Hütet euch vor den notgeilen Literaten!

Eine der zentralen Aufgaben des Feuilletons ist es heute, seine Leserinnen und Leser vor dem Sexgequatsche alternder (männlicher, weißer, heterosexueller) Intellektueller zu warnen. Das ergibt eine vergleichende Flächennutzungsanalyse.

Einige Beispiele:

10. Oktober 2018: Ijoma Mangold rezensiert den posthum veröffentlichten autobiografischen Roman Weltpuff Berlin von Rudolf Borchardt in einem ganzseitigen Feuilleton-Aufmacher der ZEIT (»ein Porno«, »grotesk«, »Ist es […] eine Parodie?«).

6. Dezember 2018: Michael Naumann rezensiert die posthum veröffentlichten Tagebücher von Lion Feuchtwanger in einem ganzseitigen Text im Feuilleton der ZEIT (»Unterleibsprotokollant«, »Potenzprotzereien«, »grotesk«).

4. Januar 2018: Hanna Engelmeier befasst sich im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung auf einer halben Seite mit dem autobiografischen Roman Endlos leben von Frédéric Beigbeder (»über sein Sexualleben erfährt man viel«, »unerträgliche Sätze«, »peinlich«).

Was ist da los? Wieso ist das so ein großes Thema für die Literaturkritik?

Florian Zinnecker schrieb mir dazu (auf Facebook):

Naja, ist doch klar: Feuilleton bedeutet wörtlich übersetzt Blättchen, und wie wir alle als treue Rezipienten des Alten Testaments und der entsprechenden Darstellungen von Albrecht Dürer und Kollegen wissen, besteht der Job von Blättchen zuvorderst darin, nackte Genitalien zu covern und uns vor ihrem Anblick zu schützen. Es handelt sich also gar nicht um einen Trend, sondern im Gegenteil um Tradition. Der Auftrag kommt, wenn man so will, direkt aus der Kunst.

… und das ist als Erklärung wohl tatsächlich nicht zu schlagen.

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Gegen die Nostalgie (und im Zweifel: für die Political Correctness)

Abb.: Vorbildlich politisch unkorrekt, aber leider ein Neandertaler: Banksys »Caveman«, fotografiert von Stefan Kloo/Lord Jim (CC).

Über den »Terror der Tugend« schrieb Harald Martenstein neulich ein ganzes ZEIT-Dossier, gestern legte die Süddeutsche nach und veröffentlichte auf Seite 3 einen Artikel über die singapureanischen Zuständen auf deutschen Spielplätzen (leider nicht online, doch der Tenor war: »Kaugummis, Alkohol, Hunde – alles verboten, schlimm!«).

Das finde ich bemerkenswert: Prominente (und zumindest im Fall von Martenstein auch beneidenswert gute) Autoren warnen auf den besten Seiten der großen deutschen Qualitätszeitungen vor der verordneten Rücksichtnahme und der Political Correctness, die in Deutschland angeblich um sich greift. Der Suhrkamp Verlag macht mit und veröffentlicht mit »In Anführungszeichen« eine anti-PC-Streitschrift der Wiener Intellektuellen Matthias Dusini und Thomas Edlinger (die ich hier für Spiegel Online besprochen habe).

Aber – ist es wirklich so schlimm?

Auf Spielplätzen treibe ich mich seit einigen Jahren nicht mehr so viel rum, deshalb kann ich den Artikel aus der Süddeutschen nicht kommentieren. Ansonsten scheint mir die Aufregung aber schwer nachvollziehbar. Klar, die »Negerpuppe«-Kampagne gegen Sarah Kuttner war lächerlich, aber Allianzen aus Boulevardjournalisten (Mopo) und abgehalfterten Fernsehpromis (Mola Adebisi) gab es schon immer (siehe auch hier).

Dieser alberne Feldzug ist also schwerlich ein Indiz dafür, dass der Tugendterror um sich greift. Oder gar dafür, dass Kultur und freie Meinungsäußerung von Moralaposteln erstickt werden. Ich habe sogar eher den Eindruck, dass wir (das heißt: wir weißen, gebildeten, okay verdienenden Männer, die in dieser Diskussion als alleinige Kläger auftreten) uns heute freier äußern und »unkorrekter« genießen können als noch in vergangenen Jahrzehnten.

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