Sonntagmorgens in Harlem

… haben alle ihre besten Klamotten an, die Hipster und die Frommen.

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Eine meiner Lieblingspopsongzeilen stammt aus Harlem, dem – wie mir strenge, popbeflissene Freunde einreden – mit seinen Streichern vielleicht etwas zu kitschig instrumentierten, ansonsten aber ganz fantastischen Song von Bill Withers aus dem Jahr 1971 (man kann ihn hier auf YouTube nachhören).

Bill Withers beschreibt dort das Leben in Harlem zu einer Zeit, als sich noch keine früheren US-Präsidenten mit ihren Büros in dem Stadtviertel niederließen, als es noch nicht mal Starbucks-Filialen gab, dafür herzlose Vermieter, betrügerische Prediger, viel Armut und jeden Sonntagmorgen ein besonderes Spektakel:

Sunday morning here in Harlem
now everybody’s all dressed up
the hip folks are getting home from the party
and the good folks just got up.

Das ist das vielleicht beste Beispiel für Hemingways Eisbergmodell, das ich kenne: Gerade mal 26 Worte, die ein Bild entstehen lassen, das ich nicht mehr vergessen konnte.

26 Worte, die eine ganze Welt entstehen lassen. Man ahnt, welche Konflikte es hier gibt. Zwischen Nachbarn, aber auch in Familien, zwischen den Eltern (good folks), die noch ihrer Südstaaten-Frömmigkeit anhängen und den Kindern (hip folks), die darauf bestehen, dass es in der Großstadt doch gerade nicht darum geht, seine ländlichen Traditionen zu pflegen, sondern ums Sich-neu-erfinden.

Dass man Sonntagmorgens seine besten Kleider trägt, darauf können sie sich immerhin noch einigen.

Aber … es ist eine Popsongzeile. Und man tut in der Regel gut daran, die nicht zu wörtlich zu nehmen. Denn auch im Pop geht es ums Sich-neu-erfinden.

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Der Pate der HipHop-Fashion

Er heißt Dapper Dan, hat seine Memoiren geschrieben – und die sind toll

Ich glaube, das letzte Mal, dass ich ein Buch in der Hand hielt, an dem etwas golden schimmerte, war im Konfirmanden-Unterricht. Made in Harlem, die Memoiren des Modedesigners Daniel R. Day a.k.a. Dapper Dan, sind trotz der flashy Goldlettern auf dem Umschlag aber ca. das Gegenteil des Evangelischen Gesangbuchs.

Der heute 75jährige Daniel Day wuchs in den 1950ern ohne Geld und große Zukunftsaussichten in Harlem auf. Seine ersten echten Dollars, so schildert er es, verdiente er damit, Zuhälter und andere dubiose Gestalten im Glücksspiel abzuziehen (ein Hang zur Wahrscheinlichkeitsrechnung hilft! Gezinkte Würfel auch).

Wenn Dealer ihre Ware setzten, verkaufte er sie weiter. Später versuchte er sich in großem Stil mit Scheckbetrug, landete einige Zeit im Knast, kam raus, probierte was Neues: Kreditkartenbetrug.

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Tote weiße Männer

Das amerikanische Rolling Stone-Magazin hat einen bedrückenden Artikel über die »Epidemie« (so nennen es einige Fachleute) der Selbsttötungen unter nordamerikanischen Männern veröffentlicht:

The Centers for Disease Control recorded 47,173 suicides in 2017, and there were an estimated 1.4 million total attempts. Many of society’s plagues strike heavier at women and minorities, but suicide in America is dominated by white men, who account for 70 percent of all cases.

Und weiter:

No segment of the population is more likely to be impacted by these horrifying numbers than middle-aged men in rural America. They not only own guns and lack mental-health resources — by one estimate, there are 80 or so psychiatrists licensed to practice in Wyoming — but they also have chosen a life that values independence above all else.

Merke: Das Patriarchat ist schlecht für Männer.

In Nebensätzen ist ein weiteres Problem versteckt: Nicht alle, denen eine Therapie helfen könnte, können sie sich leisten — weil sie nicht krankenversichert sind.

Hier geht es zu dem Artikel (kostenlos online lesbar).

Who the fuck is Henry Miller?

… und die Betonung liegt hierbei selbstverständlich auf »fuck«.

Meine Nachbarn stoßen ihre Henry-Miller-Sammlung ab. Deutschsprachige Erstausgaben aus den 1960er- und 1970er-Jahren liegen draußen vor der Tür auf dem Stromkasten und warten auf den nächsten Hamburger Regen. Keiner greift zu. Es ist ziemlich bitter.

Denn jahrelang waren diese Bücher der ganz heiße Scheiß im Untergrund, ihr Verkauf in Deutschland verboten, weil: subversiver Schmuddelkram.

Die Helden in den Romanen von Henry Miller (1891—1980) leben in den Tag hinein, kein Gott, kein Staat, kein Mietvertrag, haben mal kein Geld und bringen es ein andernmal mit Huren und Champagner durch. Die Ich-Erzähler (es war durchaus in Millers Sinne, wenn Leserinnen und Leser sie mit ihm, dem Autoren, verwechselten) vögeln sich vergnügt quer durch New York und Paris. Viel Plot oder Charaktertiefe gibt’s da nicht, dafür umso mehr unstetes, anti-bürgerliches Leben und eine Sprache, die sich um Anstand und Tabus nicht schert:

O Tania, wo ist jetzt deine warme Möse, diese dicken, schweren Strumpfbänder, diese weichen, üppigen Schenkel? In meinem Pint ist ein sechs Zoll langer Knochen. Ich will jede Falte in deiner Möse aushobeln, samenträchtige Tania. […] Nach mir kannst du Hengste nehmen, Bullen, Widder, Drachen oder Bernhadinerhunde.

(Aus Wendekreis des Krebses. Fun fact: Tania ist bereits vergeben.)

Oder weniger genital-fixiert:

Sie war Kind, Jungfrau, Engel, Verführerin, Priesterin, Hure, Prophetin in einem.

(Aus Der Koloß von Maroussi. Fun fact: Miller schreibt hier von einem, wie er selbst sagt, vielleicht zehn Jahre alten Mädchen.)

Der Prominenz ihres Autoren schadete das Verbot seiner Bücher jedenfalls nicht, ganz im Gegenteil. Jörg Fauser las Miller, George Orwell lobte Miller, John Burnside schwärmte für Miller und einige Kritiker bezeichneten ihn als Ziehvater der Beat Generation.

Er sei »Amerikas berühmtester lebender Schriftsteller«, urteilte gar Der Spiegel im Jahr 1964 (hier geht’s zur PDF des entsprechenden Artikels), da war Wendekreis des Krebses gerade erstmals legal in die deutschen Buchhandlungen gekommen. Der Roman wurde ausgeliefert mit einem Kärtchen, auf dem der Käufer unterzeichnen sollte, dass er selbst volljährig sei und das Buch keineswegs an Minderjährige weitergeben werde.

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Oh, Jacobin! Hello again!

It’s been more than five years since I met Bhaskar Sunkara, the founder and editor of Jacobin Magazine, in a coffee shop in a basement somewhere in Bed-Stuy. He was in his 20s, I was in my 20s and I had no idea he’d write American history.

Back then, I’d been on a trip down the east coast to meet the editors of a resurgent scene of little magazines who published their cultural criticism the (very) old way: With black ink on white paper, with little or no photos or fancy layouts, in a language free of jargon and academese. Serious people. Smart people. People who seemed rather out of place in the 21st century.

After all, newspapers and magazines were dying left and right and experts talked about the wonders and inevitability of a form of digital publishing that was geared towards social media. Which meant: Short pieces. Short sentences. Don’t provoke people to think. Trigger them, so your shit may go viral.

Talking to the editors of n+1 (in New York), The Baffler (in Cambridge and DC), The Point (in Chicago) and Jacobin (also in NY) was inspiring. Here were people who demanded the right to treat their readers like grown-ups. I loved it.

But my trip also felt like a rather nerdish pursuit. I’d written about n+1 for Spex, but when I embarked on my journey, I had no idea whether I would find a German publication that might be interested in my exploits. Eventually, DIE ZEIT offered a whole page for me to introduce their readers to n+1, The Baffler, The Point and Jacobin. My piece was called „Klare Sprache, schwarze Tinte“. Someone even translated it into English, guerilla-style.

Fast forward five years and I pull this book from my mailbox. It’s an anthology of German translations of pieces taken from Jacobin, published by Suhrkamp Verlag.

It makes sense to read and to re-read Jacobin pieces now. After all, on both sides of the Atlantic, the left is struggling to find it’s purpose. Jacobin, in the meantime, has been part of the revival of socialist thought in the US, one of the many unexpected surprises on the American political scene in recent years.

An unquestioned premise

An unquestioned premise among those who live in American cities with international airports has been, for more than half a century now, that Enlightenment values would in time become conventional wisdom. Some fought for this future to come sooner. Others waited patiently. But nobody seemed to believe that it would never arrive.

– Nathaniel Rich in his foreword to Joan Didion’s book South and West (New York, 2017).

Minderheit / Mehrheit

Die Geschichte der Schwarzen in Amerika ist die Geschichte Amerikas. Es ist keine schöne Geschichte.

&

Die Zukunft der Schwarzen in diesem Land ist genau so hell oder so dunkel wie die Zukunft des Landes.

– James Baldwin, zitiert nach Raoul Pecks Dokumentarfilm I Am Not Your Negro (in der Arte Mediathek, auf iTunes).

Das ist womöglich übertragbar: Probleme einer Minderheit, die von der Mehrheit unterdrückt wird, sind nicht nur die Probleme einer Minderheit.