Abo-Werbung, aber in gut:

Missy

Beim Blättern im neuen Missy Magazine purzelte diese Karte aus dem Heft: Ein »Liebesbrief« an die Abonnent*innen, der zugleich einen kleinen Blick hinter die Kulissen erlaubt (und damit deutlich macht, warum Abos fürs Überleben des Magazins entscheidend sind).

Vielen Printmedien liegen diese »Ihre Meinung ist uns wichtig«-Briefe bei. Die geben sich als persönliche Anschreiben des Chefredakteurs aus, was kein Kompliment für die Intelligenz der Leser*innen ist: Jede*r sieht, dass es sich um billigen und massenhaft produzierten Postwurfsendungsmarktforschungsbullshit handelt.

Bei Missy dagegen: Offene Worte. Und rückseitig ein Motiv der Illustratorin Antimimosa, deren Arbeiten auch im Heft zu sehen sind, gedruckt auf festem Karton, fast eine kleine Kunstedition, die man sich rahmen und aufhängen könnte.

Es ist das erste Mal, dass ich Werbepost aus einer Zeitschrift nicht gleich wegwerfe, sondern das GefĂĽhl habe: Hier will wirklich jemand jemandem danke sagen.

OK, ich kĂĽndige mein Abo doch nicht.

Missy ist fĂĽnf: Eine unwahrscheinliche Zeitschrift feiert ihr Jubiläum

Missy Magazine Nr. 21

Abb.: Stillleben mit Ausgabe Nr. 21, dem Jubiläumsheft des Missy Magazine

»Wir finden Missy wirklich großartig, aber wir erreichen bei euch keine Männer!« Das war eine der Absagen, die Andrea Pritschow zu hören bekam, als sie Anzeigenplätze im Missy Magazine zu verkaufen versuchte. So berichtet sie es selbst, in der aktuellen Ausgabe, in der die Redakteurinnen, Gestalterinnen und eben auch die Anzeigenverkäuferin dieser Zeitschrift die letzten Jahre ihrer Arbeit Revue passieren lassen. Was wir uns zu dieser Absage dazu denken müssen: Ha, wenn die nur wüssten!

Jedenfalls überraschte es mich nicht, als Missy-Gründerin Chris Köver mir neulich erzählte, dass bei den Lesungen und Diskussionen ihrer feministischen und popkulturell interessierten Redaktion auffällig viele Männer auftauchen. Und das, obwohl früher mal »Popkultur für Frauen« auf dem Cover des Missy Magazines stand. Richtiger wäre wohl auch damals schon gewesen: »Popkultur von Frauen, für alle«. Schließlich ging es nie darum, einen kleinen Bereich der Popkultur abzuzäunen und es sich darin geschlechterseparatistisch bequem zu machen. Sondern darum, das große Ganze zu verändern.

Wenn man Zeitschriften mag, ist es leicht, auch Missy zu mögen – so geht es zumindest mir. Denn Missy ist ein Magazin mit Haltung. Eines, das redaktionelle Inhalte nicht in erster Linie als Werbeumfeld betrachtet (sonst käme es nicht zu Dialogen wie siehe oben). Eines, bei dem ich das Gefühl habe, dass sich Redaktion und Leserschaft auf Augenhöhe begegnen. Eines, bei dem man keine Angst haben muss, dass sich hier Kaufleute der Redakteurinnen entledigen, wenn die zu kritisch und originell und selbstständig werden. Das ist hierzulande nicht unbedingt normal, zumindest nicht unter Pop-Magazinen.

Die Geschichte des Missy Magazines ist noch nicht ganz so oft erzählt wie die von Landlust oder Neon, aber noch unwahrscheinlicher: Eine Zeitschriftenneugründung mitten in der Medienkrise, die nicht sofort wieder vom Markt verschwindet, sondern sich seit inzwischen fünf Jahren an den Kiosken behauptet. Ohne Verlag. Ohne Marktanalysen. Im Grunde auch ohne Budget. Dass es sich bei Missy zudem um ein kämpferisches Projekt mit politischem Gestaltungsanspruch handelt, macht die Sache zumindest nicht weniger aufregend.

Neulich ist die Ausgabe zum fünfjährigen Jubiläum erschienen (Nummer 21). Das freut mich. Außerdem freut mich, falls diese objektivitätsmindernde full disclosure angesichts meiner Fanboy-Rasereien überhaupt noch notwendig ist, dass ich rechtzeitig zum Geburtstag mal wieder einen Beitrag für das Heft geschrieben habe, eine Rezension zu Mary Millers wirklich nicht so schlechtem Debütroman Süßer König Jesus. Und jetzt bitte: Five more years! Five more years!

Feminismus mit Eiern (in jeder Hinsicht) im neuen Missy Magazine

Abb. 1: Das neue Missy Magazine (Ausgabe 1/2012)

Hui! Da ist ganz schön viel Penis im neuen Missy Magazine, in das sonst fast nur Frauen dürfen. Zum einen liegt das an der Bildstrecke nackter, starker, tätowierter Männer in Pin-Up-Posen, die Paula Winkler fotografiert hat.

Zum anderen am zähnefletschend old-school-feministischen Mark Greif, den wiederholten Verbeugungen vor Heinz Erhard im Dossier ĂĽber „Frauen und Comedy“ und dem wilhelminischen Schnauzbartträger auf dem HeftrĂĽcken.

Ich habe einen etwas irrlichternden Text ĂĽber The Good Men Project und The Guy’s Guide to Feminism beigetragen, dessen Titel ebenfalls stark ins Genitale zielt: „Feminismus mit Eiern“.

Ab heute ist das Heft im Zeitschriftenfachhandel erhältlich. Es sieht von außen aus wie siehe oben und kann wie siehe unten aufgeblättert werden. Viel Vergnügen.

[Nachtrag, 16:30 Uhr:] Morgen, am Dienstag, 21. Februar 2012, läuft auf byte.fm mittags ein von der Missy-Redaktion zusammengestelltes „Mixtape“. Ich durfte mir einen Song aussuchen und habe mir „212“ von Azealia Banks gewĂĽnscht. Weil das ein ganzganz fantastischer Track ist. Und weil der Text gut zum Text passt: „What’s your dick like, homie?“

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Die Draufgängerin – Nellie Bly lebte gefährlich, glamourös und war erfolgreicher, als fĂĽr Frauen im 19. Jhd. vorgesehen (Archiv, 2010)

124 Jahre hat es gedauert, bis Nellie Blys Reportage „Ten Days in a Mad-House“ jetzt auch in einer deutschen Ăśbersetzung als Buch erschienen ist (Buch hier, Leseprobe hier, Originalvolltext hier). Im Jahr 1887, als Frauen im Journalismus noch selten waren, schlich sich Bly unter Vortäuschung einer Krankheit in eine New Yorker Frauenpsychiatrie ein – und entlarvte menschenunwĂĽrdige Zustände. Im folgenden eine kleine, hagiographische WĂĽrdigung, die ich vor einiger Zeit fĂĽr das Missy Magazine geschrieben habe (erschienen in Ausgabe 1/2010):

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Nellie Bly, kurz vor ihrer Weltreise

Am 14. November 1889, dem wichtigsten Tag ihres Lebens, hing Nellie Bly über der Reling eines Transatlantikdampfers und kotzte. Die gerade mal 25 Jahre alte Reporterin war angetreten, um Phileas Fogg zu schlagen, der im Roman von Jules Vernes in 80 Tagen die Welt umreist. Nellie Bly wollte schneller sein – im echten Leben, im Winter, als Frau. Dass sie dabei erst einmal seekrank wurde, dokumentierte Bly später schonungslos – aber mit filigraner Wortwahl. „Ich beugte mich blindlings nach unten“, heißt es zu Beginn ihres Reiseberichts, „blieb unbeeindruckt davon, was mir die wilden Wellen riefen und machte meinen Gefühlen Luft.“

Eigentlich hätte Bly gar nicht um die Welt reisen sollen. Als die Idee in der Redaktion der New York World die Runde machte, waren die Kollegen skeptisch. Eine Frau auf Weltreise? Ohne männliche Begleitung? Wer würde ihre vielen Koffer tragen? Bly blieb hartnäckig und setzte sich gegen die älteren Männer durch. Sie reiste allein. Mit leichtem Gepäck. Und begleitet von so großem Medieninteresse, dass eine Konkurrenz-Zeitung Reedereien bestach, um Blys rechtzeitige Heimkehr zu vereiteln. Sie schaffte es dennoch: New York, Ägypten, Jemen, Sri Lanka, Hong Kong, New York, in 72 Tagen, sechs Stunden und elf Minuten. Danach war Bly ein Star. Selbst Jules Verne schrieb ein Gratulationstelegramm.

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Missy, Die neue:


Die neue Ausgabe des Missy Magazine
liegt ab sofort an (Bahnhofs-) Kiosken aus. Drinnen: Fast genau hundert Seiten »Popkultur fĂĽr Frauen«. Männer und geschlechtlich anderweitig Verortete dĂĽrfen aber auch, denke ich — zumindest haben die Damen auch mich mitschreiben lassen. Bitte finden Sie im Heft: Meine Kurzvorstellung von Nellie Bly, einer Journalistin, die schon verdeckt recherchierte, als Undercover-Reporter-Legende GĂĽnter Wallraff noch gar keinen Bartwuchs hatte noch gar nicht geboren war. Nämlich im Jahr 1887.

Persönlich vorstellig werden zwei der vier Missy-Chefinnen, Chris Köver und Stefanie Lohaus, mit ihrem Magazin am Donnerstagabend, 25. Februar 2010, um 20 Uhr in der Art Lawyer Gallery in Hamburg (gegenĂĽber der S-Bahn-Haltestelle KönigstraĂźe). Hier gibt’s mehr Infos zur Release-Sause mit Vortrag ĂĽber Feminismus, Pop und Magazinutopien.

Medienkrise wegabonnieren! Vier von vielen guten Zeitschriften: De:Bug, Missy, Foreign Policy, Blank. Jeweils mit kurzer BegrĂĽndung.

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Gut #1: De:Bug, Ausgabe 130 (März 2009), am Bahnhofskiosk

Gut, weil: Die De:Bugger können Spiegel-Titelgeschichten besser als der Spiegel. Zumindest wenn’s um Social Networks geht (vgl. „Fremde Freunde. Vom zweifelhaften Wert digitaler Beziehungen“ und „Anonymität & Identität. Das Ende der zwei Welten“). Und auĂźerdem können sie Mode, Gadgets und Tanzmusik. Also alles, was mir gerade fehlt.

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Die Leute wollen ĂĽber Zeitschriftentitel diskutieren.

Interessantes Hobby. Erst wurde denen beim Dummy Magazin die Bude dafĂĽr eingerannt, dass sie ihr nächstes Heft „Neger“ nennen wollten (ich finde: zu recht). Jetzt ist man bei jetzt.de in heller Aufruhr darĂĽber, dass man ein feministisches Pop-Magazin Missy nennen wollen kann (eindeutig: zu unrecht).

Hoffentlich führt das jetzt nicht dazu, dass demnächst das Verfahren der Benennung von Dingen und Zuständen anhand von Erhebungen der Publikumsmeinung wieder in großem Stil reaktiviert wird.

Sie wissen schon, alle schreiben ihren Vorschlag auf einen Zettel und werfen ihn in einen Kasten, und am Ende kommt dabei heraus, das sitt das Pendant zu satt ist, und dass hässliche Maskottchen Trix und Flix heißen sollten.

Und damit ist dann ja niemandem geholfen.