Was wurde aus dem Suff-Rap? 

Schon klar: Rapper und ihre Freunde machen Cash mit Packs, Geld mit Schnuff, sie schmuggeln H in das Land und mischen codeine pills and molly in a lemonade. Doch was wurde aus dem guten, alten Suff-Rap?

So wie:

Oder:

Oder:

Immerhin: Es gibt noch Shacke One und die Nordachse.

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Nicht der Song des Jahres, aber:

Wahnsinn. Schreibt irgendwer ähnlich scharf und klug und gemein und virtuos über das junge Großstadtmilieu? Mir fällt keine_r ein.

Wenn Trettmann der Clemens Meyer des Trap ist (wie ich hier schwadronierte), dann sind Zugezogen Maskulin der Karl Kraus des Raps.

Weiterhin gilt: »Die Kritik an Hipstern kann die Hipster der Kritik nicht ersetzen«.

Deine Mutter!

Wie Johnny Cash den Gangsta-Rap erfand (und Trinker das Dissen)

Wir leben nicht nur in einer Zeit des Protestsong-Revivals, sondern auch der Band-Reunions: Am Wochenende war ich auf dem Roskilde-Festival, unter anderem um dort die Headliner LCD Soundsystem zu sehen, eine Band, die sich 2011 aufgelöst hat und jetzt wieder einige Konzerte spielt.

Das gestrige zum Festivalabschluss war ganz okay, aber seltsam lustlos und routiniert für eine Gruppe, die sich erst mit großer Geste (und einem durchaus sehenswerten Kinofilm) aufgelöst hat und dann nach nur fünf Jahren wieder zusammenfand und auf die Bühne zurückkehrte.

LCD Soundsystem habe ich live schon mal besser gesehen – und höre mir in Zukunft lieber weiter die tollen Platten an, als lauwarme Konzerte zu besuchen. Ich weiß nicht, ob es den Besuchern der jüngsten Reunion-Tourneen von Blumfeld oder den Backstreet Boys ähnlich erging.

Houseofpain-2011
Everlast (links) und Danny Boy, die Rapper von House of Pain, 2011 (Foto: Regime Management, CC-BY-SA, via)

Ein früher Höhepunkt des Roskilde-Festivals war für mich der Auftritt der Gruppe House of Pain mit den beiden Rappern Everlast und Danny Boy sowie DJ Lethal am Donnerstagnachmittag. Das war ebenfalls eine Reunion: House of Pain haben sich 1996 von der Bühne verabschiedet und sind nun ebenfalls für einige Auftritte zurück. 1996! Wie endlos lange das her ist, kann man daran erkennen, dass die Band offenbar nicht mal eine Website hatte oder noch hat (sondern nur eine nachgereichte Facebook-Seite).

Entsprechend geriet der House of Pain-Auftritt zu einer großen Retro-Party: Everlast rappte über Beats von Dr. Dre, DJ Lethal spielte als Pausensong ein Stück von Biz Markie und als Überraschungsgast kam Evidence auf die Bühne, der bekannt geworden ist als MC bei Dilated Peoples.

»Party like it’s 1993!«, um Jan Paersch zu zitieren, der als Reporter der taz mit auf dem Festival war. Mit dem Unterschied, dass ich 1993 noch zu jung war, um auf Rap-Konzerte gelassen zu werden – wie auch viele andere Besucher, mit denen ich am Donnerstag House of Pain feierte.

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Nix mit lustig

Der linke Rapper Disarstar klingt auf »Sturm und Drang« noch kompromissloser

»Wer ich bin?«, fragte der Rapper Disarstar im vergangenen Sommer auf seinem Debütalbum Kontraste und beantwortete die Frage so wie einst Walt Whitman: »Ich bin viele und bin gerne so.«

»Was das ist?«, mit dieser Frage beginnt jetzt ein Mixtape von Disarstar, das alte Beats mit neuen Texten enthält und damit ca. auf halber Strecke zwischen einem Werkstattbericht und einem neuen Album liegt: Sturm und Drang.

Und, was ist das?

Das ist Streben-nach-Extrem-Mucke,
Leben-tut-so-weh-Mucke,
für die Klasse, das ist gegen-das-System-Mucke,
alles geben, nach-dem-Training-nicht-mehr-stehn-Mucke,
geh-mir-aus-dem-Weg-Mucke.

Diese kurze Textpassage aus dem Track Mucke ist charakteristisch für Disarstar: zwischen das Persönliche und Politische passt bei ihm kein Blatt, beides ist ein Kampf. Humor, Swag oder Battle-Rap-Prahlereien sucht man hier vergebens – Rap ist für Disarstar nicht Entertainment.

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Die Lolcat des Rap: Warum ich mich für MC Fitti interessiere – und was ich erlebte, als ich ihn einige Tage begleitet habe

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Abb: Mit rosafarbenem Sakko ein ansonsten eher trostloses Büro aufwerten? Fitti macht das

Im Jahre des Herren 1998 kaufte ich nach diversen prä-pubertären Geschmacksverirrungen meine erste HipHop-Platte: Sillium von Fünf Sterne Deluxe. Keine leichte Kost, dieser (sagen wir mal) Psychedelic-Kiffer-Rap. Nach einer kurzen Phase der Akklimatisation hörte ich die nächsten Jahren trotzdem fast ausschließlich deutschsprachigen Rap. Solange, bis sich auch der letzte satt war von dem Genre und dem Hype darum.

Es folgten die Gitarrenjahre. Die Bands hießen gleich, klangen gleich, sahen gleich aus – mit keiner der Hives/Strokes/Vines/Stripes-Platten verbinde ich heute noch so konkrete Erinnerungen wie mit Sillium.

Inzwischen ist deutschsprachiger Rap wieder groß, vielleicht größer und vielfältiger als jemals zuvor (hören Sie für eine Bestandsaufnahme von berufeneren Geistern dieses Gespräch von Falk Schacht mit Spaiche und anderen aus dem vergangenen Jahr). Doch wenn heute über Drogen gerappt wird, dann wohl öfter über Lines als über Blunts. Der trippige Kifferhumor hat den Weg frei gemacht für eine Ästhetik der Härte.

Oder, wie Thomas Groß vor einigen Jahren schrieb:

»Ficken« wird das in den Texten des Härte-Rap ebenso durchgängig wie unermüdlich genannt, »Ich fick dich«, »Ich fick dich zurück«, »Jetzt fick ich dich aber erst recht«, eine Praxis, die nicht nur auf persönliche Rivalitäten begrenzt ist. Die eine Gang fickt die andere, der Wedding fickt Lichtenberg, Lichtenberg Schöneberg, Schöneberg Tempelhof, Berlin insgesamt den ganzen Rest, der Extremfick ist der »Kopfschuss«: Peng, du bist tot.

Vor diesen Hintergrund tritt nun ein Tanzbär im rosafarbenen Sakko. Ein Pionier der neuen Albernheit. Ein Rapper, der nach gängigen Standards gar nicht richtig rappen kann – und der damit ziemlichen Wind und wohl auch ganz gut Kohle macht. Sein Name ist MC Fitti.

Wird MC Fitti zerfleischt? Gefickt? Kopfschuss? Nö, eher im Gegenteil: Auf Sillium haben Tobi und Bo noch über HipHop-Clowns und Partyrapper gespottet. Heute baut Tobi (mit Moonbootica) Beats für MC Fitti und Bo tritt mit ihm auf denselben Partys auf. Celo & Abdi von Haftbefehls Azzlack-Label, einer der Institutionen der Härte, zeigen sich in MC Fittis Video und rappen ein paar Zeilen mit. Und klar, Bushido disst ihn, aber »Bushido disst ihn«, heißt das nicht auch: Bushido nimmt ihn ernst?

So oder so: Ich finde MC Fitti interessanter, als einige meiner werten Kollegen im Schreiben-über-Pop-Betrieb, die er offenbar eher langweilt (aus den eigenen Reihen hieß es, Fitti bewege sich »an der Grenze des Egalen«).

Im vergangenen Jahr hatte ich das Privileg, den guten Mann einige Tage bei der Arbeit und hinter den Kulissen zu beobachten: im Studio, bei Live-Auftritten, auf der Frankfurter Buchmesse. Was ich dabei zu sehen bekam, habe ich aufgeschrieben. In einem Text für Zeit Campus (Nr. 1/15), der jetzt auch online zu lesen ist. Nach dieser epischen, exhibitionistischen und möglicherweise auch hanebüchenen Vorrede:

Klicken Sie hier für meine Reportage über die Lolcat des Rap.

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Putin rappt (leider nicht selbst). Und andere staatstragende HipHopper.

Ist Rap der Sound der Leistungsträger und Angepassten?

Coolness wird [in der Jugendkultur] nicht mehr mit Verweigerung, sondern mit Disziplinierung, Durchsetzungsvermögen und Leistungsbereitschaft gleichgesetzt. Und das nicht zuletzt in Folge zweier Jahrzehnte HipHop-Battles, die von Pädagogen und Institutionen wie der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert werden,

schrieb der Kulturjournalist Martin Büsser schon im vergangenen Jahr in einem Artikel. Am Beispiel von Sido beschreibt auch ein Text des bayrischen Jugendradios on3 pointiert den Trend zur gerappten Selbst- und Fremddisziplinierung. In „Sido goes Guido“ hieß es dort vor Kurzem:

Mit „Mein Block“ schrieb er eine Hymne gegen die Leistungsgesellschaft. Spät aufstehen, abhängen und sich mit Sozialhilfe und Gaunereien durchs Leben schlagen. Er war das Sprachrohr für alle Job- und Perspektivlosen. Doch diese Zeiten sind nun vorbei. Auch auf Sidos aktuellem Album zeigt sich seine positive Einstellung zur Leistungsgesellschaft. So beginnt die erste Singleauskopplung „Hey du“ mit den Worten „Nein mein Freund, das Leben singt keine Kinderlieder, verdammt es ist hart, du musst was tun, das sag ich immer wieder.“

Das war so schon bei Sidos, Kitty Kats und Tony Ds Scooter-Bearbeitung „Beweg‘ deinen Arsch“ zu beobachten, die ich für die Spex (#319, März/April 2009) besprochen habe:

Sido, Kitty Kat und Tony D übersetzen „Move Your Ass“ in „Beweg deinen Arsch“ und drehen die Bedeutung der Titelparole damit um 180 Grad herum. In der Originalversion skandierte H.P. Baxxter seinerzeit „Come on, party, you gotta keep it up“. In der Rap-Version bleibt davon nur das Imperativische erhalten. Hier lehrt Sido: „Von nichts kommt nichts, ohne Fleiß kein Preis“, und Kitty Kat ergänzt: „Du willst ein Haus am Strand? Du brauchst erst mal einen Job“.

Und wenn Peter Fox hierzulande seine größten Erfolge damit feiert, sich in „Haus am See“ nach dem verdienten Lebensabend im Familienkreis zu sehnen, ist auch das eher schwierig mit dem Widerstandsgestus zu vereinbaren, der HipHop einst unterstellt wurde. Jedenfalls — die Zähmung des Rap ist offenbar nicht nur ein deutschsprachiges Phänomen, wie dieses Video vermuten lässt:

„[Putin] is a legend, he’s our icon“? Dieser Typ als Ikone in punkto „realness“ und „respect“? Extrabizarr.

[Putin-Video gefunden im Foreign-Policy-Blog]