Neu:

Das hier ist die neue Ausgabe von ZEIT CAMPUS, dem Studentenmagazin der ZEIT. Ab Dienstag, 10. Oktober, in vielen Kiosken, Mensen und hier zu kaufen. Oder im Studentenabo.

Es handelt sich hier um die dickste reguläre Ausgabe in der Geschichte unseres Magazins (noch mehr Seiten hatte nur das Heft zum zehnjährigen Jubiläum im vergangenen Jahr) und, hey, es sind ein paar gute Sachen drin.

Zum Beispiel:

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Barack Obama: »I ♥ Books«

Wie sich der scheidende Präsident aus dem Amt verabschiedet – und dabei noch mal die Unterschiede zu seinem Nachfolger unterstreicht

Andere scheidende US-Präsidenten versuchen in ihren letzten Amtstagen noch schnell den Nahost-Konflikt zu lösen, um in guter Erinnerung zu bleiben. Barack Obama macht es sich leichter. Er gibt der New York Times ein Interview und redet über: Bücher.

Über Old-School-Zeugs wie die Stücke von William Shakespeare und die Reden von Abraham Lincoln. Über moderne amerikanische Klassiker von Schriftstellerinnen und Schriftstellern wie Toni Morrison und Norman Mailer. Über zeitgenössische Romane von Colson Whitehead und Junot Díaz. Über Bestseller wie Gone Girl und Science-Fiction wie The Three-Body Problem. Und nebenbei spricht er noch über seine eigenen Bücher und das Schreiben.

Man kann sagen, was man will, aber der Typ ist so ein Schlaufuchs: Wie er sich wenige Tage vor der Amtseinführung von Donald Trump noch mal ausdrücklich als leidenschaftlicher Leser positioniert, als einer, der sich für die Welt und die Blickwinkel anderer Leute interessiert, der Worte ernst nimmt und mit Bedacht wählt, der demütig ist vor den Ideen und Erfahrungen anderer.

Hier geht es zu seinem Interview.

Kristine Bilkau bekommt den Preis für den besten Debütroman 2015

Die Schriftstellerin Kristine Bilkau hat heute den mit 10.000 Euro dotierten Klaus-Michael-Kühne-Preis für das beste literarische Debüt des Jahres 2015 bekommen. Bilkau erhielt den Preis für ihren Roman Die Glücklichen, den sie im Rahmen der Debütantensalons des Harbour-Front-Literaturfestivals in Hamburg präsentierte. Neben Bilkau traten noch sieben weitere Schriftsteller(innen) mit ihren Debütromanen an.

Zusammen mit Kollegen anderer Hamburger Medien war ich in der Jury (die gesamte Besetzung und ein paar Stichworte zu Buch und Autorin gibt es hier). Folgendes ist uns zur Begründung der Preisverleihung eingefallen:

In ihrem Buch richtet die Autorin ihren Blick auf ein Stück großstädtische Realität: Ein studiertes Paar, ein Wunschkind, eine Altbauwohnung mit abgeschliffenen Holzfußböden – und so viele Zukunftssorgen, dass diese sich schließlich zu erfüllen drohen. Als beide Jobs wegbrechen, dreht sich das perfekt geplante Leben in eine Existenz voller Abstiegsangst und Schweigen. Bilkau wählt eine ruhige, präzise Sprache, um die Erosion einer modernen Kleinfamilie spürbar zu machen. Ihr Roman weist über die persönliche Betroffenheit hinaus auf eine soziologische Wirklichkeit – und macht dieses Buch auch politisch relevant.

Der letzte Satz ist ein bisschen holprig … ähem. Zur Verteidigung der Jury ist zu sagen, dass es schon spät war, als wir nach längerer Diskussion am Donnerstagabend die Preisträgerin ausgewählt und die Laudatio verfasst hatten.

Zu den bisherigen Preisträger(inne)n des Kühne-Preises zählen unter anderem Olga Grjasnowa und Per Leo mit ihren weiterhin unbedingt lesenswerten Debüts. Außerdem (vor meiner Zeit in der Jury) Inger-Maria Mahlke, die mit ihrem neuen Buch gerade auf der Shortlist des Deutschen Buchpreis steht. Bämm.

Abbildung: Kristine Bilkaus Debütroman Die Glücklichen – passend zum Inhalt auf einem Bobo-Möbel in Ottensen abgelegt

Neue Geschichten vom Kiez: Jens Eisels Debütbuch Hafenlichter

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Abb.: Früher, als St. Pauli noch schwarz-weiß war

Der Autor Jens Eisel hat ein Buch mit Kurzgeschichten über die Männer von St. Pauli geschrieben. Es heißt Hafenlichter und ist seit dieser Woche im Handel. Soweit alles cool, bloß: Leider ist es nicht besonders gut. Mehr dazu ab heute im Hamburg-Teil der ZEIT.

P.S.: Junge Literatur? St. Pauli? Heute ist der letzte Debütantensalon des Harbour-Front-Festivals. Es lesen Heike Kühn und Martin Lechner, moderiert von meiner Kollegin Inge Kutter von der ZEIT. Nochtspeicher, 19 Uhr.

[Nachtrag, 15. Oktober]: Meine Rezension der Hafenlichter gibt es jetzt auch kostenlos online. Wer sich ein eigenes Bild von dem Buch machen will, der möge morgen Abend den Buchladen Cohn + Dobernigg in der Schanze aufsuchen. Dort liest der Autor Jens Eisel.

10.000 Euro für den besten Debütroman des Jahres: Demnächst beim Harbour Front Literaturfestival in Hamburg

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Abb. 1 & 2: Auswahl für die ersten Abende des Debütantensalons. Romane von Per Leo, Martin Kordić, Horst Sczerba & Urs Zürcher

Einmal im Jahr beginnt für mich die Zeit des privilegierten Lesens. Ich bekomme einen Stapel Bücher zugeschickt (kostenlos und von kundigen Lesern ausgewählt) und muss nichts anderes tun, als diese Auswahl zu lesen, mir alle Autoren bei Lesungen persönlich anzuschauen, mit klügeren Menschen darüber zu sprechen und dann gemeinsam mit diesen anderen Menschen zu entscheiden, welcher Autor 10.000 Euro bekommen soll. Ha!

Jetzt ist wieder diese Zeit, denn in der kommenden Woche beginnt in Hamburg das Harbour Front Literaturfestival, am 10. September 2014. Ich habe zum nunmehr dritten Mal das Vergnügen, von ZEIT CAMPUS in die Jury des Klaus-Michael Kühne-Preis für den besten Debütroman des Jahres geschickt zu werden.

Vor einigen Wochen habe ich die Bücher der Shortlist bekommen (acht Titel, 2676 Seiten, von der Vorjury prominent ignoriert: Judith Hermann). Jetzt lese ich mich durch die Auswahl und habe dabei noch mehr Spaß als in den letzten zwei Jahren schon. Die Auswahl widerlegt nämlich den Eindruck, der in diesem Jahr Literaturdebatten beherrscht hat: dass die deutschsprachige Gegenwartsliteratur unpolitisch und seicht sei.

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Geschichten, Geschichten, Geschichten: Auszüge aus Büchern von Gideon Lewis-Kraus und Nora Gantenbrink in ZEIT CAMPUS

Ein Auszug aus Gideon Lewis-Kraus' Reisememoiren "Die irgendwie richtige Richtung" in ZEIT CAMPUS 6/13

Abb. 1: Ein Auszug aus Die irgendwie richtige Richtung liegt der nächsten Ausgabe von ZEIT CAMPUS bei (das Ding in gelb)

Übermorgen erscheint die neue Ausgabe von ZEIT CAMPUS (Nr. 6/13). Wir haben mal wieder eines dieser Pixiehefte für Erwachsene auf dem Cover kleben: Einen kleinen, giftig-gelben Literaturbeileger mit Auszügen aus dem Buch Die irgendwie richtige Richtung von Gideon Lewis-Kraus, das gerade bei Suhrkamp erschienen ist.

Auf den ersten Blick ist nicht viel Interessantes an diesem Buch: Es handelt sich um die Erinnerungen eines Amerikaners, der in Berlin lebt und die Stadt erst wahnsinnig hip und voll »arm aber sexy« findet, später aber oberflächlich und doof. Was macht er also? Er geht pilgern. Nach Santiago de Compostella. Wie neulich dieser Fernsehclown. Supergähn.

Geilerweise ist Literatur – auch: Non-Fiction-Literatur – aber mehr als nur Plot. Mir hat Die irgendwie richtige Richtung sehr gut gefallen, als ich mich erst eingelassen habe auf die langsame, feinsinnige und auf kluge Weise humorvolle (ürgs, Literaturkritiker-Adjektive!) Erzählweise von Gideon Lewis-Kraus.

Irgendwo aufgeschlagen und wahllos zitiert:

Am Morgen kaufe ich mich mir einen Wanderstock, entdecke meine erste Blase und mache daraus sofort ein Drama. Tom erinnert mich daran, dass seine beiden Füße jeweils mindestens acht Blasen aufweisen und frühlingshaft in voller Eiterblüte stehen. »Ich finde, du gibst dir nicht genug Mühe, den ernsthaften Schmerz zu begreifen, den ich empfinde. Oder es ist dir scheißegal«, sagt Tom. Ich verstehe das natürlich als allumfassende Kritik und muss immer wieder darüber nachdenken, während wir durch die stille Hitze des Morgens marschieren.

Oh, wie existenziell sich Krisen anfühlen können, die sich im Weltmaßstab wohl eher als Kriselchen erweisen. Das Buch handelt eben nicht von Berlin und auch nicht vom Pilgern, zumindest nicht primär, sondern von einem Typen nach dem Hochschulabschluss, dessen größten Probleme psychologisch und dessen bevorzugten Lösungen geografisch sind. Hier bin ich nicht glücklich? Dann ziehe ich halt dort hin. Dort bin ich auch nicht glücklich? Dann vielleicht noch ein Umzug. Irgendwann merkt der Typ: Auf Dauer ist das keine Lösung.

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Nordsee ist Mordsee: Astrid Dehe und Achim Engstler erzählen in Auflaufend Wasser von dem ertrunkenen Seemann Tjark Evers

Astrid Dehe & Achim Engstler - Auflaufend Wasser (Steidl, 2013)

Abb.: Astrid Dehes und Achim Engstlers Novelle Auflaufend Wasser (Steidl, 2013). Gießkanne: Stylist’s own.

Ein Buch, bei dem es mir in diesem Jahr die Sprache verschlagen hat, ist Auflaufend Wasser von Astrid Dehe und Achim Engstler (erschienen bei Steidl und nominiert für den Debütantenpreis des Hamburger Harbour-Front-Literaturfestivals). Um es gleich vorweg zu sagen: Als Novelle ist dieser Text unausgegoren. Aber er hat eine seltene Wucht, die ihn lesenswert macht.

Das liegt vor allem an dem Stoff des Autorenduos: Dehe und Engstler schreiben über Tjark Evers, einen Schifffahrtschüler, der zu Weihnachten 1866 seine Familie auf der Nordseeinsel Baltrum mit einem Besuch überraschen will. Zwei Bekannte rudern ihn an einem nebligen Morgen vom Festland aufs Meer, setzen ihn am Strand ab und stechen wieder in See – nur, dass es gar nicht der Strand von Baltrum ist, an dem Evers aussteigt, sondern eine höherliegende Sandbank im Meer, die von der Ebbe freigelegt worden ist.

Jetzt kommt die Flut, das Wasser läuft langsam auf, steht Evers erst bis zu den Knöcheln, dann bis zu den Knien, dann bis zum Rumpf, und er versteht, dass ihm nur noch wenige Stunden bleiben, bis er ohne Aussicht auf Rettung in der eisigen Nordsee ertrinken wird.

Der Fall von Evers ist historisch überliefert, bekannt deshalb, weil Evers an diesem Morgen ein Notizbuch zieht und Abschiedsbriefe an seine Eltern schreibt, die einige Tage später an einer Nachbarinsel angeschwemmt werden und heute im Inselmuseum von Baltrum zu sehen sind. Seine Leiche bleibt verschollen.

Oft wurden damals tote Körper an den Nordseestränden angespült, schreiben Dehe und Engstler:

Manchen der im 19. Jahrhundert ertrunkenen Schiffer, Steuermänner und Matrosen hat die Nordsee wieder freigegeben […]. Wie viele es waren, bleibt offen; Zahlen haben wir nicht zur Hand. Sicher ist, dass diejenigen, deren zerschundene, verweste, skeletierten Körper an irgendeiner Küste, am Strand irgendeiner Insel antrieben, in den allermeisten Fällen als unbekannte Tote begraben wurden. […] Die See hatte den Betreffenden ihr Leben nicht nur genommen, sie hatte es auch zum Fragment gemacht, zu einem Satz ohne Punkt, zu einem Ende ohne Anfang.

Es sind namenlose Seefahrer, Unbekannte, Unidentifizierbare, »Leichen ohne Geschichte«. Der Fall Tjark Evers hingegen sei einzigartig: Eine »Geschichte ohne Leiche«.

Ein Mensch sieht den Tod kommen, ahnt, dass niemand ihn retten wird, und beginnt zu schreiben, weil es das einzige ist, was dieser Situation etwas Würde abringt. Das ist ein irrer Stoff, den Dehe und Engstler akribisch nachrecherchiert und neu zu Papier gebracht haben.

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