Gegen Billo-Gendertheorie

Die Schriftstellerin Annie Erneaux sagt im heute veröffentlichten Interview im SZ Magazin (online abo-pflichtig), Frauen handelten untereinander nicht oder zumindest nicht selbstverstÀndlich solidarisch. SolidaritÀt unter MÀnnern hingegen sei quasi ein Naturgesetz.

Huch? Ich verstehe schon, dass es von außen so wirken mag (vermutlich gerade in den Höhenlagen des Literaturbetriebs), aber fĂŒr eine Schriftstellerin, die bisweilen als verkappte Meistersoziologin gefeiert wird, finde ich das erstaunlich ahnungslos.

Ich weiß nicht, ob man viel von MĂ€nnlichkeit (und auch von dem, was sie bisweilen toxisch macht, siehe Incel-Morde, etc.) verstehen kann, wenn man nicht anerkennt, wie prekĂ€r sie zumindest in ihrer klassischen AusprĂ€gung ist, dass sie zugesprochen und aberkannt werden kann und sich also beweisen muss — vor Frauen, aber nicht weniger vor anderen MĂ€nnern, die erstmal gerade keine natĂŒrlichen VerbĂŒndeten sind.

Sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, aber ganz aufschlussreich in diesem Zusammenhang: Stephanie Coontz‘ Zusammenfassung einer Studie aus dem Jahr 2010 von Barbara Risman und Elizabeth Seale ĂŒber SchĂŒlerinnen und SchĂŒler der sechsten bis achten Klasse:

A recents study of middle school students in a southeastern American city found that the feminine stereotypes that prevailed in the 1950s and 1960s were virtually dead. Not one girl interviewed […] thought she had to play dumb or act ‚feminine‘ around boys. Girls aspired to be strong and smart, and they admired girls who were. None of them felt it would be inappropriate for a girl to do things that used to be called masculine, whether physical or academic.

But attitudes about masculinity had not moved all that far. If a boy participated in activities or expressed feelings traditionally viewed as feminine, he was teased, bullied, or ostracized. The boys harshly policed one another to make sure no one was ‚acting like a girl‘ and they were quick to label boys who did not conform to the ‚manliness‘ code as ‚gay.

(Hier geht es zum Studienergebnis von Risman und Seale, Coontz‘ Zusammenfassung habe ich aus diesem Buch entnommen.)

Das soll ĂŒberhaupt kein »Mimimi, MĂ€nnern geht’s auch schlecht!« sein, aber manchmal packt mich die Angst, dass wir heute wieder in so einen MĂ€nner-sind-vom-Mars-und-Frauen-können-nicht-einparken-Bullshit zurĂŒckschliddern.

(Was nichts ĂŒber die QualitĂ€t der BĂŒcher der Erneaux aussagt, die nach allem, was ich höre, toll sind.)

Never mind the SperrmĂŒll, here is „zu verschenken“!

Der notwendige ErklĂ€rversuch zur seltsamen Annahme mancher Menschen, sie mĂŒssten ihren Unrat bloß in den öffentlichen Raum stellen, dann werde schon jemand kommen, der ihn nicht nur wegrĂ€umt, sondern sich sogar daran erfreut, dieser ErklĂ€rversuch ist bereits geschrieben worden.

Tobias Haberl verfasste ihn fĂŒrs SZ Magazin ĂŒber die MĂŒllraussteller von MĂŒnchen. Inhaltlich habe ich dem nichts hinzuzufĂŒgen, deshalb ergĂ€nzend hier nur einige Fotos und Bildunterschriften zur selben Praxis in Norddeutschland:

Weiterlesen Never mind the SperrmĂŒll, here is „zu verschenken“!

Wie Facebook löscht:

Auch wenn das Wort »Gemeinschaftsstandards« so harmlos klingt wie der Putzplan einer Studenten-WG: […] Es ist eine Art Parallelgesetz der Meinungsfreiheit, festgelegt von Konzernen, mit großem Einfluss darauf, was Milliarden Menschen jeden Tag sehen – und was was nicht. Dabei geht um mehr als um die Frage, ob eine entblĂ¶ĂŸte Brustwarze anstĂ¶ĂŸig ist oder nicht. Facebook ist ein wichtiges Mittel der politischen Bildung und Einflußnahme.

Aus: Hannes Grassegger und Till Krause: »Im Netz des Bösen«, SĂŒddeutsche Zeitung Magazin, Nr. 50, 16. Dezember 2016.

ErgÀnzend ist zu sagen, dass die »Community Standards« als Regelwerk und auch die Praxis ihrer Anwendung von Facebook geheim gehalten werden.

Facebook löscht und zensiert nach Regeln, die niemandem verraten werden, die teilweise die eigenen Mitarbeiter nicht verstehen (so schildern es Grassegger und Krause in ihrem Text, fĂŒr den sie einige der geheimen »content moderators« von Facebook interviewten), nach Regeln, die gegenĂŒber der Öffentlichkeit von dem Konzern nicht begrĂŒndet werden und die in keiner Weise durch die Betroffenen anfechtbar sind.

Haben IT-Konzerne wie Facebook die AufstÀnde in der arabischen Welt mitermöglicht? Vielleicht. Haben Sie den Wahlsieg Trumps mitermöglicht? Der Vorwurf steht im Raum.

WĂ€hrend viele journalistische Medien ihre Arbeitsweise, Berufsethik und Entscheidungsprozesse heute so transparent machen, wie noch nie, leugnen mĂ€chtige IT-Konzerne die Verantwortung, in der sie gegenĂŒber der (pardon, großes Wort) Weltöffentlichkeit stehen und verweigern sich jeder Transparenz, Kontrolle und Kritik.

Zur Löschpraxis von Facebook siehe auch hier.