Werner BĂĽttner im Musicaltheater

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Alles am Disney-Musical Die Eiskönigin ist darauf angelegt, das Publikum zu überwältigen: die Kostüme, die Musik, die Kulisse (die kaum zur Ruhe kommt, weil sich das Bühnenbild ständig verwandelt) und natürlich auch die Magie.

Doch als ich mir das Stück neulich ansah (in der Nachmittagsvorführung am Wochenende, allein unter achtjährigen Mädchen in eisblauen Prinzessinenkleidern und ihren Familien), hatte ich den krassesten »Wow!«-Moment in der Pause.

Da schlenderte ich ziellos im Theater an der Elbe umher, schaute mal ins Foyer im Obergeschoss und … »warte mal, spinn‘ ich?« Da hing tatsächlich ein groĂźformatiges Original des Malers Werner BĂĽttner!

Etwas versteckt zwar, aber unverkennbar. Dieses Motiv habe ich neulich noch in seiner Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle gesehen, über die ich hier geschrieben habe. Titel des Gemäldes: »Die Avantgarde von hinten«.

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Zu Besuch in der Superheldinnen-WG

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Comicfestival

Die Zeichnerin Marijpol hat sich für ihren Comic Hort die WG dreier Superheldinnen ausgedacht: Petra ist eine Bodybuilderin, Ulla eine Riesin und Denise experimentiert mit Körpermodifikationen (da, wo bei anderen Arme und Beine sind, ragen bei ihr lebende Schlangen aus Hosenbeinen und Ärmeln).

Allerdings sind es drei Superheldinnen, die nicht Verbrecher jagen, sondern versuchen, mit ihrem Alltag klarzukommen, eine ungleich schwierigere Aufgabe.

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Berlin? Nein, wie provinziell! (sagt Chris Dercon)

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Der Kurator und Kulturmanager Chris Dercon war nach FĂĽhrungsjobs am MoMA PS1 in New York, dem Haus der Kunst in MĂĽnchen und der Tate Modern in London von 2017 bis 2018 Intendant der Berliner VolksbĂĽhne.

Er wurde dort nicht sehr herzlich empfangen und hat sich in Berlin nicht nur Freunde gemacht. Eine beispielhafte, bittere Bilanz zog Susanne Burkhardt fĂĽr den Deutschlandfunk.

Dennoch blicke er »ohne Rachegedanken zurück auf Berlin« (interessante Formulierung: »Rachegedanken«? Muss man fürchten, dass geschasste Intendanten irgendwann zurückkommen um die Stadt abzubrennen?).

Also – sagt er zumindest im Interview mit dem Monsieur Magazin. Und dann sagt er noch ein paar Sachen über Berlin.

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F&D Cartier: »The Never Taken Images«

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Wait and See. The Never Taken Images ist der Name einer Arbeit des Künstlerpaars F&D Cartier, die gerade im Museum für Kunst & Gewerbe Hamburg zu sehen ist. 1998 begannen die beiden, alte Fotopapiere zu sammeln — ahnend, dass es sich dabei um Restbestände einer aussterbenden Kunst handelt — und diese als Wandcollagen auszustellen.

Inzwischen haben F&D Cartier tausend Fotopapiere angehäuft, sagen sie, von Herstellern aus 13 verschiedenen Ländern, das älteste davon stamme noch aus dem 19. Jahrhundert.

Die Papiere sind abgelaufen, für Fotoabzüge also nicht mehr zu gebrauchen. Wenn aber Licht auf sie fällt, beginnen die Chemikalien noch zu arbeiten. Je nach Geheimrezeptur der Hersteller nehmen die Papiere dann eine andere Farbe an. Es handelt sich ausschließlich um Papiere für Schwarzweißfotografie, doch im Museum für Kunst & Gewerbe leuchteten sie am vergangenen Donnerstag in Apricot, Violetttönen, Himmelgrau und metallischem Minzgrün.

Als F&D Cartier die Arbeit am Vortag aufhängten, waren die Papiere noch weiß, erzählen sie, das farbige Muster an der Wand ist also zumindest zum Teil ein Zufallsprodukt. Die Formate werden nicht beschnitten, betont das Künstlerpaar, die Papiere nicht bearbeitet. »Wir machen nichts weiter, als sie aus der Verpackung zu nehmen«, sagt Daniel Cartier.

Während der Dauer der Hängung — zu sehen ist die Arbeit noch bis 30. Oktober in der Ausstellung Mining Photography. Der ökologische Fußabdruck der Bildproduktion — dunkeln die Papiere weiter nach, würden aber nie ganz schwarz werden, sagt Françoise Cartier.

Eine erstaunliche Entdeckung. Ich erinnere mich an zwei oder drei Abende in der Dunkelkammer der Volkshochschule (und vor allem an die hässlichen gelben Flecken, die die Entwicklerlösung in meinen Klamotten hinterließ), aber die poetische Qualität der Fotopapiere war mir nicht bekannt.

Gegen BlĂĽmchensex

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Viel Aufhebens wird gerade um die Idee gemacht, man könne – nein, müsse! – Tiere, Pflanzen und andere Teile der Natur zu ihrem Recht kommen lassen. Zum Beispiel, indem man ihnen einklagbare Rechte zuspricht oder ihnen parlamentarische Vertretung verschafft.

Diese Ideen sind faszinierend, weil sie das Unwahrscheinliche vorschlagen und so völlig spekulativ sind. Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass sie eher in den Sphären des Theaters, der Kunst und Kultur zirkulieren, als in jenen des Rechts und der praktischen Politik (das ist zumindest mein Eindruck).

»Solidarität ist die Zärtlichkeit der Spezies«, ist etwa in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift für Architektur und Urbanistik, Arch+, zu lesen (Nr. 247, »Cohabitation«). Damit ist dem Projekt sein zu erwartendes Scheitern schon eingeschrieben, denn der Spruch, der hier zititiert wird – Ché Guevaras »Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker« – endete für seinen Urheber nicht gut.

Die Idee der »Cohabitation«, also das gleichberechtigte Zusammenleben von Mensch und Tier, ist vermutlich auch nur so lange reizvoll, wie man keine Ratten in der Wohnung hat. Oder wenigstens Silberfische. Spätestens dann wird die Zärtlichkeit enden und die menschlichen Interessen werden sich handfest durchsetzen.

Teilweise verbirgt sich hinter der behaupteten Achtung tierischer oder pflanzlicher Bedürfnisse auch nur eine neue Übergriffigkeit des Menschen. Beispielhaft nachzulesen ist das in der Sonderausgabe »Kunst und Natur« (Nr. 2/2022) der Zeitschrift Weltkunst.

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»Amazons of Pop«: Hausfrauen, Sexpuppen & Superheldinnen

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Am beinahe letzten möglichen Tag habe ich mir heute die Ausstellung Amazons of Pop: Künstlerinnen, Superheldinnen, Ikonen (1961–1973) in der Kunsthalle in Kiel angeschaut. Und, wow, was für ein Glück. Die Ausstellung ist so super, dass sich die Anreise aus Hamburg und der freie Tag, den man sich dafür nehmen muss, gelohnt haben.

Ich kam mit der Erwartung, eine Korrektur am Pop-Art-Kanon zu sehen und Künstlerinnen zu entdecken, die im Schatten ihrer männlichen Kollegen (Warhol, Lichtenstein, etc.) stehen und auch durch das Interesse an der Feministischen Avantgarde der 1970er-Jahre bisher nicht zu ihrem Recht kamen.

Und, ja, das ist ein Teil dessen, was hier passiert. Aber es geht um mehr. Was mich für diese Ausstellung einnimmt ist, dass sie nicht Kunst isoliert zeigt, sondern im kulturellen Verbund mit Pop-Musik, Fernsehen und überhaupt Massenkultur und Konsum. Es geht hier nicht um das »Wahre, Schöne, Gute«, sondern um die Zeitgeschichte der 1960er-Jahre.

Noch ehe ich die Ausstellungsräume betrete, sehe ich auf einem Monitor neben der Eingangstür die Aufzeichnung eines Auftritts von Serge Gainsbourg und Brigitte Bardot mit ihrem Song Comic Strip aus den Jahr 1967. In diesem Video steckt schon fast alles drin, das im Folgenden eine Rolle spielen wird. Zum Beispiel Kultur, die andere Kultur (niederen Grades) aufgreift: »Cross the border, close the gap!« Wir hören einen Chanson, dessen Refrain sich aber weder um besondere Poetik, noch überhaupt um menschliche Sprache bemüht, sondern aus lautmalerischen Comic-Sounds besteht: »She-bam«, »Pow!«, »Pop!«, »Wizz!«.

(Diese vier Worte trägt auch die Ausstellung von den Kuratorinnen Hélène Guenin und Géraldine Gourbe am MAMAC in Nizza als Titel, die Amazons of Pop zu Grunde liegt.)

Dazu sieht man Brigitte Bardot im eng anliegenden, fleischfarbenen Onesie (auf den ersten Blick könnte man sie für nackt halten) mit schwarze Overknee-Boots, Cape und goldene Kettchen um Hüfte und Oberschenkel. Das ist also die Pop-Amazone, die diese Ausstellung im Titel führt. Eine ermächtigte Frau — irgendwie. Gleichzeitig eine Männerfantasie.

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Das verschwundene Bild

Von allen Ausstellungen dieses Jahres war Werner BĂĽttners Last Lecture Show in der Hamburger Kunsthalle mir eine der liebsten.

Jetzt wurde dort – fast unbemerkt – ein Gemälde abgehängt. Bei einem der Schlüsselbilder der Ausstellung handele es sich um ein Plagiat, behauptet ein früherer Schüler des Künstlers.

Ich berichte darĂĽber auf ZEIT ONLINE (frei lesbar).

Nachtrag, 15. Dezember: Das Kunstmagazin Monopol greift den Vorgang auf (14.12.), das Hamburger Abendblatt ebenfalls (Ausgabe vom 15.12., online mit Abo-Schranke).

Zweiter Nachtrag, 21. Dezember: Heute berichtet auch der NDR Rundfunk. Hier zum Anhören (etwa ab Minute 12:20) sowie hier zum Lesen.

Bagger im Bahnhof

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In einer schmuddeligen Bahnhofshalle schlüpfst Du durch eine Seitentür und gelangst in einen prächtigen Saal: Tageslicht fällt durch die hohen Fenster, Stuck hängt unter der Decke, kein anderer Besucher ist weit und breit zu sehen.

Und während Du noch da stehst, ganz bezaubert, und Dich fast für Harry Potter hältst, neigt sich dieser riesige Greifarm in der Mitte des Raumes zu Dir und spendet Dir spöttisch scheppernd Applaus.

Das, meine Damen und Herren, ist unheimlich.

(AuĂźerdem ist es eine neue Arbeit von Katja Aufleger, die gerade im Kunstverein Harburger Bahnhof gezeigt wird, in der Ausstellung I’m Angry, Just Not Sure About What. Noch bis 13. Februar, geöffnet mittwochs bis sonntags, 14 bis 18 Uhr, Eintritt frei, 2G.)

Lars Eidinger & Stefan Marx & Alte Meister

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Für ihre Ausstellung Klasse Gesellschaft: Alltag im Blick niederländischer Meister in der Hamburger Kunsthalle hat die Kuratorin Sandra Pisot etwas Neues ausprobiert.

Zwischen Gemälde aus dem 17. Jahrhundert hängt sie Werke, die teils erst in diesem Jahr entstanden sind. Neben Fotografien von Lars Eidinger sind das Arbeiten von Stefan Marx, groĂźformatige Sätze aus E-Mails (»Pardon my late response«) oder Songtexten (»I’ll be your mirror«), deren nervöse Comicbuchstaben zu flirren und vibrieren scheinen.

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Die TĂĽcken der Digitalkunst

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Sie sehen hier Lifeforms (2021), eine künstlerische Arbeit von Sarah Friend, die unter anderem aus einem Smartphone besteht, das mal wieder ein Update vertragen könnte.

Solche Aussetzer ziehen sich durch die Gruppen-Ausstellung Proof of Stake, die noch dieses Wochenende im Kunstverein in Hamburg zu sehen ist. Die Arbeit Air Rights von Agnieszka Kurant war heute bereits abgebaut, weil sie, wie ein Aushang informierte, »derzeit in technischer Wartung« sei.

Dann ist da noch eine zentrale Installation, die nur so halb funktioniert: Die Kurator*innen Bettina Steinbrügge und Simon Denny haben verschiedene Gegenstände gesammelt, deren Bedeutung sich durch beigefügte QR-Codes erschließen soll — die führen allerdings alle bloß zu Fehlermeldungen.

Digitale Kunst ist offenbar besonders fehleranfällig und wartungsintensiv, auf einmal bräuchten Ausstellungsräume nicht nur Aufpasser (die gibt es hier, denn niemand soll die Smartphones klauen), sondern auch einen IT-Support, aber wer soll den bezahlen?

Sarah Friend hat das alles klugerweise schon antizipiert: »A system requires gentle support and maintenance«, heißt es auf ihrem Handyscreen.

(Womöglich ist es aber auch einfach das Konzept und die Kunstwerke reflektieren ihre Materialität und den institutionellen Kontext? Oder so.)