Hamburg, Stadt der Wissenschaft?

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»Wenn man heute an Wissenschaft denkt, dann denkt man nicht an Hamburg«, sagt Andreas Timm-Giel, der Präsident der TU Hamburg. »Das wäre zwar schön, das wollen wir auch erreichen, aber da sind wir noch nicht.«

FĂĽr ein Stimmungsbild aus der Wissenschaftslandschaft habe ich mit Timm-Giel und anderen aktuellen und ehemaligen Präsidenten von Hochschulen in Hamburg gesprochen, mit Direktoren auĂźeruniversitärer Forschungszentren und … ums kurz zu machen: Man spĂĽrt vielerorts einen vorsichtigen Optimismus.

Denn es ist ein Momentum entstanden. Durch die Auszeichnung der Uni Hamburg als »Exzellenzuniversität«, durch den Nobelpreis für den Klimaforscher Klaus Hasselmann, durch neue Projekte wie das Hamburg Institute for Advanced Study und The New Institute.

Die Fotos, die wir zum Text drucken durften, hat Janosch Boerckel aufgenommen. Sie zeigen die Infrastrukturen der Spitzenforschung: Neben dem 3,4 Kilometer langen Teilchenbeschleuniger HERA am DESY ist das auch das Deutsche Klimarechenzentrum, bei dem die Modelle der Klimaforscher vom Max-Planck-Institut fĂĽr Meteorologie entstehen (of Hasselmann fame). Das illustrierte Cover ist von Josephine Rais.

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Präsenzlehre? Welche Präsenzlehre?

Ein Semester »überwiegend in Präsenz« war den Hamburger Studierenden versprochen worden. Konnte das gehalten werden? Weiß keiner.

Zwei Wochen nach Beginn der Vorlesungszeit haben die Hochschulleitungen keinen Überblick, wie viel Präsenzlehre in ihren Häusern stattfindet. Was vielleicht schon einen Hinweis darauf gibt, welche Priorität sie diesem Thema einräumen.

Besonders bitter: Dass Erstsemester klagen, sie sähen die neue Uni alle zwei Wochen für 90 Minuten von innen. Und die Verantwortlichen sagen: Ja, das kann schon sein. What?

Das hätte im vierten Corona-Semester — und im ersten, das wieder im Zeichen der Präsenzlehre stehen sollte — besser laufen können: Mein Kommentar auf ZEIT ONLINE (frei lesbar).

Eine Begegnung mit Hamburgs umstrittenstem Professor

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Als der Physiker Roland Wiesendanger auf eigene Faust ein Papier im Internet veröffentlichte, in dem er behauptete, das Coronavirus sei in einem chinesischen Labor hergestellt worden, war der Aufschrei groß.

Seine Faktultät distanzierte sich binnen 24 Stunden, Medien schrieben von »krudem Zeug«, andere Wissenschaftler*innen spotteten über ein Konvolut aus »copy and paste«, das als studentische Seminararbeit keinen Bestand haben würde.

(Wiesendanger hatte für sein Papier ganze Textblöcke aus anderen Veröffentlichungen übernommen und neben wissenschaftlichen Studien auch Artikel aus Onlinemedien, YouTube-Videos und einen Wikipedia-Artikel als Belege seiner Thesen angeführt.)

Roland Wiesendanger, der als junger Mann jede Prüfung mit Bestnoten bestand und dessen Verdienste im Feld der Nanophysik unbestritten sind, sagt: »Ich habe keine Fehler gemacht« Bald werde die Welt schon sehen.

Wer ist dieser Mann? Und wie kommt er als Physiker zu seiner virologischen Freizeitforschung?

FĂĽr die neue Ausgabe der Hamburg-Seiten der DIE ZEIT habe ich Roland Wiesendanger besucht und mir gemeinsam mit unserer Wissenschaftsautorin Nike Heinen seine Thesen genauer angesehen.

Unser Text ist der Versuch, sein Engagement zu wĂĽrdigen, ohne seinen dunkel schillernden Spekulationen (SARS-CoV-2 ist eine Biowaffe! Etc.) auf den Leim zu gehen.

Ab heute in der gedruckten ZEIT (in und um Hamburg), bundesweit in E-Paper und App sowie hier auf ZEIT ONLINE (Aboschranke). Das Porträtfoto von Roland Wiesendanger hat Jewgeni Roppel aufgenommen.

Uni Hamburg: Die ersten 100 Jahre

Die Uni Hamburg feierte 2019 ihr hundertjähriges Jubiläum. Sie war in der Weimarer Republik von der SPD als erste demokratische Reformuniversität in Deutschland ersonnen worden (aber: in der Praxis wurde das nix), diente sich im »Dritten Reich« den Nationalsozialisten an, wurde später Nebenschauplatz der »68er«-Bewegung …

Es ist also eine vergleichsweise junge Universität, aber eine, die sich immer wieder neu erfunden und den Zeitgeist gespiegelt hat.

Seit dem runden Geburtstag gibt es ein eigenes Universitätsmuseum im Hauptgebäude am Dammtorbahnhof. Jetzt folgt eine Buchreihe mit Aufsätzen zur Universitätsgeschichte, herausgegeben von den Historikern Rainer Nicolaysen, Eckart Krause und Gunnar B. Zimmermann.

Der erste Band zu »allgemeinen Aspekten und Entwicklungen« ist gerade erschienen, der zweite, der speziell auf die Geisteswissenschaften schaut, soll im Frühsommer 2021 folgen, danach im Halbjahrestakt die abschließenden beiden Bände zu Sozialwissenschaften sowie zu Naturwissenschaften und Medizin.

Mit Rainer Nicolaysen habe ich nun über die ersten 100 Jahre der Geschichte der Uni Hamburg gesprochen. Es wurde ein ziemlich ausführliches Interview, featuring Pfeffersäcke, Kaisertreue, Kolonialbeamte, muffige Talare und überfüllte Hörsäle. Dafür kein Wort zu Corona.

Frei lesbar auf ZEIT ONLINE.

Mansplaining, 1967

Eine ganz tolle Doku: Landfriedensbruch – Protokoll einer Denkmalsentweihung aus dem Jahr 1967 (auf YouTube findet man sie in drei Teilen: Teil 1, Teil 2, Teil 3).

Vordergründig geht es in dieser NDR-Produktion unter der Regie von Theo Gallehr um eine Gruppe von Studentinnen und Studenten, die versucht, das Denkmal des Kolonialgouverneurs Hermann von Wissmann vor der Hamburger Uni zu stürzen (das wird aber – Achtung, Spoiler! – erst ein Jahr später gelingen, beim dann dritten Umsturzversuch im Herbst 1968, den Uwe Timm in seinem Roman Heißer Sommer literarisiert hat).

Der Wert dieser Doku aus heutiger Sicht ist der wunderbare und etwas seltsame 68er- und Alt-BRD-Vibe in den vielen alltäglichen Szenen, die das Kamerateam filmen durfte, und den man sich nicht schöner hätte ausdenken können.

In einer Szene spielen SDS-nahe Studenten Schach und kommen fast nicht dazu, ihre Figuren zu ziehen, weil sie erst diskutieren müssen, ob das Schachspiel eine Metapher für die Aufstiegslüge der kapitalistischen Gesellschaft ist und ob das Spiel, in dem die Macht des Königs auf den Volksmassen der Bauern fußt, zu revolutieren ist, wenn die Möglichkeit zu seiner Revolutionierung im Spiel selbst aber gar nicht angelegt ist.

Oder, andere Szene: Studentinnen diskutieren mit ihrem Hauswirt, der die politische Belehrung seiner jĂĽngeren Untermieterinnen offenbar besonders genieĂźt, bei Kaffee und Kuchen darĂĽber, ob die Demokratie nicht doch die beste Staatsform ist »um der freien MeinungsäuĂźerung zu frönen«. Im Screenshot erklärt er gerade: »Demokratie« – das Wort kommt ja aus dem Griechischen, »demos«: das Volk – ist die Volksherrschaft … mansplaining aus der Hölle.

(Aber immerhin dĂĽrfen die Damen anders als bei den SDS-Flugblatt-Diskussionsrunden hier den Kaffee mittrinken, anstatt ihn nur zu kochen, anzureichen und auf Bitte der Genossen mit etwas Wasser zu verdĂĽnnen, damit er nicht so stark ist.)

Ich liebe alles an dieser Doku, einschließlich ihrer völlig angemessenen Sepia-Tönung.

P.S.: Mehr zum Film und zum Denkmal-Sturz gibt es bei der Forschungsstelle Hamburgs (post-) koloniales Erbe.

Anderswo (2): Die neue Ausgabe von »Injektion«, dem besten deutschen Uni-Magazin*, liegt jetzt am Hamburger Campus rum

Das dickste »Injektion Campusmagazin« aller Zeiten umfasst 196 Seiten, zwei Themenschwerpunkte (»Umkämpfte Räume« ĂĽber Hausbesetzer und Gentrifizierung, »Moderne Sklaven« ĂĽber Migration), diverse Artikel, Interviews und Fotostrecken zum Titelthema »Geld« — und kostet nichts.

Abholen, bitte, auf dem Campus der Uni Hamburg im Geomatikum, Philosophen-Turm, der Pförtnerloge des Pferdestalls, am Pädagogischen Institut, Ex-HWP, WiWi-Bunker, Martin-Luther-King-Platz. Oder in rund hundert Hamburger CafĂ©s, Geschäften und Restaurants, zum Beispiel im Hate Harry, Kulturhaus 73, Ingos Plattenkiste/Filmgarten. Oder online: Die Seite mit dem PDF-Download gibt’s hier.

Ich habe den Text »Peter und der Wein« (ab Seite 121) beigesteuert, das Porträt eines Usedomer Fischers, der sich schon zu DDR-Zeiten als Gastronom selbstständig machen wollte — und inzwischen seit zwanzig Jahren als Unternehmer Presse und Publikum in Atem hält. AuĂźerdem Besitzer des nördlichsten Weinbergs Deutschlands.

Eine Magazin-Release-Party ist für 2011 geplant, wenn sich die unentgeldlich tätige Redaktion wieder etwas erholt hat. Bis dahin: http://www.injektion-online.de/

*weil: Sieger des Pro-Campus-Presse-Awards 2009. Mehr Infos hier.

Sagt alles ab! Hier das Abendprogramm fĂĽr die Obama-Woche:

1) Montag, 19.1. (Hamburg) — Die doppelte Inauguration: Einen Tag, bevor Obama sein Amt antritt, eröffnet die Amerikanistik an der Uni Hamburg eine fortan einmal jährlich stattfindende Vorlesungsreihe zum Martin-Luther-King-Day:

Mit Barack Obamas Präsidentschaft beschäftigt sich […] der Eröffnungsvortrag, der von Prof. Dr. Sabine Sielke aus Bonn gehalten wird. Der Titel Ihres Vortrages lautet „The Poetics of Presidency, or: Reading Barack Obama“ und wird am 19.01.2009 von 16.15 – 17.45 Uhr im Hörsaal 221 des WestflĂĽgels des Hauptgebäudes der Universität gehalten (Edmund-Siemers-Allee 1, WestflĂĽgel). Im Anschluss findet ein Empfang statt.

2) Dienstag, 20.1. (Berlin) — Reden ĂĽber Kabel und Politik: Björn Böhning (SPD), Mercedes Bunz (Tagesspiegel Online, Ex-De:Bug) und Tobias Moorstedt (Autor des Buches „Jeffersons Erben“) diskutieren ĂĽber „Broadband Politics: Gesetzgebung, Partizipation und Propaganda unter dem zukĂĽnftigen US-Präsidenten“. Mehr Infos gibt’s hier. FĂĽr ZuhausebleibenmĂĽsser wird freundlicherweise gelivebloggt.

3) Mittwoch, 21.1. (Hamburg) — Berlin redet schneller, Hamburg schwergewichtiger: Dr. Klaus von Dohnanyi, Hambuger Ex-BĂĽrgermeister, Dr. Josef Joffe, Mitherausgeber DIE ZEIT, Dr. Gary Smith, Direktor der American Academy und Matthias Matussek, DER SPIEGEL, diskutieren ab 18.30 im Auditorium der Bucerius Law School folgendes:

Wenn Barack Obama am 20. Januar 2009 als erster US-Präsident mit afroamerikanischen Wurzeln vereidigt wird, beginnt eine neue Ära. Wandel hat Obama Amerika und der Welt versprochen – dieses Versprechen gilt es nun in politische Erfolge umzumünzen. Der erste Schwarze im Weißen Haus tritt kein leichtes Erbe an.

Fehler gefunden: Barack Obama hat keine afroamerikanischen Wurzeln, sondern höchstens afrikanische (Papa) und amerikanische (Mama). Trotzdem interessant, Anmeldung hier.

An beiden Hamburger Veranstaltungen werde ich teilnehmen, wer auch hingeht, melde sich bitte. Was die zweite Wochenhälfte angeht, mĂĽssen wir noch mal schauen…