Jan Delay: Cloud Rap/Trap ist wie Punk

Jan Delay neulich im Interview mit Zeit Campus:

ZEIT Campus: Alle reden gerade ĂŒber Cloud-Rap. Warum habt ihr nicht einen Song mit LGoony oder Yung Hurn aufgenommen?

Delay: LGoony ist noch okay, aber Cloud-Rap ist kulturhistorisch einfach genau das, was Punkrock Mitte der Siebziger war. Im Rock hatten sie alles schon mal gespielt. Auch 15 minĂŒtige Gitarren-Soli. Musiker konnten da nichts mehr draufsetzen und haben dann einfach alles zerstört. Das ist der neue Style. Aber das ĂŒberlebt keine zehn Jahre, da kannst du nichts mit Substanz draus herstellen. Das schaffen nur wenige, wie The Clash damals. Meinetwegen ist LGoony wie The Clash. Aber Yung Hurn setzt in zehn Jahren keine Emotionen mehr frei.

Lars Weisbrod fĂŒhrt den Gedanken im Feuilleton der Zeit jetzt etwas weiter aus (Ausgabe 4/2017, leider nicht online doch, jetzt, hier!):

Punk ist eine Frage der Form. Zum JubilĂ€um [40 Jahre nach dem Punkjahr 1977, Anm. O.P.] könnte man auch daran erinnern, dass es vor vierzig Jahren nicht zuletzt das unertrĂ€gliche Maß an Könnertum in der Rockmusik war, dem man etwas entgegensetzen wollte. Dem Deutschrap geht es heute nicht anders. Es dominieren die ultraschnellen, sprachlich und reimtechnisch extrem gewitzten, vier- bis fĂŒnffachbödigen KreuzwortrĂ€tsel-Rapper. So etwas ruft Widerspruch hervor, den Wunsch nach kreativer Zerstörung.

Weiterlesen Jan Delay: Cloud Rap/Trap ist wie Punk“

Spießiger Punk: ĂŒber Johnny Ramones Autobiografie Â»Commando«

Abb.: Johnny Ramones Grab in Los Angeles, entworfen nach seinen eigenen WĂŒnschen. (Foto: Meribona/Wikimedia mit CC-Lizenz)

Über die Toten soll man nichts Schlechtes sagen. Das fĂ€llt schwer, solange die Toten nicht aufhören, BĂŒcher zu schreiben. Hier meine SchmĂ€hschrift auf »Commando«, die posthum auch auf Deutsch erscheinende Autobiografie von Johnny Ramone (Gitarrist der Ramones). Möge er friedlich ruhen – und andere sein Andenken in Ehren halten.

KulturkampfbekĂ€mpfer. Über den Roman »Taqwacore« von Michael Muhammad Knight (und die Street Art von Princess Hijab & NiqaBitch)

Abb.: Beispiel fĂŒr Princess Hijabs »Verschleierung« vom Werbeplakaten (Foto via yaplog)

»I am an Islamist, I am the Antichrist«, schreit ein verschwitzter, halbnackter Pakistani ins Mikrofon. Der Bassist neben ihm trĂ€gt Iro und die islamische Mondsichel auf dem T-Shirt. Und vor der Band, die ebenerdig mit ihrem Publikum spielt, schubst sich ein Burka tragendes Mannsweib den Weg in den Moshpit frei. Es ist der Sommer 2007 und der Schauplatz ein kleiner, dunkler Kellerclub in Chicago. Die Decke ist niedrig, die Anlage ĂŒberfordert und der Sound beschissen, doch das Publikum hat Spaß. Etwas abseits der PogotĂ€nzer steht eine Gruppe junger Muslimas, die mit ihren verschleierten Köpfen im Takt nicken. Die Band nennt sich The Kominas, das bedeutet »Bastard« oder »Mensch von niedriger Geburt« in der pakistanischen Nationalsprache Urdu. Und der Song, auf den alle abfeiern heißt »Sharia Law in the U.S.A.«.

Diese Szene ist in Omar Majeeds Dokumentarfilm »Taqwacore: The Birth of Punk Islam« zu sehen – und nein, die Band fordert darin nicht die EinfĂŒhrung der Scharia auf dem amerikanischen Kontinent. Der Song spielt auf »Anarchy in the U.K.« von den Sex Pistols an. Die störten 1977 die Feierlichkeiten zum silbernen AmtsjubilĂ€um von Queen Elisabeth II., marschierten mit Hakenkreuz-Emblem durch London und verunsicherten die britische Gesellschaft auf eine Weise, die seitdem oft nacherzĂ€hlt, bewundert und verklĂ€rt wurde, aber in ihrer IntensitĂ€t niemals wiederholbar schien. 30 Jahre spĂ€ter zeigt sich nun: Das Provokationspotential des frĂŒhen Punk ist wiederholbar. Man muss nur seinen Zeichen und Reizwörter aktualisieren: Islamisierung des Westens statt Zerfall des britischen Empires, Burka statt Hakenkreuz, »Scharia« statt »Anarchie«.

Weiterlesen KulturkampfbekĂ€mpfer. Über den Roman »Taqwacore« von Michael Muhammad Knight (und die Street Art von Princess Hijab & NiqaBitch)“