68er und die Nazis

Es zählt zu den populären Annahmen über die Studentenbewegung der 68er, dass erst sie dazu geführt habe, dass in Deutschland über Schuld, Shoa und Nazis gesprochen wurde. Aber stimmt das?

Vermutlich ist die Lage (bei aller Schwierigkeit, pauschale Aussagen über eine so diffuse und heterogene Bewegung zu machen) zumindest weniger eindeutig.

Der vielzitierte (und oft als Kritik an den Kontinuitäten zwischen NS-Staat und BRD interpretierte) 68er-Spruch „Unter den Talaren / Muff von tausend Jahren“ bezog sich zum Beispiel gar nicht auf das „tausendjährige Reich“ der Nazis. Das sagt der Historiker Rainer Nicolaysen, der zu der Protestaktion an der Uni Hamburg geforscht und damals Beteiligte dazu befragt hat.

Und Beate Klarsfeld erzählte neulich im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (€), die Anführer der Studentenbewegung hätten sich für die Nazivergangenheit deutscher Politiker gar nicht richtig interessiert. Klarsfeld musste erst — mehr oder weniger im Alleingang — den Bundeskanzler Kiesinger ohrfeigen, ehe alle Welt über dessen NS-Karriere sprach. Dutschke und Co. hätten vorher lieber den Kapitalismus bekämpfen wollen als die alten Nazis.

Ziemlich scharf schreibt nun der Philosoph und Sohn eines NS-Überlebenden Jason Stanley in der Zeit:

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Besser als ausgedacht (2): Paris, Mai ’68 von Anne Wiazemsky

Heute vor 50 Jahren in Paris: Barrikaden. Generalstreik. Ehekrise. Paris, Mai ‘68 heißen die Memoiren der französischen Schauspielerin Anne Wiazemsky, die jetzt in deutscher Übersetzung im Wagenbach-Verlag erschienen sind.

Die Erzählung beginnt da, wo andere aufhören würden: Anne und der ältere Regisseur Jean-Luc (Godard) sind frisch verheiratet. Sie haben sich eine Wohnung im Quartier Latin gekauft. Ihre Schauspielkarriere nimmt Fahrt auf. Es ist Frühling, noch dazu „ein prächtiger, so strahlend und warm, wie ich noch keinen erlebt hatte“. Abblende, Happy End, Abspann.

Nicht ganz. Denn dann gerät Anne eines Abends auf dem Nachhauseweg in eine Straßenschlacht zwischen Studenten und Polizisten: Die Ereignisse des Mai 1968 platzen in ihr Leben.

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Hey, Studenten!

Eric Hobsbawm hat mir den Unterschied zwischen linker Politik und studentischem Aktivismus erklärt. […] Jedenfalls erschien er im Herbst 1968 am College, um eine politische Rede zu halten, in der er (in Abwandlung von Marx‘ elfter Feuerbach-These) die rebellierende Jugend ermahnte: Manchmal kommt es nicht darauf an, die Welt zu verändern, sondern darauf, sie zu verstehen.

– Tony Judt im Gesprächsband Nachdenken über das 20. Jahrhundert, der am kommenden Montag in deutscher Übersetzung bei Hanser erscheint. Mehr dazu demnächst in diesem Blog.