Tote weiße Männer

Das amerikanische Rolling Stone-Magazin hat einen bedrückenden Artikel über die »Epidemie« (so nennen es einige Fachleute) der Selbsttötungen unter nordamerikanischen Männern veröffentlicht:

The Centers for Disease Control recorded 47,173 suicides in 2017, and there were an estimated 1.4 million total attempts. Many of society’s plagues strike heavier at women and minorities, but suicide in America is dominated by white men, who account for 70 percent of all cases.

Und weiter:

No segment of the population is more likely to be impacted by these horrifying numbers than middle-aged men in rural America. They not only own guns and lack mental-health resources — by one estimate, there are 80 or so psychiatrists licensed to practice in Wyoming — but they also have chosen a life that values independence above all else.

In Nebensätzen ist ein weiteres Problem versteckt: Nicht alle, denen eine Therapie helfen könnte, können sie sich leisten — weil sie nicht krankenversichert sind.

Hier geht es zu dem Artikel (kostenlos online lesbar).

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Wird das Töten durch Drohnen zum Computerspiel? Nein, schreibt der Journalist Chris Woods

Durch Drohnen wird das Töten zum Computerspiel – unverbindlich und routiniert. Das ist eine gängige Annahme. Aber sie stimmt nicht, sagt Chris Woods, der als investigativer Journalist zum Drohnenkriege recherchierte und für sein Buch Sudden Justice Militärs, Drohnenpiloten und Geheimdienstlern zu ihrer Tätigkeit befragt hat.

Woods behauptet, es gäbe eine »Intimität des ferngesteuerten Tötens«, das Töten falle Drohnenpiloten mitunter schwerer als anderen Soldaten. Wie er darauf kommt, habe ich ihn gefragt – im Interview auf Spiegel Online.

Guns in America

A report released by the F.B.I. on Wednesday confirmed what many Americans had feared but law enforcement officials had never documented: Mass shootings have risen drastically in the past half-dozen years.

New York Times

More than 480 were killed and 557 wounded in 160 „active shooter“ incidents from 2000-13, it found. Two-thirds of incidents ended before police arrived, though only one ended when an armed citizen not working as a security guard responded with gunfire.

BBC News

Hurra, hurra, Staatsversagen! Eine kommentierte Linksammlung zum »Government Shutdown« in den USA


Video: Der Kopf ist vom Sprecher der Republikaner, der Körper & Song von Miley Cyrus, die Message vergleichbar (via Browbeat).

Seit mehr als einer Woche bleibt aus politischen Gründen der Zoo geschlossen. Und die Holocaust-Gedenkstätte. Und alle anderen staatlichen Museen. Die Army twittert jetzt weniger, das Parlament ist zu, aber immerhin: die Müllabfuhr fährt noch, vermutlich. In Washington ist grad noch weniger los als in Berlin.

(Ein beliebiges Zitat aus der deutschen Hauptstadtpresse über das Sondierungsgespräch zwischen Union und SPD:  »Die quadratischen Tische waren zu einer langen Tafel gestellt, mit blütenweißen gestärkten Tischtüchern gedeckt. Neben weißem Porzellan und silbernem Besteck stand Mineralwasser, Kaffee, Bionade und Apfelsaft – naturtrüb.«)

Viele Behörden und staatlichen Institutionen der Vereinigten Staaten sind seit 1. Oktober im Stand-By-Modus, weil die Parlamentarier im Kongress sich nicht auf einen Haushalt einigen konnten.

Ein Fall für den Failed State Index sind die USA deshalb jedoch nicht: Kurz nach dem Beginn des »Government Shutdown« verkündeten die Strafverfolgungsbehörden, sie hätten den Betreiber von Silk Road gefasst und damit einen großen Umschlagplatz für illegale Drogen im Internet lahm gelegt. Wenige Tage später gab es spektakuläre Militäroperationen in Libyen und Somalia (zwei Länder, mit denen die USA offiziell nicht im Krieg sind). Zudem sind Gefängnisse, FBI und Streitkräfte sind vom »Shutdown« nicht betroffen, für zivile Mitarbeiter des Militärs gibt es jetzt eine Ausnahmeregelung. Der strafende Staat funktioniert noch.

Der Shutdown ist ein Ärgernis. Aber ist er auch eine Katastrophe? Nö, noch nicht, schreibt der Economist:

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Klare Sprache, schwarze Tinte, weißes Papier: Mein Artikel über kleine amerikanische Kulturmagazine – ab heute in der Zeit

Oskar Piegsas Artikel "Klare Sprache, schwarze Tinte" Feuilleton der Zeit vom 13. Februar 2013

In Amerika gründen junge Ostküstenintellektuelle wieder Zeitschriften. Jacobin, zum Beispiel. Oder The Point oder The Baffler oder n+1. Eine Entwarnung für den Medienmarkt ist das nicht, aber ein Hoffnungsschimmer für die politische Kultur. Und: Um das zu lieben, muss man noch nicht mal das Internet hassen. Ausführlicher schreibe ich darüber im Feuilleton der aktuellen ZEIT (hier das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe als PDF).

[Nachtrag 24.2.2013]: Inzwischen ist der Text auch online. And someone took the time to translate the article. Quite impressive!

Re: Danger! Danger! Danger! Staying safe in Chicago

floodingsqsmIt doesn’t happen too often (i.e.: it never happens) that my small-scale attempts at blogging prompt reader’s contributions. That’s why I’m thrilled to share the photo a friend sent me after seeing my super-dangerous vacation pictures.

Jobst recently spotted this nifty sprinkler and warning sign in Chicago’s Swissotel and gave in to the same urge as I did while staying in Boston: »Fascinating sign – I’ll need to document this. Back home, nobody will believe me! «

Jobst stayed at a nicer hotel, though. You’ll notice the subtlety they employ to get their point across – no yelling »danger« in your face first thing after you get up in the morning. And oh, such pretty wallpaper!

Kulturkampfbekämpfer. Über den Roman »Taqwacore« von Michael Muhammad Knight (und die Street Art von Princess Hijab & NiqaBitch)

Abb.: Beispiel für Princess Hijabs »Verschleierung« vom Werbeplakaten (Foto via yaplog)

»I am an Islamist, I am the Antichrist«, schreit ein verschwitzter, halbnackter Pakistani ins Mikrofon. Der Bassist neben ihm trägt Iro und die islamische Mondsichel auf dem T-Shirt. Und vor der Band, die ebenerdig mit ihrem Publikum spielt, schubst sich ein Burka tragendes Mannsweib den Weg in den Moshpit frei. Es ist der Sommer 2007 und der Schauplatz ein kleiner, dunkler Kellerclub in Chicago. Die Decke ist niedrig, die Anlage überfordert und der Sound beschissen, doch das Publikum hat Spaß. Etwas abseits der Pogotänzer steht eine Gruppe junger Muslimas, die mit ihren verschleierten Köpfen im Takt nicken. Die Band nennt sich The Kominas, das bedeutet »Bastard« oder »Mensch von niedriger Geburt« in der pakistanischen Nationalsprache Urdu. Und der Song, auf den alle abfeiern heißt »Sharia Law in the U.S.A.«.

Diese Szene ist in Omar Majeeds Dokumentarfilm »Taqwacore: The Birth of Punk Islam« zu sehen – und nein, die Band fordert darin nicht die Einführung der Scharia auf dem amerikanischen Kontinent. Der Song spielt auf »Anarchy in the U.K.« von den Sex Pistols an. Die störten 1977 die Feierlichkeiten zum silbernen Amtsjubiläum von Queen Elisabeth II., marschierten mit Hakenkreuz-Emblem durch London und verunsicherten die britische Gesellschaft auf eine Weise, die seitdem oft nacherzählt, bewundert und verklärt wurde, aber in ihrer Intensität niemals wiederholbar schien. 30 Jahre später zeigt sich nun: Das Provokationspotential des frühen Punk ist wiederholbar. Man muss nur seinen Zeichen und Reizwörter aktualisieren: Islamisierung des Westens statt Zerfall des britischen Empires, Burka statt Hakenkreuz, »Scharia« statt »Anarchie«.

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