Was ist heute radikal? Hashtags? Queer Theory? ISIS?

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Die Redaktion der Zeitschrift 032c hat für ihre aktuelle Ausgabe (#29, Winter ’15/’16) zwanzig Künstler, Autoren und Geschäftsleute nach der radikalsten Sache gefragt, die ihnen in den letzten sechs Monaten untergekommen ist.

Das Ergebnis ist interessant: Einer nutzt die Frage für peinliche Eigenwerbung, ein oder zwei andere geben Antworten, die wie ironische Ausweichbewegungen klingen (das Radikalste, das Du im letzten Halbjahr gesehen hast, ist der neue Pixar-Film? Wow, hoffentlich erkennt Mario Barth Dein Talent und nimmt Dich mit auf Tour!!)

Die meisten der Befragten nahmen die Aufgabe jedoch ernst und geben teilweise ästhetische Antworten (sie nennen Filme, Kunstwerke oder Vine- und Instagram-Accounts) und teilweise politische (sie schreiben über Flucht, Asyl oder den Verlust der Utopien).

Die Antwort, die mich bisher am Längsten beschäftigte, sitzt unbehaglich zwischen beiden Lagern, dem ästhetischen und dem politischen. Sie stammt von dem französischen Investoren und Autoren Elie Ayache. Er schreibt:

The most radical thing I have seen in the last six months is the destruction of the Palmyra temples by the Islamic State.

Bisher habe ich die Zerstörung von Palmyra als einen Akt totalitärer Kulturpolitik gedeutet. Und damit als ein Zeichen großer Feigheit. So wie Stalin einstige Weggefährten, die zu seinen politischen Gegnern geworden waren, aus Fotos entfernen ließ und ihre Existenz feige verleugnete um sich zu diesen Leuten und seinen Verbrechen gegen sie nicht verhalten zu müssen, so entfernt der sogenannte Islamische Staat Bauten aus der Landschaft, die nicht in das von ihm propagierte Weltbild passen, die es als unterkomplex, unvollständig, falsch zu entlarven drohen.

Es ist ein tragischer Akt, wenn man anschaut, was durch ihn verloren geht.

Ein kläglicher Akt, wenn man anschaut, was ihn motiviert.

Aber ein radikaler Akt? Auf diese Idee bin ich bisher nicht gekommen.

Jetzt steht die Zerstörung von Palmyra, bebildert mit einem Foto, das an die ikonische Mushroom Cloud erinnert, in 032c zwischen Lobgesängen auf den Akzelerationismus und auf die queere Theorie von Beatriz Preciado, zwischen edgy aussehender Internetkunst und antirassistischen Hashtags. Also zwischen wildem (wirren, mutigen) Denken und den neuen Ausdrucksformen des jungen 21. Jahrhunderts.

Ist die Zerstörung von Palmyra doch kein Ausdruck der Feigheit, sondern einer futuristischen Forschheit, wie einst von Marinetti gefordert? Ist es disruption, bloß dass der sogenannte Islamische Staat nicht mit Apps und Code arbeitet, sondern mit Sprengstoff und Kalaschnikows?

Ingo Niermann schreibt passend dazu in seinem Antwortessay auf die Frage nach der Radikalität:

For almost 20 years, the Western world has been exposed to Islamist cruelties. The casualties were one thing, they could easily be retaliated with advanced technical warfare. But when it came to being radical, the West had lost its cuttinge edge.

Ich finde diese Gedanken einigermaßen erschreckend, aber sie decken sich mit dem, was einige der intellektuell interessanteren »Terrorexperten« , etwa der Politologe Peter Neumann, schon länger sagen: nämlich dass der sogenannte Islamische Staat seine Anziehungskraft auf eine westliche Klientel auch deshalb entwickelt, weil er sich als jene Gegenkultur unserer Tage inszeniert, die mit den drastischsten Bildern arbeitet und den kompromisslosesten Gegenentwurf zur westlichen Ordnung verspricht.

Bauten zu sprengen, die einen in Erklärungsnot bringen und auf Menschen zu schießen, die unbewaffnet sind – das finde ich weiterhin nicht krass, sondern kläglich. Es ist nicht radikal, sondern feige (und im Falle Palmyras: provinziell). Und, das nur nebenbei: Es ist in etwa so männlich wie die lächerlichen pubertären Schamhaarbärte, die sich viele Islamisten stehen lassen.

Zur Frage nach dem Radikalen bringt der Architekt Jack Self in 032c das Offensichtliche auf den Punkt:

Without any apparent conflict, both Islamic State and a bathroom superstore can lay claim to »radical vision.« The ease with which the word encompasses both the barbaric and the banal hints at the crisis of radicality today, the dilution of its power, and the proliferation of its interpretations.

Vielleicht ist die Erkenntnis der Umfrage der 032c-Redaktion zum Radikalen also dieselbe wie jene der zahllosen Podiumsdiskussionen zur Frage, wo heute die »Avantgarde« zu finden sei: Möglicherweise sind beide Begriffe, die im 20. Jahrhundert so wichtig waren, heute schlicht Klischees, die als analytische Kategorien unbrauchbar sind.

Elie Ayaches Antwort, ihre Bebilderung und der Kontext, in den beides in 032c gerückt wurde, sind jedoch eine Erinnerung daran, dass wir (»wir« as in: »wir Publizisten«) aufpassen sollten, der Selbstinszenierung des sogenannten Islamischen Staats (als krass, stark, radikal, … ) nicht in die Hände zu spielen.

Abbildung: Elie Ayaches Antwort auf die Frage nach dem Radikalen, Seite 190 in Ausgabe #29 der Zeitschrift 032c

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