Gegen die Campus-Uni

Interessantes timing: Kaum geht nach drei Corona-Semestern das Campusleben wieder los (mehr oder weniger), veröffentlicht der Politikwissenschaftler und Publizist Yasha Mounk ein Plädoyer gegen die Campus-Uni angelsächsischer Prägung, für die formlosen, zerrissenen, oft über ganze Städte verstreuten deutschen Unis:

Natürlich, den Studierenden wäre eine echte Campus-Uni, wie ich selbst sie erlebt und geliebt habe, nur zu wünschen. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt aber wäre sie eine Katastrophe. Denn in Großbritannien und den Vereinigen Staaten schottet die Campus-Uni die aufstrebende Elite in extremer Weise vom Rest der Gesellschaft ab.

Erstmal nicht unplausibel. Lesen Sie mehr davon, bitte hier entlang.

Ein Dad ist ein Dad ist ein Dad

Was passiert, wenn männliche edgy Hipster-Filmemacher Kinder kriegen? Sie werden Dad. Es lässt sich einfach nicht vermeiden.

»Dad« ist, wie wir spätestens seit dem »Dad Bod«, »Dad Hat«, »Dad Shoe« und »Dad Joke« wissen, nicht nur ein Familienstand, sondern eine ästhetische Kategorie.

Lefty Korine, 12, die Tochter von Harmony Korine (Drehbuchautor von Larry Clarks Kids, Regisseur von Spring Breakers, etc. etc.) im Interview mit Finn Wolfhard:

Wolfhard: What is the best impression you can do of somebody?
Korine: I can do a pretty good impression of my dad, I think.
Wolfhard: What do you do in your impression of Harmony?
Korine: Just lay down and eat food and watch TV.
Wolfhard: [laughs]

Erschienen im amerikanischen Interview-Magazin, Nr. 535 (March 2021), S. 34—35, hier: S. 35.

Wie Yoga aus der Gegenkultur in den Mainstream kam

Es ist noch gar nicht so lange her, da war Yoga in den USA eine Betätigung eher randständiger Gestalten. Hippies, Sinnsucher*innen und Anhänger*innen der Gegenkultur entdeckten die Praxis für sich, die sie als eine dezidiert spirituelle verstanden, als Teil fernöstlicher Denktraditionen und Lebensformen und als eine Alternative zum westlichen Materialismus. Das war in den späten 1970er-, frühen 1980er-Jahren.

Heute ist Yoga ein Multimillionenmarkt, eine Sache der Konzerne, der von ihnen gekauften Fitness-Influencers und der eifrigen Angestellten, die ihnen folgen. Yoga ist ein Sport — fast niemand sagt heute noch entschuldigend, er mache Yoga, »aber ohne den Esokram«, wie man das vor 10, 15 Jahren noch gelegentlich hörte, denn der »Esokram« ist vom öffentlichen Image Yogas sauber abgeschliffen worden.

Pointiert gesagt ist aus einer Praxis der antikapitalistischen LebensfĂĽhrung eine LeibesertĂĽchtigung fĂĽr den Kapitalismus geworden.

Die Sozialwissenschaftler*innen Kamal Munir, Shazad Ansari und Deborah Brown haben diese Entwicklung nachgezeichnet.

( … weiterlesen auf Piqd.de … )

Bowling shoe socialism

»There is something very noble about the bowling shoe. It has very little pretense, and it’s kind of naughty. You have to share them with a bunch of other people, which is kinky in a way that I like. What other shoe would you actively share with other people? If anyone says that American socialism isn’t possible, point them toward the bowling shoe.«

– Hari Nef in Interview, Nr. 521 (September 2018), S. 78–79, hier: 79.

Bowling: Bis dahin ja eher ein Symbol fĂĽr die soziale Atomisierung in den USA.

Buchtipp: »Uncanny Valley« von Anna Wiener

Uncanny Valley ist das mutmaßlich erste Buch über Start-ups im Silicon Valley, bei dem sich einem beim Lesen die Zehennägel hochklappen, aber es liegt nicht an dem Autoren oder der Autorin.

Anna Wiener erzählt hier die wahre Geschichte, wie sie ihre Ambitionen begrub, nach ihrem Studium im alten kulturellen Machtzentrum New York Fuß zu fassen (Verlage, Intellektuelle, Martinis, Sie wissen schon), und sich stattdessen dem neuen Machtzentrum San Francisco zuwandte (Venture Capital Funds, Tech Bros und, äh, Algen-Smoothies?).

Dies ist die Reportage einer Außenseiterin, die in das Innere eines Goldrausches gerät. Keine Anklageschrift, sondern eine Ethnografie der Gegenwart, geschrieben mit staunender, milde ironischer Distanz — und dadurch umso erhellender.

Wer in hundert Jahren eine Ahnung davon bekommen will, wie ein scheinbar harmloses Spiel den Überwachungskapitalismus gebar, einen ungelenken Jungen in Adiletten zum circa mächtigsten Mann der Welt machte und Internettrolle bis ins Weiße Haus beförderte, der wird zu diesem Buch greifen.

Selbstverständlich muss man nicht erst hundert Jahre dafür warten.

(Buchtipp für die »Freunde der ZEIT« und ihren neuen Newsletter »Was wir lesen«. Den Newsletter können Sie hier kostenlos abonnieren. Eine Leseprobe aus Uncanny Valley gibt es hier. Mehr zum Buch auf der Website des US-Verlags. Eine deutsche Übersetzung ist neulich erschienen.)

Was ist »So-Cal-ism«?

Kalifornien ist nicht nur ein Staat. Kalifornien ist eine Idee. Ein LebensgefĂĽhl! Manche seiner Kritiker sagten sogar: eine Ideologie.

Wortspiele, die den (unterstellten) liberalen Geist und den (unterstellten) krassen Materialismus des Landes auf die Schippe nehmen, sind inzwischen ein bisschen abgenudelt: Californication, zum Beispiel, die kalifornische Hurerei oder kalifornische Unzucht (»fornication«), die es erst als Song gab, dann als TV-Serie.

Neu ist das hier:

so-cal-ism

(Gefunden als Kommentar unter diesem kuriosen YouTube-Video.)

»So-Cal-ism« = »Südkalifornianismus«, nehme ich an. Ein Schmähbegriff aus offenbar rechter / konservativer Sicht gegen den Staat, der ja bekanntermaßen verhasst ist unter den Konservativen der USA.

Warum verhasst? Weil in Kalifornien (zumal in SĂĽdkalifornien) zwar der Kapitalismus gedeiht, aber eben auch ein Libertarismus, der neben dem Unternehmertum auch die Sexualmoral, den Drogenkonsum, usw. umfasst. Und weil Hollywood-Leute im Ruf stehen, das amerikanische Ă„quivalent der Salonkommunisten zu sein: limousine liberals. Oder: latte liberals.

Silicion-Valley-Typen mit wenigen Ausnahmen auch. AuĂźerdem ist Kalifornien einer der wenigen Staaten in den USA, in dem auch Republikaner Donald Trump kritisieren.

Aber »So-Cal-ism«: Ist das eine Begriffsschöpfung dieses ja offenbar ohnehin den Wortspielen zugeneigten YouTube-Kommentators? Oder ist das ein stehender Begriff, wie die kalifornische Ideologie, wie Californication?

Wer mehr weiĂź: Bitte melden.

Corona: Trump and the Virus

The pandamenic is an event in the natural history of our species, but it is also a political episode. Its trajectory is shaped by policy measures specific to particular governments. The fact that the United States is experiencing tremendous losses — that it has far more COVID-19 cases than any other country in the world — relates to a number of collective risk factors and preexisting conditions. The most notable one is to be found in the Oval Office. […]

The Administration, from its start, has waged war on science and expertise and on what Trump’s former adviser Steve Bannon called ‚the administrative state.‘ The results are all around us.

— David Remnick: The Politics of the Virus (The New Yorker, April 20, 2020)

Attentate als Mittel der US-AuĂźenpolitik

Haager Landkriegsordnung? Trump don’t care.

Since the Hague Convention of 1907, killing a foreign government official outside wartime has generally been barred by the Law of Armed Conflict. When the Trump Administration first announced the killing of [Qassem] Suleimani, officials declared that he had posed an »imminent« threat to Americans. Then, under questioning and criticism, the Administration changed its explanation, citing Suleimani’s role in an ongoing »series of attacks.« Eventually, President Trump abandoned the attempt at justification, tweeting that it didn’t »really matter,« because of Suleimani’s »horrible past.«

Mehr dazu in diesem Artikel des New Yorkers ĂĽber die Geschichte und Logik des Mordanschlags als Mittel der US-AuĂźenpolitik.

Präsident Gerald Ford (Amtszeit: 1974–1977) hatte einst verfügt, dass sich kein Regierungsmitarbeiter der USA an einem politischen Attentat (oder dessen Planung) beteiligen dürfe. Ronald Reagan (1981–1989) verschärfte die Regel noch, indem er das Wörtchen »politisch« aus der präsidialen Verfügung strich.

Adam Entous und Evan Osnos, die Autoren des New Yorker-Artikels schreiben: »the ban was never ironclad«, Ausnahmen waren also immer möglich. George W. Bush (2001–2009) agierte den beiden Journalisten zufolge noch skrupulös, was den Einsatz von Bombenanschlägen im Ausland anging, eröffnete nach den historisch beispiellosen Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 aber auch das Programm der Attentate mit Hilfe von unbemannten Drohnen.

Zum regulären Mittel der US-Außenpolitik wurde das Töten per Drohne dann unter Barack Obama (2009–2017). Die Zulässigkeit politischer Attentate im Ausland scheint eine der wenigen Überzeugungen zu sein, die Trump mit seinem Amtsvorgänger teilt.

(Ein Unterschied: Barack Obama hat meines Wissens keine hochrangigen Mitarbeiter ausländischer Regierungen töten lassen — und er begründete seine Attentate mit Prävention. Nicht, wie Trump im Fall Suleimani, mit Rache.)

Lesenswert zur Entgrenzung der Attentate unter Obama sind die Bücher Sudden Justice, eine investigative Recherche von Chris Woods (hier mein Interview mit dem Autoren) sowie Gezielte Tötung, ein eher theoretischer und stellenweise spekulativer Essay von Armin Krishnan (hier meine Rezension).

Donald Trump & der Â»Tribalismus«

Während europäische Zuschauer des Superbowls am Sonntag die Nacht zum Tag machen mussten, wurde das Trump-Impeachment diese Woche zu familienfreundlichen Uhrzeiten durchgeführt. Die Schlussplädoyers im Senat waren am Montagmittag zu hören, die abschließende Abstimmung am Mittwochnachmittag, durch die Zeitverschiebung war es bei uns sechs Stunden später, der Livestream lief also jeweils zur mitteleuropäischen Primetime.

Ich habe in den vergangenen Tagen ein paar Mal für ein paar halbe Stunden reingeschaut und staunte, dass es zeitweise so wirkte, als solle nicht der Präsident des Amtes enthoben werden, sondern die Mehrheit der Demokrat*innen im Repräsentant*innenhaus, die — so argumentierten die Trump-Anwälte — schlampig, voreingenommen, ja, im Grunde anti-demokratisch agiert hätten, als sie das Verfahren gegen Trump bemühten, das nun in dem von Republikaner*innen beherrschten Senat gelandet war.

So zum Beispiel Jay Sekulow, einer von Trumps Anwälten, am Montag:

Noch nie sei in einem Amtsenthebungsverfahren (beim Republikaner Nixon nicht, beim Demokraten Clinton nicht) von den Repräsentant*innen so geschlossen entsprechend der Parteizugehörigkeit abgestimmt worden: Demokrat*innen dafür, Republikaner*innen dagegen. Für die Trump-Verteidiger war das ein Zeichen, dass das Verfahren hanebüchen und allein von Parteiinteressen getrieben sei.

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Sonntagmorgens in Harlem

Eine meiner Lieblingspopsongzeilen stammt aus Harlem, dem – wie mir strenge, popbeflissene Freunde einreden – mit seinen Streichern vielleicht etwas zu kitschig instrumentierten, ansonsten aber ganz fantastischen Song von Bill Withers aus dem Jahr 1971 (man kann ihn hier auf YouTube nachhören).

Bill Withers beschreibt dort das Leben in Harlem zu einer Zeit, als sich noch keine früheren US-Präsidenten mit ihren Büros in dem Stadtviertel niederließen, als es noch nicht mal Starbucks-Filialen gab, dafür herzlose Vermieter, betrügerische Prediger, viel Armut und jeden Sonntagmorgen ein besonderes Spektakel:

Sunday morning here in Harlem
now everybody’s all dressed up
the hip folks are getting home from the party
and the good folks just got up.

Das ist das vielleicht beste Beispiel fĂĽr Hemingways Eisbergmodell, das ich kenne: Gerade mal 26 Worte, die ein Bild entstehen lassen, das ich nicht mehr vergessen konnte.

26 Worte, die eine ganze Welt entstehen lassen. Man ahnt, welche Konflikte es hier gibt. Zwischen Nachbarn, aber auch in Familien, zwischen den Eltern (good folks), die noch ihrer Südstaaten-Frömmigkeit anhängen und den Kindern (hip folks), die darauf bestehen, dass es in der Großstadt doch gerade nicht darum geht, seine ländlichen Traditionen zu pflegen, sondern ums Sich-neu-erfinden.

Dass man Sonntagmorgens seine besten Kleider trägt, darauf können sie sich immerhin noch einigen.

Aber … es ist eine Popsongzeile. Und man tut in der Regel gut daran, die nicht zu wörtlich zu nehmen. Denn auch im Pop geht es ums Sich-neu-erfinden.

Da rappt Kanye West zum Beispiel in We Don’t Care, dass er als Kind zu den Dealern aufgeschaut habe, weil das die einzigen Erwachsenen gewesen seien, die nicht komplett pleite waren. Tatsächlich war West aber der Sohn einer Uni-Professorin, so schlimm kann’s also nicht gewesen sein.

Und Bill Withers schildert Straßenszenen in Harlem, die kleinen und großen Dramen des Lebens in diesem Viertel, als sei er ein intimer Kenner dieser Straßen. Tatsächlich wuchs er aber in Kleinstädten auf, reiste um die Welt, lebte am anderen Ende Amerikas in LA … und bevor er diese Platte aufnahm offenbar nie länger in Harlem.

Einer, der in Harlem aufgewachsen ist und bis heute dort arbeitet, der Modedesigner Daniel R. Day a.k.a. Dapper Dan schildert in seinen Memoiren Made in Harlem (ĂĽber die ich neulich schon ein paar Zeilen geschrieben habe) aber exakt dieselbe Szene wie Bill Withers:

On Sunday mornings at eleven o’clock, everybody emptied out into the street, the whole neighborhood heading to their preferred churches. […] I remember coming out to the stoop with my mother and my siblings on our own way to church and seeing how beautiful that looked: the good people of Harlem walking around in their finest clothes, while the bad people of Harlem would be creeping back home from a long night at the bars and after-hours spots. Seventh Avenue in Sunday morning, nicknamed the Stroll, was the greatest runway in the world.

Das sind etwas mehr als 26 Worte, aber Day beglaubigt, was Withers in Harlem singt. Ich würde größere Geldbeträge darauf wetten, dass Day (und/oder sein Ghostwriter Mikael Awake) den Withers-Song kennen, aber macht ja nichts: das hat die Erinnerung vielleicht sprachlich geformt, aber es hat sie nicht erzeugt.

Bill Withers hat keinen Scheiß gesungen, die Szene von den aus unterschiedlichen, unvereinbaren Gründen bestmöglich gekleideten Leuten am Sonntagmorgen ist nicht ausgedacht. Und jetzt, wo ich den Song noch mal gehört habe, finde ich auch die Streicher eigentlich gar nicht mehr so schlimm.