Über Rechte reden (II) 

Diedrich Diederichsen über das Buch Mit Rechten reden:

[D]ass es einen Zusammenhang zwischen dem Treiben einiger schrulliger sogenannter rechter Intellektueller und den Erfolgen von AfD oder FPÖ gibt […] ist natürlich Bullshit. Das ist eben nicht Leninismus, es geht nicht eine denkende Avantgarde voraus, und dann folgen die Massen auf die Straße. Es ist genau andersrum. Diese sogenannten Intellektuellen hängen sich eher an die Erfolge des Pöbels ran. Die Straße ist vorausgegangen.

Heißt für Diederichsen: Besuche von Journalisten in Schnellroda sind unnötig und sogar falsch, weil es darum gehe, politische und soziologische Zusammenhänge zu analysieren, nicht darum, was an einzelnen Akteuren, die im Zuge von Pegida etc. gefühlt an Relevanz gewinnen, „als [Privat-] Personen interessant sein könnte“.

Dann eine eher abenteuerliche These (oder ein Witz):

[D]ie sogenannten rechten Intellektuellen […] entstehen erst dadurch, dass die Linke sich vor ihnen gruselt.

(Aus: Spex #378, Januar/Februar 2018)

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Der beste Debütroman des Jahres: Per Leo erhält den Kühne-Preis 2014 für sein Buch Flut und Boden. Hier steht, wieso

Der Schriftsteller Per Leo hat heute Vormittag den Klaus-Michael-Kühne-Preis für den besten Debütroman des Jahres bekommen. Leos Flut und Boden ist ein Buch, das (kann man, glaube ich, sagen) uns alle begeistert hat, die wir in der Jury des Preises waren – auch wenn es in diesem Jahr einige sehr starke Mitbewerber gab und wir uns die Entscheidung nicht leicht gemacht haben.

Hier unsere Begründung:

Per Leos autobiografisch gefärbter Roman »Flut und Boden« erzählt am Beispiel dreier Generationen eine gar nicht so untypische deutsche Familiengeschichte im 20. Jahrhundert. Im Mittelpunkt des Buches steht der Großvater Friedrich, ein überzeugter Nationalsozialist – wie sein Enkel, er ist der Ich-Erzähler des Buches, erst nach dem Tod des Großvaters herausfindet. Dieser war in einer NS- Behörde zuständig für die »rassische Auslese« der Bevölkerung in den von den Deutschen besetzen Gebieten.

Per Leos erzählerischer Kunstgriff ist es, mit den Augen der Enkelgeneration auf das Verhängnis zu schauen und dabei ohne die üblichen Nazi-Klischees auszukommen. So entsteht ein Psychogramm, das mit der Einfühlung des Nachgeborenen auch die anderen Familienmitglieder in den Blick nimmt. Per Leo verzichtet auf die typischen Handlungsstränge eines Romans, der die NS-Zeit thematisiert, und doch verdrängt oder verschweigt er nichts. So wird das oft Gesagte ganz neu erzählt.

»Flut und Boden« ist kein typischer Familienroman, obwohl er bis hin zur Beschreibung zweier unterschiedlicher Brüder und sogar einer Weihnachtsszene alles enthält, was man seit den »Buddenbrooks« von einem typischen, deutschsprachigen Familienroman erwartet. Virtuos und mit gelegentlich aufblitzendem trockenem Humor variiert Per Leo Themen, Figuren und sogar ideengeschichtliche Exkurse. So gelingt ihm eine freie, zeitgemäße Improvisation über ein klassisches Thema, das von der Liebe zu Werder Bremen ebenso erzählt wie von der Begeisterung für die Rockband Nirvana.

Gezeichnet von den Juroren Thomas André (Hamburger Abendblatt), Sebastian Hammelehle (Spiegel Online), Andrea Ritter (Stern), Ulrike Sárkány (NDR Kultur) und von mir (in die Jury entsandt von Zeit Campus). Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und ist heute auf der Abschlussmatinee des Harbour-Front-Literaturfestivals in der Laeiszhalle in Hamburg vergeben worden.

10.000 Euro für den besten Debütroman des Jahres: Demnächst beim Harbour Front Literaturfestival in Hamburg

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Abb. 1 & 2: Auswahl für die ersten Abende des Debütantensalons. Romane von Per Leo, Martin Kordić, Horst Sczerba & Urs Zürcher

Einmal im Jahr beginnt für mich die Zeit des privilegierten Lesens. Ich bekomme einen Stapel Bücher zugeschickt (kostenlos und von kundigen Lesern ausgewählt) und muss nichts anderes tun, als diese Auswahl zu lesen, mir alle Autoren bei Lesungen persönlich anzuschauen, mit klügeren Menschen darüber zu sprechen und dann gemeinsam mit diesen anderen Menschen zu entscheiden, welcher Autor 10.000 Euro bekommen soll. Ha!

Jetzt ist wieder diese Zeit, denn in der kommenden Woche beginnt in Hamburg das Harbour Front Literaturfestival, am 10. September 2014. Ich habe zum nunmehr dritten Mal das Vergnügen, von ZEIT CAMPUS in die Jury des Klaus-Michael Kühne-Preis für den besten Debütroman des Jahres geschickt zu werden.

Vor einigen Wochen habe ich die Bücher der Shortlist bekommen (acht Titel, 2676 Seiten, von der Vorjury prominent ignoriert: Judith Hermann). Jetzt lese ich mich durch die Auswahl und habe dabei noch mehr Spaß als in den letzten zwei Jahren schon. Die Auswahl widerlegt nämlich den Eindruck, der in diesem Jahr Literaturdebatten beherrscht hat: dass die deutschsprachige Gegenwartsliteratur unpolitisch und seicht sei.

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