen Decken und sichtbaren Balken wirken zusammen mit den nun greenscreengrün gestrichenen Wänden wie ein Studio — der perfekte Rahmen für diese deprimierenden Simulationen.

Warum kaputte Kunst manchmal mehr wert ist als heile Kunst

Ein Bild von Banksy hat sich selbstzerstört, kurz nachdem es für eine Million Pfund versteigert worden war (Video). Spekulationen zufolge war das als Stellungnahme des anonymen Künstlers gegen die Kommerzialisierung der Kunst zu verstehen. Anderen Spekulationen zufolge ist das zerstörte Bild jetzt nur noch mehr wert.

Mich erinnerte das an ein Interview, das meine Kollegin Martina Kix fĂĽr ZEIT CAMPUS mit dem Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich fĂĽhrte:

ZEIT CAMPUS: […] Der amerikanische KĂĽnstler Richard Prince hat Instagram-Bilder anderer Leute ausgedruckt und ausgestellt. Wann wird ein Selfie Kunst?

Ullrich: Wichtig ist, dass Richard Prince nicht behauptet, er würde auf Instagram Kunstwerke entdecken, die bisher übersehen worden sind. Er hat früher Kaufhauskataloge und Werbeplakate abfotografiert und die Fotos ins Museum gehängt. Heute macht er dasselbe mit Instagram-Selfies. Seine Arbeit ist vergleichbar mit einem Taufakt. Dinge, die an sich als banal gelten, erhebt er zur Kunst. Es geht ihm um die Geste. Und um die Fragen: Wie viel Macht hat ein Künstler? Ist alles Kunst, was ein Künstler dazu erklärt? Macht der Kunstbetrieb das mit oder nicht?

ZEIT CAMPUS: Der Kunstbetrieb macht mit: Die Bilder wurden fĂĽr viel Geld verkauft.

Ullrich: Ja, und das Spannende ist, dass Richard Prince sein Spiel noch weitertreibt. Ein Foto, das er aus dem Instagram-Account von Ivanka Trump genommen und zur Kunst erklärt hatte, hat er fĂĽr 36.000 Dollar verkauft – an Ivanka Trump. Als ihr Vater Donald Präsident wurde, hat er das Bild jedoch wieder zur Nicht-Kunst erklärt. Er twitterte: „This is not my work. I did not make it. I deny. I denounce. This fake art.“

ZEIT CAMPUS: Und jetzt?

Ullrich: Jetzt ist die Frage, ob der Kunstbetrieb das akzeptiert. Ich habe mit Mitarbeitern eines renommierten Auktionshauses gesprochen und sie gefragt, ob sie das Bild noch annehmen wĂĽrden. Sie sagten: „NatĂĽrlich. Und es wird teurer sein als alle anderen aus der Serie.“ Das zeigt die Grenzen der Macht des KĂĽnstlers.

Merke: Bilder, die durch ihre Geschichte einzigartig werden (Andreas Reckwitz würde sagen: die singularisiert werden), verkaufen sich besser. Immer.  Selbst wenn sie vom Künstler widerrufen oder zerstört wurden. Und nirgendwo weiß man das besser als in Auktionshäusern.

Das ganze Gespräch mit Wolfgang Ullrich: hier nachlesen.

Was später mal aus den Toys wird

Ich mochte Boom for Real, die Basquiat-Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt Anfang des Jahres. Die Gemälde Basquiats aus der Nähe zu sehen war #nice. Noch interessanter fand ich aber ein oder zwei eher unauffällige Schwarz-Weiß-Fotos im ersten Teil der Ausstellung.

Es ging dort um die späten 1970er-Jahre, jene Zeit, in der Basquiat erstmals (verdeckt) in Erscheinung trat und zusammen mit seinem Kumpel Al Diaz in SoHo die heute berĂĽhmten SAMO-Tags hinterlieĂź. Vielleicht ein Dutzend Fotos dokumentierten diese Tags. Und auf zweien davon hatte jemand die Arbeit von SAMO kommentiert. Mit dem daneben geschriebenen Vermerk: „Toy“.

Vieles am Werdegang von Basquiat ist ungewöhnlich, aber dieses Detail ist mir in besonderer Erinnerung geblieben: Der Typ, der wenige Jahre später mit Andy Warhol rumhing und als Shooting Star der New Yorker Kunstszene gefeiert wurde, der noch mal wenige Jahre später mit seinen Werken unfassbare Summen bei Auktionen aufrief und der noch mal wenige Jahre später in der Schirn angekĂĽndigt wird mit den Worten, er sei „einer der bedeutendsten KĂĽnstler des 20. Jahrhunderts“ — dieser Typ wurde, als er mit der Kunst anfing, als „Toy“ bezeichnet.

Ich weiĂź nicht, ob KAMO, der oder die in meiner Nachbarschaft in Hamburg-Bahrenfeld ein paar Wände besprĂĽht hat, eine ähnliche Laufbahn bevorsteht wie SAMO. Vermutlich nicht. Aber dass schon ganz andere als „Toy“ beschimpft wurden, das stimmt KAMO vielleicht versöhnlich.

Wann ist ein Meme ein Meme?

Etwa ab 2014, vor allem aber in den beiden Folgejahren, tauchten in Hamburg, Berlin und anderen deutschen Städten Sticker auf, die alle sehr ähnlich gestaltet waren: An Ampelpfosten und auf Bauzäunen klebten schwarze Quadrate, auf die mit weißer, serifenloser Schrift in der Regel sechs Buchstaben in zwei Zeilen gedruckt waren, eingefasst in einem roten Balken oben und einem roten Balken unten: »FCK SPD«, »FCK NZS«, »FCK CPS«.

Anfangs war es leicht, die Bedeutung dieser minimal variierten Schriftzüge zu entschlüsseln. »FCK SPD« steht für »Fuck SPD« und wurde zum Emblem des Protests gegen die Flüchtlingspolitik des Hamburger SPD-Senats. Ähnlich zu verstehen sind »FCK NZS« (»Fuck Nazis«), »FCK CPS« (»Fuck Cops«), »FCK PGDA« (»Fuck Pediga«), usw.

Schwieriger bis gar nicht zu beantworten war die Frage, wieso diese Sticker sich in ihrer Gestaltung ausgerechnet am Logo der New Yorker Rap-Gruppe Run-DMC orientierten, und warum die Ausbreitung in kurzem Zeitraum stark zugenommen hatte. Run-DMC hatten sich im Jahr 2002 aufgelöst, es standen auch keine Jubiläen oder Neuveröffentlichungen an, die das plötzliche Wiederaufkommen des Bandlogos erklärt hätten.

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Gewalt gegen Frauen zum SpaĂź

Video: American Reflexxx von Signe Pierce (Darstellerin) und Alli Coates (Kamera), Myrtle Beach, 2013

Ich war in Leipzig und habe dort Kunst gesehen, die mir Angst macht. Die Videoarbeit der Künstlerinnen Signe Pierce und Alli Coates heißt American Reflexxx, ist bereits 2013 entstanden und wird gerade in Virtual Normality gezeigt, einer Ausstellung, die sich mit – roughly – Weiblichkeit, Sexualität, Intimität, Öffentlichkeit und Adoleszenz im Zeitalter der Sozialen Medien befasst.

Viele der Arbeiten in der Schau, etwa die Fotos von Arvida Byström oder Leah Schrager, arbeiten sich an Instagram ab. Sie sind didaktisch und interventionistisch und leider auch ein bisschen lame.

Man erfährt dort zum Beispiel, dass Instagram sexistisch ist. Instagram ist sexistisch in seinen Regeln. Und Instagram ist zusätzlich sexistisch in der Anwendung dieser Regeln. Frauen können nicht nur leichter gegen die Community Guidelines verstoßen (etwa weil männliche Brustwarzen auf Fotos erlaubt sind, weibliche aber nicht), sie werden offenbar auch schneller dafür abgestraft (anekdotisch: männliche Körperbehaarung wurde wiederholt akzeptiert, eine wuchernde Bikini-Zone führte hingegen zur Löschung des Fotos und zur Sperrung des Accounts).

Das ist nicht cool (und ehrlich gesagt finde ich erstaunlich, dass sich Instagram trotz dieser Tatsache so großer Beliebtheit erfreut), aber auf die Gefahr hin, dass ich wie mein eigener Großvater klinge: Instagram gehört uns nicht, Instagram gehört Mark Zuckerberg. Ein Leben ohne Instagram ist möglich. Es ist vielleicht sogar sinnvoll. Meldet euch alle ab, dann ist das Problem gegessen und Zuckerberg verdient ein bisschen weniger Geld mit euch.

American Reflexxx (oben eingebettet als YouTube-Video) ist hingegen eine Arbeit, die mich berührt und schockiert hat. Auch diese Arbeit ist eine Intervention, aber nicht im Mikrokosmos eines einzelnen Sozialen Mediums und seiner verlogenen Community Guidelines, nicht in einer privatisierten Suböffentlichkeit, sondern im (analogen) öffentlichen Raum, im kleinstädtischen Alltag, quasi in »der Gesellschaft«.

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