Minderheit / Mehrheit

Die Geschichte der Schwarzen in Amerika ist die Geschichte Amerikas. Es ist keine schöne Geschichte.

&

Die Zukunft der Schwarzen in diesem Land ist genau so hell oder so dunkel wie die Zukunft des Landes.

– James Baldwin, zitiert nach Raoul Pecks Dokumentarfilm I Am Not Your Negro (in der Arte Mediathek, auf iTunes).

Das ist womöglich übertragbar: Probleme einer Minderheit, die von der Mehrheit unterdrückt wird, sind nicht nur die Probleme einer Minderheit.

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Warum töten Polizisten in den USA Schwarze? Weil dort ein Kastenwesen herrscht, sagt die Soziologin Alice Goffman (mit Nachtrag)

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Abb.: Alice Goffmans Studie zu Rassismus und Polizeigewalt in einem Schwarzenviertel in Philadelphia

Krass. Das war mein Gedanke, als das »Klonk« in meinen Kopfhörern ankündigte, dass Alice Goffman unser Skype-Gespräch verlassen hatte. Rund eine Stunde hatten wir da diskutiert.

Alice Goffman, das vielleicht zum Hintergrund, hat mehrere Jahre als amerikanische Soziologin zu Kriminalität und Polizeiarbeit in einem Schwarzenviertel von Philadelphia geforscht. Ihre Arbeit, die in deutscher Übersetzung unter dem Titel On the Run im Kunstmann-Verlag erschienen ist, wurde in den USA wohlwollend aufgenommen.

Geplant war ein Gespräch über dieses Buch – vor dem Hintergrund der jüngsten Fälle von Polizeigewalt in den USA, die in jeder Hinsicht erschreckend sind, qualitativ und quantitativ. Ich wollte mit Goffman darüber sprechen, warum die Opfer dieser Gewalt immer Schwarze und die Täter fast immer Weiße sind.

Tatsächlich passierte dann das, was zu passieren droht, wenn man mit Soziologen spricht, die ihren Job gut machen: Es ging sehr schnell um sehr grundsätzliche Dinge. Goffman sprach über strukturellen Rassimus, über Armut und Kriminalität, und über die gigantischen Zahlen an Gefangen, die es ausgerechnet im »Land of the Free« gibt.

Eine gekürzte und übersetze Fassung unseres Gesprächs ist in als Interview auf Spiegel Online erschienen.

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Jetzt in der Mediathek: Die Doku »Die Arier« von Mo Asumang

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Abb. 1-2: Mo Asumang im Gespräch mit einem Ku Klux Klan-Typen, der gar nichts gegen Schwarze hat, aber …

»Was ist ein Arier?«, fragte sich Mo Asumang. Und machte einen Film, für den sie Menschen befragte, die’s wissen müssten. Also zum Beispiel Historiker, Burschis, Hassprediger, wortkarge NPD-Kader und den einen oder anderen schamhaften Kapuzenträger (siehe oben).

In Asumangs Dokumentation Die Arier lernt man allerhand über berufs- und hobbymäßige Hater – nur wer sich als Arier qualifiziert, bleibt auch nach anderthalb Stunden unklar: Perser? Aliens? Casper, the friendly Ghost? Huch, sollte es sich bei der Rassenkunde womöglich um Bullshit handeln?

In seiner Kritik in der FAZ verglich Oliver Jungen den naiven Ansatz von Asumang, der im schlimmsten Fall nervt, im besten Fall aber entlarvend wirkt, mit Jon Ronson, dem Autor von Them! Adventures with Extremists. Ich musste auch an Louis Theroux denken und seine Doku The Most Hated Family in America. Das Ergebnis ist jedenfalls sehenswertes Edutainment – und erfrischend unorthodoxer Journalismus.

Ihre Kinder, werte Leserinnen und Leser, werden Die Arier in den kommenden Jahren mit einiger Wahrscheinlichkeit im Sozialkundeunterricht gezeigt bekommen. Sie müssen selber klicken, und zwar möglichst vor dem Verfallsdatum in der nächsten oder übernächsten Woche: Auf diesen Link zur ZDF-Mediathek.

Pop, Mode, Tanzen: Einblicke in die ZEIT CAMPUS-Ausgabe 3/14

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Dies ist die neue Ausgabe von ZEIT CAMPUS, Nr. 3/14. Nachdem unser letztes Heft einen stärkeren politischen Einschlag hatte, herrscht jetzt eine frühlingshafte Unbeschwertheit mit Themen wie Popmusik, Mode, Tanzen …

… auf den ersten Blick. Denn tatsächlich geht es im neuen Heft auch um das prekäre Leben von jungen Musikern und um den Rassismus im Mode- und Designbetrieb. Soviel zur mangelnden akademischen Unverkrampftheit. Seicht werden wir erst, wenn wir alt sind. Vielleicht. Hoffentlich nicht.

Hier einige Einblick ins Heft mit kurzem Kommentar zu den Beiträgen, die mir besonders am Herzen liegen:

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Rache & Rassismus: Über Das Komplott, den neuen Grisham-Roman

John Grisham - Das Komplott

Abb.: Der neue John-Grisham-Roman Das Komplott – fies angeblitzt wie ein Mugshot.

Was macht die Romane von John Grisham aus? »A fairly simple writing style with a really tight plot«, sagt Grisham selbst. Diese Einschätzung finde ich beneidenswert uneitel – und treffend. Grishams Sprache ist schnörkellos, aber nicht so reduziert, dass man sie wieder für kunstvoll halten würde (wie zum Beispiel die von Raymond Carver oder Ernest Hemingway). Sie erfüllt schlicht ihren Zweck. Sie sorgt dafür, dass der Plot flutscht.

Ähnliches gilt auch für die Figuren im neuen Grisham-Roman Das Komplott, den es seit heute in deutscher Übersetzung zu kaufen gibt. Über die weibliche Hauptfigur erfährt man etwa nicht viel mehr, als dass sie gerne eine »Designer-Sonnenbrille« trägt – und mal ehrlich: was soll das bedeuten? Würde ein Autor, der sich für Designer  (oder für seine Protagonistin) interessiert, nicht zu  unterscheiden wissen, ob sie eine Brille von Chanel oder Ed Hardy trägt?

Aber, ey: Für solche Petitessen ist keine Zeit. Grisham schreibt Bücher schneller als andere Leute Blogpostings, Das Komplott ist sein 25. in 24 Jahren (Kurzgeschichten, Kinder- und Sachbücher nicht mitgezählt), rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft soll sein 26. erscheinen, eine Fortsetzung seines Debüts Die Jury.

Seine Leser reißen ihm die Dinger aus der Hand: Das Komplott zählt auf Amazon.com zu den am häufigsten verkauften des Jahres 2012. Auf Platz 34 liegt es deutlich hinter Shades of Grey und The Hunger Games, aber noch vor Eat to Live: The Amazing Nutrient-Rich Program for Fast and Sustained Weight Loss, vor Strengths Based Leadership: Great Leaders, Teams, and Why People Follow sowie vor American Sniper: The Autobiography of the Most Lethal Sniper in U.S. Military History. Top.

Bemerkenswert ist Das Komplott, weil es mit Malcolm Bannister zum ersten Mal einen afro-amerikanischen Anwalt als Protagonisten hat. Der sitzt prompt unschuldig im Gefängnis (sagt er). Anders als sein Vater, der zu Zeiten der Bürgerrechtsbewegung aufgewachsen und ein regierungstreuer Patriot ist, kann Bannister Junior dem amerikanischen Staat nicht viel abgewinnen. Dieses Grisham-Buch erzählt von Rassismus und Rache – und zwar wirklich nicht unspannend. Ausführlicher dazu: meine Rezension auf Spiegel Online.

[Nachtrag 24. August 2013]: Zufällig erscheint die deutsche Übersetzung von Das Komplott in zeitlicher Nähe zum 50. Jubiläum des March on Washington. Was hat sich seit 1963 verändert? Dazu ein kurzer, aufschlussreicher Text im Economist.

Re: "The End of White America?" — Hua Hsus Thesen vom Ende der weißen Kulturhegemonie in den USA. Und politische Konsequenzen.

Lesenswertes Essay von Hua Hsu in der aktuellen Ausgabe von The Atlantic: „The End of White America?“.

Die wesentliche These von Hsu ist im Grunde die folgende: Früher, ca. prä-Rock’n’Roll, prä-Civil-Rights-Movement, Hsu bezieht sich im wesentlichen auf die 1920er, gab es einen „weißen“ Mainstream in Amerika, in den sich Immigraten zu assimilieren bemühten.

[Was nicht immer leicht war, da unterschiedlichen Immigranten das „Weißsein“ zu unterschiedlichen Zeitpunkten zugesprochen wurde und manchen gar nicht, vgl. z.B. Jennifer 8. Lees Vortrag über chinesische Immigranten, insb. den einführenden historischen Teil. Hinzukommt, klar, dass mit der Assimilierung auch das Verdrängen eigener Erfahrungen und Identitätsmarker einher ging.]

Heute, fährt Hsu fort, ist der Mainstream multikulturalistisch geprägt. HipHop als dominante zeitgenössische Kultur zeuge davon, ebenso wie die Werbebranche, die dunkelhaarige Models und Schauspieler bevorzuge und nach Darstellern suche, die „[e]thnically ambiguous“ sind, also auch als Hispanics durchgehen könnten.

Kurz: Unabhängig davon, dass weiß zu sein statistisch weiterhin bedeutet, politisch, ökonomisch und sozial privilegiert zu sein (und Rassismus gegenüber Nicht-Weißen auch im Alltag noch real ist, wie mehrere afro-amerikanische Kommentatoren in Reaktion auf Hsu beteuern), sei Weißsein kein für alle verbindliches, erreichbares oder unerreichbares, Ideal mehr.

Weiße Amerikaner würden dadurch verunsichert, fährt Hsu fort.

Das klingt in meiner Textreproduktion jetzt fürchterlich grobschlächtig, aber im Grund macht Hsu die folgende Unterscheidung: Besser gebildete, Urbane und im amerikanischen Sinne Liberale tendieren dazu, ihr Weißsein zum Beispiel akademisch zu problematisieren, bzw. als Konstruktion zu entlarven („Whiteness Studies“), sich nach einer „post-racial society“ zu sehnen, oder Afro-Amerikaner unverhohlen für ihr Schwarzsein zu beneiden und sich selbst für die eigene so empfundene „(Pop-) Kulturlosigkeit“ zu bedauern.

Wohingegen ländliche „blue collar worker“ demnach eher dazu tendieren, einem nostalgischen Bild weißer, amerikanischer Authentizität nachzuhängen. Im Grunde sei das „White Pride“, der aber aus offenkundigen Gründen nicht offen ausgelebt, sondern kulturell kanalisiert werde — in der Ablehnung von Intellektuellen, Liberalen, Großstädten und in der Verklärung amerikanischer Traditionen.

Barack Obama, könnte man an dieser Stelle ergänzen, ist übrigens nicht nur Afro-Amerikaner, sondern Intellektueller (ehemaliger Leiter der Harvard Law Review), Liberaler (sagt mindestens die politische Fachzeitschrift National Journal) und Großstädter (Alec MacGillis nennt ihn den ersten „metropolitan candidate“).

Alles an Hsus Essay ist provokant, bis auf den Schlusssatz, der sich einer Prognose enzieht, indem er die Argumentation in eine fast obamaesque Rhetorik abblendet: „This moment was not the end of white America; it was not the end of anything. It was a bridge, and we crossed it.“

Jedenfalls: Der Erfolg von Mike Huckabee und Sarah Palin und die Wahlkampffloskel von „real America“ lässt sich vor dem Hintergrund von Hsus Thesen wohl etwas besser verstehen. Spannend ist jetzt, ob das attestierte kulturelle Unbehagen der „Retro-Weißen“ (Meghan Daum nennt sie auch die „Off-Whites“, also sinngemäß übersetzt die „Beigen“, weil sie aus dem typisch weiß-priveligierten Status ausgeschlossen seien) in Zukunft in politischen Kalkulationen noch eine Rolle spielen wird. Hsu schreibt über den kulturellen Bedeutungsverlust, er und Daum verweisen auf das demografische Schicksal dieser Bevölkerungsgruppe, hinzu kommt der allerorten diskutierte relative Machtverlust der USA in der Weltpolitik und die Wirtschaftskrise. Klingt nach einem potenten Cocktail. Aber: können die „Off-Whites“ rein rechnerisch noch eine Rolle spielen? Zumal wenn das Werben um diese Wähler so heftig polarisiert, wie es zuletzt Sarah Palin getan hat?

In seiner Amtsantrittsrede bezog sich Barack Obama ausdrücklich auf die amerikanischen Gründerväter und betonte auch während seines Wahlkampfes schon immer wieder das amerikanische Ideal, dass Amerikaner zu sein nichts mit Blut oder Hautfarbe oder Herkunft zu tun habe, sondern mit Werten und einer bestimmten Mentalität.

Der „rugged individualism“ gilt für den illegalen Einwanderer aus Lateinamerika ähnlich wie einst für den Iren, der vor der Hungersnot flüchtete. Der „self-made man“ ist auch der Mythos des HipHop. Das Amerikanersein, auch im klassischen Sinne, funktioniert also vielleicht auch ohne einen „weißen“ Mainstream just fine.

Womöglich bedeutet es gar nichts, aber die Republikaner haben (einige Wochen nach Veröffentlichung von Hsus Text) gerade mit Mühe und Not (im sechsten Wahlgang) mit Michael Steele einen Afro-Amerikaner in den Vorsitz ihres Steuerungskommittees gewählt.