Die Draufgängerin – Nellie Bly lebte gefährlich, glamourös und war erfolgreicher, als für Frauen im 19. Jhd. vorgesehen (Archiv, 2010)

124 Jahre hat es gedauert, bis Nellie Blys Reportage „Ten Days in a Mad-House“ jetzt auch in einer deutschen Übersetzung als Buch erschienen ist (Buch hier, Leseprobe hier, Originalvolltext hier). Im Jahr 1887, als Frauen im Journalismus noch selten waren, schlich sich Bly unter Vortäuschung einer Krankheit in eine New Yorker Frauenpsychiatrie ein – und entlarvte menschenunwürdige Zustände. Im folgenden eine kleine, hagiographische Würdigung, die ich vor einiger Zeit für das Missy Magazine geschrieben habe (erschienen in Ausgabe 1/2010):

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Nellie Bly, kurz vor ihrer Weltreise

Am 14. November 1889, dem wichtigsten Tag ihres Lebens, hing Nellie Bly über der Reling eines Transatlantikdampfers und kotzte. Die gerade mal 25 Jahre alte Reporterin war angetreten, um Phileas Fogg zu schlagen, der im Roman von Jules Vernes in 80 Tagen die Welt umreist. Nellie Bly wollte schneller sein – im echten Leben, im Winter, als Frau. Dass sie dabei erst einmal seekrank wurde, dokumentierte Bly später schonungslos – aber mit filigraner Wortwahl. „Ich beugte mich blindlings nach unten“, heißt es zu Beginn ihres Reiseberichts, „blieb unbeeindruckt davon, was mir die wilden Wellen riefen und machte meinen Gefühlen Luft.“

Eigentlich hätte Bly gar nicht um die Welt reisen sollen. Als die Idee in der Redaktion der New York World die Runde machte, waren die Kollegen skeptisch. Eine Frau auf Weltreise? Ohne männliche Begleitung? Wer würde ihre vielen Koffer tragen? Bly blieb hartnäckig und setzte sich gegen die älteren Männer durch. Sie reiste allein. Mit leichtem Gepäck. Und begleitet von so großem Medieninteresse, dass eine Konkurrenz-Zeitung Reedereien bestach, um Blys rechtzeitige Heimkehr zu vereiteln. Sie schaffte es dennoch: New York, Ägypten, Jemen, Sri Lanka, Hong Kong, New York, in 72 Tagen, sechs Stunden und elf Minuten. Danach war Bly ein Star. Selbst Jules Verne schrieb ein Gratulationstelegramm.

Die Reise war der frühe Höhepunkt einer Karriere, die zunächst so zu enden drohte, wie die vieler ihrer unverheirateten Zeitgenossinnen: als Kindermädchen, Fabrikarbeiterin oder Putzfrau. Nellie Bly wurde als Elizabeth Jane Cochran im ländlichen Pennsylvania geboren, zu einem Zeitpunkt, als die Frauenbewegung langsam an Fahrt gewann: Im Westen der USA führten die ersten Staaten das Frauenwahlrecht ein. In Pennsylvania wurden immerhin die ersten gemischtgeschlechtlichen Schulen gegründet.

Wie leicht es aber noch immer war, als Frau ohne eigenes Zutun in eine prekäre Existenz gestoßen zu werden, beschreibt Brooke Kroeger eindringlich in ihrer Biografie „Nellie Bly: Daredevil, Reporter, Feminist“: Blys Vater starb, ohne ein Testament zu hinterlassen. Seine 15 Kinder aus zwei Ehen stritten um ihren Erbteil. Das Elternhaus wurde verscherbelt. Der neue Stiefvater entpuppte sich als tobsüchtiger Alkoholiker. Und der Erbteil der 7-Jährigen Bly ging an einen Vormund, den sie später wegen Veruntreuung verklagte. Als ihr das Geld fehlte, ihre Lehrerinnenausbildung abzuschließen, zog sie ins nahegelegene Pittsburgh, das damals für seine Stahlindustrie und als „dreckigste Stadt der USA“ bekannt war. Bly hangelte sich von Job zu Job, ohne ein beständiges Einkommen zu beziehen.

Nellie Bly, um 1890

Die Rettung kam in Form eines Leserbriefs. Erasmus Wilson, der Kommentator der lokalen Tageszeitung The Dispatch, hatte sich zu mehreren Texten über die Rolle und Erziehung von Frauen hinreißen lassen. Bly antwortete. Ohne stilistische Vollendung, aber mit argumentativer Präzision, hebelte die Unbekannte den beliebtesten Kolumnisten der Stadt aus – und wurde von Wilson prompt eingestellt. Gemäß dem damals gängigen Brauch bekam sie einen Künstlernamen, Nellie Bly, der – falsch geschrieben – dem Schlager eines lokalen Komponisten entnommen war. Lange hielt sie es beim Dispatch aber nicht aus. Bly wollte Reportagen über erwerbstätige Frauen schreiben, endete aber immer wieder im Mode- und Garten-Ressort.

Da half es auch nicht, dass sie zwischendurch auf eigene Faust als Korrespondentin nach Mexiko aufbrach – ohne jemals zuvor im Ausland gewesen zu sein oder auch nur ein Bruchstück Spanisch zu sprechen. Nach sechs Monaten musste sie das Land wieder verlassen, so Biografin Kroeger: Porfirio Díaz, der sich in Mexiko an die Macht geputscht hatte, wollte sich nicht gefallen lassen, dass eine 21 Jahre alte Amerikanerin über mangelnde Pressefreiheit und andere Ungerechtigkeiten in seinem Staat berichtet. Doch in Pittsburgh fühlte sich Bly nicht mehr gebraucht. Wenige Jahre nach ihrer Einstellung fand Wilson, der mittlerweile zu ihrem Mentor gereift war, eine Kündigungsnotiz auf dem Schreibtisch: „Bin nach New York abgereist. Behalte mich im Auge. Bly.“

So ging es im Leben von Nellie Bly immer wieder: Sie wusste, was sie wollte und wenn sie es nicht bekam, war sie weg. Das Draufgängerinnentum zahlte sich aus, auch, als sie 1887 nach New York kam. Nach einigem Klinkenputzen stellte ihr die New York World eine Mutprobe: Die 23-Jährige sollte einen Nervenanfall vortäuschen und zehn Tage lang undercover in der berüchtigtsten Frauenpsychiatrie der Stadt recherchieren. Bly stimmte zu. Immer wieder berichtete sie später von ihrer Angst – der Angst, frühzeitig entlarvt zu werden, nicht der Angst, im Irrenhaus gefangen zu bleiben. Doch die Einweisung erwies sich als Kinderspiel. Nachdem sie einige Zeit vor dem Spiegel geübt und dann einen Anfall vorgetäuscht hatte, erklärten sie mehrere unabhängige Ärzte sogleich für „zweifellos wahnsinnig“ – nicht ohne festzustellen, dass es eigentlich merkwürdig sei, dass eine junge Frau, die aus gutem Hause zu kommen schien, plötzlich alleine durch die Straßen New Yorks geistert. Doch der Zweifel bewahrte Bly nicht vor der Einweisung. „Diese Frauen werden in ein Gefängnis gebracht, ohne eigenes Zutun, und aller Wahrscheinlichkeit nach für den Rest ihres Lebens“, schrieb die Reporterin über die teilweise kerngesunden Patientinnen, die sie in der rattenverseuchten und unterfinanzierten Anstalt traf: „Wie viel leichter wäre es, zum Galgen zu schreiten, als in diese Gruft lebendigen Horrors?“ Die Geschichte wurde ein Erfolg, für Nellie Bly, die bei der World angestellt wurde, aber auch für die Insassinnen: kurze Zeit später beschloss man in New York, das Betriebsbudget für die Versorgung der Psychiatriepatientinnen zu erhöhen.

Mit derselben Abenteuerlust wechselte Bly auch später noch ihre Arbeitgeber und Branchen. Nach ihrer Weltreise verließ sie die World – auch, weil man ihr keine Beförderung anbot, schreibt Brooke Kroeger. Bly versuchte sich bei anderen Blättern, heiratete schließlich einen 40 Jahre älteren Industriellen, erfand in dessen Betrieb erst das heute noch gebräuchliche Stahlfass, fuhr das Unternehmen dann an die Wand, und feierte mit schöner Regelmäßigkeit journalistische Comebacks. So berichtete sie etwa von den Demonstrationen für das Frauenwahlrecht in 1913 und interviewte die junge Anarchistin Emma Goldman. Doch die Erfolge ihrer frühen Reportagen „Ten Days in a Mad-House“ und „Around the World in Seventy-Two Days“ übertraf Bly nicht mehr. Nach ihrem Tod im Jahr 1922 geriet Nellie Bly in Vergessenheit. Die „Muckracker“ um Upton Sinclair hatten neue Maßstäbe des Enthüllungsjournalismus gesetzt. Und was Glamour, Reportagen und Selbstinszenierung anging, folgten in den 1960er Jahren Tom Wolfe, Truman Capote und andere Helden des „New Journalism“. Umso erstaunlicher, dass Nellie Bly erst spät wieder entdeckt wurde, nachdem sie die beiden großen, journalistischen Schulen des 20. Jahrhunderts schon im 19. vorweg genommen hatte.

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Weiterlesen in Brooke Kroegers Biographie „Nellie Bly: Daredevil, Reporter, Feminist“ (New York: Random House, 1994). Die gemeinfreien Fotos in diesem Posting habe ich bei Wikimedia Commons gefunden, noch mehr gibt’s hier. Wer heute feministischen Journalismus unterstützen will, abonniert z.B. das Missy Magazine.

3 Kommentare zu „Die Draufgängerin – Nellie Bly lebte gefährlich, glamourös und war erfolgreicher, als für Frauen im 19. Jhd. vorgesehen (Archiv, 2010)“

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