Donald Trump & der Â»Tribalismus«

Während europäische Zuschauer des Superbowls am Sonntag die Nacht zum Tag machen mussten, wurde das Trump-Impeachment diese Woche zu familienfreundlichen Uhrzeiten durchgeführt. Die Schlussplädoyers im Senat waren am Montagmittag zu hören, die abschließende Abstimmung am Mittwochnachmittag, durch die Zeitverschiebung war es bei uns sechs Stunden später, der Livestream lief also jeweils zur mitteleuropäischen Primetime.

Ich habe in den vergangenen Tagen ein paar Mal für ein paar halbe Stunden reingeschaut und staunte, dass es zeitweise so wirkte, als solle nicht der Präsident des Amtes enthoben werden, sondern die Mehrheit der Demokrat*innen im Repräsentant*innenhaus, die — so argumentierten die Trump-Anwälte — schlampig, voreingenommen, ja, im Grunde anti-demokratisch agiert hätten, als sie das Verfahren gegen Trump bemühten, das nun in dem von Republikaner*innen beherrschten Senat gelandet war.

So zum Beispiel Jay Sekulow, einer von Trumps Anwälten, am Montag:

Noch nie sei in einem Amtsenthebungsverfahren (beim Republikaner Nixon nicht, beim Demokraten Clinton nicht) von den Repräsentant*innen so geschlossen entsprechend der Parteizugehörigkeit abgestimmt worden: Demokrat*innen dafür, Republikaner*innen dagegen. Für die Trump-Verteidiger war das ein Zeichen, dass das Verfahren hanebüchen und allein von Parteiinteressen getrieben sei.

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Tote weiße Männer

Das amerikanische Rolling Stone-Magazin hat einen bedrückenden Artikel über die »Epidemie« (so nennen es einige Fachleute) der Selbsttötungen unter nordamerikanischen Männern veröffentlicht:

The Centers for Disease Control recorded 47,173 suicides in 2017, and there were an estimated 1.4 million total attempts. Many of society’s plagues strike heavier at women and minorities, but suicide in America is dominated by white men, who account for 70 percent of all cases.

Und weiter:

No segment of the population is more likely to be impacted by these horrifying numbers than middle-aged men in rural America. They not only own guns and lack mental-health resources — by one estimate, there are 80 or so psychiatrists licensed to practice in Wyoming — but they also have chosen a life that values independence above all else.

Merke: Das Patriarchat ist schlecht für Männer.

In Nebensätzen ist ein weiteres Problem versteckt: Nicht alle, denen eine Therapie helfen könnte, können sie sich leisten — weil sie nicht krankenversichert sind.

Hier geht es zu dem Artikel (kostenlos online lesbar).

Wird das Töten durch Drohnen zum Computerspiel? Nein, schreibt der Journalist Chris Woods

Durch Drohnen wird das Töten zum Computerspiel – unverbindlich und routiniert. Das ist eine gängige Annahme. Aber sie stimmt nicht, sagt Chris Woods, der als investigativer Journalist zum Drohnenkriege recherchierte und für sein Buch Sudden Justice Militärs, Drohnenpiloten und Geheimdienstlern zu ihrer Tätigkeit befragt hat.

Woods behauptet, es gäbe eine »Intimität des ferngesteuerten Tötens«, das Töten falle Drohnenpiloten mitunter schwerer als anderen Soldaten. Wie er darauf kommt, habe ich ihn gefragt – im Interview auf Spiegel Online.

Guns in America

A report released by the F.B.I. on Wednesday confirmed what many Americans had feared but law enforcement officials had never documented: Mass shootings have risen drastically in the past half-dozen years.

– New York Times

More than 480 were killed and 557 wounded in 160 „active shooter“ incidents from 2000-13, it found. Two-thirds of incidents ended before police arrived, though only one ended when an armed citizen not working as a security guard responded with gunfire.

– BBC News

Hurra, hurra, Staatsversagen! Eine kommentierte Linksammlung zum »Government Shutdown« in den USA


Video: Der Kopf ist vom Sprecher der Republikaner, der Körper & Song von Miley Cyrus, die Message vergleichbar (via Browbeat).

Seit mehr als einer Woche bleibt aus politischen Gründen der Zoo geschlossen. Und die Holocaust-Gedenkstätte. Und alle anderen staatlichen Museen. Die Army twittert jetzt weniger, das Parlament ist zu, aber immerhin: die Müllabfuhr fährt noch, vermutlich. In Washington ist grad noch weniger los als in Berlin.

(Ein beliebiges Zitat aus der deutschen Hauptstadtpresse über das Sondierungsgespräch zwischen Union und SPD:  »Die quadratischen Tische waren zu einer langen Tafel gestellt, mit blütenweißen gestärkten Tischtüchern gedeckt. Neben weißem Porzellan und silbernem Besteck stand Mineralwasser, Kaffee, Bionade und Apfelsaft – naturtrüb.«)

Viele Behörden und staatlichen Institutionen der Vereinigten Staaten sind seit 1. Oktober im Stand-By-Modus, weil die Parlamentarier im Kongress sich nicht auf einen Haushalt einigen konnten.

Ein Fall für den Failed State Index sind die USA deshalb jedoch nicht: Kurz nach dem Beginn des »Government Shutdown« verkündeten die Strafverfolgungsbehörden, sie hätten den Betreiber von Silk Road gefasst und damit einen großen Umschlagplatz für illegale Drogen im Internet lahm gelegt. Wenige Tage später gab es spektakuläre Militäroperationen in Libyen und Somalia (zwei Länder, mit denen die USA offiziell nicht im Krieg sind). Zudem sind Gefängnisse, FBI und Streitkräfte sind vom »Shutdown« nicht betroffen, für zivile Mitarbeiter des Militärs gibt es jetzt eine Ausnahmeregelung. Der strafende Staat funktioniert noch.

Der Shutdown ist ein Ärgernis. Aber ist er auch eine Katastrophe? Nö, noch nicht, schreibt der Economist:

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Klare Sprache, schwarze Tinte, weiĂźes Papier: Mein Artikel ĂĽber kleine amerikanische Kulturmagazine – ab heute in der Zeit

Oskar Piegsas Artikel "Klare Sprache, schwarze Tinte" Feuilleton der Zeit vom 13. Februar 2013

In Amerika grĂĽnden junge OstkĂĽstenintellektuelle wieder Zeitschriften. Jacobin, zum Beispiel. Oder The Point oder The Baffler oder n+1. Eine Entwarnung fĂĽr den Medienmarkt ist das nicht, aber ein Hoffnungsschimmer fĂĽr die politische Kultur. Und: Um das zu lieben, muss man noch nicht mal das Internet hassen. AusfĂĽhrlicher schreibe ich darĂĽber im Feuilleton der aktuellen ZEIT (hier das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe als PDF).

[Nachtrag 24.2.2013]: Inzwischen ist der Text auch online. And someone took the time to translate the article. Quite impressive!

Re: Danger! Danger! Danger! Staying safe in Chicago

floodingsqsmIt doesn’t happen too often (i.e.: it never happens) that my small-scale attempts at blogging prompt reader’s contributions. That’s why I’m thrilled to share the photo a friend sent me after seeing my super-dangerous vacation pictures.

Jobst recently spotted this nifty sprinkler and warning sign in Chicago’s Swissotel and gave in to the same urge as I did while staying in Boston: »Fascinating sign – I’ll need to document this. Back home, nobody will believe me! «

Jobst stayed at a nicer hotel, though. You’ll notice the subtlety they employ to get their point across – no yelling »danger« in your face first thing after you get up in the morning. And oh, such pretty wallpaper!

Kulturkampfbekämpfer. Ăśber den Roman »Taqwacore« von Michael Muhammad Knight (und die Street Art von Princess Hijab & NiqaBitch)

Abb.: Beispiel für Princess Hijabs »Verschleierung« vom Werbeplakaten (Foto via yaplog)

»I am an Islamist, I am the Antichrist«, schreit ein verschwitzter, halbnackter Pakistani ins Mikrofon. Der Bassist neben ihm trägt Iro und die islamische Mondsichel auf dem T-Shirt. Und vor der Band, die ebenerdig mit ihrem Publikum spielt, schubst sich ein Burka tragendes Mannsweib den Weg in den Moshpit frei. Es ist der Sommer 2007 und der Schauplatz ein kleiner, dunkler Kellerclub in Chicago. Die Decke ist niedrig, die Anlage überfordert und der Sound beschissen, doch das Publikum hat Spaß. Etwas abseits der Pogotänzer steht eine Gruppe junger Muslimas, die mit ihren verschleierten Köpfen im Takt nicken. Die Band nennt sich The Kominas, das bedeutet »Bastard« oder »Mensch von niedriger Geburt« in der pakistanischen Nationalsprache Urdu. Und der Song, auf den alle abfeiern heißt »Sharia Law in the U.S.A.«.

Diese Szene ist in Omar Majeeds Dokumentarfilm »Taqwacore: The Birth of Punk Islam« zu sehen – und nein, die Band fordert darin nicht die Einführung der Scharia auf dem amerikanischen Kontinent. Der Song spielt auf »Anarchy in the U.K.« von den Sex Pistols an. Die störten 1977 die Feierlichkeiten zum silbernen Amtsjubiläum von Queen Elisabeth II., marschierten mit Hakenkreuz-Emblem durch London und verunsicherten die britische Gesellschaft auf eine Weise, die seitdem oft nacherzählt, bewundert und verklärt wurde, aber in ihrer Intensität niemals wiederholbar schien. 30 Jahre später zeigt sich nun: Das Provokationspotential des frühen Punk ist wiederholbar. Man muss nur seinen Zeichen und Reizwörter aktualisieren: Islamisierung des Westens statt Zerfall des britischen Empires, Burka statt Hakenkreuz, »Scharia« statt »Anarchie«.

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Könnte der Fall Sarrazin auch in den USA passieren? Nein, sagt Dalia Fahmy, die vermutlich Bescheid weiĂź

Thilo Sarrazin und die USA — Versuch einer Annäherung. (CC-Foto von Bud Spencer via Flickr)

Dalia Fahmy, amerikanische Mitarbeiterin bei der Tageszeitung Die Welt, geht in einem Artikel der Frage nach, ob die Sarrazin-, äh, Debatte so auch in den USA hätte passieren können. Ihre Antwort: Nein.

Amerikaner – zumindest diejenigen, die internationale Ereignisse verfolgen – kratzen sich am Kopf: Wie kann ein etablierter Politiker mit so einer hohen Stelle bei der Deutschen Bundesbank so viel Unsinn veröffentlichen? Und warum debattieren die Deutschen endlos darüber, ob er Recht hat oder nicht?

Womit das Thema eigentlich gegessen wäre, denn genau dieselben Fragen stellt man sich ja auch als Deutscher (wenn man den Kopf noch nicht in den Sand gesteckt hat, oder sich leidenschaftlich in Meta-Diskussionen über Meinungsfreiheit oder anstehende Korrekturen des Parteispektrums ergeht).

Dennoch lohnt es sich, Fahmys Text zu lesen, weil er auf einige interessante Unterschiede zwischen Deutschland und den USA hinweist — was die Demografie und Debattenkultur angeht. Fahmys Thesen: Amerikaner diskutieren sachorientierter, Amerikaner haben weniger Angst um ihre Kultur (die englische Sprache ausgenommen) und amerikanische Muslime bilden einen heterogeneren Bevölkerungsblock, sind wohlhabender und gebildeter — da fallen pauschale Aussagen schwerer. Gerade den letzten Punkt empfinde ich als einen wertvollen DenkanstoĂź. Welche Rolle spielen soziologische und wirtschaftliche Faktoren, welche kulturelle? Diese Fragen sind mit einiger Sicherheit fĂĽr die Wahrheitsfindung dienlicher, als Rassenkunde fĂĽr Nachgeborene.

Schade ist nur Fahmys Schlusspointe, mit der sie den Deutschen und ihren blöden Vorurteilen, die sie eben noch so eloquent angriff, zwei bis drei Schritte zu weit entgegenkommt:

Vielleicht der ĂĽberzeugendste Grund, warum die Sarrazin-Debatte nie in den USA stattfinden wĂĽrde: Die Amerikaner lesen keine BĂĽcher.

Was ich, mit Verlaub, für Unsinn halte. Denn erstens möchte ich mal wissen, wer in Deutschland das Sarrazin-Buch gelesen hat, der sich jetzt in die Debatte verwickelt sieht; zweitens stammen die explosivsten Aussagen Sarrazins ja gar nicht (nur) aus dem Buch; drittens kuckt auch die Mehrheit der Deutschen lieber Fernsehen als Sachbücher zu lesen, aber das sind vielleicht einfach nicht die Leute, die lautstark Debatten führen; und viertens kann ich mir nicht vorstellen, dass ein nationaler Politiker in den USA keinen Furor auslöst, wenn er von Judengenen quatscht.*

Dennoch: Chapeau fĂĽr Ihren Kommentar, Frau Fahmy!

(*dabei, full disclosure, bin ich noch nicht mal auf der Seite von John Mearsheimer und Stephen Walt, deren Israel-Lobby-These von Walter Russell Mead hĂĽbsch auseinandergepflĂĽckt wurde.)

Zwei Leichen, 1000 Seiten & die Gegenkultur: Unversöhnliche HerbstlektĂĽren von Norman Mailer und Irving Kristol

Fast zwei Jahre nach dem Tod von Norman Mailer am 10. November 2007, hat das neokonservative Commentary Magazine einen elaborierten Generalveriss dessen Lebens/werkes veröffentlicht. In bester Tradition des Autoren wird zwischen seinen privaten Eskapaden und seinem literarischem Output nicht wesentlich unterschieden. Der Rezensent beschreibt den doppelten Pulitzerpreisträger als moralisch in jeder Hinsicht degeneriert und seine Prominenz als Symptom für die Verderbtheit der amerikanischen Kultur:

In the republic at twilight, where the cult of the self is our one true faith and energy has superseded virtue as the object of our reverence, it was inevitable that someone like Norman Mailer should become America’s most celebrated man of letters.

Lesenswert ist das im Zusammenhang mit der stattlichen Auswahl an Rezensionen und Essays, die Commentary auf seiner Internetseite im Gedenken an das Leben des kürzlich verstorbenen neokonservativen Publizisten Irving Kristol veröffentlichte. Kristol hat sich ebenso wie Mailer in The White Negro und The Armies of the Night intensiv mit der amerikanischen Counterculture beschäftigt. Seine Haltung war dabei, anders als bei Mailer, nicht die des partizipierenden (Selbst-) Beobachters, sondern von beeindruckender Abneigung geprägt.

Die Gegenkultur sei nicht nur „gegen Kultur“, sondern auch völlig ohne Anlass gewesen, schreibt Kristol in einem seiner Texte. Mailer wĂĽrde wohl widersprechen und — wie er es in The White Negro tut — noch einmal auf Shoa und Atomkrieg als psychologischen Hintergrund des (hier als amoralischem Draufgängertums empfundenen) „American existentialism“ hinweisen. Beides Faktoren, die ganz anders auf Kristol wirkten — und ihn zusammen mit seinem Entsetzen ĂĽber die besagte Counterculture + X aus dem Lager der linken Intellektuellen nach rechts trieben.

Mailer nahm die Counterculture vorweg, Kristol wird als Pate der Counter-Counterculture gehandelt — und beide haben tausende Seiten Text hinterlassen, die man als Streitgespräch zweier unversöhnlicher Positionen zu Individuum, Staat, Kultur und Moral in Amerika lesen kann. Buckley vs. Vidal in XXL.

Gut, dass es drauĂźen Herbst geworden ist.