Ein Jahr seit dem russischen Ăœberfall

Russland

Ich kam heute am Generalkonsulat der Ukraine in Hamburg vorbei, Mundsburger Damm, Alsterufer. Es war ein kĂŒhler, sonniger Tag — genau wie bei einem frĂŒheren Besuch, fiel mir ein.

Damals hatte man hier den Asphalt der Straße kaum sehen können vor Menschen und SolidaritĂ€tsfahnen. Das war Anfang MĂ€rz 2022, ich habe noch einen Schnappschuss davon auf dem Handy gefunden. Links, das Haus mit der Fahne, ist das ukrainische Generalkonsulat.

Auf dem RĂŒckweg fuhr ich heute am Feenteich vorbei, dort steht ein zweites Generalkonsulat, das russische. Ein stummer Protest auf der Straßenseite gegenĂŒber: Jemand hat Luftballons in den Nationalfarben jenes Landes aufgehĂ€ngt, in dem russische Raketen seit bald einem Jahr wieder und wieder in WohnhĂ€user einschlagen und in dem russische Soldaten morden. Polizeiwagen parken hier, man könnte fast denken, auch sie trĂŒgen diese Farben.

Nur etwas mehr als ein Kilometer trennt die beiden HĂ€user, etwas weniger als ein Jahr die beiden Fotos. Es ist in der Zwischenzeit doch ziemlich still geworden in Hamburg.

Soll man jetzt Anna Netrebko das Singen verbieten?

20220304 - Anna Netrebko

In MĂŒnchen wurde in dieser Woche Valery Gergiev als Chefdirigent der Philharmoniker entlassen, in Hamburg hat die OpernsĂ€ngerin Anna Netrebko ihren Auftritt in der Elbphilharmonie Hamburg kurzfristig abgesagt.

Beide gelten schon lĂ€nger als Freunde Wladimir Putins und hatten sich zuvor nicht deutlich von ihm und seinem Überfall auf die Ukraine distanziert.

DĂŒrfen wir von russischen KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstlern politische Bekenntnisse einfordern? Oder droht hier eine neue Form von »Cancel Culture«, die Kultur unnötig politisiert und KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstler erpresst?

DarĂŒber habe ich im Podcast »Hinter der Geschichte« mit Florian Zinnecker gesprochen. Er hat im aktuellen Feuilleton der DIE ZEIT berichtet, wie einige russische Musikerinnen und Dirigenten um eine Haltung zum Angriffskrieg ihres Heimatlandes ringen.

Unser GesprĂ€ch: Überall, wo es Podcasts gibt oder hier.

Putin rappt (leider nicht selbst). Und andere staatstragende HipHopper.

Ist Rap der Sound der LeistungstrÀger und Angepassten?

Coolness wird [in der Jugendkultur] nicht mehr mit Verweigerung, sondern mit Disziplinierung, Durchsetzungsvermögen und Leistungsbereitschaft gleichgesetzt. Und das nicht zuletzt in Folge zweier Jahrzehnte HipHop-Battles, die von PĂ€dagogen und Institutionen wie der Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung gefördert werden,

schrieb der Kulturjournalist Martin BĂŒsser schon im vergangenen Jahr in einem Artikel. Am Beispiel von Sido beschreibt auch ein Text des bayrischen Jugendradios on3 pointiert den Trend zur gerappten Selbst- und Fremddisziplinierung. In „Sido goes Guido“ hieß es dort vor Kurzem:

Mit „Mein Block“ schrieb er eine Hymne gegen die Leistungsgesellschaft. SpĂ€t aufstehen, abhĂ€ngen und sich mit Sozialhilfe und Gaunereien durchs Leben schlagen. Er war das Sprachrohr fĂŒr alle Job- und Perspektivlosen. Doch diese Zeiten sind nun vorbei. Auch auf Sidos aktuellem Album zeigt sich seine positive Einstellung zur Leistungsgesellschaft. So beginnt die erste Singleauskopplung „Hey du“ mit den Worten „Nein mein Freund, das Leben singt keine Kinderlieder, verdammt es ist hart, du musst was tun, das sag ich immer wieder.“

Das war so schon bei Sidos, Kitty Kats und Tony Ds Scooter-Bearbeitung „Beweg‘ deinen Arsch“ zu beobachten, die ich fĂŒr die Spex (#319, MĂ€rz/April 2009) besprochen habe:

Sido, Kitty Kat und Tony D ĂŒbersetzen „Move Your Ass“ in „Beweg deinen Arsch“ und drehen die Bedeutung der Titelparole damit um 180 Grad herum. In der Originalversion skandierte H.P. Baxxter seinerzeit „Come on, party, you gotta keep it up“. In der Rap-Version bleibt davon nur das Imperativische erhalten. Hier lehrt Sido: „Von nichts kommt nichts, ohne Fleiß kein Preis“, und Kitty Kat ergĂ€nzt: „Du willst ein Haus am Strand? Du brauchst erst mal einen Job“.

Und wenn Peter Fox hierzulande seine grĂ¶ĂŸten Erfolge damit feiert, sich in „Haus am See“ nach dem verdienten Lebensabend im Familienkreis zu sehnen, ist auch das eher schwierig mit dem Widerstandsgestus zu vereinbaren, der HipHop einst unterstellt wurde. Jedenfalls — die ZĂ€hmung des Rap ist offenbar nicht nur ein deutschsprachiges PhĂ€nomen, wie dieses Video vermuten lĂ€sst:

„[Putin] is a legend, he’s our icon“? Dieser Typ als Ikone in punkto „realness“ und „respect“? Extrabizarr.

[Putin-Video gefunden im Foreign-Policy-Blog]