Das Bilderr├Ątsel Mnemosyne

Aby Warburg sollte eine angesehene Privatbank erben, traf aber die weise Entscheidung, lieber Kunsthistoriker zu werden. Guter Typ.

Jetzt ist Aby Warburgs lange verschollen geglaubtes Sp├Ątwerk, der Bilderatlas Mnemosyne,┬áin Hamburg-Harburg in der Sammlung Falckenberg zu sehen.

Mein Text zu Warburg, seinem Bilderatlas und der einigerma├čen unglaublichen Geschichte von dessen Rekonstruktion gibt es jetzt auf ZEIT ONLINE (f├╝r Leute mit Abo).

YASO: Die Spuren eines Spr├╝hers in Ottensen

YASO, Gro├če Rainstra├če, Hamburg (April 2019)
YASO, Gro├če Rainstra├če, Hamburg (April 2019)

Manche Leute sagen, dass Ger├╝che eine besondere Kraft haben, Erinnerungen zu wecken. Oder Melodien, die man lange nicht mehr geh├Ârt hat. Das ist bestimmt alles wahr. Aber f├╝r mich gibt es noch etwas, das Erinnerungen triggert: Stra├čenecken.

Mitte der Nullerjahre zog ich ÔÇô eher widerwillig ÔÇô nach Hamburg und fing hier ein Studium an. Auf der Reeperbahn standen damals noch Koberer (┬╗Sssss-tehn geblieben, Freunde des Sexualsports!┬ź). In Ottensen gab es noch Bunker und Brachland. Und f├╝r das Geld, das man heute f├╝r eine Eigentumswohnung zahlen muss, h├Ątte man damals drei bekommen. OK, ich ├╝bertreibe: zweieinhalb.

Es ist nicht lange her, aber einige Sachen sind unwiderbringlich verloren. Zum Beispiel Buchstaben, die auf W├Ąnden standen. Damals sind mir zwei Graffiti-Pieces aufgefallen, an denen ich fast t├Ąglich vorbeikam und die sich in mein Ged├Ąchtnis eingebrannt haben.

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Eine Galerist zeigt Kunst, die er auf eBay gekauft hat

Der New Yorker Galerist Mitchell Algus zeigt in seiner Ausstellung Acquired on eBay (and from other surrogate sources) historische Arbeiten zumeist vergessener K├╝nstler*innen, die er ÔÇô genau! ÔÇô auf eBay gekauft hat.

Wer es dieses Wochenende nach New York schafft, kann sich die Ausstellung noch ansehen, alle anderen k├Ânnen sich ÔÇô wie ich ÔÇô aus der Ferne ├╝ber diese h├╝bsche Idee freuen, der ich einige Zeilen dr├╝ben bei piqd widme.

Post-apokalyptische Landschaftsbilder

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In Australien brennt der Wald, im Amazonas, in Kalifonien ÔÇö und im Harz sahen die Baumkronen im letzten Sommer auch nicht ├╝berall gut aus. ­čöą

Es passt also, dass der K├╝nstler Andreas Greiner als Kaiserring-Stipendiat gerade eine Etage im Goslarer M├Ânchehaus Museum mit Bildern post-apokalyptischer W├Ąlder bespielt. Zumal die Br├Ąnde (und die verdorrten Fichten auf den Bergk├Ąmmen) ja nur Symptom des Artensterbens sind, f├╝r das es abseits der Pressefotos von Feuerwalzen noch kaum eindringliche Bilder gibt.

Wie macht man Biodiversit├Ątsverlust sichtbar? Greiner versucht es so: Er f├╝ttert eine KI mit Fotos europ├Ąischer Urw├Ąlder und l├Ąsst die Software neue Waldbilder kreieren. So sieht eine Zukunft aus, in der W├Ąlder nur noch im Computer wachsen: irgendwie falsch. Ein zweiter Ansatz: Greiner zerlegt einen Mischwald in seine pflanzlichen Einzelteile, Farne, Gr├Ąser, Setzlinge, die k├╝nstlich bew├Ąssert in Plastiks├Ącken wie auf einer Raumstation wachsen. Man sieht bei ihm nicht das Sterben, aber daf├╝r sieht man, was in absehbarer Zeit verloren gegangen sein k├Ânnte.

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Man kommt nicht alle Tage nach Goslar, aber die Ausstellung Signs of Life (noch bis 26. Januar) ist sehenswert. Auch, weil Greiner die R├Ąumlichkeiten dieses Museums im Fachwerkhaus ziemlich smart nutzt: Die niedrigen Decken und sichtbaren Balken wirken zusammen mit den nun greenscreengr├╝n gestrichenen W├Ąnden wie ein Studio ÔÇö der perfekte Rahmen f├╝r diese deprimierenden Simulationen.

Warum kaputte Kunst manchmal mehr wert ist als heile Kunst

Ein Bild von Banksy hat sich selbstzerst├Ârt, kurz nachdem es f├╝r eine Million Pfund versteigert worden war (Video). Spekulationen zufolge war das als Stellungnahme des anonymen K├╝nstlers gegen die Kommerzialisierung der Kunst zu verstehen. Anderen Spekulationen zufolge ist das zerst├Ârte Bild jetzt nur noch mehr wert.

Mich erinnerte das an ein Interview, das meine Kollegin Martina Kix f├╝r ZEIT CAMPUS mit dem Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich f├╝hrte:

ZEIT CAMPUS: […] Der amerikanische K├╝nstler Richard Prince hat Instagram-Bilder anderer Leute ausgedruckt und ausgestellt. Wann wird ein Selfie Kunst?

Ullrich: Wichtig ist, dass Richard Prince nicht behauptet, er w├╝rde auf Instagram Kunstwerke entdecken, die bisher ├╝bersehen worden sind. Er hat fr├╝her Kaufhauskataloge und Werbeplakate abfotografiert und die Fotos ins Museum geh├Ąngt. Heute macht er dasselbe mit Instagram-Selfies. Seine Arbeit ist vergleichbar mit einem Taufakt. Dinge, die an sich als banal gelten, erhebt er zur Kunst. Es geht ihm um die Geste. Und um die Fragen: Wie viel Macht hat ein K├╝nstler? Ist alles Kunst, was ein K├╝nstler dazu erkl├Ąrt? Macht der Kunstbetrieb das mit oder nicht?

ZEIT CAMPUS: Der Kunstbetrieb macht mit: Die Bilder wurden f├╝r viel Geld verkauft.

Ullrich: Ja, und das Spannende ist, dass Richard Prince sein Spiel noch weitertreibt. Ein Foto, das er aus dem Instagram-Account von Ivanka Trump genommen und zur Kunst erkl├Ąrt hatte, hat er f├╝r 36.000 Dollar verkauft ÔÇô an Ivanka Trump. Als ihr Vater Donald Pr├Ąsident wurde, hat er das Bild jedoch wieder zur Nicht-Kunst erkl├Ąrt. Er twitterte: „This is not my work. I did not make it. I deny. I denounce. This fake art.“

ZEIT CAMPUS: Und jetzt?

Ullrich: Jetzt ist die Frage, ob der Kunstbetrieb das akzeptiert. Ich habe mit Mitarbeitern eines renommierten Auktionshauses gesprochen und sie gefragt, ob sie das Bild noch annehmen w├╝rden. Sie sagten: „Nat├╝rlich. Und es wird teurer sein als alle anderen aus der Serie.“ Das zeigt die Grenzen der Macht des K├╝nstlers.

Merke: Bilder, die durch ihre Geschichte einzigartig werden (Andreas Reckwitz w├╝rde sagen: die singularisiert werden), verkaufen sich besser. Immer.┬á Selbst wenn sie vom K├╝nstler widerrufen oder zerst├Ârt wurden. Und nirgendwo wei├č man das besser als in Auktionsh├Ąusern.

Das ganze Gespr├Ąch mit Wolfgang Ullrich: hier nachlesen.

Was sp├Ąter mal aus den Toys wird

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Ich mochte Boom for Real, die Basquiat-Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt Anfang des Jahres. Die Gem├Ąlde Basquiats aus der N├Ąhe zu sehen war #nice. Noch interessanter fand ich aber ein oder zwei eher unauff├Ąllige Schwarz-Wei├č-Fotos im ersten Teil der Ausstellung.

Es ging dort um die sp├Ąten 1970er-Jahre, jene Zeit, in der Basquiat erstmals (verdeckt) in Erscheinung trat und zusammen mit seinem Kumpel Al Diaz in SoHo die heute ber├╝hmten SAMO-Tags hinterlie├č. Vielleicht ein Dutzend Fotos dokumentierten diese Tags. Und auf zweien davon hatte jemand die Arbeit von SAMO kommentiert. Mit dem daneben geschriebenen Vermerk: „Toy“.

Vieles am Werdegang von Basquiat ist ungew├Âhnlich, aber dieses Detail ist mir in besonderer Erinnerung geblieben: Der Typ, der wenige Jahre sp├Ąter mit Andy Warhol rumhing und als Shooting Star der New Yorker Kunstszene gefeiert wurde, der noch mal wenige Jahre sp├Ąter mit seinen Werken unfassbare Summen bei Auktionen aufrief und der noch mal wenige Jahre sp├Ąter in der Schirn angek├╝ndigt wird mit den Worten, er sei „einer der bedeutendsten K├╝nstler des 20. Jahrhunderts“ ÔÇö dieser Typ wurde, als er mit der Kunst anfing, als „Toy“ bezeichnet.

Ich wei├č nicht, ob KAMO, der oder die in meiner Nachbarschaft in Hamburg-Bahrenfeld ein paar W├Ąnde bespr├╝ht hat, eine ├Ąhnliche Laufbahn bevorsteht wie SAMO. Vermutlich nicht. Aber dass schon ganz andere als „Toy“ beschimpft wurden, das stimmt KAMO vielleicht vers├Âhnlich.

Wann ist ein Meme ein Meme?

Etwa ab 2014, vor allem aber in den beiden Folgejahren, tauchten in Hamburg, Berlin und anderen deutschen St├Ądten Sticker auf, die alle sehr ├Ąhnlich gestaltet waren: An Ampelpfosten und auf Bauz├Ąunen klebten schwarze Quadrate, auf die mit wei├čer, serifenloser Schrift in der Regel sechs Buchstaben in zwei Zeilen gedruckt waren, eingefasst in einem roten Balken oben und einem roten Balken unten: ┬╗FCK SPD┬ź, ┬╗FCK NZS┬ź, ┬╗FCK CPS┬ź.

Anfangs war es leicht, die Bedeutung dieser minimal variierten Schriftz├╝ge zu entschl├╝sseln. ┬╗FCK SPD┬ź steht f├╝r ┬╗Fuck SPD┬ź und wurde zum Emblem des Protests gegen die Fl├╝chtlingspolitik des Hamburger SPD-Senats. ├ähnlich zu verstehen sind ┬╗FCK NZS┬ź (┬╗Fuck Nazis┬ź), ┬╗FCK CPS┬ź (┬╗Fuck Cops┬ź), ┬╗FCK PGDA┬ź (┬╗Fuck Pediga┬ź), usw.

Schwieriger bis gar nicht zu beantworten war die Frage, wieso diese Sticker sich in ihrer Gestaltung ausgerechnet am Logo der New Yorker Rap-Gruppe Run-DMC orientierten, und warum die Ausbreitung in kurzem Zeitraum stark zugenommen hatte. Run-DMC hatten sich im Jahr 2002 aufgel├Âst, es standen auch keine Jubil├Ąen oder Neuver├Âffentlichungen an, die das pl├Âtzliche Wiederaufkommen des Bandlogos erkl├Ąrt h├Ątten.

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