Zivilisationspop vs. Kulturschlager 

In den vergangenen Wochen machte Christine and the Queens die Runde durch internationale Medien. Ein Superstar in Frankreich! Und die Welt sagt: Wow.

Jetzt macht (nach der Forbes-Enthüllung) Helene Fischer die Runde durch internationale Medien. Ein Superstar in Deutschland! Und die Welt sagt: WTF.

Sorry, Thomas: Das ist das eindeutige 1 zu 0 im Spiel Zivilisationspop gegen Kulturschlager.

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Mary Roos feat. Moroder: 40 Jahre vor Daft Punk klang ein Schlager wie der Sound der Zukunft

Mary Roos hat schon einen Song mit Giorgio Moroder aufgenommen, da waren die Herren von Daft Punk noch gar nicht geboren. Wie hip ist das? Sehr hip. Mindestens Dads Are The Original Hipsters-hip.

Ich hatte das Vergnügen, die Sängerin zum Mittagessen zu treffen – und mit ihr über ihre Geschichte und ihre neue Show in einem Reeperbahn-Theater zu plaudern. Mein Text über Mary Roos aus der Zeit der vergangenen Woche ist jetzt auch online zu lesen.

Über die Sehnsucht nach den »good sixties« – und über Ted Herold & Lill Babs Song »Wir jungen Leute« (1962)

Video: Ted Herold & Lill Babs – Wir jungen Leute

»Wir jungen Leute« von Ted Herold und Lill Babs wurde im Jahr 1962 veröffentlicht – und wirkt fünfzig Jahre später, als ich es zufällig bei YouTube entdecke, wie ein Artefakt aus einer vergangenen Zivilisation.

Der Song beschwört den internationalen Hedonismus: Spritztouren nach Verona, Abstecher nach Portugal. Die in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs aufgewachsenen deutschen Jugendlichen stehen laut dem Songtext auf die Musik der früheren Feinde – »heiße Musik« aus Amerika, Chansons aus Frankreich – und haben Idole, die den Nazivätern kaum gefallen dürften. Den schwarzen Louis Armstrong etwa. Und die mondäne Jackie Onassis. »Die Jugend ist international«, heißt es im Song. Und in einer Geste, die Länder- und Kulturgrenzen lässig beiseite wischt: »Wir haben alle die gleichen Träume.«

Wenn man »Wir jungen Leute« heute, im Eurokrisenjahr 2012, covern würde, müsste man wohl eher singen: »Wir haben alle die gleichen Sorgen« – und selbst das wäre gelogen, denn obwohl die Krise langsam auch in Deutschland ankommt, ist sie hier im Alltag doch immer noch viel weniger spürbar als etwa in Spanien oder Griechenland (und wohl auch Portugal oder Italien, um im Bild des Songtexts zu bleiben). Heute müsste man eine inhaltlich aktualisierte Version von »Wir jungen Leute« vielleicht aus der Sicht eines Spaniers singen, der vor der Arbeitslosigkeit nach Deutschland flüchtet, nachmittags Sprachkurse im Goethe-Institut besucht und nachts in der internationalen Schlange vor dem Berghain steht. Arbeitsmigration meets Easy-Jetset, soviel Hedonismus darf sein.

Umso mehr interessiert mich, wie »Wir jungen Leute« im Jahr 1962 gewirkt hat. War das ein realitätsverleugnender Schlager? Oder ein sanfter – und kommerziell gebändigter – Ausdruck einer Sehnsucht nach Hedonismus und Internationalismus, die sich einige Jahre später in Gegenkultur und Studentenbewegung Bahn brechen sollte?

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