Fettes Brot, R.I.P.

Anlässlich der angekündigten Auflösung von Fettes Brot habe ich eine Art Nachruf geschrieben. Es geht darin auch um Antilopen Gang, Beginner, Cora E., Digger Dance, Fatoni, Juse Ju, Kollegah, Yung Hurn – also irgendwie um alle. Ah, und um Alanis Morissette! (Allerdings nur ihre Haare, nicht ihr Musical.)

Die These lautet, dass Fettes Brot erstens besser sind, als viele denken, und zweitens wacher. Sie können das hier auf ZEIT ONLINE lesen (ohne Aboschranke).

Piqd: Sexismus und Pop-Musik

Warum erreicht #metoo erst jetzt die Rap-Szene? Hätte das nicht viel früher passieren müssen? Weil die mit ihrem Mütterficken, Schwulenbashen etc. etc. doch offensichtlich ein Problem ist? Der Pop-Kritiker Diedrich Diederichsen nimmt sich dieser Fragen in diesem frei lesbaren Essay in der ZEIT an – und hilft, ein paar Dinge zu klären.

Zunächst mal, dass auch John Lennon, die Spencer Davis Group, The Who, Rolling Stones und andere Größen der goldenen Sechzigerjahre lustvoll Femizide und Gewalt gegen Frauen besangen. Das entschuldigt Gzuz und Bushido und alle anderen nicht, die das heute immer noch tun, aber es ist wichtig, denn:

Rassismus und vergleichbare markierende, gruppenbezogene Ideologien der Rechten treten […] in letzter Zeit seltener dadurch auf, dass sie den anderen ein bestimmtes Wesen, eine Essenz zuschreiben, sondern häufiger dadurch, dass sie ihnen ihrerseits einen inhärenten Rassismus oder Sexismus vorwerfen: Muslime seien misogyn, Juden islamophob, Klimaaktivistinnen klassistisch, postkoloniale Intelektuelle antisemitisch et cetera. Dass man sich daher als weiĂźer, westlicher und männlicher Musikjournalist nicht an der strukturell rassistischen Gleichsetzung von Hip-Hop mit Sexismus beteiligen wollte, lag darĂĽber hinaus an der unterschwelligen Implikation, dass andere Formen der Popmusik dann wohl weniger sexistisch ausfielen. Stimmt natĂĽrlich nicht.

FĂĽr Rap wie einst fĂĽr Rock gelte:

Popmusik ist in all ihren Formen, die ĂĽberhaupt der Rede wert sind, ein Ereignis des Zu-Wort-Kommens. Hier reden, formulieren, gestalten die, die bis dahin nicht zu Wort gekommen sind, weil zu jung, zu ausgeschlossen oder zu unartikuliert. Dieses Ereignis ist immer ein Gewinn, doch was zu Wort kommt, oft hochproblematisch, selbst wenn es sich um Befreiungen handelt. Die jungen Männer der Sechziger steckten ohne Frage in libidinösen Gefängnissen. Ihre Befreiung dekontaminierte ihre toxische Männlichkeit kaum. Gab man ihnen frei, machten sie Jagd auf Girls, fast im wörtlichen Sinne. […] Das spricht nicht gegen Befreiung an sich, aber […] es spricht fĂĽr die Einhegung jeder Befreiung in intersektionale Strukturen.

(Man will natürlich gleich besserwisserisch nachhaken: Wirklich alle Formen der Popmusik sind ein Zu-Wort-Kommen? Was ist mit elektronischer Musik? Spalten wir aber keine Haare, sondern beißen uns auf die Zunge – dieser Text ist zu gut, um ihn hier schon zu zerreden.)

Weiterlesen auf Piqd.de … (wo dieses Posting zuerst erschienen ist).

Piqd: Warum Tic Tac Toe ihrer Zeit voraus waren

Tic Tac Toe konnten nicht wahnsinnig gut rappen. Sie waren erfunden worden von einer Managerin. Und sie kamen in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre »auf den Markt«, als es in Deutschland sehr viele Bands gab, die nicht gut rappen konnten und von Plattenfirmen lanciert worden waren.

Nach allem, was man heute über diese Jahre hört und liest, schwammen die Labels im Geld (es war die goldene Zeit nach der Markteinführung der CD und vor der Erfindung von Napster, das MTVIVA-Zeitalter) und Deutschrap und HipHop-Klamotten waren das neue kommerzielle Ding.

Ein Umstand, der von der Szene reichlich beklagt wurde. Beispielhaft Max Herre damals: »A&Rs seh’n aus wie B-Boys, die Kultur zerschellt am Geld, die mediale Definition von HipHop ist ’ne Farce, wir tun was wir immer taten, nur der Kontext ist im Arsch.«

Dass Tic Tac Toe — keine riesengroßen Skills, noch dazu »fake« — damals von vielen nicht ernst genommen und seitdem weitgehend vergessen wurden, ist also vielleicht gar nicht so überraschend. Trotzdem handelte es sich um eine besondere Band, deren Bedeutung neu bewertet werden muss.

Das zumindest schreibt Valerie Schönian, ein Fan von Tic Tac Toe, in der neuen Ausgabe der ZEIT.

( … weiterlesen auf Piqd.de … )

Deine Mutter!

Wir leben nicht nur in einer Zeit des Protestsong-Revivals, sondern auch der Band-Reunions: Am Wochenende war ich auf dem Roskilde-Festival, unter anderem um dort die Headliner LCD Soundsystem zu sehen, eine Band, die sich 2011 aufgelöst hat und jetzt wieder einige Konzerte spielt.

Das gestrige zum Festivalabschluss war ganz okay, aber seltsam lustlos und routiniert für eine Gruppe, die sich erst mit großer Geste (und einem durchaus sehenswerten Kinofilm) aufgelöst hat und dann nach nur fünf Jahren wieder zusammenfand und auf die Bühne zurückkehrte.

LCD Soundsystem habe ich live schon mal besser gesehen – und höre mir in Zukunft lieber weiter die tollen Platten an, als lauwarme Konzerte zu besuchen. Ich weiß nicht, ob es den Besuchern der jüngsten Reunion-Tourneen von Blumfeld oder den Backstreet Boys ähnlich erging.

Houseofpain-2011
Everlast (links) und Danny Boy, die Rapper von House of Pain, 2011 (Foto: Regime Management, CC-BY-SA, via)

Ein früher Höhepunkt des Roskilde-Festivals war für mich der Auftritt der Gruppe House of Pain mit den beiden Rappern Everlast und Danny Boy sowie DJ Lethal am Donnerstagnachmittag. Das war ebenfalls eine Reunion: House of Pain haben sich 1996 von der Bühne verabschiedet und sind nun ebenfalls für einige Auftritte zurück. 1996! Wie endlos lange das her ist, kann man daran erkennen, dass die Band offenbar nicht mal eine Website hatte oder noch hat (sondern nur eine nachgereichte Facebook-Seite).

Entsprechend geriet der House of Pain-Auftritt zu einer groĂźen Retro-Party: Everlast rappte ĂĽber Beats von Dr. Dre, DJ Lethal spielte als Pausensong ein StĂĽck von Biz Markie und als Ăśberraschungsgast kam Evidence auf die BĂĽhne, der bekannt geworden ist als MC bei Dilated Peoples.

»Party like it’s 1993!«, um Jan Paersch zu zitieren, der als Reporter der taz mit auf dem Festival war. Mit dem Unterschied, dass ich 1993 noch zu jung war, um auf Rap-Konzerte gelassen zu werden – wie auch viele andere Besucher, mit denen ich am Donnerstag House of Pain feierte.

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Nix mit lustig

»Wer ich bin?«, fragte der Rapper Disarstar im vergangenen Sommer auf seinem Debütalbum Kontraste und beantwortete die Frage so wie einst Walt Whitman: »Ich bin viele und bin gerne so.«

»Was das ist?«, mit dieser Frage beginnt jetzt ein Mixtape von Disarstar, das alte Beats mit neuen Texten enthält und damit ca. auf halber Strecke zwischen einem Werkstattbericht und einem neuen Album liegt: Sturm und Drang.

Und, was ist das?

Das ist Streben-nach-Extrem-Mucke,
Leben-tut-so-weh-Mucke,
fĂĽr die Klasse, das ist gegen-das-System-Mucke,
alles geben, nach-dem-Training-nicht-mehr-stehn-Mucke,
geh-mir-aus-dem-Weg-Mucke.

Diese kurze Textpassage aus dem Track Mucke ist charakteristisch für Disarstar: zwischen das Persönliche und Politische passt bei ihm kein Blatt, beides ist ein Kampf. Humor, Swag oder Battle-Rap-Prahlereien sucht man hier vergebens – Rap ist für Disarstar nicht Entertainment.

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Die Lolcat des Rap: Warum ich mich fĂĽr MC Fitti interessiere – und was ich erlebte, als ich ihn einige Tage begleitet habe

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Abb: Mit rosafarbenem Sakko ein ansonsten eher trostloses BĂĽro aufwerten? Fitti macht das

Im Jahre des Herren 1998 kaufte ich nach diversen prä-pubertären Geschmacksverirrungen meine erste HipHop-Platte: Sillium von Fünf Sterne Deluxe. Keine leichte Kost, dieser (sagen wir mal) Psychedelic-Kiffer-Rap. Nach einer kurzen Phase der Akklimatisation hörte ich die nächsten Jahren trotzdem fast ausschließlich deutschsprachigen Rap. Solange, bis sich auch der letzte satt war von dem Genre und dem Hype darum.

Es folgten die Gitarrenjahre. Die Bands hießen gleich, klangen gleich, sahen gleich aus – mit keiner der Hives/Strokes/Vines/Stripes-Platten verbinde ich heute noch so konkrete Erinnerungen wie mit Sillium.

Inzwischen ist deutschsprachiger Rap wieder groß, vielleicht größer und vielfältiger als jemals zuvor (hören Sie für eine Bestandsaufnahme von berufeneren Geistern dieses Gespräch von Falk Schacht mit Spaiche und anderen aus dem vergangenen Jahr). Doch wenn heute über Drogen gerappt wird, dann wohl öfter über Lines als über Blunts. Der trippige Kifferhumor hat den Weg frei gemacht für eine Ästhetik der Härte.

Oder, wie Thomas GroĂź vor einigen Jahren schrieb:

»Ficken« wird das in den Texten des Härte-Rap ebenso durchgängig wie unermüdlich genannt, »Ich fick dich«, »Ich fick dich zurück«, »Jetzt fick ich dich aber erst recht«, eine Praxis, die nicht nur auf persönliche Rivalitäten begrenzt ist. Die eine Gang fickt die andere, der Wedding fickt Lichtenberg, Lichtenberg Schöneberg, Schöneberg Tempelhof, Berlin insgesamt den ganzen Rest, der Extremfick ist der »Kopfschuss«: Peng, du bist tot.

Vor diesen Hintergrund tritt nun ein Tanzbär im rosafarbenen Sakko. Ein Pionier der neuen Albernheit. Ein Rapper, der nach gängigen Standards gar nicht richtig rappen kann – und der damit ziemlichen Wind und wohl auch ganz gut Kohle macht. Sein Name ist MC Fitti.

Wird MC Fitti zerfleischt? Gefickt? Kopfschuss? Nö, eher im Gegenteil: Auf Sillium haben Tobi und Bo noch über HipHop-Clowns und Partyrapper gespottet. Heute baut Tobi (mit Moonbootica) Beats für MC Fitti und Bo tritt mit ihm auf denselben Partys auf. Celo & Abdi von Haftbefehls Azzlack-Label, einer der Institutionen der Härte, zeigen sich in MC Fittis Video und rappen ein paar Zeilen mit. Und klar, Bushido disst ihn, aber »Bushido disst ihn«, heißt das nicht auch: Bushido nimmt ihn ernst?

So oder so: Ich finde MC Fitti interessanter, als einige meiner werten Kollegen im Schreiben-über-Pop-Betrieb, die er offenbar eher langweilt (aus den eigenen Reihen hieß es, Fitti bewege sich »an der Grenze des Egalen«).

Im vergangenen Jahr hatte ich das Privileg, den guten Mann einige Tage bei der Arbeit und hinter den Kulissen zu beobachten: im Studio, bei Live-Auftritten, auf der Frankfurter Buchmesse. Was ich dabei zu sehen bekam, habe ich aufgeschrieben. In einem Text für Zeit Campus (Nr. 1/15), der jetzt auch online zu lesen ist. Nach dieser epischen, exhibitionistischen und möglicherweise auch hanebüchenen Vorrede:

Klicken Sie hier fĂĽr meine Reportage ĂĽber die Lolcat des Rap.

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Putin rappt (leider nicht selbst). Und andere staatstragende HipHopper.

Ist Rap der Sound der Leistungsträger und Angepassten?

Coolness wird [in der Jugendkultur] nicht mehr mit Verweigerung, sondern mit Disziplinierung, Durchsetzungsvermögen und Leistungsbereitschaft gleichgesetzt. Und das nicht zuletzt in Folge zweier Jahrzehnte HipHop-Battles, die von Pädagogen und Institutionen wie der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert werden,

schrieb der Kulturjournalist Martin BĂĽsser schon im vergangenen Jahr in einem Artikel. Am Beispiel von Sido beschreibt auch ein Text des bayrischen Jugendradios on3 pointiert den Trend zur gerappten Selbst- und Fremddisziplinierung. In „Sido goes Guido“ hieĂź es dort vor Kurzem:

Mit „Mein Block“ schrieb er eine Hymne gegen die Leistungsgesellschaft. Spät aufstehen, abhängen und sich mit Sozialhilfe und Gaunereien durchs Leben schlagen. Er war das Sprachrohr fĂĽr alle Job- und Perspektivlosen. Doch diese Zeiten sind nun vorbei. Auch auf Sidos aktuellem Album zeigt sich seine positive Einstellung zur Leistungsgesellschaft. So beginnt die erste Singleauskopplung „Hey du“ mit den Worten „Nein mein Freund, das Leben singt keine Kinderlieder, verdammt es ist hart, du musst was tun, das sag ich immer wieder.“

Das war so schon bei Sidos, Kitty Kats und Tony Ds Scooter-Bearbeitung „Beweg‘ deinen Arsch“ zu beobachten, die ich fĂĽr die Spex (#319, März/April 2009) besprochen habe:

Sido, Kitty Kat und Tony D ĂĽbersetzen „Move Your Ass“ in „Beweg deinen Arsch“ und drehen die Bedeutung der Titelparole damit um 180 Grad herum. In der Originalversion skandierte H.P. Baxxter seinerzeit „Come on, party, you gotta keep it up“. In der Rap-Version bleibt davon nur das Imperativische erhalten. Hier lehrt Sido: „Von nichts kommt nichts, ohne FleiĂź kein Preis“, und Kitty Kat ergänzt: „Du willst ein Haus am Strand? Du brauchst erst mal einen Job“.

Und wenn Peter Fox hierzulande seine größten Erfolge damit feiert, sich in „Haus am See“ nach dem verdienten Lebensabend im Familienkreis zu sehnen, ist auch das eher schwierig mit dem Widerstandsgestus zu vereinbaren, der HipHop einst unterstellt wurde. Jedenfalls — die Zähmung des Rap ist offenbar nicht nur ein deutschsprachiges Phänomen, wie dieses Video vermuten lässt:

„[Putin] is a legend, he’s our icon“? Dieser Typ als Ikone in punkto „realness“ und „respect“? Extrabizarr.

[Putin-Video gefunden im Foreign-Policy-Blog]