Was ist »So-Cal-ism«?

Kalifornien ist nicht nur ein Staat. Kalifornien ist eine Idee. Ein LebensgefĂĽhl! Manche seiner Kritiker sagten sogar: eine Ideologie.

Wortspiele, die den (unterstellten) liberalen Geist und den (unterstellten) krassen Materialismus des Landes auf die Schippe nehmen, sind inzwischen ein bisschen abgenudelt: Californication, zum Beispiel, die kalifornische Hurerei oder kalifornische Unzucht (»fornication«), die es erst als Song gab, dann als TV-Serie.

Neu ist das hier:

so-cal-ism

(Gefunden als Kommentar unter diesem kuriosen YouTube-Video.)

»So-Cal-ism« = »Südkalifornianismus«, nehme ich an. Ein Schmähbegriff aus offenbar rechter / konservativer Sicht gegen den Staat, der ja bekanntermaßen verhasst ist unter den Konservativen der USA.

Warum verhasst? Weil in Kalifornien (zumal in SĂĽdkalifornien) zwar der Kapitalismus gedeiht, aber eben auch ein Libertarismus, der neben dem Unternehmertum auch die Sexualmoral, den Drogenkonsum, usw. umfasst. Und weil Hollywood-Leute im Ruf stehen, das amerikanische Ă„quivalent der Salonkommunisten zu sein: limousine liberals. Oder: latte liberals.

Silicion-Valley-Typen mit wenigen Ausnahmen auch. AuĂźerdem ist Kalifornien einer der wenigen Staaten in den USA, in dem auch Republikaner Donald Trump kritisieren.

Aber »So-Cal-ism«: Ist das eine Begriffsschöpfung dieses ja offenbar ohnehin den Wortspielen zugeneigten YouTube-Kommentators? Oder ist das ein stehender Begriff, wie die kalifornische Ideologie, wie Californication?

Wer mehr weiĂź: Bitte melden.

Beats fĂĽr unbekannte KĂĽnstler

the-range-02

Es gibt sie noch, die kritischen Autoritäten! Alles, was Jan Kedves im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung an Pop-Musik empfiehlt, kann man zum Beispiel völlig bedenkenlos bei Soundcloud oder Spotify eintippen.*

Wenn er schreibt, dass Potential, das neue Album von The Range, alias James Hinton, »exzellent« sei, dann glaube ich das jedenfalls gerne – und gehe mein Smartphone suchen, um es an die Boxen zu stöpseln.

Aus seinem Text:

[Der] Bassmusik-TĂĽftler sucht mit einem von ihm selbst entwickelten Algorithmus auf Youtube Gesangs- und Rap-Darbietungen, die besonders wenige Plays haben. Es wirkt, als wolle Hinton die Amateure und Halbprofis vorfĂĽhren, deren Audiomaterial er – zunächst ungefragt – samplet und verarbeitet. Doch das Gegenteil ist der Fall. Es geht dem 28-Jährigen um den Blues enttäuschter Hoffnungen, einerseits. Andererseits will er das im Audiomaterial der Videos steckende Potenzial herausarbeiten.

Aus der Realität zu schöpfen, um Kunst zu schaffen: das bedeutet heute selbstverständlich auch, mit Netzfundstücken zu arbeiten. In der Literatur gibt es Verleger wie Nikola Richter von Mikrotext, die Status-Updates auf Facebook oder Chats aufstöbern, zu literarischen Formen erklären und als Bücher veröffentlichen, die teilweise durchaus für Furore sorgen (wie es dazu kam, habe ich hier etwas ausführlicher aufgeschrieben).

Beispiele von Fotografen und bildenden Künstlern, die sich durch die Untiefen des Internets wühlen und auf unterschiedliche Weise mit digitaler found footage arbeiten, gibt es noch mehr (etwa Jenny Odell, die Googles Satellitenfotos neu sortiert, Clement Valla, der dort Glitches sucht, oder Kurt Caviezel, der Aufnahmen frei zugänglicher Webcams katalogisiert).

Die Pop-Musik ist als elektrisierte, netzaffine und seit Jahrzehnten anderer Leute Klänge sampelnde Kunstform wie gemacht für solche digitalen Raubzüge. Und tatsächlich gibt es einige Musikproduzenten, die so arbeiten und recht erfolgreich sind, etwa Kutiman, der die Tonspuren der YouTube-Videos von Amateurmusikern eindrucksvoll zu neuen Songs collagiert.

Mir scheint jedoch, dass The Range eine neue Qualität erreicht hat mit Potential, der Platte, die – Smartphone gefunden, Namen eingetippt, Anlage aufgedreht und bald schon Jan Kedves Einschätzung voll zugestimmt – zum wiederholten Male im Hintergrund läuft, während ich das hier schreibe.

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Webserie »Shore, Stein, Papier«: Der Ramschladen YouTube probiert Journalismus – und das kann sich sehen lassen

Video: Die zweite Folge von Shore, Stein, Papier, einer Interview-Serie auf YouTube

Ein Typ sitzt am Küchentisch und erzählt von Heroin. Und von allem, was passierte, nachdem er mit 15 Jahren das erste Blech »Shore« geraucht hat. Er hat keinen Namen (manche nennen ihn $ick), aber man kann ihm ins Gesicht sehen und seine Stimme hören. Und: Er kann toll erzählen. Es geht um seine Geschichte, grob chronologisch, in kurzen Episoden: Familie, Freundschaft, Drogen, Dealen, Knast.

Im Hintergrund dudelt ein penentrantes Klavier, immer wieder wechselt die Kamera in eine irritierende schräg-von-oben-voll-auf-die-Geheimratsecken-Perspektive. Aber egal: Das alles kriegt die Serie Shore, Stein, Papier nicht kaputt, denn sie lebt von dem intimen Setting und von dem Temperament und der Lebensgeschichte von $ick.

Der namenlose Protagonist erzählt diese Geschichte, als würde er mit einem alten Freund reden. Er sitzt stets an einem Tisch, mal in der Küche, mal im Wohnzimmer, mal mit einem Joint, mal mit einer Zigarette in der Hand. Die offensichtlich am Stück aufgenommenen Gespräche sind grob zu Themenblöcken zusammengeschnitten.

… schreibt Eike Kühl im Netzfilmblog von Zeit Online.

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YouTube-Revolutionen? Zwei schnelle Zitate zu Videos, WĂĽrde und Weltpolitik

Ohne den Einmarsch der Amerikaner im Irak hätte es keine arabischen Revolutionen gegeben – so lautete eine der gewagteren Thesen des Historikers Niall Ferguson, der am vergangenen Freitag auf Einladung der American Academy in der ESMT Berlin sprach.

Der Anblick des verwilderten Saddam Hussein, der sich feige in einem Erdloch versteckte und später wie ein Gesetzloser gehängt wurde (as seen on YouTube), dies beides sei ursächlich verbunden mit der Erkenntnis in Tunesien, Ägyten, Libyen und anderswo, dass man scheinbar unberührbare Diktatoren fortjagen könne.

So erinnere ich mich Ferguson sinngemäß sagen gehört zu haben – und das ist sicher kein überzeugendes Argument dafür, dass die Irak-Invasion eine gute und gerechte Sache war, denn da wären unter anderem noch die Toten dieses Krieges, die sich wohl auf über 100.000 belaufen.

Aber: Zu dieser These passt folgendes Zitatschnippsel vom Oppositionellen-Offizier Mohamed El Lagi aus einer Libyen-Reportage im New Yorker, heute gefunden und ĂĽbersetzt von Perlentaucher:

Als Tony Blair kam, zeigte Gaddafi ihm seine Schuhsohle, das war ein Zeichen von Respektlosigkeit und wurde in ganz Libyen über YouTube verbreitet. Als Condi Rice kam, lehnte er es ab, ihr die Hand zu schütteln, und später, während sie redeten, gab er ihr eine libysche Gitarre, als würde er sie auffordern zu singen. Sie hätte in dem Moment abreisen sollen, als er ihr nicht die Hand gab, aber sie tat es nicht. Die Interessen amerikanischer Firmen waren ihr wichtiger. All diese Gesten haben die Libyer sehr enttäuscht, weil sie bedeuteten, dass er jeden kaufen kann.

Die Beobachtung, dass mit Bildern und Körperinszenierungen Politik gemacht wird, ist natürlich nicht neu. Doch diese Beispiele sind noch dramatischer und weitreichender, als jene, als zum letzten Mal zu beobachten war, dass die Deutungshoheit des Fernsehens durch YouTube zwar gebrochen, die Macht der Bilder aber noch verschärft worden ist.

 

Musik macht SpaĂź. Und YouTube auch wieder. Dank Steve Moore (»Rick K. & The Allnighters«) & DJ der guten Laune

Etwas Gutes hat der restriktive Umgang mit Nutzungsrechten bei YouTube: Seit die Videos von Miley, Kylie und Stefani Joanne Angelina »in deinem Land nicht verfügbar« sind, ist wieder ein bisschen mehr Zeit für Freaks. Für die Hauptdarsteller in Amateurvideos, die nicht mit Kalkül auf viralen Erfolg ins Netz gestellt wurde, sondern, naja, einfach so zum Spaß. Und prompt viralen Erfolg haben. Fantastisch zum Beispiel:

Rick K. & The Allnighters: Die langweiligste Band der Welt? Schlimmer als Revolverheld? Nö. Zumindest nicht, sobald Drummer Steve Moore loslegt. Über seine Mucker-Karriere und Metal-Vergangenheit spricht der gute Mann im Interview mit Citypages.

DJ der guten Laune: Das clubkulturelle (oder: Hochzeits-Party-) Gegenstück zu Steve Moore. Und auf ähnlichem Wege zu Weltruhm, wetten? Über Tanzstrategien und seine Arbeitsphilosophie des »Selfdope« spicht DJ der guten Laune in diesem Video-Interview. (via Facebook/Spex)

Fast vergessen: Musik macht SpaĂź.