Sind Eltern solidarischer als Kinderlose?

Über das Buch Zusammenleben von Leander Scholz

Werbeanzeigen

Geht ein Philosoph in Elternzeit. Was kommt raus? Ein Buch, klar. Und ein hoffentlich unbeschädigtes Kind. Zum Zustand des Kindes von Leander Scholz kann ich nichts sagen. Aber sein Buch Zusammenleben: Über Kinder und Politik habe ich gerne und mit Gewinn gelesen.

Zusammenleben ist ein schlankes Werk (es umfasst knapp 150 Seiten), aber fast anstrengend dicht geschrieben. Das Buch besteht aus drei verwobenen Teilen: Der prominenteste und den Stoff strukturierende Erzählstrang ist eine Autobiografie zu Leben, Vaterschaft und der eigenen Kindheit des Autoren. Außerdem erzählt er in Blitzlichtern eine Kulturgeschichte der Familie von der athenischen Demokratie bis heute. Und drittens führt Scholz beides zusammen in Richtung einer (politischen) Theorie der Elternschaft.

Sich den Bedürfnissen und Launen eines Babys zu unterwerfen, ist eine Erfahrung, die schon Millionen Menschen vor Scholz gemacht haben. Vor allem Millionen Frauen. Trotzdem fehle ein philosophisches Vokabular der Fürsorge bzw. der Care-Arbeit, schreibt der Autor. Philosophinnen und Philosophen interessierten sich nicht für das Ich, das sein eigenes Wohl für ein anderes Wohl zurückstellt.

Leander Scholz ist Arbeiterkind, Akademiker, Sozialdemokrat und war lange (wie wir alle) vor allem mit sich selbst beschäftigt. Seine anderthalbjährige Elternzeit erlebte er offenbar als Verunsicherung, Belastungsprobe und als Bereicherung.

WeiterlesenSind Eltern solidarischer als Kinderlose?

Greta Thunberg und die kindischen Erwachsenen

Es scheint eine besondere Provokation zu sein, wenn sich Kinder und Teenager politisch äußern. Manche Erwachsene reizt das offenbar derartig, dass sie die Fassung verlieren – und jene Reife und höhere Einsicht, die sie den Jüngeren absprechen. Sexualisierte Beschimpfungen, Bestrafungsphantasien, Drohungen, Übergriffe: Selbst wenn man die Ziele der Bewegung um Greta Thunberg nicht teilt und Schulstreiks für zweifelhaft oder unangebracht hält, müssen einen solche Reaktionen schockieren.

Tobias Rüther heute in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (Link zum Volltext)

Oh, Jacobin! Hello again!

It’s been more than five years since I met Bhaskar Sunkara, the founder and editor of Jacobin Magazine, in a coffee shop in a basement somewhere in Bed-Stuy. He was in his 20s, I was in my 20s and I had no idea he’d write American history.

Back then, I’d been on a trip down the east coast to meet the editors of a resurgent scene of little magazines who published their cultural criticism the (very) old way: With black ink on white paper, with little or no photos or fancy layouts, in a language free of jargon and academese. Serious people. Smart people. People who seemed rather out of place in the 21st century.

After all, newspapers and magazines were dying left and right and experts talked about the wonders and inevitability of a form of digital publishing that was geared towards social media. Which meant: Short pieces. Short sentences. Don’t provoke people to think. Trigger them, so your shit may go viral.

Talking to the editors of n+1 (in New York), The Baffler (in Cambridge and DC), The Point (in Chicago) and Jacobin (also in NY) was inspiring. Here were people who demanded the right to treat their readers like grown-ups. I loved it.

But my trip also felt like a rather nerdish pursuit. I’d written about n+1 for Spex, but when I embarked on my journey, I had no idea whether I would find a German publication that might be interested in my exploits. Eventually, DIE ZEIT offered a whole page for me to introduce their readers to n+1, The Baffler, The Point and Jacobin. My piece was called „Klare Sprache, schwarze Tinte“. Someone even translated it into English, guerilla-style.

Fast forward five years and I pull this book from my mailbox. It’s an anthology of German translations of pieces taken from Jacobin, published by Suhrkamp Verlag.

It makes sense to read and to re-read Jacobin pieces now. After all, on both sides of the Atlantic, the left is struggling to find it’s purpose. Jacobin, in the meantime, has been part of the revival of socialist thought in the US, one of the many unexpected surprises on the American political scene in recent years.

Männer, Frauen, alles ist verknotet

Dilemma der Männlichkeit:

[W]as der Sozialpsychologe Rolf Pohl »Männlichkeitsdilemma« nennt: Jungs sollen selbstsicher und unabhängig sein, das starke Geschlecht. Gleichzeitig sind sie nicht nur erst einmal rundum abhängig von einer Mutter, sondern später auch von der Gunst der Mädchen, um die ihre tiefsten Wünsche kreisen und an denen die Bestätigung ihrer Männlichkeit hängt. Entsprechend hechelten viele von uns mit wachsender Bedürftigkeit den Mädchen hinterher, taten aber so, als sei das alles nur Schnickschnack.

– Anselm Neft: Grausame Geilheit, Zeit Online, 25. März 2018 (Link)

Dilemma des Feminismus:

Der Feminismus ist mit einer zentralen Schwierigkeit konfrontiert: Die Beziehung zwischen Männern und Frauen ist sehr viel verwickelter als zum Beispiel zwischen Schwarzen und Weißen. Die Machtbeziehung ist schwerer zu fassen, weil sie sich mit einer affektiven und sexuellen Beziehung verbindet. Männer sind von denen, über die sie Macht ausüben, zugleich abhängig. Und sie haben Mütter, Frauen, Schwestern, Töchter, die meist nicht imstande sind, ihre Söhne, Männer, Brüder, Väter als Ausbeuter zu sehen. Frauen tragen aktiv zu der Herrschaft bei, der sie unterliegen.

– Eva Illouz im Gespräch mit Martin Legros, Philosophie Magazin, Mai 2018, S. 22

 

Über Linke reden (II)

Neue Klassen, neue Kämpfe: Zum Niedergang der SPD (etc.)

Das vergangene Jahr war verheerend für sozialdemokratische Parteien in (West-) Europa. Die SPD hat bei der Bundestagswahl das schlechteste Ergebnis der Nachkriegszeit eingefahren. Und damit ist sie noch gut weggekommen.

Zumindest im internationalen Vergleich: 20 Prozent aller Stimmen! Erzählt das mal den Genossen in den Niederlanden (sechs Prozent für die PvdA) oder in Frankreich (sieben Prozent für die Sozialisten). Und, ja, auch in Italien holten die traditionellen linken Parteien am Sonntag ein historisch schlechtes Ergebnis.

Wer oder was ist an diesem internationalen Niedergang schuld? Immerhin: nicht Martin Schulz. Die Wirtschaftskrise von 2007/2008? Die habe den Niedergang der Sozialdemokraten beschleunigt, sei aber nicht dessen Ursache, schreibt Jan Rovny, Politologe an der Pariser Universität Sciences Po, in seinem Essay What happened to Europe’s left? (hier kostenlos abrufbar).

Jan Rovny sieht die Wurzeln der heutigen Krise der Sozialdemokratie paradoxerweise zum Teil in ihrem politischen Erfolg, namentlich in der Bildungsexpansion. Denn in der Folge von u.a. Akademisierung, technischem Fortschritt und Globalisierung sei der Linken die Arbeiterklasse abhanden gekommen.

WeiterlesenÜber Linke reden (II)

Über Linke reden (I)

Es war nicht alles schlecht am Neoliberalismus

Ist der Neoliberalismus, den Linke in den vergangenen Jahren energisch kritisiert haben, in seinen letzten Zügen? Wird er womöglich bald Geschichte sein?

Falls ja: Wäre das wirklich eine gute Nachricht, wo ihn doch weniger emanzipatorische Kräfte, als Anhänger von Ethno-Nationalismus, von protektionistischer Wirtschaftspolitik und von einem essenzialistischen Kulturverständnis halberfolgreich bedrängen?

Schon erklingen jedenfalls Stimmen, die den Neoliberalismus zumindest gegen seine pauschalsten und ärgsten linken Kritiker in Schutz zu nehmen scheinen.

WeiterlesenÜber Linke reden (I)

Über Rechte reden (II) 

Diedrich Diederichsen über das Buch Mit Rechten reden:

[D]ass es einen Zusammenhang zwischen dem Treiben einiger schrulliger sogenannter rechter Intellektueller und den Erfolgen von AfD oder FPÖ gibt […] ist natürlich Bullshit. Das ist eben nicht Leninismus, es geht nicht eine denkende Avantgarde voraus, und dann folgen die Massen auf die Straße. Es ist genau andersrum. Diese sogenannten Intellektuellen hängen sich eher an die Erfolge des Pöbels ran. Die Straße ist vorausgegangen.

Heißt für Diederichsen: Besuche von Journalisten in Schnellroda sind unnötig und sogar falsch, weil es darum gehe, politische und soziologische Zusammenhänge zu analysieren, nicht darum, was an einzelnen Akteuren, die im Zuge von Pegida etc. gefühlt an Relevanz gewinnen, „als [Privat-] Personen interessant sein könnte“.

Dann eine eher abenteuerliche These (oder ein Witz):

[D]ie sogenannten rechten Intellektuellen […] entstehen erst dadurch, dass die Linke sich vor ihnen gruselt.

(Aus: Spex #378, Januar/Februar 2018)