Green No Deal: Wenn Unternehmen fĂĽr weniger Konsum werben

Sozialexperiment: fast 62 % zahlen zu wenig fĂĽr Bio Produkte

Ah, Werbung und Marketing in Zeiten des Klimawandels. Gibt es etwas Spannenderes?

Die Biomarktkette Bio-Company wirbt – siehe das PR-Foto oben – seit einiger Zeit mit dem Slogan »Kauf weniger« und macht damit auf sich aufmerksam: »Kauf weniger, aber bitte bei uns!«. Ich bin gespannt, ob das aufgeht. (Mehr Infos zur Werbekampagne hier.)

Ich muss dabei an mein altes Fairphone denken, das bei seiner Einführung von dem Hinweis begleitet wurde, das fairste Handy sei immer jenes, welches man bereits besitze. Das ist natürlich sachlich korrekt, wurde als freundlicher Hinweis aber aufgegeben, als es schlagartig keine Updates mehr für das ansonsten noch solide funktionierende Fairphone 1 gab und die Spam-Mails anfingen, man möge sich jetzt doch bitte endlich ein Fairphone 2 kaufen.

Und jetzt: Ein neues Magazin aus der Brigitte– Familie! Brigitte Be Green. Titelzeile der ersten Ausgabe: »Macht Verzicht glĂĽcklich? Ja!« (hier der Link zum Cover). Was natĂĽrlich eine Einladung ist, das Heft nicht zu kaufen und auszuprobieren, ob die Redaktion recht hat.

Ich kann berichten: Ich sitze zu Hause, nachdem ich das Magazin im Sinne seiner Titelgeschichte sehr bewusst nicht gekauft habe, aber richtig glücklich bin ich nicht. Denn ich hätte doch ganz gerne gewusst, was für Anzeigen in dem Heft gedruckt sind. Bio Company? Fairphone? Das allein plus keine Leser ist womöglich nachhaltig, aber kein nachhaltiges Business.

Womöglich zeigt sich also bei Bigitte und Bio-Company wie beim Fairphone: Kein Konsum ist gut fürs Klima, aber keine Grundlage für unternehmerischen Erfolg.

Foto: obs/Dorothea Tuch fĂĽr BIO COMPANY, Nutzung kostenfrei, via Presseportal.de

Schlaf gut, sagt der Kapitalismus

Schlaf ist Freiheit. Während wir in jeder wachen Minute mit Werbung (mit Notifications, mit Fotos, mit Tweets) bombardiert und dazu angehalten werden, zu konsumieren (uns zu empören, unsere Meinung zu sagen, oder auf andere Weise den Zirkus am Laufen zu halten), während es für jedes andere menschliche Bedürfnis  (Essen, Trinken, Sex und Freundschaft) eine Milliardenindustrie gibt, die dieses ausbeutet, ist der Schlaf die letzte Enklave menschlicher Existenz, die vom Kapitalismus nicht kolonisiert wurde.

So oder so ähnlich schrieb Jonathan Crary von einigen Jahren in seinem Essay 24/7 , in dem das Schlafen als eine linke, widerständige Praxis erschien (mehr dazu hier in diesem Blog).

Aber, ach! Alles vorbei:

Finally, and perhaps inevitably, after centuries of simply concentrating on our waking hours, capitalism is coming for our sleep.

Das schreibt Stuart McGurk in der aktuellen Ausgabe der britischen GQ, für die er bei Wirtschaftsprüfern, Premier-League-Fußballvereinen und anderswo einige Player des — wie er schreibt — £100-Milliarden-Marktes für besseren Schlaf getroffen hat.

McGurk verschweigt nicht, dass es immer noch etliche Konzerne gibt, die sie der Bekämpfung des Schlafes verschrieben haben (oder die den Schlaf ihrer Kunden als notwendigen Kollateralschaden ihres wirtschaftlichen Wachstums sehen).

Wunderbar pointiert dazu: Reed Hastings, CEO von Netflix und damit einer der Oberdisruptoren des Silicon Valley, der sagte, sein ärgster Konkurrent sei nicht HBO oder Amazon Prime oder oder oder, sondern: der Schlaf. Wer schläft, kann nicht Netflix schauen. Deshalb müssen die Leute weniger schlafen. Das schärfste Schwert in dieser Schlacht heißt Autoplay. (Link zum Hastings-Statement.)

Aber im Zuge des wachsenden Interesses an Mental-Health-Themen, als dessen Ursprung McGurk den Auftakt der Krisenkaskaden 2008ff ausmacht, gäbe es inzwischen auch den wirtschaftlichen »Megatrend Schlaf« — und große Konzerne wie Apple, die sich gegen Netflix, YouTube/Google, Amazon positionieren, nämlich: pro Schlaf.

Let’s see who wins. Hier geht es zu McGurks Reportage (kostenlos lesbar).

Entdeckt habe ich den Artikel im Next-Draft-Newsletter von Dave Pell (den man hier abonnieren kann).

[Nachtrag, 6. August 2019]: Heute habe ich in Hamburg-Ottensen das Plakatmotiv von Ikea endeckt, das »für eine bessere Work-Life-Sleep-Balance« wirbt. Passt zum Thema wie der Kopf aufs Kissen. Und dann hat noch irgendwer ein verzweifeltes kleines Retro-Graffito draufgekritzelt! Toll. Deshalb ist es jetzt das Aufmacherbild dieses Postings.

Wie ist das Logo-Shirt entstanden?

Die KĂĽnstlerin Pippa Garner hat eine Theorie:

T-shirts are interesting because it’s a trash medium that sort of evolved out of the sandwich boards from the depression era. A person could walk around in front of a restaurant wearing a couple of strapped together panels with an ad. It was a pathetic, low-level way to get people to eat something. Now it’s become a medium where people pay for the privilege of advertising a product.

Zitat aus Spike Art Quarterly, #57 (Autumn 2018), Seite 104.

Foto: DncnH from Melton Mowbray, UK  (CC BY 2.0, via Wikimedia)

Wie die Marine für ihre, äh, Dienstleistungen wirbt:

»Deutsche, kauft deutsche Bananen«, hat Kurt Tucholsky gesagt. Musste er aber auch, denn er war Pazifist. Heute sieht die Sache ein bisschen anders aus:

Video: Ein Clip der Imagekampagne Meer. FĂĽr Dich, die im Juni von der Marine lanciert wurde

Es handelt sich offenbar um ein offizielles Video und – mehr noch – um eine ganze Kampagne, wie Thomas Wiegold schreibt und hier noch einmal von verantwortlicher Seite nachzulesen ist. Die Marine: ein moderner Dienstleister.

Dieser Clip ist nicht der erste der deutschen Streitkräfte, über dessen Ästhetik ich mich etwas wundere. Vielleicht wäre es eine subtilere PR-Strategie, weiter Komiker nach Afghanistan einzuladen?

Andererseits: Deutsche Truppen schützen deutsche Handelsrouten. Diese Aussage scheint heute problemlos sagbar zu sein. Möge es dem armen Horst Köhler Genugtuung verschaffen.

[♥ to SpOn]

Sklavenarbeit im Schanzenviertel:

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Abb. 1-3: Graffiti an der Bushaltestelle BernstorffstraĂźe in Hamburg

Eine originelle – wie sagt man? – urbane Intervention ist derzeit an einer Bushaltestelle im Schanzenviertel zu sehen. Die Totenköpfe sind so auf die Scheibe vor den rotierenden Werbeplakaten gemalt, dass sie die Gesichter der Models verdecken, die hier für Billigkleider von C&A und Mango werben. Daneben steht: »Made from Slaves!«

Die Präposition »from« statt »by« ist natürlich falsch, aber erstens ist das mit der englischen Rechtschreibung eh so eine Sache und zweitens hat man als Graffiti-Künstler manchmal einfach nicht viel Zeit …

Dass sich dieses Adbusting ausgerechnet gegen C&A und Mango wendet, ist wohl kein Zufall: Die Kampagne für Saubere Kleidung wirft Mango vor, in Bangladesch Fabriken zu nutzen wie jene, bei deren Einsturz im Mai mehr als tausend Menschen getötet wurden. Beim Brand in einer Fabrik von C&A sind im vergangenen Jahr ebenfalls in Bangladesch mehr als hundert Menschen gestorben.

Womöglich wurde der Urheber auch von der Website Slavery Footprint inspiriert.

Weiterlesen Sklavenarbeit im Schanzenviertel:

Spex #329, November/Dezember 2010: Ab Freitag am Kiosk


Abb. 1: Spex #329, Nov./Dez. 2010. (Pardon wg. der Verpixelung, mein Telefon wird alt.)

Aus dem Briefkastenschlitz und durch die Jalousien starrt Ninja von »Die Antwoord«, einer Band, die viele Fragen aufwirft. Er ist Coverheld der neuen Ausgabe der Spex, die ab Freitag im Zeitschriftenfachhandel bereitgehalten wird. Und nach dem ersten, hastigen Durchblättern sehr gut aussieht. Hier geht’s zum Online-Inhaltsverzeichnis.

Wie immer ist die LektĂĽre-Empfehlung nicht ganz uneigennĂĽtzig: Zusammen mit dem scheidenden Chefredakteur Max Dax habe ich fĂĽr die aktuelle Ausgabe Antony Hegarty (Antony and the Johnsons) Lieder von Britney Spears vorgespielt. FĂĽr den Schwerpunkt »Digitale Evolution Film« mit den Filmemachern Harmony Korine (»Trash Humpers«) und Gareth Edwards (»Monsters«) gesprochen. Und fĂĽr das Pop Briefing die neuen Alben von Classless Kulla & Istari Lasterfahrer, Baths, Patrice und Big Boi gehört, sowie die feine Compilation »F*<k Dance Let’s Art: Sounds from a new American Underground«.

Spex #328, September/Oktober 2010: Ab Freitag im Kiosk

Abb.: Spex-Ausgabe #328, wahlweise mit Christoph Schlingensief oder Helene Hegemann auf dem Titel

Heute im Abo, ab Freitag im Kiosk: Die September/Oktober-Ausgabe der Spex (Inhaltsverzeichnis: klicken). Wahlweise mit Helene Hegemann oder Christoph Schlingensief auf dem Cover. Drinnen steckt viel Theater (eben Schlingensief, René Pollesch, Monika Gintersdorfer). Und Robert Misik erklärt patent, wie das mit der Wechselwirkung von Pop und Kapitalismus zu verstehen ist.

Meinerseits enthalten sind einige Zeilen zu Aloe Blacc (Hit: klicken), sowie Pop-Briefing-Anmerkungen zu M.I.A., KrakĂłw Loves Adana (ausfĂĽhrlicher: klicken), HGich.T, und dem fantastischen neuen Album von Stella.

Nachtrag (18.8.2010, 12h): Nicht von mir, sondern von Elias Kreuzmair ist der längere Beitrag über 1000 Robota. Misstrauen Sie der Autorenzeile. Das lehrt ja auch der Kunstsprache-Schwerpunkt im Heft.

Nachtrag (21.8.2010, 18:45h): Christoph Schlingensief ist tot. Falls die Matjes-Collage jemals lustig war–jetzt ist sie das nicht mehr. Ich habe sie durch einen neutrales Doppelcoverfoto ersetzt.

Spex #327, Juli/August 2010: Ab Freitag am Kiosk

Die neue Ausgabe des »Magazin für Popkultur«: Mit dem besten Menschtiercover seit der Animal-Collective-Titelgeschichte vor, ach, drei Jahren. Außerdem mit meinem Porträt des talentierten, tollen, wohlfrisierten Radiopoppers Darwin Deez und einem Einspalter zur queeren Elektropop-Band MEN, die es dringend live zu sehen gilt. Und: mit Popbriefing!

OK, und wer ist der junge Mann im TierkostĂĽm, der da unter den mäßig diszipliniert bewässerten Margeriten hervor lugt? Auflösung: Das Spex-Cover (scharf) und Inhaltsverzeichnis (vollständig) gibt’s hier. Und das Heft ab Freitag im Zeitschriftenhandel.